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Bachelor-Studenten Wo ist hier das Druckventil?

Bachelor-Studenten unter Druck: "Verrückt und manchmal unmenschlich" Fotos
dpa

Verschult, verkopft, verkorkst - seit der Umstellung auf Bachelor und Master klagen Studenten über Stress. Oliver Kahns Lebensthema ist ihr Studienthema: dieser immense "Druuuck". Daran haben die Hochschulen ihren Anteil, Unternehmen und die Studenten selbst aber auch.

Um sieben Uhr muss sie im Büro sein, wach und leistungsfähig. Juliane Richert, 24, macht gerade ihr Praxissemester bei einem großen Automobilhersteller in Niedersachsen. "Acht bis zehn Stunden sind normal", sagt die BWL-Studentin, "wenn ich um 17 Uhr wieder zu Hause bin, dann bin ich völlig erledigt." Eigentlich müsste sie sich noch einmal aufraffen, "denn Praxissemester hin oder her, für die Klausuren am Semesterende muss ich auf jeden Fall lernen." Doch dafür reicht die Kraft oft nicht. Julianes Fazit: "Ich bin es ja schon gewohnt, viel zu arbeiten - aber hier im Praktikum habe ich das Gefühl, für gar nichts mehr genügend Zeit zu haben."

Studieren, lernen, arbeiten - das war für die Studentin der Hochschule Stralsund vom ersten Semester an "der Dreiklang meines Studiums". Vorlesungen von 8 bis 16 Uhr, schnell zum Studentenjob in einem Drittmittelprojekt, plus drei, vier Abende pro Woche als Türsteherin einer Kneipe: "Natürlich fehlt da auch mal die Zeit zur ausreichenden Vor- und Nachbereitung der Seminare."

Trotzdem hängte Juliane sich rein und schaffte es, im Zeitplan zu bleiben, "schließlich hatte die Hochschule uns schon zu Beginn deutlich gemacht: Wenn wir in der Regelstudienzeit abschließen, gibt's für die FH einen Bonus". Druck übe auch der Staat aus, indem etwa die Bafög-Zahlungen an die Regelstudienzeit gekoppelt werden. "Wer dieses Geld braucht, hat keine andere Wahl als mitzuziehen, egal unter welchen Schwierigkeiten, egal wie überfrachtet das Curriculum ist", sagt Juliane. Sie kenne etliche Kommilitonen, die das nur aushalten, indem "Cola und Energy Drinks, Ritalin und Zigaretten zum Treibstoff werden."

"Verrückt und manchmal unmenschlich"

Doch gewürdigt werde die Leistung kaum, im Gegenteil: Unternehmen fragten beim Vorstellungsgespräch häufig, wo denn der Qualitätsverlust beim Bachelor beginne - "und um sich dann keine Blöße geben zu müssen, machen wir eben noch ein Praktikum mehr und ein zusätzliches kleines Projekt obendrauf". Nicht zuletzt die eigene Psyche sei ein Stressfaktor: "Du musst besser sein als die vielen anderen - den Gedanken habe ich oft", sagt Juliane, "dafür muss eben ein bisschen mehr im Lebenslauf stehen: Mitarbeit in Fachschaft oder Asta, das zusätzliche Auslandssemester, die Stelle im Forschungsprojekt."

Zu viel Druck auf Studenten führt nicht zu besseren Studenten - das erkennen auch Unternehmen. Der Personalchef eines großen Dienstleisters, der nicht genannt werden will, nennt es "verrückt und manchmal unmenschlich, mit welchen Maßstäben die Lebensläufe von Bewerbern bewertet werden. Bachelor-Absolventen mit Burnout-Syndrom helfen uns nicht weiter."

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Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection
Welche Kriterien kommen dann zum Einsatz? Und unter welchem Druck stehen Bachelor-Studenten aus Sicht von Arbeitgebern? "Wir schauen zu allererst auf die Person und darauf, ob die Persönlichkeit und die Fähigkeiten zur ausgeschriebenen Stelle passen", sagt Kerstin Wagner, Head of Global Talent Acquisition bei Siemens. Natürlich sei Praxiserfahrung bei den Absolventen erwünscht, genauso berücksichtige Siemens aber auch Aktivitäten neben dem Studium und die Sprachkenntnisse: "Der Mix ist entscheidend", so Wagner.

Ihr Ratschlag an Bachelor-Studenten: "Es wäre verkehrt, sich schon ab dem ersten Semester selber permanent unter Druck zu setzen." Immer wieder gebe es auch Bewerber, die abseits ausgetretener Pfade Erfahrungen gesammelt haben. Und gerade dadurch überzeugen. Verändert habe die Bologna-Reform die Kriterien nicht, sagt Wagner: "Diesen Blick auf die Gesamtpersönlichkeit gab es schon immer - auch vor Bachelor und Master."

