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Autoren von Brettspielen Ich habe eine Mafia-Welt erschaffen

Fotostrecke: Spieleentwickler Fotos
Steffen Daniel Meyer

Wer Spiele erfindet, beflügelt die Fantasie von Millionen und verdient ein Heidengeld - wenn er sehr viel Glück hat. Die meisten Spieleentwickler tüfteln in einer Grauzone zwischen Hobby und Beruf. Drei hoffnungsvolle Newcomer erzählen von ihrem Traum.

"Carcassonne", der "Palast von Alhambra" oder "Dominion": Brettspiele sind nicht nur etwas für Kinder. In den vergangenen 20 Jahren sind immer mehr Erwachsene auf den Geschmack gekommen. Ein kleiner, feiner Markt, auf dem sich nur wenige große Verlage - etwa Ravensburger oder Heidelberger Spiele - tummeln und viele kreative Erfinder. Auf der "Spiel" in Essen, der weltweit größten Messe der Branche, wurden allein in diesem Herbst 850 Neuheiten präsentiert - so viele wie noch nie.

Wie wird man Spieleentwickler? Kann man davon leben? SPIEGEL ONLINE hat mit drei Neulingen aus drei Ländern gesprochen, die ihre Ideen auf den Markt bringen: Die einen waren mit Crowdfunding erfolgreich, andere bekamen Geld aus Fördertöpfen, und einer bleibt ganz minimalistisch.

Dave Cousins, Großbritannien - Der Minimalist

Ein-Mann-Unternehmen "North and South Games": Spieledesigner Dave Cousins Zur Großansicht
Steffen Daniel Meyer

Ein-Mann-Unternehmen "North and South Games": Spieledesigner Dave Cousins

"Ich bin Hausmann, meine Frau ist die Hauptverdienerin. Als meine Kinder vor zwei Jahren mit der Schule anfingen, habe ich mich meiner Leidenschaft gewidmet: Brettspiele. Allerdings sieht der Markt dafür in Großbritannien ganz anders aus als im Rest Europas: Wenn Sie einen Engländer fragen, welche Brettspiele er kennt, dann wird er wahrscheinlich antworten: 'Keins' oder 'Scrabble'. Vielleicht auch 'Cluedo'. Aber dann folgen Kinderspiele wie 'Hungry Hungry Hippos'. Sie denken nicht an 'Carcassone' oder 'Agricola'. Ich will eine Brücke schlagen, zwischen 'Würfle, rücke fünf Felder vor, gehe eine Schlange entlang' und 'Dieses Spiel hat 354 Holzfiguren, Hunderte Extra-Karten und einen Aktienmarkt'.

In mein erstes Spiel 'Rock, Paper, Scissors' habe ich etwa 5000 Euro investiert, für 1000 Exemplare. Fast alle Komponenten habe ich in Großbritannien produzieren lassen. Nur die Tasche ist aus Polen. Wenn ich alles in China hätte herstellen lassen, hätte ich wahrscheinlich nur ein Drittel der Kosten gehabt. Doch es ist Teil meines Ethos, lokal zu produzieren. Außerdem muss ich mich so nicht um Zollgesetze kümmern.

Meine Spiele sollen mit meinen Kindern wachsen - die sind jetzt sechs und neun Jahre alt. Wenn sie älter werden, werden meine Spiele komplizierter, denn ich mag komplizierte Spiele. Bislang habe ich noch kein Geld mit der Entwicklung verdient, aber ich hoffe, Verlage zu finden, die meine Spiele herausbringen wollen. Wenn das nicht klappt, muss ich ernsthaft überlegen, ob ich damit weitermachen kann.

Der größte Rückschlag war, dass wir auf der Spielemesse in Essen ausgeraubt wurden und fast unser ganzes Geld verloren haben. Ich werde nächstes Jahr trotzdem wiederkommen, weil die Spiele sehr gut angenommen wurden und wir jetzt wissen, dass wir besser auf unsere Sachen aufpassen müssen."


