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Karrierejob Assistent Rechte Hand der Macht

Assistenten: Die sich für den Chef den Kopf zerbrechen Fotos
Dirk Bruniecki

3. Teil: "Erika ist mein Auge und Ohr"

Erika Swans Position ist ungleich besser. Zwar ist ihr COO nur alle drei bis vier Wochen in Herzogenaurach, doch es gibt kein größeres Projekt, keine strategische Entscheidung innerhalb von Global Operations, in die sie nicht involviert wäre. "Es ist, als wäre sie eine Verlängerung von mir", sagt Bennett, "Erika ist mein Auge und Ohr in die Organisation."

Inzwischen ist es früher Nachmittag am nächsten Tag in Herzogenaurach. Am Morgen hat sich Swan vom zuständigen Vice President über die Lage in Indien informieren lassen, anschließend mit Personalleiterin Danja Frech über anstehende Bonusbriefe und die Bekanntmachung diverser Beförderungen diskutiert und mit der internen Kommunikation eine neue Broschüre besprochen.

Jetzt steht eine der wichtigsten Telefonkonferenzen an, der zweiwöchentliche Austausch zwischen Bennett und seinen direkten Mitarbeitern. Tagelang hat Swan an der Präsentation hierfür gewerkelt, und wenn der COO seine Leute nun in schnörkelloser Effizienz durch ein paar Dutzend Projekte führen und neue Arbeit verteilen kann, ist das vor allem ihr Verdienst. "Glenn hat ein fast unheimliches Gespür für Schwachstellen. Er hasst es, wenn Dinge vage bleiben."

Diesmal war die Vorbereitung noch akribischer als sonst: Demnächst soll Bennett bei "Herbert" über die "Route 2015"-Fortschritte vortragen, zusammen mit den anderen Vorständen. Und mit Erika Swan. "Dafür brauchen wir klare, starke Aussagen", sagt Swan, die bei aller Routine nun doch leicht nervös wird. Immerhin wird sie erstmals Vorstandschef Herbert Hainer treffen.

Sichtbarkeit auf höchster Ebene

Es ist diese Sichtbarkeit auf höchster Ebene, gepaart mit einem schier endlosen Netzwerk und tiefen Ein- sowie Überblicken in Strategien, Codes und alltägliches Powerplay, die den Ruf der Assistenzfunktion als Karrieresprungbrett gefestigt hat. Und es sind Laufbahnen wie die von Axel Steiger-Bagel (44). 1999 begann der Jurist, der über internationale Fusionen promoviert hatte, in der Rechtsabteilung bei Bayer. Als der Chemieriese an die US-Börse wollte, wurde der damalige Vorstandschef Werner Wenning auf Steiger aufmerksam und machte ihn zu seinem Assistenten. "Ihm hat wohl gefallen, dass ich meine Meinung klar vertreten habe, auch wenn mein Gegenüber mehr Lametta auf der Schulter hatte."

Von 2002 bis 2006 arbeitete Steiger für Wenning, eine Zeit voller Umbrüche und Neurorientierung für die Leverkusener. Lipobay-Skandal, Lanxess-Ausgründung, Schering-Übernahme - als "extrem fordernd" hat Steiger die Jahre in Erinnerung; geholfen hat, dass, nun ja, schlicht die Chemie stimmte: Beide teilen, so Steiger, Grundwerte wie Loyalität und Fleiß. Und beide orderten lieber ein Pils, wenn ringsum Champagner floss.

Nach der Assistenzzeit wurde Steiger-Bagel zunächst Bayer-Landeschef in der Türkei, kurze Zeit später stieg er zum Vorstand bei Bayer MaterialScience auf. "Als Generalist war die Assistentenposition für mich wie ein Sechser im Lotto", sagt der Topmanager rückblickend, "ohne diese Zeit wäre mein Aufstieg deutlich langsamer verlaufen."

