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Können Sie kunstvolle Fotos machen? Würden Sie gern einer erfahrenen Erzieherin begegnen? Mit solchen Fragen sollen Berufstests herausfinden, welcher Job zu einem passt. Berufsberaterin Uta Glaubitz hält das für Unfug - die Tests könnten das Problem sogar verschärfen.
Es fängt ganz harmlos an: Ob ich gern elektrische Geräte installiere, und ob ich gern die Verstärkeranlage für ein Popkonzert einrichten würde. Wenn ich mit Ja antworte - so vermute ich -, sollte ich Tontechnikerin werden. Vorsichtshalber verneine ich.
Danach werde ich gefragt, welche Berufe ich gut finde: Experimentalpsychologin, Kulturkritikerin, Präsidentin eines Organisationskomitees, Berufsberaterin, Schalterbeamtin oder Fahrscheinkontrolleurin.
Fahrscheinkontrolleurin - icke? Bei der BVG in Berlin? Und was könnte Kulturkritikerin für ein Beruf sein? Um authentisch zu bleiben, entscheide ich mich für Berufsberaterin, schließe den Test ab und bekomme das Ergebnis: Mein Persönlichkeitscode ist EIS. Dazu passen Berufe wie Hotelmanagerin, Physikerin und Krankenpflegerin. Allerdings interessiere ich mich nicht für Physik, was mir doch irgendwie eine wichtige Voraussetzung für eine Physikerin zu sein scheint.
"Können Sie kunstvolle Fotos machen?"
Der Test heißt Explorix und ich habe ihn in einer Wartezimmerzeitschrift gefunden. Könnte man meinen. In Wirklichkeit aber wurde das "wissenschaftlich entwickelte Selbsterkundungsverfahren" jahrelang von der Bundesagentur für Arbeit eingesetzt, die bis 1998 das Monopol für Berufsberatung hatte. Heute wird er übers Internet angeboten.
Wissenschaft ist Erweiterung des Wissens durch Forschung. Folglich stellt Explorix Fragen wie "Können Sie kunstvolle Fotos machen?" oder "Würden Sie gern einer erfahrenen Erzieherin begegnen?" Ob sich daraus Hinweise ergeben, ob ich besser Staatsanwältin oder Zahnärztin werde? In beiden Berufen würde ich sicher auch erfahrenen Erzieherinnen begegnen. Allerdings wäre ich dann lieber Lehrerin für Geschichte und Latein. Oder Winzerin. Aber nach diesen schönen Berufen fragt Explorix mich nicht.
Damit ein Test ansatzweise wissenschaftlich ist, müssten die Ergebnisse in irgendeiner Form überprüfbar sein. Es müsste also jemand nach zehn Jahren hingehen und herausfinden, ob die Getesteten glücklich im Beruf sind. Was, wenn sie unglücklich sind? Was, wenn das aber nicht am Beruf liegt? Würde man überhaupt eine zahlenmäßig relevante Gruppe finden, die das Testergebnis befolgt hat?
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Und es gibt weitere Probleme. Es ist ja schon schwierig genug, Menschen in einem Teilbereich ihres Lebens in Typen einzuteilen. Zum Beispiel in Haustiertypen. Dabei betrifft die Wahl des richtigen Haustiers nur Anschaffung, Tierarzt, Gassi gehen oder Aquarium reinigen. Für die richtige Berufsentscheidung dagegen müsste man Menschen vermutlich in tausend Klassen unterteilen, denen tausend Berufstypen zugeordnet werden. Nach dem Motto: Naturliebhaber sollten was mit Natur machen, also Förster oder Umweltpolitiker. Oder doch lieber Lokführer oder Entwickler von Ölfilmlösungsmitteln? (Unter uns: Wenn Sie Naturliebhaber sind, nur weil Ihre Eltern bei Greenpeace waren, dann wäre es vielleicht besser, aus der ganzen Naturliebe gerade keinen Beruf zu machen.) Zusätzlich gibt es bestimmt wieder Mischtypen, deren Diagnose dann lautet: "Sie sollten einen Beruf mit Natur machen, aber auch mit Büro."
"Ich finde Theater toll"
Tests, die allein auf Selbsteinschätzung basieren, führen ohnehin zu minderwertigen Ergebnissen. In der Regel antworten Leute das, was sie für sozial erwünscht halten. Kommt jemand aus dem Bildungsbürgertum, klickt er an "Ich finde Theater toll", auch wenn er beim "Zerbrochenen Krug" immer einschläft. Oder der Befragte antwortet so, wie er sich selbst gern sähe, zum Beispiel: "Ich habe Führungsqualitäten" oder "Ich kann mich gut in andere einfühlen."
Dann wird dem Einfühlsamen in der Regel vorgeschlagen, Sozialarbeiter zu werden - auch wenn Modedesigner vielleicht viel besser passen würde. Vor allem, wenn er später für seine Angestellten Sozialversicherungsbeiträge abführt, mit denen das Arbeitsamt neue Tests entwickeln kann, die nicht suggerieren: "Hier kommt die größte deutsche Behörde, ein väterlicher Freund, der Deine Lebensentscheidungen für Dich fällt."
Denn genau das ist das Problem: Berufstests erfüllen das Bedürfnis, die schwere Entscheidung für ein Berufsziel abzugeben. Dabei hätte ein guter Berufstest immer dasselbe Ergebnis: "Versuchen Sie nicht, sich vor der Entscheidung zu drücken, nur weil sie anstrengend ist, Charakter erfordert und Folgen hat. Übernehmen Sie stattdessen Verantwortung für Ihr Leben und entscheiden Sie, was Sie beruflich machen wollen." Alles andere verschärft nur das Problem.
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Foto: D. Stratenschulte - Berufsfindung.de
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