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Informatiker im Autobau Mehr Software als im Kampfjet

Auto-Informatiker: Bitte keinen Neustart bei 160 km/h Fotos
Daimler

Bordcomputer bremsen mit, lenken mit, und sie helfen, während der Fahrt mit dem iPhone zu daddeln. Die Autobranche sucht dringend Informatiker, die noch mehr digitale Co-Piloten entwickeln. Gut für die Computerexperten: Spezielle Autokenntnisse sind nicht nötig.

Wenn der Bremsweg knapp wird, reißen Autofahrer das Lenkrad zur Seite. Doch diese verzweifelte Reaktion vor dem drohenden Crash ist viel unfallträchtiger als eine Vollbremsung, bei der es immerhin nur um eine Bewegungsrichtung geht: Der Vortrieb soll gestoppt werden. Wer das Steuer verreißt, bewegt sich dagegen in ungewisse Richtung.

Der Informatiker Matthias Thomi, 26, arbeitet bei Continental an einem System, das in dieser Extremsituation in die Lenkung eingreift, an einem sogenannten Ausweichassistenten. Das Auto sendet Radarsignale bis zu 200 Meter weit voraus und tastet das Umfeld ab. Treffen sie auf ein Hindernis, warnt ein Ton den Fahrer. Außerdem wird der Lenkwinkel verändert, und auch das ESP passt sich der Situation an, das elektronische Stabilitätsprogramm, das heute bei den meisten Neuwagen serienmäßig ist. Ein Computer errechnet in wenigen Millisekunden den optimalen Weg. "Der sollte möglichst harmonisch sein, damit das Fahrzeug stabil in der Spur bleibt", sagt Thomi.

Messen, rechnen, steuern - die Computer an Bord bekommen viel zu tun, wenn der Fahrer Fehler macht. Und mit ihnen Informatiker wie Thomi, die immer häufiger in der Autoindustrie arbeiten.

Thomi hatte Bildverarbeitung als Studiumsschwerpunkt. Über ein Praxissemester kam er in die Automobilindustrie. Er arbeitet seit Oktober 2011 bei Continental in Frankfurt am Main. "Ich kümmere mich um die Logik hinter der Bildverarbeitung." Bremsen oder ausweichen? Die von ihm programmierte Software der Fahrer wertet Kamerabilder aus, um diese Frage schnell zu entscheiden. Das System ist eine Eigenentwicklung von Continental und noch im Versuchsstadium.

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Rennsportingenieur: Flotter Techniker am Nürburgring
Weltweit beschäftigt Continental 10.000 Rechnerspezialisten, Tendenz stark steigend. Aktuell hat der Autozulieferer, der längst nicht nur Reifen herstellt, rund 100 vakante Informatikerstellen in Deutschland, sagt Daniel Förster, der die Abteilung Systemdesign für integrierte Sicherheit leitet: "Wir brauchen sie überall dort, wo Software im Auto eingesetzt wird." Das ist nicht nur bei Fahrerassistenzsystemen der Fall, sondern auch bei Motorsteuergeräten, bei Navigations- und Audiosystemen, beim Internetanschluss von Autos oder der sogenannten Car-to-Car-Kommunikation, mittels der sich Autos schon bald im Vorbeifahren über Gefahren und den Verkehrsfluss austauschen sollen.

Der Siegeszug der Prozessoren in modernen Autos ist beeindruckend. Im Ampera, dem Hybrid-Modell von Opel, stecken über zehn Millionen Zeilen Code. Das ist mehr, als in der Elektronik eines modernen Kampfjets, sagt IBM, wo die Software für das Auto konzipiert wurde.

"Grundsätzlich kann jeder Informatiker bei uns arbeiten, er braucht keine speziellen Automobilkenntnisse", sagt Continental-Mann Förster. Im Studium hätten die Fachleute logisches Denken und das Handwerkszeug fürs Programmieren gelernt, im Idealfall in den Sprachen C und C++.

"Starten Sie den Computer neu" - bei 160 Sachen?

