• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Berufseinsteiger Vertrauen Sie mir, ich bin Bachelor

Berufsstart mit Bachelor: Erste allgemeine Verunsicherung Fotos
Corbis

Bachelor-Absolventen verlassen die Unis mit einem kleinen Schleudertrauma und der bangen Frage, ob der Wechsel in den Beruf gelingt. Erst konnten Firmen die Jungakademiker schwer einschätzen. Inzwischen ist ihre Skepsis noch größer - weil das überladene Studium kaum Raum für Praxis lässt.

Schneller, internationaler, flexibler: So sollten sie sein, die Absolventen nach der Bologna-Reform, dem größten Umbau in der deutschen Universitätsgeschichte. Nikola Ziehe ist BWL-Professorin an der Fachhochschule Düsseldorf - und machte 2009 den Praxischeck. Zusammen mit Studenten des Studiengangs "Kommunikations-, Multimedia- und Marktmanagement" untersuchte sie Stellenanzeigen und interviewte Personalverantwortliche aus verschiedenen Branchen, um herauszufinden: Wie kommen Berufsstarter mit Bachelor und Master an auf dem Arbeitsmarkt?

Das Team stieß auf viel Unwissen. "Auch wenn die Mehrzahl der Betriebe bereits Bachelor- und Master-Absolventen eingestellt hatte, war den Personalern trotzdem unklar, was sie überhaupt von den neuen Abschlüssen erwarten konnten", sagt Ziehe. Die typische Grundhaltung: "BA oder MA, das ist egal - Hauptsache, Sie haben einen Studienabschluss!" Entsprechend hätten sich Bachelor- und Master-Absolventen oft auf die gleichen Jobs beworben, das gleiche Auswahlverfahren durchlaufen und sogar das gleiche Gehalt bekommen, so die Professorin.

Das war nicht unbedingt im Sinne der Erfinder. Als 1999 Europas Bildungsminister den Bologna-Prozess verabredeten, wollten sie vergleichbare Studienstrukturen in ganz Europa erreichen, die Studenten mobiler machen und ihnen einen früheren Berufseinstieg ermöglichen. Statt Diplom oder Magister war in Deutschland nun der Bachelor der "erste berufsqualifizierende Abschluss", so beschlossen es die deutschen Kultusminister 2003. Eine ideale Berufskarriere sollte nach dem BA erst einmal ein paar Jahre Berufspraxis aufweisen, bevor es dann für den Master zurück an Uni oder FH geht.

Die Tücken der schönen neuen Studienwelt

Nur: Der Bologna-Elan wechselnder Minister kam nie an bei den Hochschulen. Die erhielten kaum finanzielle Unterstützung für den großen Umbau und zauderten lange. Oft begnügten sie sich mit reinem Umtopfen - alte Lehrinhalte in ein kleineres Gefäß zwängen, neues Etikett draufpappen, fertig ist das Bachelorstudium. "Wir sehen, dass vielerorts die Studienreform, die eigentlich mit der Einführung der Bachelor-Studiengänge hätte verbunden werden müssen, nicht stattgefunden hat", sagt Werner Rückert, Leiter der psychologischen Beratungsstelle an der FU Berlin.

Fotostrecke

7  Bilder
Berufseinstieg mit Bachelor: Sechs Semester bis zur Festanstellung?
Das sechsemestrige Studium droht dann oft an den Inhalten von acht oder neun Semestern zu platzen. Die Folge: Stress, Frust und Dauerdruck bei Studenten. Manche mussten im Vorstellungsgespräch erst einmal erklären, was denn dieser "Bätschelor" eigentlich ist, der da auf ihrem Abschlusszeugnis prangt.

Exoten sind Bachelor-Absolventen nicht mehr. In großer Zahl beenden sie ihr Studium; allein 2010 waren es rund 110.000. Sie stoßen auf wachsende Skepsis: "Das Blatt hat sich in den letzten drei Jahren total gewendet", sagt Nikola Ziehe. "Heute ist der Master für die meisten Personaler das Maß der Dinge. Viele Unternehmen sagen, der Bachelor habe nicht die Qualität, die sie vom alten Diplom her noch kennen." An diesem Maßstab würden die Absolventen gemessen - allen Forderungen nach jüngeren Berufseinsteigern zum Trotz. "Der Trend ist eindeutig, Unternehmen wenden sich vom Bachelor ab und schwenken um zum Master", hat die Professorin beobachtet.

