Von Armin Himmelrath
Um sieben Uhr muss sie im Büro sein, wach und leistungsfähig. Juliane Richert, 24, macht gerade ihr Praxissemester bei einem großen Automobilhersteller in Niedersachsen. "Acht bis zehn Stunden sind normal", sagt die BWL-Studentin, "wenn ich um 17 Uhr wieder zu Hause bin, dann bin ich völlig erledigt." Eigentlich müsste sie sich noch einmal aufraffen, "denn Praxissemester hin oder her, für die Klausuren am Semesterende muss ich auf jeden Fall lernen." Doch dafür reicht die Kraft oft nicht. Julianes Fazit: "Ich bin es ja schon gewohnt, viel zu arbeiten - aber hier im Praktikum habe ich das Gefühl, für gar nichts mehr genügend Zeit zu haben."
Studieren, lernen, arbeiten - das war für die Studentin der Hochschule Stralsund vom ersten Semester an "der Dreiklang meines Studiums". Vorlesungen von 8 bis 16 Uhr, schnell zum Studentenjob in einem Drittmittelprojekt, plus drei, vier Abende pro Woche als Türsteherin einer Kneipe: "Natürlich fehlt da auch mal die Zeit zur ausreichenden Vor- und Nachbereitung der Seminare."
Trotzdem hängte Juliane sich rein und schaffte es, im Zeitplan zu bleiben, "schließlich hatte die Hochschule uns schon zu Beginn deutlich gemacht: Wenn wir in der Regelstudienzeit abschließen, gibt's für die FH einen Bonus". Druck übe auch der Staat aus, indem etwa die Bafög-Zahlungen an die Regelstudienzeit gekoppelt werden. "Wer dieses Geld braucht, hat keine andere Wahl als mitzuziehen, egal unter welchen Schwierigkeiten, egal wie überfrachtet das Curriculum ist", sagt Juliane. Sie kenne etliche Kommilitonen, die das nur aushalten, indem "Cola und Energy Drinks, Ritalin und Zigaretten zum Treibstoff werden."
"Verrückt und manchmal unmenschlich"
Doch gewürdigt werde die Leistung kaum, im Gegenteil: Unternehmen fragten beim Vorstellungsgespräch häufig, wo denn der Qualitätsverlust beim Bachelor beginne - "und um sich dann keine Blöße geben zu müssen, machen wir eben noch ein Praktikum mehr und ein zusätzliches kleines Projekt obendrauf". Nicht zuletzt die eigene Psyche sei ein Stressfaktor: "Du musst besser sein als die vielen anderen - den Gedanken habe ich oft", sagt Juliane, "dafür muss eben ein bisschen mehr im Lebenslauf stehen: Mitarbeit in Fachschaft oder Asta, das zusätzliche Auslandssemester, die Stelle im Forschungsprojekt."
Zu viel Druck auf Studenten führt nicht zu besseren Studenten - das erkennen auch Unternehmen. Der Personalchef eines großen Dienstleisters, der nicht genannt werden will, nennt es "verrückt und manchmal unmenschlich, mit welchen Maßstäben die Lebensläufe von Bewerbern bewertet werden. Bachelor-Absolventen mit Burnout-Syndrom helfen uns nicht weiter."
Ihr Ratschlag an Bachelor-Studenten: "Es wäre verkehrt, sich schon ab dem ersten Semester selber permanent unter Druck zu setzen." Immer wieder gebe es auch Bewerber, die abseits ausgetretener Pfade Erfahrungen gesammelt haben. Und gerade dadurch überzeugen. Verändert habe die Bologna-Reform die Kriterien nicht, sagt Wagner: "Diesen Blick auf die Gesamtpersönlichkeit gab es schon immer - auch vor Bachelor und Master."
