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Berufswahl Fünf Sätze, die die Welt nicht braucht

Weckruf für alle Lillifees: Das ist kein Beruf, das ist Wolkenkuckucksheim Zur Großansicht
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Weckruf für alle Lillifees: Das ist kein Beruf, das ist Wolkenkuckucksheim

"Ich möchte was mit Menschen machen": Mit Gutmenschentum findet man keinen Job, der passt. Wer auch nur eine der folgenden Floskeln unterschreiben kann, hat ein Problem - mit der eigenen Naivität. Berufsberaterin Uta Glaubitz hilft beim Realitätscheck auf die Sprünge.

Biolebensmittel sind gar nicht unbedingt gesünder, so das Ergebnis einer viel diskutierten Studie: Der Vitamingehalt, die Schadstoffbelastung, die ethische Tierhaltung - alles Auslegungssache. Sicher ist nur: Bio ist teurer. Und das Gefühl, das man beim Bio-Kauf hat, ist gut. Und Gefühl ist ja alles, sagt schon Goethes Faust.

Ähnliche Einsichten stehen der Berufswelt noch bevor. Denn einige nachhaltig angehauchte Neoberufe sind gar keine Berufe, sondern Befindlichkeitspflege. Damit meine ich nicht etwa die moderne Landwirtschaft, eine der weiterbildungsintensivsten Branchen überhaupt. Auch nicht die Ingenieure für Energietechnik oder die Brauer, die schon seit Jahrhunderten bio brauen. Ich meine Befindlichkeitsberufe wie Wellnesstrainer, Erziehungsberater oder Businesscoach. Meinetwegen auch Entspannungscoach, Familienberater oder Work-Life-Balance-Trainer.

Vorab: Es spricht nichts dagegen, als angehende Jugendamtsleiterin eine Weiterbildung in Sachen Familie zu absolvieren, wenn man das Gefühl hat, das sei im Studium nicht ausreichend behandelt worden. Oder als Kaloriencoach, wenn man als Ärztin in einer Klinik für Bulimie arbeitet. Das alles können sinnvolle Zusatzqualifikationen sein. Haarig aber wird es, wenn Germanistikstudenten meinen, durch die Germanistik seien sie besonders sensibel geworden. Und deswegen sei doch Anti-Burnout-Stratege ein lohnenswerter Beruf.

Ich sehe etwa 200 Fälle pro Jahr: Leute, die mit ihrem Beruf nicht zufrieden sind. Aus diesen Gesprächen habe ich fünf Sätze extrahiert. Wer sie vermeidet, erleichtert die eigene Berufsfindung.

1. Ich möchte was mit Menschen machen.

Wenn ich meine Befindlichkeitskunden frage, was sie sich beruflich vorstellen, antworten sie: "Ich möchte was mit Menschen machen." Damit ist natürlich nicht die ständige Auseinandersetzung mit Kollegen gemeint. Denn das wäre ja Mobbing. Auch nicht, dass man übermäßig viele Kunden sieht. Denn das wäre ja Vertrieb. "Mit Menschen arbeiten" stellen sie sich so vor: Sie sitzen auf einer öffentlich finanzierten Stelle, genannt Non-Profit. Dort führen sie Einzelgespräche über Frieden und Bildung. Abends erhalten sie eine Mail voller Dank, und am nächsten Morgen motivierende Worte vom Chef. Aber das ist kein Beruf. Das ist Wolkenkuckucksheim.

2. Ich will einen Beruf, der Sinn macht.

Ein schrecklicher Anglizismus. Meine Befindlichkeitskunden denken dabei an Heilpraktiker für Tiere, Ernährungsberater für übergewichtige Kinder, Greenpeace-Aktivistin, Entwicklungshelfer, Mediatorin, Führungskräftecoach oder irgendwas mit interkulturell - allesamt Berufe, die ich persönlich für eher sinnlos halte. Wer sich beruflich in Sachen Klimawandel engagieren will, sollte lieber Ingenieurin für Nukleartechnik werden als hauptamtlicher Aktivist.

