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Berufe-WM in Leipzig Weltcup der Anfänger

Berufe-WM 2013 in Leipzig: Mit Handwerk zur Medaille Fotos
DPA

Sie sind jung und wollen Goldmedaillen. In Leipzig messen sich 1000 junge Leute aus 58 Ländern bei der Berufe-WM WorldSkills. Sie mauern und fräsen, programmieren und löten - Anfängerpech inklusive.

Ein paar Kinder haben sich im Schwarzwald verlaufen. Sie sitzen auf Bäumen und warten auf ihren Retter, einen Roboter. Er soll sie sicher in die Zivilisation zurückholen. Die Sache hat einen heftigen Haken: Der Roboter muss erst noch programmiert werden.

Das ist nicht der Beginn einer futuristischen Gruselstory aus Süddeutschland, sondern die Aufgabe, an der sich Martin Reichert und Thomas Kühler, beide 21, seit einer Stunde die Zähne ausbeißen. Sie treten an bei der Berufe-Weltmeisterschaft WorldSkills, die seit Dienstag und noch bis Sonntag in Leipzig läuft. Rund tausend Berufsanfänger aus 53 Ländern stellen ihr handwerkliches Geschick in 46 Disziplinen unter Beweis, darunter Azubis, junge Fachkräfte und Nicht-Akademiker. In der Regel sind sie höchstens 22 Jahre alt.

Reichert und Kühler wollen den WM-Titel in "Mobiler Robotik" holen. Jetzt müssen sie dem Rettungsroboter nur noch beibringen, wie er zum Samariter wird. Nicht so einfach, der Schwarzwald kommt in Halle 3 der Leipziger Messe minimalistisch daher: Er ist 4,40 mal 2,20 Meter klein, die Bäume sind schwarze Klötze, Rundhölzer stellen die Kinder dar.

Freigestellt und hart trainiert

Der Roboter, ein ovaler grauer Kasten mit allerlei Drähten, Minikamera oben und kleinen Rädern unten, braucht Such-Algorithmen. Vorn müssen die Teilnehmer einen Gabelstapler installieren, der die Kinder vom Baum holt. Alle 19 Teams arbeiten mit demselben System, müssen identisch angeordnete Bäume finden und die Holzklötze aus den Baumkronen retten. Reichert und Kühler programmieren mit dem Laptop ihr Vehikel.

Seit fünf Wochen trainieren die beiden Erfurter täglich für die Berufe-WM, die alle zwei Jahre ausgetragen wird, zuletzt in London. Reichert ist amtierender Europameister, doch sein Teamkollege, mit dem er antreten wollte, wurde krank. Sein Kollege Kühler sprang ein: "Ich bin mächtig stolz und dachte, dass ich irgendwann total nervös sein werde. Bin ich aber gar nicht." Ihr Arbeitgeber hat die beiden Mechatroniker freigestellt, für Vorbereitung und Weltmeisterschaft.

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Insgesamt stellt Deutschland 41 Teilnehmer in 38 Wettbewerben, die größte deutsche Mannschaft, die je bei einer Berufe-WM dabei war. Vier Tage lang kleben sie Fliesen an Wände, schrauben Autos zusammen, installieren Sanitäranlagen, drehen, fräsen, schweißen.

Wie Thomas Maske aus Rheinland-Pfalz, der sich am Stand der deutschen Nationalmannschaft letzte Infos holt. "Die Schweißnaht muss absolut gerade werden, die Schuppung muss stimmen, sie darf keine Haken schlagen. Ich hab' die letzten Wochen hart trainiert." Der 21-Jährige rechnet sich Chancen aus, auf dem Siegertreppchen zu landen.

"So was hab ich nie zuvor gemacht"

Christina Müglich, 20, ist schon mittendrin im Wettbewerb. In Halle 5 füllt die Floristin aus Fulda konzentriert Wasser in kleine Reagenzgläser, die an Schnüren in einem Würfel hängen. Dann steckt sie Blumen dazu. Eine Raumdekoration für ein modernes Museum soll sie kreieren, wie die anderen 16 Teilnehmerinnen hat sie dafür eine halbe Stunde Zeit.

"Das Schwierigste ist, eine Idee zu finden. Wir kennen die Aufgaben vorher nicht, so eine Deko hab ich noch nie gemacht", erzählt die junge Hessin. Vier weitere stehen an diesem Tag an: einen klassischen Blumenstrauß binden, Kranz stecken, Brautstrauß entwerfen und eine Überraschungskiste, von der keiner weiß, was drinsteckt.

