Arbeitslose Akademiker Topfschlagen im Niemandsland
Leiharbeiter mit Staatsexamen, Ingenieure in der Spülküche: Selbst Akademiker können arbeitslos werden - und zwar schneller, als sie ahnen. Wer einmal gezwungen ist, sich unter seiner Qualifikation zu verkaufen, sitzt in der Falle.
Nach drei Monaten bist du genervt. Nach sechs Monaten beginnen die Sorgen. Nach zwei Jahren bist du ausgelaugt, egal, wie enthusiastisch du dich in die ersten Bewerbungen gestürzt hast. Doch die wichtigste Zeitmarke erreichst du vorher, nach einem Jahr: "Das ist der Point of no return, danach bekommst du keinen guten Job mehr angeboten", sagt Karl Wehrheim.
Der bullige Endvierziger arbeitete früher selbst beim Arbeitsamt, jagte Schwarzarbeiter, bis er entlassen wurde; heute ist es der Zoll, der nach illegalen Arbeitern fahndet. Wehrheim machte sich selbständig, als Inkasso-Unternehmer, da muss man auch für Ordnung sorgen. "Aber das wurde mir schnell zu schmierig", sagt er - krumme Touren der Auftraggeber, die Kaltschnäuzigkeit der Schuldner. Vor neun Jahren begann sein Bewerbungsmarathon. Es wurde nie wieder, wie es mal war.
Jobs hatte er gelegentlich, vor allem in der Industrie, zuletzt als Leiharbeiter bei einem Autozulieferer: "Unsereins hat immer härter rangeklotzt als die Stammarbeiter. Man könnte ja vielleicht übernommen werden. Pustekuchen." Stellen, die zu seiner Ausbildung passen, werden ihm schon lange nicht mehr angeboten.
Wehrheim ist Jurist, sein Name ist geändert. Ihm fehlt das zweite Staatsexamen, Anwalt kann er nicht werden, attraktive Jobs sind für ihn schwer zu finden. Er muss sich irgendwie durchbeißen.
Ich-AGs - aus Not, nicht weil der Unternehmergeist sprüht
Über Menschen wie Karl Wehrheim wird selten berichtet, weil sie statistisch eine Randerscheinung sind. Akademiker genießen derzeit Vollbeschäftigung, das sagt man bei einer Arbeitslosenquote um die zwei Prozent. Zudem beklagen Industrie und Arbeitgeberverbände den Fachkräftemangel: Gutausgebildete Leute werden gesucht, "händeringend", heißt es. Chancenlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, Abwärtssog? Das ist ein Dauerbrenner für Doku-Soaps im Unterschichtenfernsehen.
Aber doch nicht für Hochschulabsolventen.
Sie wähnen sich durch ihre Ausbildung auf der sicheren Seite, rechnen nicht mit einem jähen Absturz oder mit jahrelanger Suche nach einer Beschäftigung, die halbwegs zu ihrer Qualifikation passt. Und doch ist, selbst wenn die Abschlüsse stimmen, ein Studium keine Garantie für einen guten Arbeitsplatz. Erst einmal müssen junge Akademiker hinein in den Beruf. Dieser erste Schritt ist der schwierigste. Berufsstartstatistiken über alle Fächergruppen hinweg zeigen: Jeder dritte Akademiker in Deutschland ist anfangs atypisch beschäftigt. Insgesamt sind 45 Prozent aller Neueinstellungen befristet, wie Untersuchungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegen.
Zugleich ist die Zahl der Minijobs auf 7,4 Millionen hochgeschnellt, da schuften Ungelernte wie Promovierte. 1,3 Millionen Niedriglöhner verdienen so wenig, dass sie als "Aufstocker" den Abstand zu Hartz IV vom Amt dazubekommen. Und viele, die beruflich nicht weiterwissen, machen sich als Solo-Unternehmer selbständig, im Jahresdurchschnitt 2011 wurde die selbständige Existenz von 136.000 Menschen gefördert.
Für einen Versuch als Kleinunternehmer entscheiden sie sich oft aus der Not heraus, nicht weil plötzlich Unternehmergeist sprüht. Den "Mut zur Selbständigkeit" wertet Frank-Jürgen Weise als positiv. Kritisch sieht der Vorstandschef der Bundesanstalt für Arbeit indes, dass "die Zahl der Selbständigen zunimmt, die von ihrer Arbeit nicht leben können und daher aufstockende Leistungen des Staates beziehen müssen". Ein Drittel der Solo-Freiberufler ohne Angestellte erreiche lediglich ein Einkommen im Niedriglohnbereich, so das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung.
