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Flugbegleiter-Casting "Wer nicht lächelt, fliegt raus"

Auswahltag bei Emirates: Wer hat den Flugbegleiter-Faktor? Fotos
DPA

Heute Dubai, morgen New York: Stewardessen sind immer auf Weltreise. Die Airline Emirates braucht ständig neue Flugbegleiter, um das Auswahlverfahren ranken sich Mythen und Legenden. Was passiert dabei wirklich? Ein Selbstversuch.

"Ihr könnt eure Bodylotion in allen Teilen der Welt kaufen!" Recruiterin Randa strahlt, als sie ihren Zuhörern von den Annehmlichkeiten des Flugbegleiter-Lebens berichtet. Sie weiß, wovon sie spricht: Randa hat einst selbst als Stewardess bei Emirates gearbeitet und ist für die Airline aus den Arabischen Emiraten um die Welt geflogen. Jetzt sucht sie für die Fluglinie Nachwuchskräfte und führt Bewerber rund um den Globus durch Auswahltage, sogenannte Assessment Days.

Heute ist Berlin dran. Gut 50 junge Menschen haben sich in einem Hotel versammelt, um von Emirates auf ihre Flugbegleiter-Tauglichkeit testen zu lassen. Ich bin eine von ihnen. Als Stewardess zu arbeiten, ist in Wirklichkeit mein Alptraum. Aber ich möchte wissen, warum andere es wollen. Dafür bietet sich der Auswahltag an: Jeder darf mitmachen, auch ohne Einladung.

Der Personalhunger der Airline ist enorm. Allein für August plant das Unternehmen weltweit 35 Assessment-Tage für Flugbegleiter. Im vergangenen Geschäftsjahr flogen die Dubaier rund 39 Millionen Passagiere durch die Welt, 16 Prozent mehr als im Jahr davor. Und wo mehr Passagiere sind, braucht man mehr Personal: Die Zahl der Mitarbeiter wuchs um zwölf Prozent auf 68.000. Eine große Aufgabe für Emirates-Anwerber wie Randa. Zehntausende Bewerber lerne sie jedes Jahr kennen, sagt sie. Deshalb müsse sie uns Nummern statt Namen zuteilen.

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Zusammen mit meinen Mitbewerbern warte ich auf die erste Aufgabe. Wir sind nervös. Mohammed*, 28, aus Ägypten kann vor Aufregung nicht aufhören zu reden. Wie ein Wasserfall erzählt er von gleich mehreren Auswahltagen, an denen er bereits teilgenommen hat. "Wer nicht lächelt, fliegt raus", so seine Erfahrung. Lisa*, 26, ist erleichtert: "Alle sind freundlich und es wurden nicht nur Fotomodelle eingeladen." Sie trägt einen knallpinken Blazer und sorgt sich, ob sie damit zu weit vom Dresscode "Business" abweicht. Das Outfit passt zu ihrer Art: selbstbewusst und laut.

In der ersten Auswahlrunde sollen wir uns zu zweit neue Funktionen für Alltagsgegenstände überlegen. Was genau dabei erwartet wird, weiß niemand. Julia*, 21, und ich schlagen vor, einen Kleiderbügel zum Rückenkratzen zu verwenden. Das bringt uns eine Runde weiter. Mohammed hält einen flammenden Monolog über den vielfältigen Einsatz von Kaffee. Auch er schafft es. Etwa 15 weitere Kandidaten haben weniger Glück. Wer warum gehen muss, ist unklar, es gibt kein Feedback. Das verunsichert alle Bewerber. "Ich habe keine Ahnung, wonach die eigentlich suchen", sagt Andreas*, 29. "Wenn man es wüsste, könnte man sich entsprechend verhalten."

Todesfälle, Zwillingsgeburten, dreckige Toiletten

In der Pause schwärmen meine Mitbewerber von den Ländern, die sie gerne bereisen würden und von der wunderschönen Uniform. Für die Arbeit an Board empfinden die meisten weniger Enthusiasmus. Als Randa wenig später von Todesfällen, Zwillingsgeburten und verschmutzten Toiletten berichtet, steht einigen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. "Ich liebe es im Service-Bereich zu arbeiten", sagt hingegen Philipp*. Obwohl er einen Uni-Abschluss in der Tasche hat, will er unbedingt zu Emirates. Bisher arbeitete er am Flughafen beim Check-in und im Fundbüro. Seine Augen leuchten, wenn er vom Fliegen spricht. Er ist ein höflicher und sympathischer Typ. Von Dubai erwartet er Großes. Das Leben dort biete mehr Abenteuer als der Alltag in Europa.