Den Unterschied zwischen typischer Bürosoftware, etwa zur Textverarbeitung, und Software fürs Auto beschreibt Förster so: "Unsere Programme müssen bei Hitze und Kälte, Schmutz und Feuchtigkeit, auf glatter Fahrbahn wie auf Schlaglochstrecken jederzeit zuverlässig funktionieren, und das jahrelang." Serienautos dürfen keine Testobjekte und die Fahrer keine Versuchskaninchen sein. "Starten Sie den Computer neu" - der berüchtigte Lösungsweg für allerlei Probleme am PC ist bei 160 Sachen auf der Autobahn völlig undenkbar.

Dafür, dass die elektronischen Systeme im Auto komplizierter werden, sorgt auch die Kundschaft. Sie möchte gerne das eigene Smartphone im Cockpit dabeihaben: So kann der Fahrer auch im Auto alle Nummern anrufen, die auf dem Handy gespeichert sind, oder Musik von dort abspielen. Viele Hersteller gehen deshalb dazu über, zumindest das iPhone in das Anzeige- und Bedienkonzept ihrer Autos zu integrieren.

Zum Beispiel Mercedes bei der neuen A-Klasse. Wo bisher das Navi prangte, kann der Fahrer sein iPhone einsetzen und es über Knöpfe an der Mittelkonsole bedienen. Er hat die Wahl zwischen "Social" (Facebook und Twitter), "Media" (Musik vom iPhone) und "Places" (internetbasierte Navigation). Auf Knopfdruck werden Nachrichten vorgelesen, die iPhone-Sprachsteuerung Siri soll später integriert werden.

Alexander Hilliger von Thile, 34, war bei Daimler zuständig für die Integration der Daten von Partnern wie Facebook oder Herstellern von Navigationssystemen. Er hat nach seinem Studium bei Daimler promoviert und sich am Forschungsstandort Ulm mit der Nutzung von Web-2.0-Technologien beschäftigt. "Bereits 2007 zeichnete sich ab, dass diese Technologien auch in das Auto einziehen werden", sagt er. 2010 ging er ins Silicon Valley und kümmerte sich vom kalifornischen Daimler-Forschungsstandort Palo Alto aus um die Integration des iPhone in die A-Klasse: "Dort sind die wichtigsten Partner für dieses Projekt angesiedelt."

Am liebsten reine Informatiker

Insgesamt 30 Mitarbeiter werkeln bei Daimler an der Systemarchitektur des Infotainment im Auto, die meisten sind Informatiker oder Ingenieure der Elektrotechnik. Vor sechs Jahren waren es noch halb so viele. "Bei Berufseinsteigern sind uns reine Informatiker am liebsten", sagt Matthias Stümpfle, der Leiter der Abteilung: "Sie sind in der Informatik gründlich ausgebildet, das Branchen-Know-how bringen wir ihnen bei."

Stümpfle hält es für falsch, sich bereits im Studium zu spezialisieren, auch Michael Würtenberger, sein Kollege bei BMW, sieht das so. Trotzdem gibt es inzwischen den Studiengang Automobilinformatik - weltweit einzigartig an der Hochschule Landshut. Dessen Leiter, Dieter Nazareth, schätzt das natürlich anders ein. "Informatiker brauchen ein Anwendungsgebiet, bei uns ist es das Automobil."

Neben Informatik lernen Nazareths Studenten die Grundlagen ihres Anwendungsfalls kennen: Wie funktioniert ein Motor, was muss ein Fahrwerk können? "Unsere Studenten beschäftigen sich ausschließlich mit Software, die sich im Fahrzeug befindet." In den vergangenen Monaten haben die ersten vier Absolventen ihr Studium abgeschlossen und alle leicht einen Job gefunden, sagt der Professor.

Wo die nächsten Semester unterkommen, wird sich zeigen. "Die Automobilhersteller müssen sich erst entscheiden, ob sie die Informatik zu ihren Kernkompetenzen zählen oder nicht," erklärt Nazareth. Dann erst sei klar, ob Hersteller oder Zulieferer die wichtigeren Arbeitgeber für Informatiker sind. Dass die Computerexperten für die Autobranche weiter an Bedeutung gewinnen werden, daran zweifelt allerdings niemand.

  • Peter Ilg (Jahrgang 1960) arbeitet als freier Journalist in Aalen und schreibt vor allem über Berufe und Karrieren.