Zukunft, das war gestern
Laurenz Keller - auch er möchte nicht seinen echten Namen nennen - ist derzeit Kleinstunternehmer, nachdem er allmählich seine Zukunft davonschleichen sah. 2008 hatte er noch große Hoffnungen und Pläne. "Das war der letzte Sommer mit richtiger Lebensfreude", sagt er heute. Lange her für einen Mann Anfang dreißig. Es hagelte fünf Jahre lang Rückschläge, am Ende blieben Frustration und Verzweiflung.
Der Unternehmersohn aus Hannover hatte erst sein Soziologie-, dann sein MBA-Studium an der Universität Göttingen abgeschlossen. Bewerbungen wie seine liegen in Personalbüros obenauf: ein junger Mensch aus bürgerlichem Hause, gepflegte Erscheinung, schlank, sportlich, gute Manieren, zwei Fremdsprachen fließend, beste Abschlüsse, Praktika im In- und Ausland. Nur eine feste Stelle, die gab's nicht für ihn. Die Zeit zog sich, Keller half als Berater und Analyst aus, bildete sich weiter. Heute hier, morgen dort.
Jetzt arbeitet er als Freiberufler von Hamburg aus für eine internationale Beratungsfirma. Der Job hilft ihm, Miete, Telefon und Versicherung zu zahlen. Doch er blockiert die angestrebte Karriere. Keller nahm Teilzeitjobs an, "nur damit man am Lebenslauf sieht, dass ich nicht geschlafen habe in der Zeit. Nun ist mein Lebenslauf mein Manko".
- Viele Erwerbslose fühlen sich von den Arbeitsagenturen alleingelassen. Wer jenseits der Ämter Rat sucht oder sich mit anderen Erwerbslosen austauschen will, kann sich an entsprechende Gruppen in seiner Nähe wenden. Erwerbslosenvereine sind nicht zentral organisiert, sehr viele findet man aber über die gewerkschaftlichen Arbeitslosengruppen. Speziell für die Bedürfnisse von Akademikern gibt es seit zehn Jahren in München und Leipzig den Verein NEA. Die folgenden Links helfen bei der Kontaktaufnahme.
DPA - Netzwerk erwerbsloser Akademiker (NEA)
- Koordinierungsstelle gewerkschaftlicher Arbeitslosengruppen
- Ver.di-Erwerbslose
"Da kann sich ganz leicht ein Teufelskreis entwickeln", sagt Gisela Mohr, Arbeitspsychologin an der Uni Leipzig. Die ersten Absagen stecke man noch weg. Doch wenn alles Werben nicht helfe, leide das Selbstwertgefühl: "Erwerbslose machen systematische Misserfolgserfahrungen." Bis ihnen abhandenkommt, was im Bewerbungsgespräch am wichtigsten ist: das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Selbst wer sich fängt und wieder Tritt fasst im Berufsleben, bleibt über Jahre von dieser Erfahrung geprägt.
Arbeitslosigkeit ist ein Vermittlungshemmnis
Laurenz Keller will in diesem Jahr noch einmal alle Kraft zusammennehmen. Er lässt sich coachen, geht zur Arbeitsagentur, knüpft und hält Kontakte, so gut er kann. Doch die Energie ist weg: "Nach zwei Jahren verliert man den Biss. Und merkt, wie auch das Umfeld aufgibt. Die Familie, die Freunde. Die denken dann: Ach der, der findet halt nichts."
Von Akademikern erwartet man Erfolg, die können sich doch überall einarbeiten, oder etwa nicht? Nur wird "gerade das Wissen von Akademikern besonders schnell entwertet", sagt Gisela Mohr - nach einiger Zeit ist allein schon die Tatsache, dass sie arbeitslos gewesen sind, ein Vermittlungshemmnis.
Viele Frauen kennen ähnliche Probleme aus einer anderen Perspektive: Setzen sie nur für zwei, drei Jahre aus, um ihre Kinder zu betreuen, ist der Wiedereinstieg schwierig genug, kann aber gelingen. Bei längerer Elternzeit haben sie aus Sicht vieler Personalabteilungen einen doppelten Malus - mit mehreren Kindern gelten sie als weniger flexibel, obendrein zweifeln Unternehmen am aktuellen Stand ihres beruflichen Wissens. Nach Einschätzung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung stehen "selbst gutausgebildete Frauen vor vielen Hürden, wenn sie nach einer langjährigen Unterbrechung wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen".
Vom Qualitätsingenieur zum Tellerwäscher
Arbeitslosigkeit oder eine längere Phase von Jobs unter der eigenen Qualifikation, das wird erst recht zum Killer im Lebenslauf. So wie bei Lars Küster, 46. Eigentlich ist er Biologe, spezialisiert auf Honig, versiert in der Pollenanalyse. Er hat sich im Umweltmanagement weitergebildet, jeder Industriebetrieb braucht jemanden, der sich um Wasserentsorgung kümmert. Und heute? Heute hat Küster mit dem Spülwasser einer Bremer Großküche zu tun: als Tellerwäscher.
