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Bayern-Fußballer Timo Heinze Das jähe Ende einer Kickerkarriere

Fußballer Timo Heinze: Jung, hochbegabt, aussortiert Fotos
Thorsten Wulff

Jung, hoch talentiert, aussortiert: Timo Heinze war Jugendnationalspieler und Kapitän der Bayern-Amateure. Mitspieler wie Thomas Müller und Mats Hummels wurden Stars. Heinze stürzte ins Nichts. Jetzt hat er ein Buch über den vermeintlichen Traumberuf Fußballprofi geschrieben.

Bayern-Profi Thomas Müller sitzt gerade im Auto auf dem Heimweg vom Training, als sein Handy klingelt. Eine Stimme aus der Vergangenheit ist dran: Sein früherer Teamkamerad Timo Heinze erzählt eine Neuigkeit, Müller kann es kaum glauben. Die beiden entwickeln eine Idee.

Rund drei Jahre zuvor kickten Müller und Heinze gemeinsam bei den Amateuren des FC Bayern München. Oft musste Heinze, rechter Verteidiger, Fehler seines Kollegen, rechtes Mittelfeld, ausbügeln. Die bayerischen Buben wurden Kumpels. Bald spielte Thomas Müller in der Bundesliga, dann in der Nationalelf. Derweil rackerte Timo Heinze in der zweiten Bayern-Mannschaft, wurde vom Kapitän zum Auswechselspieler degradiert und gab seine Profikarriere schließlich auf.

Über seinen Aufstieg und abrupten Fall hat Heinze, heute 26 Jahre alt, ein bemerkenswertes Buch geschrieben. "Nachspielzeit - eine unvollendete Fußballkarriere" ist soeben erschienen. Warum kommen manche Fußballer in der Spitze des Profisports an, warum scheitern andere? Was muss man mitbringen, um Profi zu werden - und es zu bleiben? Was geschieht hinter den Kulissen, welchen Regeln folgt der moderne Fußballbetrieb?

Keiner kennt die 99 Prozent

Jeder kennt das eine Prozent der Superstars im Fußball, die Messis und Ronaldos, die Schweinsteigers und Neuers. Von den 99 Prozent aber, die es nicht schaffen, erfährt die Öffentlichkeit wenig. Timo Heinze kam mit zwölf Jahren zum Rekordmeister, einer dieser Jungs voller großer Träume. "Für mich war immer klar, ich will Profi werden, dafür war ich auch bereit, auf Partys und all das zu verzichten", erzählt Heinze in einem Straßencafé am Kölner Neumarkt. Seine Statur, die O-Beine, die modische Kleidung - er sieht immer noch aus wie ein Fußballer.

Jahrelang lief es super für ihn. "Vor allem in der A-Jugend bei Bayern hatte ich verdammt viel Spaß, wir waren eine geile Truppe." Deutscher Meister wurden sie, alle träumten davon, in vollbesetzten Stadien aufzulaufen. Doch letztlich schaffte es von den Jungs aus Heinzes Jahrgang 1986 genau einer in die erste Liga: Georg Niedermeier, beim VfB Stuttgart. Spieler kamen und wurden wieder aussortiert, in diesem flüchtigen Geschäft reichen Nuancen, um Träume platzen zu lassen.

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Fußballprofis: Hummels, Müller, Rensing über die Branchengesetze
Neben Niedermeier gehörten zu Heinzes engerem Umfeld Mats Hummels, Michael Rensing und Thomas Müller. Sie sind alle zwischen 1984 und 1989 geboren und steckten voller Enthusiasmus. Heinze durchlief bei den Bayern alle Jugendteams und erkämpfte sich den Respekt der Kollegen. "Timo war ziemlich schnell und sehr bissig im Zweikampf", so Thomas Müller. Der Gedanke, dass es für Timo nicht reichen könnte, sei ihm nie gekommen.

Ein unerklärlicher Bruch - Heinze versteht die Welt nicht mehr

Zunächst geht's für Timo Heinze rasant Richtung Profi. Er rückt in die Nationalkader der U-16, U-17 und U-19, spielt für die Bayern-Amateure ab 2005 Regional- und dritte Liga. Der Höhepunkt bei Oliver Kahns Abschiedsspiel 2008: Jürgen Klinsmann wechselt ihn in die erste Mannschaft ein. Wenig später ernennt ihn Trainer Hermann Gerland zum Kapitän der zweiten Mannschaft.

Mit 19 Jahren erwischt Heinze eine langwierige Verletzung, vielleicht könne er nie wieder spielen, sagt ein Arzt. Erstmals flackern in ihm Gedanken auf, den Fußballtraum zu begraben, "aber ich wollte wieder zurück". Keiner seiner Kameraden kommt ihn im Krankenhaus besuchen, wenige erkundigen sich nach seinem Zustand. "Letztlich waren wir ja alle Konkurrenten, vermutlich lag es auch daran", sagt Heinze heute.