Wer zu viel nebenher macht, fliegt aus der Kurve

Die Kölner Studentin Jessica Kellershofen, 23, bezweifelt, "dass Bachelor-Studenten überhaupt noch die Chance haben, nach rechts und links zu schauen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln." Sie studiert Sozialwissenschaften im 7. Semester - und erlebt als Asta-Referentin für Bildungspolitik neben dem eigenen Studienstress auch den der Kommilitonen. "Den meisten Druck macht man sich vielleicht selber", überlegt Jessica, bevor auch ihr äußere Faktoren einfallen: Prüfungen zählen vom ersten Semester an für die Endnote; der spätere Notenschnitt entscheidet über den Übergang zu einem Master-Studiengang.

Und die Malus-Regelung ihrer Fakultät: "Wenn ich eine bestimmte Zahl von Klausuren nicht bestehe, verliere ich die Berechtigung, mein Studium überhaupt abzuschließen." Die Exmatrikulationsdrohung bei zu vielen Maluspunkten könnte sie selbst erwischen. Denn neben dem Engagement als Studentenvertreterin jobbt Jessica auch noch 18 Wochenstunden in einem Medienunternehmen. "Und trotzdem ist da natürlich der Druck, so schnell wie möglich fertig zu werden."

Wie aber soll das gehen, wenn drei Monate Pflichtpraktikum im Curriculum stehen, manche der Firmen aber nur Sechs-Monats-Praktika akzeptieren? Das sorge für eine ungewollte Studienverlängerung und erheblichen Stress, sagt Juliane Richert, wie auch unbezahlte Praktika - sie kenne Studenten, "die nebenher noch jobben müssen, um in dieser Zeit zu überleben".

"Oft kennen Dozenten die Maßstäbe in der Wirtschaft nicht so genau"

Bachelor-Absolventen als preiswerte Arbeitskräfte, "zumindest fragwürdig" findet das Udo Bohdal-Spiegelhoff, Managementberater beim großen Consulting-Unternehmen Deloitte (offizieller Jobtitel: "Partner & Practice Leader Human Capital Advisory Services"). "Ein Bachelor braucht dieselbe Betreuung wie ein Praktikant." Im Beratungsgeschäft seien die fachlichen Erwartungen an Absolventen gar nicht so hoch: "Im Mittelpunkt stehen die Persönlichkeit und klassische Schlüsselqualifikationen, die oft sogar losgelöst vom Studiengang sind." Als Beispiele nennt er Kreativität, analytisches Denken, Fähigkeit zum aktiven Zuhören und Konfliktlösungskompetenz - "alles im Zweifelsfall wichtiger als ein zusätzliches Praktikum im Lebenslauf".

Die wirkliche Praxiserfahrung könnten die Absolventen im Berufsalltag sammeln, "wie in einem Modulsystem ergänzen wir die Kenntnisse aus dem Studium durch passgenaue Erfahrungen in der Arbeitswelt". Für den Druck auf die Studenten sind für Bohdal-Spiegelhoff nicht die Unternehmen verantwortlich, sondern die Hochschullehrer: "Dahinter stehen oft Dozenten, die vielleicht nicht so wahnsinnig viel Praxiserfahrung haben. Sie kennen die Maßstäbe in der Wirtschaft nicht so genau und bauen dadurch höhere Hürden auf als vielleicht notwendig."

Wer sich bewähre, könne in Abstimmung mit Deloitte auch weitere Herausforderungen wie den Master- oder Doktortitel angehen, so Bohdal-Spiegelhoff - am liebsten an Hochschulen, zu denen enge Kontakte bestehen, "weil da unsere Anforderungen bekannt sind".

Auch Siemens setzt auf solche Kooperationen, sogar schon im grundständigen Studium. "Was den Bachelor angeht, halten wir besonders ein duales Studium für attraktiv, weil es wirkliche Praxisnähe ermöglicht", sagt Personalerin Kerstin Wagner. Das Unternehmen kooperiert dafür in Deutschland mit mehreren Hochschulen und hat derzeit rund 2300 Mitarbeiter in einem dualen Studium.

  • Claudia Adolphs
    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.