Abgrenzung gegen High-Potential-Beutegreifer

Schnelle Karriere am Puls der Macht - mit dieser Idee positionieren gerade Großkonzerne die Assistenz gegen andere beliebte High-Potential-Beutegreifer wie Unternehmensberatungen. Am systematischsten tut dies die Allianz Deutschland, die 2009 eigens hierfür ein "Fast Track"-Programm aufgelegt hat: als Assistent einsteigen und binnen sechs bis acht Jahren auf die Ebene unter dem Vorstand rücken.

"Die Teilnehmer erhalten eine individuelle Karriereplanung, Mentoring und Trainings", sagt Personalentwicklungsleiter Tobias Haasen. "Und für uns ist es ein hervorragendes Recruiting-Werkzeug, da wir auch viele externe Kandidaten aufnehmen." Jedes Jahr bewerben sich rund 1600 Menschen - auf 15 Stellen.

Der Andrang ist also groß - doch die Risiken für Assistenten sind in den vergangenen Jahren gestiegen: Da ist das Problem der fehlenden Messbarkeit der Leistung. Oder die Versuchung, geborgte mit eigener Macht zu verwechseln, sich im Unternehmen zu gerieren wie Dschingis Khans Wiedergänger - und es sich so mit allen zu verscherzen, die einem gute Anschlussjobs bieten könnten.

Vor allem ist da die extreme Nähe zum Vorstand - der größte Vorteil der Position und zugleich ihre Achillesferse. Mitgefangen, mitgehangen. Weil die Verweildauer von Vorständen seit Jahren abnimmt, kann auch der Assistentenjob schnell zum Schleudersitz werden. "So schnell können manche gar nicht Karriere machen, wie ihr Chef wieder weg ist", bringt es ein Alumnus auf den Punkt.

Geheimloge der Zuarbeiter

Er gehört dem Netzwerk von Vorstandsassistenten in Deutschland an, einer Art Geheimloge der Zuarbeiter, deren Loyalität zu ihren ehemaligen Chefs so groß ist, dass sie auch nach vielen Jahren nur anonym berichten mögen.

Bei nicht wenigen Alumni herrscht Ernüchterung, ihre Karrieren zeigen eine enorme Bandbreite: Viele kehrten nach der Assistenz auf ihre alte Position zurück, noch mehr legten gute Aufstiege hin, die sie aber meist auch anders geschafft hätten. Nur für einen kleinen Teil - der Alumnus schätzt ihn auf rund 10 Prozent - war der Assistenzjob ein deutlicher Karrierebeschleuniger. Diese hatten - neben einer guten Portion Glück - entscheidende Variablen richtig gesetzt: Berufserfahrung, operative Projekte statt reiner Zuarbeit, Unterstützung durch den Vorstand, nach zwei bis drei Jahren ein Anschlussjob mit Personal- und Geschäftsverantwortung.

All das hilft jedoch nur, wenn das Unternehmen seine Assistenten als künftige Führungskräfte betrachtet und nicht nur als bessere Hilfsarbeiter. Bei Porsche ist das Tradition, weshalb Joscha Rosenbauer (26) keine Sekunde zögerte, als ihm 2009 der Assistentenjob bei Bernhard Maier angetragen wurde, damals Geschäftsführer von Porsche Deutschland, heute Vertriebsvorstand der Porsche AG. "Sie verzichten für ein paar Jahre fast vollständig auf geregelte Arbeitszeiten", sagte eine Personalerin nur halb im Scherz zu Rosenbauer, der damit nicht hadert: "Mein Telefon ist immer an, der Beruf hat für mich oberste Priorität."

Maier gilt als fordernd und durchaus ausgestattet mit Humor, aber auch als Detailconnaisseur und Perfektionist. Heißt für Rosenbauer: Der Tag vor wichtigen Terminen muss ohne Feierabend auskommen, weil oft noch eine Vorlage für den Chef so lange umgemodelt werden muss, bis sie auch wirklich hundertprozentig passt. "Nachlässigkeit geht gar nicht", sagt Rosenbauer, der an der Dualen Hochschule Wirtschaftsingenieurwissenschaft studiert und parallel bei Porsche gearbeitet hat. "Aber der Job ist ideal, um sich beruflich und persönlich schnell zu entwickeln."