Reichen die Master-Plätze?

Wichtigster Kritikpunkt von Firmen: Die "Berufsqualifikation" werde versprochen, aber nicht geliefert. "Der gegenwärtig übliche Umgang mit Praktika reicht oft nicht aus, um Bachelor-Absolventen ausreichend auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten", so Wilfried Schubarth. Der Potsdamer Erziehungswissenschaftler hat mit Kollegen die Curricula von 30 Studiengängen an mehreren Unis und Fachhochschulen auf ihren Praxisbezug hin untersucht. "Die Praktikaphasen werden, in erster Linie an Unis, stiefmütterlich behandelt", sagt Schubarth. Nur mit besser verankerten Praktika könne man Absolventen eine höhere Handlungskompetenz mitgeben - und ihnen so Chancen auf dem Arbeitsmarkt eröffnen.

Zudem wollen viele Studenten nach dem Bachelor gar nicht arbeiten, sondern lieber sofort in einen Master-Studiengang wechseln - auch weil sie selbst skeptisch sind in Sachen Berufstauglichkeit. "Rund zwei Drittel streben den direkten Übergang an", schätzt Kolja Briedis vom Hochschul-Informationssystem (HIS); nach anderen Studien sind es sogar 80 Prozent. Indes ging Nordrhein-Westfalen in einer Planungsstudie ziemlich vage davon aus, dass "mehr als 50 Prozent" der BA-Absolventen weiter studieren wollen. Niedersachsen kalkulierte "höchstens 50 Prozent" ein, der frühere Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger nannte nur Übergangsquoten von 30 Prozent.

Arbeiten dann Bachelorstudenten zwangsläufig auf eine Sollbruchstelle in ihrer akademischen Karriere hin? Nein, sagt Bildungsforscher Briedis, rechnerisch reiche die Zahl der Master-Plätze für die Interessenten. "Man muss da mal mit nüchterner Mathematik herangehen", so Briedis, "BA-Absolventen können eigentlich ziemlich entspannt in die Zukunft schauen."

"Gewollter Bruch zwischen Bachelor und Master"

Master-Engpässe gibt es allerdings in einigen Fächern und an besonders begehrten Unis. Briedis hat Verständnis für die Unsicherheit mit dem neuen Abschluss: "Sie beruht auf dem gestuften System mit dem gewollten Bruch zwischen Bachelor und Master." Daraus könne man aber kaum schließen, dass das gesamte System nicht funktioniere, sagt Briedis.

In mehreren Studien hat er festgestellt: Sobald Arbeitgeber erste Erfahrungen mit Bachelor-Absolventen haben, steigt ihre Zufriedenheit - "auch wenn sich drei von vier Unternehmen noch einen höheren Praxisbezug der Lehrinhalte wünschen".

Ebenfalls auf der Arbeitgeber-Wunschliste: mehr kommunikative und soziale Kompetenz. Denn eine umfassende Persönlichkeitsentwicklung bis zum Bachelor-Abschluss sei bisher "eher die Ausnahme", sagt auch BWL-Professorin Nikola Ziehe. Kein Wunder, schließlich haben es die Hochschulen mit manchmal erst 18-jährigen Studienanfängern zu tun, die nach drei Jahren schon wieder gehen.

Die Düsseldorfer Fachhochschule habe bereits Konsequenzen gezogen und beginne in diesem Jahr damit, erste Bachelor-Studiengänge von sechs auf sieben Semester zu erweitern. "So können wir mehr Theorie und mehr Praxiserfahrungen unterbringen", sagt die Professorin, "und damit die Chancen sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch beim Wechsel in einen Master-Studiengang erhöhen."