Johannes Sich, Deutschland - Der Crowdfunder

Die Jungs von "Hard Boiled Games": Spieleentwickler Johannes Sich mit Grafikdesigner Daniel Goll Zur Großansicht
Steffen Daniel Meyer

Die Jungs von "Hard Boiled Games": Spieleentwickler Johannes Sich mit Grafikdesigner Daniel Goll

"Alles hat mit meiner Diplomarbeit in Kommunikationsdesign angefangen: Ich brauchte ein Thema, und weil ich gerne Brettspiele spiele und großer Fan von Mafia-Geschichten wie 'Der Pate' oder 'Sopranos' bin, kam eines zum anderen. Für die Diplomarbeit entwarf ich das grundlegende Spielkonzept und zeichnete die Illustrationen. Daniel half mir beim Kartendesign und ich unterstützte ihn dafür bei seiner Diplomarbeit. Heute ist er in meinem Team. Ich wollte Mafia erlebbar machen, deswegen legt unser Spiel 'La Cosa Nostra' viel Wert auf Kommunikation zwischen den Spielern: Um zu gewinnen, geht man Zweckbündnisse ein, haut andere übers Ohr oder droht sich gegenseitig. Ich wollte den Spielern möglichst viele Freiheiten geben.

Nachdem das Konzept stand und ich mich ans Regelwerk machte, merkte ich erst, wie viel Arbeit dahinter steckt. Immer wieder haben mein Team und ich probegespielt und wieder und wieder die Regeln verändert. Vor rund anderthalb Jahren sind wir dann zu Spieletreffs in ganz Deutschland gefahren und haben "La Cosa Nostra" präsentiert: von Bremen über Berlin bis Erlangen. Im März dieses Jahres begann dann unsere Crowdfunding-Kampagne, für die wir ein Video produzierten und gebloggt haben. 9500 Euro war unser Ziel. Manchmal dachte ich: 'Das schaffen wir locker', dann wieder: 'Das wird nie was'. Es war ein ständiges Auf und Ab der Gefühle. Am Ende kamen aber über 20.000 Euro zusammen.

Von der Idee bis zum fertigen Spiel hat es rund fünf Jahre gedauert - die investierte Arbeit insgesamt waren wohl einige Monate Vollzeit, in der ich nicht meinem Job als freier Illustrator nachgegangen bin. Ich weiß noch nicht, ob ich als Spieleentwickler weitermache: Da hängen viele Jobs dran, für die man nicht geschaffen ist und für die man eigentlich einen Verlag bräuchte. Andererseits: Wenn ich jetzt aufhöre, wäre das ja alles vergebene Mühe."


Manfred Lamplmair und Reinhard Kern, Österreich - Die Management-Profis

Diese drei bilden "Rudy Games": Projektmanager Manfred Lamplmair, Community-Mangerin Gertrude Kurzmann, Grafikdesigner Reinhard Kern Zur Großansicht
Steffen Daniel Meyer

Diese drei bilden "Rudy Games": Projektmanager Manfred Lamplmair, Community-Mangerin Gertrude Kurzmann, Grafikdesigner Reinhard Kern

"Wir sind Freunde aus der Kindheit und haben schon früher gerne Spiele entwickelt. Vor zwei Jahren kam uns die Idee, ein Brettspiel mit einer App für Tablets und Smartphones zu verbinden. Schon in den Achtzigerjahren wurde herumexperimentiert, analoge und digitale Spiele zu kombinieren. Aber die Computer waren größer und nicht so leistungsstark wie heute. Kaum einer hatte Lust, seinen Commodore zu seinem Freund zu schleppen. Heute haben auch große Verlage das Konzept schon ausprobiert. Allerdings haben sie bei ihren Spielen irgendein bestehendes Element durch eine App ersetzt. Das Tablet war kein integraler Bestandteil des Spiels.

Uns war wichtig: Ein Würfel bleibt ein Würfel, Spielkarten bleiben Spielkarten. Die App kommt nur dann zum Einsatz, wenn man bestimmte Mechaniken auf dem Brett nur schwer oder gar nicht realisieren kann. Bei unserem Strategiespiel 'Leaders' gibt man zum Beispiel das Tablet reihum und kann so den anderen Spielern verdeckte Friedensangebote oder Allianzen anbieten. Gerade junge Leute, die mit Tablet und Playstation aufgewachsen sind, kann man so für Brettspiele begeistern.