Wer es durchs Bewerbungsverfahren schafft, bekommt als Flugbegleiter in der Economy Class ein Grundgehalt von umgerechnet knapp 900 Euro. Dazu kommen Zuschläge pro Flugstunde, so dass sie im Schnitt auf 1400 Euro kommen, steuerfrei. Die Unterkunft in Dubai stellt Emirates - mit Regeln wie in einem katholischen Mädcheninternat. "Es geht uns um eure Sicherheit", sagt Randa. Übernachtungsgäste sind generell untersagt, ein Mitarbeiter fordert um 1 Uhr morgens alle Gäste zum Gehen auf. Privatsphäre sieht anders aus. "Klar ist das Bevormundung", wird Julia später sagen. Sie ist ein sehr ruhiger Typ, fast schüchtern. Als Flugbegleiterin einer deutschen Airline fliegt sie nur Kurzstrecken. Deshalb möchte sie zu Emirates und die ganze Welt entdecken. "Es kann aber auch ein Vorteil sein. Man lernt neue Leute kennen und hat direkt Anschluss", sagt sie. Einige Bewerber bezweifeln, dass sie mit dem Leben in Dubai gut zurechtkämen. Versuchen wollen es alle.

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In Runde zwei sollen wir einen englischen Essay über persönliche Schwächen verfassen. Das fordert selbst Muttersprachler heraus. "Ich wusste gar nicht, was ich schreiben soll", sagt Katy*, 23, als wir auf die Ergebnisse warten. "Wenn sie liest, dass ich ungeduldig bin, heißt es vielleicht gleich: Die kommt für den Job nicht in Frage." Alle schreiben am Ende lieber Unverfängliches. Die Auswertung zieht sich hin. Etwa zehn Mitbewerber müssen gehen, darunter auch der Ägypter Mohammed und eine ausgebildete Flugbegleiterin.

Wer in der Gruppendiskussion punktet, wird zum Final Interview eingeladen. Spätestens jetzt packt alle der Ehrgeiz. Die Aufgabe: Acht Kunden haben einen Wagen gemietet, aber nur zwei sind fahrtüchtig. Als Besitzer der Mietwagenfirma müssen wir entscheiden, wer die Autos bekommt. Die schwangere Frau? Die Familie, die zur Hochzeit will? In meinem Team reden alle durcheinander, hören nicht zu und schneiden anderen das Wort ab. Zwei Mädchen sagen gar nichts. Randa macht sich zu jeder Nummer auf ihrer Liste Notizen. Mein Vorschlag, das Auto der berühmten Rockband zu geben und die Aktion als Werbemaßnahme zu verkaufen, findet nicht viel Anklang. Ich bin mir sicher, dass es für die meisten von uns hier vorbei ist.

Doch in den weißen Umschlägen steckt eine Überraschung: 16 von 20 Bewerbern schaffen es in die Final Interviews. Auch ich. Auf der Einladung schimmert ein goldenes Emirates-Emblem. Es gibt mehrere Personalfragebögen auszufüllen, sogar eine Liste mit der "Erstausstattung" für die Mitarbeiter erhalten wir. Um Kochlöffel und Mülleimer braucht sich in Dubai schon mal niemand zu sorgen. Das Ziel scheint zum Greifen nah. Die ersten planen ihre Wohnungsauflösung.

Das Final Interview am Tag darauf ist ein klassisches Bewerbungsgespräch. Warum man für den Job geeignet sei, was die eigenen Stärken und Schwächen sind. Randa fragt mich zudem, warum ich meine Augenringe so schlecht überschminkt hätte. Für die endgültige Auswahl bittet sie mich um jede Menge Fotos: groß, klein, Ganzkörper-Aufnahmen, Business-Look, Casual. Ein Komitee in den Emiraten wird anhand aller Unterlagen prüfen, wer eingestellt wird. Bis zur endgültigen Entscheidung dauert es bis zu acht Wochen. Meine Mitbewerber und ich sind uns in einem Punkt einig: Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung, wonach sie suchen. Weder hier, noch in Dubai.

* Namen von der Redaktion geändert

  • fotostudio charlottenburg
    KarriereSPIEGEL-Autorin Marie-Luise Klose (Jahrgang 1991) ist freie Journalistin in Berlin und Thüringen. Das typische Flugbegleiter-Lächeln hat sie am Auswahltag vorm Spiegel geprobt. Ob sie am Ende tatsächlich genommen worden wäre, wird sie nie erfahren: Nach dem Final Interview ist sie ausgestiegen.

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