Er arbeitet sich jedoch zurück und läuft einige Male als Spielführer auf. Immer öfter sitzen nun Scouts auf den Rängen, machen sich Notizen, suchen das Gespräch mit dem Trainerteam. Heinze hat glänzende Perspektiven. Längst kann er vom Fußball gut leben, mit schicker Wohnung und Auto.

Mats Hummels: "Verletzungen zwischen 18 und 20 sind das Schlimmste"

Dann kommt der Bruch, Heinze schildert es so: Er macht ein paar durchschnittliche Spiele; von einem Tag auf den anderen setzt Coach Gerland ihn auf die Bank, nimmt ihm die Kapitänsbinde weg. Heinze sucht das Gespräch, ratlos und verzweifelt. Gerland gibt ihm zu verstehen, er sei nicht mehr gut genug - und hüllt sich sonst in Schweigen. Heinze versteht die Welt nicht mehr, kämpft, hofft. Vergebens.

Wer nur noch vereinzelt eingewechselt wird, für den interessieren sich auch keine Scouts. Der Verein gibt dem verunsicherten Spieler zu verstehen, dass er hier keine Zukunft mehr hat. Auch Heinze sieht das so. Er spielt noch eine Saison für Unterhaching und beschließt dann schweren Herzens, seine Karriere zu beenden. Um wieder zur Besinnung zu kommen, flieht er auf die indonesische Insel Bali und beschließt, alles aufzuschreiben und so zu verarbeiten.

Sieben Minuten, die Timo Heinze nie vergessen wird
Warum so ein brutaler Absturz? Reichen dafür wirklich einige mäßige Spiele? Hermann Gerland ist beim FC Bayern eine Hausmacht, geliebt und gefürchtet gleichermaßen. Er kann Talente hingebungsvoll loben und protegieren; er kann aber auch - das sagen ehemalige Spieler - nachtragend und vernichtend sein. "Mit seiner Art muss man umgehen können", so Nationalspieler Mats Hummels. Gerlands Sprache sei hart, seine Kritik könne wehtun, allzu sensibel dürfe man da nicht sein.

Hummels sagt auch: "Ich habe Hermann Gerland viel zu verdanken, seine Art konnte ich immer einordnen." Warum das bei Timo anders lief, kann sich der Dortmunder Profi nicht recht erklären. "Ich glaube, seine Verletzung hat viel dazu beigetragen, er hatte einfach keine echte Chance mehr." Denn eine Verletzung im Alter zwischen 18 und 20 Jahren sei das Schlimmste, was einem angehenden Profi passieren könne. "Da werden ja die Weichen gestellt."

Thomas Müller: "Denken beim Spiel ist scheiße"

In Heinzes Buch geben Kapitel wie "Mannschaftskultur" oder "Körpergefühl" Einblicke in die Kabinen, den Umgang zwischen Fußballprofis, das kontrastreiche Leben der Spieler. Unter "Kopfball" stellt er vier moderne Spielertypen vor, auch den schizophrenen Typ - etwa Thomas Müller. Schmunzelnd erklärt Heinze seine Definition: "Jemand, der sich im Gegensatz zum normalen Leben kaum einen Kopf macht beim Spiel, der auch mal chaotisch sein kann und versagt, dann aber mit der einen Aktion ein Spiel wieder dreht. Thomas kann so was."

Müller lachte laut und herzlich, als er das Kapitel las - "Denken beim Spiel ist scheiße, das lenkt dich zu sehr ab". Er habe dieses tiefe, stumme Wissen in sich, dass er auch in der 89. Minute noch das entscheidende Tor schießen könne; das gebe ihm Sicherheit, auch wenn er vorher unterirdisch gespielt habe. "Insofern ja: Ich bin da wohl etwas schizophren."

Thomas Müller kann sich Heinzes jähen Absturz kaum erklären: "Es kann sehr schnell gehen, das Vertrauen des Trainers zu verlieren, eventuell hat Timo sich auch zu viele Gedanken gemacht. Was im echten Leben eine tolle Eigenschaft ist, kann im Fußball hinderlich sein." Hermann Gerland wollte sich trotz mehrfacher Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern.

Der Kopf so voll, die Seele so leer

Heinze selbst sieht nach jahrelangem Grübeln nur einen Teil der Fehler bei sich, hat aber keine Abrechnung geschrieben. Er wolle anderen jungen Spielern etwas mit auf den Weg geben, auch Tipps, was man beachten muss in diesem Gewerbe.