Porsche: Anschlussjob Führungsposition

So ist es: Bei Porsche gilt die ungeschriebene Regel, dass der Anschlussjob für ehemalige Vorstandsassistenten eine Führungsposition sein sollte, im Idealfall eine Abteilungsleitung. Per "normaler" Laufbahn dauert es deutlich länger, diese Stufe zu erreichen.

Schöne Aussichten. Auch wenn es am Ende vielleicht nicht darum geht, ob die Karriere durch die Assistenzzeit nun beschleunigt wurde oder nicht. Sondern ob man sie überhaupt in Angriff genommen hätte. "Wahrscheinlich hätte ich den Folgejob auch so bekommen", sagen viele Ehemalige. "Aber ich hätte ihn mir gar nicht erst zugetraut."

Es ist eine Position, auf der man am meisten für und über sich selbst lernt. Schon nach wenigen Wochen, meint Erika Swan, sei sie gelassener geworden und souveräner im Entscheiden.

Sie kann es brauchen. Die Dämmerung steht bereits über Herzogenaurach, als sich Bennett noch mal aus Boston zur Nachlese der Telefonkonferenz meldet. Er will eine Analyse, wie viel Geld durch die Materialreduktion gespart werden kann, außerdem ein Video, das Einsteigern die Arbeit von Global Operations vorstellt, sowie diverse Kleinigkeiten für die Präsentation bei "Herbert".

Viel Arbeit? Schulterzucken. Der Blick auf Bennetts Pensum relativiert vieles, auch die Frage nach der Karriereplanung. "Schließlich soll der Assistent den Vorstand optimieren", sagt Swan und tritt hinaus auf die Schnürsenkelbrücke. "Nicht umgekehrt."

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Die dunkle Seite der Macht
ekel-alfred 02.08.2012
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Ja..ja...aber dann mit 35 an BurnOut erkranken. Mensch Junge, wach auf! Das Leben hat mehr zu bieten, als rund um die Uhr erreichbar zu sein.
2. ...
c_c 02.08.2012
für wieviel Geld verzichten diese Leute auf eigenes Leben, nur um im nächsten Job weiter auf eigenes Leben zu verzichten, wieder für Geld? Was haben solche Handlanger und (Re)Präsentationsjobs mit Karriere zu tun? Wie glaubwürdig ist diese 'Karriere', wenn sie eben doch hauptsächlich von Glück abhängt? Kurz: wem wollt ihr eigentlich was vormachen?
3. Leserin_45
leserin_45 02.08.2012
Soltlen wir den Begriff nicht politisch korrekt in "Linke Hand der Macht" umbenennen... ?
4.
Ameisenbauer 02.08.2012
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Und was hat er dann nach 10 Jahren davon? Irgendwann 40 Jahre alt, keine Familie (weil keine Zeit dafür gehabt), keine richtigen Freunde mehr (weil keine Zeit dafür gehabt), zwar viel Geld, aber eine leere und einsame Wohnung, dann der erste BurnOut/Depression, Einsamkeit, sich ab und zu mal ein bissl "Liebe" für eine Nacht kaufen, aber davon wird man auch nicht glücklich. Und solche Zombies sitzen dann vielerorts in den Geschäfts- und Managementetagen ...
5. Großmaul
zerr-spiegel 02.08.2012
Zitat von sysopDirk BrunieckiAls Assistent eines Vorstands kann man im Turbotempo Karriere machen - oder im Vorzimmer des Chefs versauern. Manche verändern die Strategie des ganzen Konzerns, andere werden von ihrem Boss zum Ja-Sager dressiert. Ein Report aus den Vorstandsetagen von Adidas, Bayer und Porsche. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,834961,00.html
Mein Ex-Chef hätte so einen Kasper nicht eingestellt. Jemand, der nicht weiß was Freizeit ist und sie dementsprechend auch nicht nutzen kann, ist kein Mensch, sondern eine Maschine. Und Maschinen stehen in der Fabrikhalle, die haben nichts beim Vorstand zu suchen.
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Anschlussjob
Nach einer Zeit von zwei bis drei Jahren sollte eine operative Funktion folgen, am besten mit Personalverantwortung.

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