  • Claudia Adolphs
    Armin Himmelrath (Jahrgang 1967) ist Wissenschafts- und Bildungsjournalist mit einem Faible für eher abseitig erscheinende Forschungsthemen - etwa rund um den Fußball. Darüber hat er das Buch "Macht Köpfen dumm? Neues aus der Fußball-Feldforschung" (Herder, 2006) geschrieben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nä
echobravo 26.01.2012
Zitat von sysopBachelor-Absolventen verlassen die Unis mit einem kleinen Schleudertrauma und der bangen Frage, ob der Wechsel in den Beruf gelingt. Erst konnten Firmen die Jungakademiker schwer einschätzen. Inzwischen ist ihre Skepsis noch größer - weil das überladene Studium kaum Raum für Praxis lässt. Berufseinsteiger: Vertrauen Sie mir, ich bin Bachelor - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,811184,00.html)
Bei mir (Hochschule für angewandte Wissenschaften, Bachelor Maschinenbau) gibt es nur ein Bruchteil der Masterplätze die wir bräuchten, denn viele würden gerne den Master machen. Das ist leider die bittere Wahrheit.
2.
Suppenhahn 26.01.2012
Zitat von sysopBachelor-Absolventen verlassen die Unis mit einem kleinen Schleudertrauma und der bangen Frage, ob der Wechsel in den Beruf gelingt. Erst konnten Firmen die Jungakademiker schwer einschätzen. Inzwischen ist ihre Skepsis noch größer - weil das überladene Studium kaum Raum für Praxis lässt.
Die Verlängerung der Studienzeit von 6 auf 7 Monate lässt schon Übles erwarten. Es erinnert mich ein wenig an meine eigene Studienzeit Ende der 80er, in der ältliche Professoren das Studium vollstopften mit veralteten Technologien (jede einzelne immer unendlich wichtig) und praxisfernen Übungen. Man musste mehr und mehr arbeiten um zunehmend Bedeutungsloses erlernen, um dann schließlich nach dem Studium in Berufsleben zu erfahren, dass man all das als erstes völlig vergessen konnte.
3. Der ganze Unsinn
Friedrich der Streitbare 26.01.2012
der Bologna Reform wird jetzt sichtbar: nur der Master ist qualitativ dem Diplom/Magister äquivalent. Zur gleichen Qualifikation muss man jetzt also zwei Studienabschlüsse vorweisen, was letztlich das Studium verlängert, anstatt es zu verkürzen. p.s. mit der internationalen Anpassung der letzten Jahrzehnte haben wir ohne Not ein gut funktionierendes Bildungssystem verschlechtert. Vor 25 Jahren las ich mit Erstaunen in der Zeitung, dass in Japan Hochschulabsolventen als Fahrstuhlführer in Kaufhäusern arbeiten. Angesichts der permanenten und absolut unsinnigen Forderung, den Anteil an Akademikern bei uns zu erhöhen, werden auch wir bald japanische Verhältnisse haben.
4. same here
nyx^^305 26.01.2012
Zitat von echobravoBei mir (Hochschule für angewandte Wissenschaften, Bachelor Maschinenbau) gibt es nur ein Bruchteil der Masterplätze die wir bräuchten, denn viele würden gerne den Master machen. Das ist leider die bittere Wahrheit.
Kann ich nur bestätigen. An meiner Uni gab es für meinen Studiengang (BWL) sechs mal so viele Bewerbungen wie Plätze. Und obwohl Seitens der Uni mit einer höheren Antwortquote auf Zulassungen gerechnet wurde und dementsprechend auch weniger Zulassungen versandt wurden als vergangenes Jahr, ist der Master jetzt dennoch überbelegt. Und ich kenne einige Bachelor persönlich, die sich auf einen Platz beworben haben, aber keinen bekamen.
5. Passt in etwa
echobravo 26.01.2012
Zitat von nyx^^305Kann ich nur bestätigen. An meiner Uni gab es für meinen Studiengang (BWL) sechs mal so viele Bewerbungen wie Plätze. Und obwohl Seitens der Uni mit einer höheren Antwortquote auf Zulassungen gerechnet wurde und dementsprechend auch weniger Zulassungen versandt wurden als vergangenes Jahr, ist der Master jetzt dennoch überbelegt. Und ich kenne einige Bachelor persönlich, die sich auf einen Platz beworben haben, aber keinen bekamen.
Das Verhältnis 6:1 dürfte bei uns auch in etwa passen, teilweise könnte es aber noch mehr sein.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Bachelor und Beruf - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Vorsicht, Studentenfalle: Lost in Perfection
Verwandte Themen

Fotostrecke
Prominente Uni-Deserteure: Abbruch, Aufbruch, Durchbruch

Fotostrecke
Studentenvermessung: Wie sie leben, wo sie wohnen, was sie verdienen
DDP
Uni Bolognese: Erstsemester sind ratlos, Professoren kratzen sich am Kopf. In den Chaostagen der Bachelor-Master-Umwälzung sickern sonderbare neue Begriffe in den akademischen Jargon. SPIEGEL ONLINE klärt auf - mit dem kleinen Bachelor-Alphabet.

Fotostrecke
Bewerbungspannen: 15 kuriose Missgeschicke

Social Networks