Drei Jahre hatte er als leitender Qualitätsingenieur für einen großen Honig-Produzenten gearbeitet. Dann entließ der Betrieb ein Fünftel der Belegschaft, auch Küster musste gehen: "Ich hatte einfach zu wenige Sozialpunkte." Niemanden habe interessiert, dass er die Entsorgung optimiert und das Unternehmen so 100.000 Euro jährlich gespart habe, sagt er. Nach dem Rauswurf fand er schnell einen neuen Job in einem Bremer Labor. "Aber der Chef wollte wohl nur mein Wissen in der Pollenanalyse ausbeuten." Küster hatte eine junge Frau ausgebildet und sich damit selbst überflüssig gemacht.
Eineinhalb Jahre hatte der hochqualifizierte Prüfleiter keine Arbeit und senkte seine Ansprüche immer weiter. Nun bringt ihm der Job in der Spülküche einer Universitätsmensa 700 Euro brutto im Monat. Auf Dauer nicht genug: "Ich werde wohl Hartz IV beantragen und damit das Geld aus dem Job aufstocken."
"Als würde ich blind mit einem Löffel herumhauen"
Mit dem sozialen Abstieg und dem Spüljob hadert er kaum, "was würde das bringen?" Emotional wird Küster nur, wenn er über seine vergebliche Jobsuche spricht: "Man kommt sich vor wie beim Topfschlagen. Als würde man blind mit dem Löffel herumhauen, ohne zu wissen, wann man endlich diesen Topf trifft."
Küster erzählt, er habe alles getan, um wieder eine adäquate Arbeit zu finden. Tausende Euro kosteten Outplacement-Beratungen, x-mal habe er seine Bewerbungsunterlagen überarbeiten lassen und natürlich unzählige Bewerbungen geschrieben. Ergebnis: nur Absagen, "ihre Gründe verraten die Unternehmen nicht".
Statt eines weißen Laborkittels trägt Küster jetzt schwarze Küchentracht plus Haube in Schiffchenform. Noch ist in der Mensa nichts los, die Vorbereitungen fürs Abendessen beginnen in einer halben Stunde. Auf dem Dienstplan kontrolliert er die Schichteinteilung. Ein Zettel an der Pinnwand wirbt für Fortbildungen: "Unser Kunde im Fokus" oder "Service, aber richtig - Reklamationen sicher bearbeiten".
Küster erklärt die Küche, als würde er hier aus Überzeugung arbeiten. "Da sind die Gläserkörbe, die muss ich dann hier vorn reinwuchten. Heben Sie mal - ganz schön schwer, oder?" Wenn Küster nicht in der Spülküche steht, sucht er weiter nach einem Job, von dem er leben kann. "Und ich bilde mich regelmäßig fort", betont er. Als Biologe, nicht als Küchenkraft.
Aber mit jedem weiteren Jahr im falschen Job schwinden seine Chancen. Wenn er Pech hat, bleibt Küster im Niedriglohnsektor stecken und muss sich auf Dauer einrichten im beruflichen Niemandsland, in der Welt der Jobcenter und Minijobs. Die wenigsten Menschen tun das freiwillig - nichts wünschen sie sich so dringend wie eine neue feste Beschäftigung.
"Die Pfeife hat nichts gefunden"
Die Erfolge der Arbeitsvermittler sind dürftig, egal wie viele Bewerbungen sie Erwerbslosen aufbrummen. Nur rund zehn Prozent der Arbeitnehmer haben so den Weg in einen Job gefunden, das ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, bei Akademikern sind es lediglich zwei Prozent. Dagegen machen persönliche Netzwerke ein Drittel des Sucherfolgs aus.
Freunde, Verwandte, Bekannte einschalten - Biologe Lars Küster beherzigt das. Ein Karriereberater empfahl ihm, sein Kurzprofil auf einem Faltblatt an möglichst viele Menschen zu verteilen. Das tut er, bei jedem, und sagt dazu: "Wenn Ihnen ein potentieller Arbeitgeber einfällt, geben Sie es ihm doch bitte!"
Laurenz Keller verschickt weiterhin Bewerbungen. Und er will wieder Lebensfreude gewinnen. Er plant Besuche bei Freunden, die er aus seinen Auslandsjahren kennt. Er weiß, er muss sich nach Alternativen zum Angestelltenverhältnis umsehen.
Am Freiberuflertum schreckt ihn aber nicht nur das unternehmerische Risiko: "Wenn ich einmal selbständig bin, ist der Ofen aus. Dann sagt jeder Personalchef: Die Pfeife hat halt nichts Festes gefunden."
Mitarbeit: Conny Neumann und Hendrik Steinkuhl
- Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur und hat über die politischen Debatten im Vorfeld der Agenda 2010 und das öffentliche Bild von Erwerbslosen promoviert. Im Juni erschien sein Buch

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