Was uns aber bei Testspielen aufgefallen ist: Ein Tablet gibt man gerne weiter, aber wenn es um das eigene Handy geht, dann haben viele eine hohe Hemmschwelle.

Insgesamt haben wir rund 120.000 Euro in unser Spiel investiert. Etwa 70.000 Euro davon kamen von verschiedenen Förderungen in Österreich, teilweise für unser Spiel, teilweise für unser Unternehmen, das sich auf die Kombination von Brett und App spezialisiert hat. Über 8000 Dollar haben wir noch per Crowdfunding bekommen. Den Rest haben wir selbst in das Unternehmen gesteckt.

Angefangen haben wir nebenbei in unserer Freizeit. Profit haben wir damit noch nicht gemacht, im Gegenteil: Wir haben draufgezahlt. Wir hoffen aber auf weitere Förderung für den Export. 2015 wollen wir 'Leaders' auch in den USA verkaufen."

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Geht in die Spieleläden und schaut Euch um
Krisse 22.12.2014
Ich habe La Cosa Nostra auch unterstützt und bin damit sehr glücklich. Das Spiel ist wirklich großartig. Es bietet viel Abwechslung und ist sehr spannend. Ganz allgemein kann ich nur empfehlen: Schaut Euch die Spieleläden in Eurer Umgebung an. Dort gibt es eine große Auswahl von kurz und leicht über kreativ, bis hin zu abendfüllend und hochkomplex. Für (fast) jeden ist etwas dabei.
2. Nur wenige grosse Verlage?
ekel 23.12.2014
Schö, hier schon wieder etwas über Gesellschaftsspiele zu lesen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Aussage, dass nur wenige grosse Verlage Spiele für Erwachsene anbieten, wirklich korrekt ist. Heidelberger ist da bestimmt vorne mit dabei, auch Ravensburger produziert ein paar solche Spiele, auch wenn mir dieser Name nicht als erstes einfallen würde. Es gibt ausserdem noch: -Pegasus -Asmodee -Schmidt-Spiele -Kosmos Dann gibt es die etwas kleineren Spieleverlage, die auch Spiele für Erwachsene herausbringen: -2F -Abacus -Lookout -Moses -Ulisses und dann natürlich die ganzen Kleinstverlage, die häufig nur ein oder zwei Spiele im Angebot haben. Ich gebe meinem Vorredner Recht: Wer sich für das Thema interessiert sollte sich in ein Fachgeschäft in seiner Umgebung begeben. Sie werden staunen, was es alles gibt. :-)
3.
benmartin70 23.12.2014
Zitat von ekelSchö, hier schon wieder etwas über Gesellschaftsspiele zu lesen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Aussage, dass nur wenige grosse Verlage Spiele für Erwachsene anbieten, wirklich korrekt ist. Heidelberger ist da bestimmt vorne mit dabei, auch Ravensburger produziert ein paar solche Spiele, auch wenn mir dieser Name nicht als erstes einfallen würde. Es gibt ausserdem noch: -Pegasus -Asmodee -Schmidt-Spiele -Kosmos Dann gibt es die etwas kleineren Spieleverlage, die auch Spiele für Erwachsene herausbringen: -2F -Abacus -Lookout -Moses -Ulisses und dann natürlich die ganzen Kleinstverlage, die häufig nur ein oder zwei Spiele im Angebot haben. Ich gebe meinem Vorredner Recht: Wer sich für das Thema interessiert sollte sich in ein Fachgeschäft in seiner Umgebung begeben. Sie werden staunen, was es alles gibt. :-)
Volle Zustimmung, aaaber Fachgeschäft? Mir fällt in meiner Umgebung nur eins ein und das sind 20 Minuten Autofahrt bis dahin. Ansonsten Toys r'us oder Müller. Als Verlage fallen mir noch Amigo, Alea und Eggert ein.
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