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insgesamt 54 Beiträge
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1. Daddelkram
fridericus1 05.10.2012
Ich glaube nicht, dass das erfolgreiche Auto der Zukunft ein gummibereiftes Kasperletheater mit möglichst viel Piep- und Blinkeffekt sein wird. Ich denke, angesichts stagnierender bis sinkender Einkommen und parallel explodierenden Energiekosten wird ein preiswertes und wirtschaftliches Auto gefragt sein. Die deutsche Automobilbranche schläft hier tief und fest. Wäre ich Berufsanfänger, würde ich mir gut überlegen, ob Läden wie Daimler oder BMW mir wirklich langfristige Perspektiven bieten können.
2. Wie unsere Politiker:
lynx2 05.10.2012
Zitat von sysopBordomputer bremsen mit, lenken mit, und sie helfen, während der Fahrt mit dem iPhone zu daddeln. Die Autobranche sucht dringend Informatiker, die noch mehr digitale Co-Piloten entwickeln. Gut für die Computerexperten: Spezielle Autokenntnisse sind nicht nötig. Auto-Industrie: Informatiker dringend gesucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/auto-industrie-informatiker-dringend-gesucht-a-859701.html)
Spezielle Politikkenntnisse sind nicht nötig. Lustig wird's, wenn diese mit IT- und Elektronik vollgestopften Autos mal in die Jahre kommen und einige bits und bytes verrückt spielen. Dann geht die ganze Kiste nicht mehr. Module müssen ausgetauscht werden oder das ganze Auto. Das freut die Autoindustrie.
3. Nicht noch mehr Elektronik !
syssifus 05.10.2012
Zitat von sysopBordomputer bremsen mit, lenken mit, und sie helfen, während der Fahrt mit dem iPhone zu daddeln. Die Autobranche sucht dringend Informatiker, die noch mehr digitale Co-Piloten entwickeln. Gut für die Computerexperten: Spezielle Autokenntnisse sind nicht nötig. Auto-Industrie: Informatiker dringend gesucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/auto-industrie-informatiker-dringend-gesucht-a-859701.html)
Wenn innerhalb weniger Monate,Getriebesteuergerät und Motorsteuergerät ausgetauscht werden müssen,verflucht man diesen immer mehr werdenden "Elektronikmüll".Die Kosten sind enorm,Kulanz oftmals ein Fremdwort.
4.
7eggert 05.10.2012
Zitat von sysopBordomputer bremsen mit, lenken mit, und sie helfen, während der Fahrt mit dem iPhone zu daddeln. Die Autobranche sucht dringend Informatiker, die noch mehr digitale Co-Piloten entwickeln. Gut für die Computerexperten: Spezielle Autokenntnisse sind nicht nötig. Auto-Industrie: Informatiker dringend gesucht - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/auto-industrie-informatiker-dringend-gesucht-a-859701.html)
Die Entwicklung bereitet mir Sorge. Hier werden Multimediaanwendungen mit Steueraufgaben über das selbe System abgewickelt. Multimedia bedeutet, daß es sich um Code handelt, der sich in der Vergangenheit immer wieder als unzuverlässig erwiesen hat. Code, der nicht so strukturiert geschrieben wird, daß man eine erhöhte Sicherheit zu Lasten der Performanz bekommt. (Und dann auch noch Facebook beim Fahren?) Das Nächste ist die zu Grunde liegende Schnittstelle. Apple only. Und ich habe ein Gerät zusätzlich leicht klaubar im Auto, was mehrere hundert Euro kostet. Updates nur mit iTunes-Account und einem kommerziellen Betriebssystem? Nein, Danke. Was das Ausweichen angeht als Tip: Für meinen Motorradführerschein mußte ich das lernen: Bremsen - ausweichen - weiterbremsen. Das kann ich nur empfehlen.
5. optional
Sgt.Moses 05.10.2012
drum fahren wir lieber alte autos! und für lange reisen fernab der westlichen "zivilisation" am liebsten unseren alten defender. für gute alte mechanik findet sich selbst im busch noch ein guter (mitunter einer der besten) mechaniker. für ein neues auto fehlt es dort schlicht am notebook, von ersatzbaugruppen, die überdies noch ein heidengeld kosten ganz zu schweigen... abgesehen davon kann man an den alten möhren auch noch viel selbst machen. ja ja, schimpft mich ruhig ein umweltschwein, aber für die energie die die herstellung eurer. euen spritsparer kostet fahr ich lieber noch die nächsten 300000 km drauf....
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