Weil der Kopf so voll war und die Seele so leer, flog er nach dem Karriereende nach Bali und begann, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Daheim drängten die Eltern und enge Freunde ihn zur Veröffentlichung. "Ich war skeptisch, schließlich ist es sehr persönlich", sagt Heinze, der auch schrieb über Trainer wie Jürgen Klinsmann, Mehmet Scholl und Felix Magath, über Spieler wie Sebastian Deisler und Zé Roberto.

"Nachspielzeit" ist kein Skandalbuch, es ist ein ehrlicher, entwaffnender Blick auf das Fußballgeschäft, gelegentlich sentimental, aber unverkitscht. Inzwischen studiert Timo Heinze an der Sporthochschule Köln und ist mit sich "im Reinen". Was ihn wirklich freut: die Reaktion seiner alten Weggefährten, ihre Loyalität. Georg Niedermeier war einer der ersten, der das Manuskript las ("Ich musste oft schmunzeln, was Timo sich alles gemerkt hat"). Michael Rensing sagt: "Vieles kam mir sehr bekannt vor, es ist eine Reise auch in meine Vergangenheit bei Bayern."

Am 28. November wird Heinze mit Mats Hummels und Jens Kleinert an der Kölner Sporthochschule über das Thema "Traumberuf Fußballprofi?!" diskutieren. Kleinert gehört zu "Mental Gestärkt", einer Initiative zur Förderung der psychischen Gesundheit von Leistungssportlern. Sven Voss vom "Aktuellem Sportstudio" des ZDF übernimmt die Moderation, weil im Fußball "das Thema Druck hoch kocht wie nie".

"Schizophrener Typ" hin oder her - als Thomas Müller an jenem Nachmittag im Auto von Timo Heinzes Buch erfuhr, war für den Bayern-Star eines glasklar: Das Vorwort möchte er gern schreiben. Und so kam es dann auch.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Alex Linden (Jahrgang 1977) studierte Sprach- und Kulturwissenschaften an der Uni Siegen und promovierte über den Geheimdienst BND. Seit seinem Volontariat beim "Westfälischen Anzeiger" schreibt er als Journalist vor allem über Sozial- und Kriminalthemen, seit 2006 auch für SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 77 Beiträge
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    Seite 1    
1. Letzte Station...
ccaa 22.11.2012
...war allerdings eine Saison bei Fortuna Köln – noch nach Unterhaching. Allerdings kam er dort auch nicht so richtig zum Zuge.
2. ....
jujo 22.11.2012
Zitat von sysopJung, hoch talentiert, aussortiert: Timo Heinze war Jugendnationalspieler und Kapitän der Bayern-Amateure. Mitspieler wie Thomas Müller und Mats Hummels wurden Stars. Heinze stürzte ins Nichts. Jetzt hat er ein Buch über den vermeintlichen Traumberuf Fußballprofi geschrieben. Bayern-München-Fußballer Timo Heinze: Jähes Ende einer Kickerkarriere - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/bayern-muenchen-fussballer-timo-heinze-jaehes-ende-einer-kickerkarriere-a-868379.html)
Willkommen im Leben kann ich da nur sagen. Im normalen Berufsleben läuft es doch nicht anders! Im richtigen Moment das richtige tun und die Türen gehen auf. Einmal an verkehrter Stelle dumm auffallen und man bekommt gesagt, das man nicht gehen muss aber mit Karriere ist Ende in dieser Firma. Geht man, kommt man auch in einer anderen Firma nicht weiter, die Personaler, in diesem Fall die Trainer, kennen sich und tauschen sich aus.
3. Tja, so ist das
ColynCF 22.11.2012
Um an die Spitze zu kommen braucht man außer Talent und harter Arbeit eben mindestens genau so viel Glück. Und anpassen muss man sich wohl auch können. Bei den richtigen Leuten kuschen, bei den anderen Ellenbogen. Das ist bei Künstlern genau das gleiche. 99% der talentierten landen nun mal im bedeutungslosen Mittelfeld.
4. Traumberuf
braamsery 22.11.2012
Ein Traumberuf bleibt für fast alle ein Traum. Es ist im Sport wie für den normalen Arbeiter. Er würde gern mehr verdienen, dafür auch meistens mehr tun, aber die Chance dazu haben die wenigsten. Besonders wenn man noch relativ neu ist und aufstrebend, muss man kontinuierlich gut sein, da sind Patzer nicht ausreichend, die werden bestraft. Hat man es geschafft hat man oft ein paar Versuche wenn was nicht gut klappt, aber bis dahin muss es fast fehelrfrei laufen.
5. haarsträubend
zampanist 22.11.2012
Es ist absurd und haarsträubend verfehlt, solche Möchtegern-Helden wie Schweinsteiger und solche Luftpumpen wie Neuer in einem Atemzug mit Ronaldo und Messi zu nennen!! Die Bayern können noch so oft versuchen, ihren Spielern die Marke "Weltstar" aufzudrücken - davon werden sie auch nicht besser.
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