Wer zu viel nebenher macht, fliegt aus der Kurve
Die Kölner Studentin Jessica Kellershofen, 23, bezweifelt, "dass Bachelor-Studenten überhaupt noch die Chance haben, nach rechts und links zu schauen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln." Sie studiert Sozialwissenschaften im 7. Semester - und erlebt als Asta-Referentin für Bildungspolitik neben dem eigenen Studienstress auch den der Kommilitonen. "Den meisten Druck macht man sich vielleicht selber", überlegt Jessica, bevor auch ihr äußere Faktoren einfallen: Prüfungen zählen vom ersten Semester an für die Endnote; der spätere Notenschnitt entscheidet über den Übergang zu einem Master-Studiengang.
Und die Malus-Regelung ihrer Fakultät: "Wenn ich eine bestimmte Zahl von Klausuren nicht bestehe, verliere ich die Berechtigung, mein Studium überhaupt abzuschließen." Die Exmatrikulationsdrohung bei zu vielen Maluspunkten könnte sie selbst erwischen. Denn neben dem Engagement als Studentenvertreterin jobbt Jessica auch noch 18 Wochenstunden in einem Medienunternehmen. "Und trotzdem ist da natürlich der Druck, so schnell wie möglich fertig zu werden."
Wie aber soll das gehen, wenn drei Monate Pflichtpraktikum im Curriculum stehen, manche der Firmen aber nur Sechs-Monats-Praktika akzeptieren? Das sorge für eine ungewollte Studienverlängerung und erheblichen Stress, sagt Juliane Richert, wie auch unbezahlte Praktika - sie kenne Studenten, "die nebenher noch jobben müssen, um in dieser Zeit zu überleben".
"Oft kennen Dozenten die Maßstäbe in der Wirtschaft nicht so genau"
Bachelor-Absolventen als preiswerte Arbeitskräfte, "zumindest fragwürdig" findet das Udo Bohdal-Spiegelhoff, Managementberater beim großen Consulting-Unternehmen Deloitte (offizieller Jobtitel: "Partner & Practice Leader Human Capital Advisory Services"). "Ein Bachelor braucht dieselbe Betreuung wie ein Praktikant." Im Beratungsgeschäft seien die fachlichen Erwartungen an Absolventen gar nicht so hoch: "Im Mittelpunkt stehen die Persönlichkeit und klassische Schlüsselqualifikationen, die oft sogar losgelöst vom Studiengang sind." Als Beispiele nennt er Kreativität, analytisches Denken, Fähigkeit zum aktiven Zuhören und Konfliktlösungskompetenz - "alles im Zweifelsfall wichtiger als ein zusätzliches Praktikum im Lebenslauf".
Die wirkliche Praxiserfahrung könnten die Absolventen im Berufsalltag sammeln, "wie in einem Modulsystem ergänzen wir die Kenntnisse aus dem Studium durch passgenaue Erfahrungen in der Arbeitswelt". Für den Druck auf die Studenten sind für Bohdal-Spiegelhoff nicht die Unternehmen verantwortlich, sondern die Hochschullehrer: "Dahinter stehen oft Dozenten, die vielleicht nicht so wahnsinnig viel Praxiserfahrung haben. Sie kennen die Maßstäbe in der Wirtschaft nicht so genau und bauen dadurch höhere Hürden auf als vielleicht notwendig."
Wer sich bewähre, könne in Abstimmung mit Deloitte auch weitere Herausforderungen wie den Master- oder Doktortitel angehen, so Bohdal-Spiegelhoff - am liebsten an Hochschulen, zu denen enge Kontakte bestehen, "weil da unsere Anforderungen bekannt sind".
Auch Siemens setzt auf solche Kooperationen, sogar schon im grundständigen Studium. "Was den Bachelor angeht, halten wir besonders ein duales Studium für attraktiv, weil es wirkliche Praxisnähe ermöglicht", sagt Personalerin Kerstin Wagner. Das Unternehmen kooperiert dafür in Deutschland mit mehreren Hochschulen und hat derzeit rund 2300 Mitarbeiter in einem dualen Studium.
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