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insgesamt 36 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die Lebenswirklichkeit....
fatherted98 30.01.2012
...geht doch an den meisten Studierenden vorbei. Wenn diese dann mit Ende zwanzig, Anfang dreißig im Job landen, sind sie meist überfordert und können sich nur schlecht behaupten. Das jahrlelange sture büffeln wird von eintöniger Sachbearbeitung abgelöst die entweder völlig unterfordert oder total überfordert (je nach Typus). Das sich da bei den neuen Studienabschlüssen viel geändert hat kann ich nicht feststellen...die Probleme sind die gleichen wie vor der Umstellung. Leider fehlen die vielgescholtenen Praktika, die eigentlich während des Studiums abgeleistet werden sollten (und eben nicht nur 6 Monate im Archiv damit man es als Bestätigung vorlegen kann). Eine nicht kleine Zahl der Studierenden ist (nach Abschluß) mit ihren Aufgaben im Betrieb völlig überfordert und geben entweder schnell auf oder werden "nach unten" durchgereicht, weil man mit ihnen nichts anfangen kann. Ich kenne mehrere BWL Absolventen die im Call Center neben der ungelernten Kraft sitzen und dort Telefondienst machen, weil über die Zeitarbeit nichts anderes zu bekommen ist.
2. dieses Gejammere ist nicht auszuhalten...
sokrates1950 30.01.2012
Hört doch endlich auf mit dem Gejammere. 1985-1989 UNI-Fernstudium, Familie mit zwei Kindern (Frau im Schichtbetrieb als Krankenschwester), Vollzeitstelle - da gab es sogar noch Zeit für Feten an den Wochenenden usw. Dipl.-Abschluss: 1,4 Wer eine Prüfung nicht bestand, hatte zwei Chancen auf Wiederholung, dann wurde exmatrikuliert - ohne Pardon. Wer das Studium als Belastung empfindet, meint, es nicht zu schaffen - der ist eben fehl am Platz in der UNI und sollte eine klassische Berufsausbildung machen. Ach ja, die Anforderungen da sind ja auch viel zu hoch. Einfach mal die eigene Leistungsfähigkeit realistisch einschätzen und dann eine Ausbildung wählen.
3. Türstheri???
masamune 30.01.2012
Diese Juliane soll als Türsteherinin einer Kneipe jobben? Ich habe mir mal die photos angeschaut und hab da jetzt so eine tätowierte Frauenknastausbrecherin erwartet so von der Sorte einer Walter...aber dann dieses Foto von diesem süssen Mädchen...wie passt denn das zusammen...die sieh nicht gerade aus als könnte sie einen Hells Angel aus der Kneipe werfen...hat SPON hier wirklich tiefgründig recherchiert?
4. blindwütiger Amerikanismus
efka 30.01.2012
Zitat von sysopVerschult, verkopft, verkorkst - seit der Umstellung auf Bachelor und Master klagen Studenten über Stress. Oliver Kahns Lebensthema ist ihr Studienthema: dieser immense "Druuuck". Daran haben die Hochschulen ihren Anteil,*Unternehmen und*die Studenten selbst aber auch. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,811920,00.html
… von OBEN aufgepflanzt! Unser deutsches Gesellschaftssystem ist und war immer so aufgebaut: Oben wird entschieden und bestimmt. Demokratie steht auf einem Zettel an der Pinnwand! Mehr nicht! Politik wird von Lobbyisten und Staatssekretären gemacht - nicht von Politikern! Ihr habt ein gutes und anerkanntes Bildungssystem aus den Angeln gehoben, kaputt gemacht und in Misskredit gebracht. Unis sind abhängig von den Lobbyisten der Industrie - die Ergebnisse der Forschung somit "für den Ar…" weil abhängig. Duckmäuser und Seilschaften im Forschungsbetrieb, keine Innovation, kein freies Denken! Woher denn auch? *Verschult, verkopft, verkorkst* und KEINER macht was dagegen! DAS ist das Problem! Der Fisch stinkt vom Kopf! efka
5. Stress ?
danielohondo 30.01.2012
Wenn ich mir die Bachelor-Studiengänge bei uns an der FH angucke und mit den Leuten rede, dann merke ich, dass die nicht viel mehr Stress haben, als wir Diplomer den hatten. Es wurde einges weggestrichen und mehr Übungen eingeführt. Das einzige was stressig ist, ist die Praxisphase und die Abschlussarbeit, da man nur die Hälfte der Zeit zur Verfügung hat und die Betriebe kaum jemand für 3 Monate einstellen wollen. Es wird dann getrickst, man fängt früher an im Betrieb und meldet die Arbeit eine oder zwei Monate später an. Nichtdestotrotz hat man im Bachelor kaum noch Zeit für andere Tätigkeiten, wie ein guter Nebenjob, der für spätere Zukunft nützlich sein könnte oder ein zusätzliches Praktikum. Das ganze wurde so getrimmt, dass man als Student möglichst schnell abschließt, was natürlich für die Länder deutliche Ersparnisse bringt und die Studenten haben weniger davon. So ein schnelles Studium bringt einfach wenig, da man das wissen in kürzeren Zeit zwar lernen kann, aber dann auch wieder schnell vergessen kann. Das Wissen braucht Zeit, man muss es anwenden und wiederholen und dann hat man es endlich für immer. Die junge Frau aus dem Beispiel mit Praktikum, die über 10 Stunden arbeiten muss, ist ja wohl die größte Frechheit. Hat sie was von Betriebsrat gehört ? Da der große Hersteller in Niedersachsen auch bei IGMetall Tarifgebunden ist, darf sie als Studentin nie pro Tag mehr als 10 Stunden arbeiten und schon mal garnicht die ganze Woche, das ist eher als Ausnahme gedacht. Ich musste auch paar mal so viel Arbeiten, aber das war projektbezogen und nur paar Tage, aber nicht Wochen. Sie ist selbst Schuld.
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