Christinas ambitioniertes Ziel: mindestens die Bronzemedaille. Aber Konkurrenz ist stark, beobachtet von gut einem Dutzend Juroren. "30 Prozent werden objektiv bewertet, der Rest passiert subjektiv", sagt Dieter Reinecke, der Christina coacht. Er sitzt selbst in der Jury, darf sie aber nicht bewerten. Farbe spiele eine wesentliche Rolle, auch das verwendete Material. "Für eine gelungene Optik muss einfach alles passen."

Gleich neben den Floristen steht eine junge Pflegerin aus Schweden am Krankenbett eines Patienten. Hier wird der Weltmeister der Gesundheitsbetreuer gesucht, offiziell heißt die Disziplin "Soziale Dienstleistungen". Blutdruck messen, Diagnose stellen, Patientengespräch. Die deutsche Teilnehmerin für diesen Wettbewerb musste passen, krank. Alle Teilnehmer haben eine fundierte Ausbildung nach weltweit gültigen Standards, doch es braucht mehr, sagt der deutsche Juror Erich Matthis: "Dazu müssen sie Krankheitsbilder genau erkennen, das Gespräch mit dem Patienten perfekt beherrschen, ein wesentlicher Punkt in der Bewertung."

Und wieso bleibt jetzt der Roboter stehen?

Für die beiden Robotiker läuft es nicht rund. Reichert und Kühler müssen reden. Das wird aber zunehmend schwieriger, es ist verdammt laut. Nicht nur, weil nebenan Autos zusammengeschraubt werden. Riesige Schülergruppen schieben sich durch die Messehallen - als habe halb Deutschland schulfrei, nur um bei den WorldSkills dabei zu sein.

Reichert versucht sich trotzdem zu konzentrieren. Auch das macht die Besten der Besten aus: unter Druck zu arbeiten, egal ob es um Roboter, Trockenbauwände oder Blumensträuße geht. Wer gewinnen will, muss mit Stress klarkommen.

Reichert und Kühler gelingt das heute nicht. Ihr Roboter rettet keine Kinder, er rollt nur kurz durch den Schwarzwald, bleibt dann einfach stehen. "Wir haben die Geschwindigkeit zu hoch angesetzt, der Untergrund ist zu glatt, die Räder drehen durch", analysiert Reichert nach dem dritten Fehlversuch. "Ist ärgerlich, aber nicht zu ändern." Ein paar Meter weiter steht Trainer Ulrich Karras und beobachtet seine traurigen Schützlinge: "Ich hab' sie noch nie so gesehen, alles, was im Training geklappt hat, geht hier schief." Wäre das eine Fußball-WM, würde man wohl sagen, die beiden konnten ihre Leistung nicht abrufen.

Nebenan feiert das Team der Holländer. Kühler und Reichert schauen kurz rüber und geben sich kämpferisch: "Morgen ist ein neuer Tag, da greifen wir wieder an." Die Mechatroniker erhalten jeden Tag eine neue Aufgabe, wobei der Schwierigkeitsgrad steigt. "Wir ändern ein paar Kleinigkeiten, dann läuft das Ding."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Ronny Arnold (Jahrgang 1975) ist freier Journalist in Leipzig. Er gehört zum Mediendienst Ost, einem Netzwerk von Journalisten (Radio/Print/TV) in Mitteldeutschland.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Zu spät....
removebeforeflight 08.07.2013
Zeitgleich 3 Berichte über die Fashionweek( während sie lief),und nun doch noch ein Artikel über die Worldskills 2013, nachdem sie Gestern endete......SPON wird wohl zum Modemagazin
2. Na, Weltcup der Anfänger halt
ulord 14.07.2013
Grüß Gott, ja, wenn 200.000 Besucher der Deutschen Nationalmannschaft im Wettkampf in Leipzig zuschauen - was interessiert das schon SPON? Und da diese WM vor 40 Jahren zuletzt in Deutschland war und vermutlich so schnell nicht wieder kommt - warum soll man darüber berichten? Oder war die Pressearbeit der Leipziger so grottenschlecht? Wer weiß? Ich war auf jeden Fall die ganze Zeit in Leipzig mit dabei und für mich war das der Hammer. Könnte ich alle 2 Jahre mitmachen.
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