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Überhaupt, die Mediatoren. Für Rechtsanwältinnen oder Lehrer eine schöne Zusatzqualifikation. Ansonsten ist die Mediation ein reiner Ausbildungsmarkt. Mediatoren bilden Mediatoren aus, bis jeder eine Ausbildung zum Mediator hat. Wenn das ein Ausgleich sein soll für die internationalen Streitereien, die wir angezettelt haben - okay. Obwohl: Wenn alle Deutschen eine Mediationsausbildung haben, müssen wir vielleicht unsere Nachbarvölker damit beglücken. Das wird nicht schön.

3. Ich möchte anderen helfen.

Helfen ist bei meinen Nachhaltigkeitskunden zentral. Denn in ihrem Weltbild braucht jeder Mensch (außer ihnen) einen Sozialarbeiter. Vor allem natürlich Manager. Denn die stehen bekanntlich immer kurz vor dem psychischen Zusammenbruch. Um ihnen zu "helfen", wollen sie mit ihnen über Gefühle, Work-Life-Balance und Nachhaltigkeit sprechen. Ganz Verwegene auch über Wirtschaftsmoral oder Leadership. Ich bezweifle, dass jemand, der sich an die Spitze eines Unternehmens vorgearbeitet hat, solcherart Belehrung braucht.

4. Ich könnte mir was mit Beraten vorstellen.

Es spricht nichts dagegen, einen Beruf "mit Beraten" zu machen. Ich bin selbst Berufsberaterin, und mir macht der Job Spaß. Allerdings setzt ein Beraterjob in der Regel voraus, dass man etwas weiß, was andere nicht wissen. Wenn man zum Beispiel Arzt oder Apotheker ist, kann man Mütter beraten, was bei Kinderfieber hilft. Wenn man Ingenieur für Sicherheitstechnik ist, kann man die Betreiber des neuen Berliner Flughafens in Brandschutzfragen beraten.

Meine Nachhaltigkeitskunden aber wollen gar keine richtige Qualifikation. Sie wollen Gesundheitsberater werden statt Arzt, Zooberater statt Tierpfleger, Restaurantberater statt Koch. Sie wollen predigen, aber nicht Pastor werden.

5. Mir ist auch die ethisch-moralische Ebene wichtig.

Der Gipfel der Floskelei. Man will sein Ego moralisch aufladen, aber nicht etwa Innenminister oder Polizistin werden. Lieber ein Beraterjob bei der Internationalen Brigade für Weltverbesserung. Oder ein Beruf mit kultureller Bildung, transnationaler Krisenbewältigung oder Tierschutz. Aber bloß nicht Tierarzt. Denn dann müsste man ja kleine Hunde einschläfern.

In der Berufsfindung aber gilt: Besser, man spart sich die Moralapostelei. Das ist nur ein Ablenkungsmanöver. Berufsfindung dagegen fängt mit Selbstreflexion an: Was macht mir Spaß, wofür stehe ich freiwillig früh morgens auf und was ist mir wichtig im Leben? Die Antworten sind erste Hinweisschilder auf den richtigen Beruf. Psychische Macken dagegen taugen nicht als Fundament für den Karrierebau. Wer ein Helfersyndrom hat, eine Essstörung oder zwanghafte Schuldgefühle wegen des Dritten Reichs, sollte von Berufen wie Lebensberater, Ernährungscoach oder Veranstalter von interkulturellen Stadtteilfesten die Finger lassen.

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insgesamt 206 Beiträge
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1. Die, die es hören sollen,
mescal1 05.10.2012
werden es nicht hören wollen. Es ist ja fast unverschämt, die Idylle zu zerstören. Unverschämt, darauf hinzuweisen, endlich in der Realität anzukommen.
2. was soll...
jayred 05.10.2012
...das denn sein? eine kropfleerung? sicherlich gibt es berufe, die überflüssig sind wie ein kropf, aber dieser durchmarsch mit der schlaubergermachete durch den befindlichkeiten-dschungel ist in meinen augen nur ausweis dafür, dass die autorin ihren beruf verfehlt hat. sie wollte sicher auch nur anderen helfen, was mit menschen machen und konnte sich was mit beraten vorstellen, als sie sich dazu entschlossen hatte, berufsberaterin zu werden. meine einzige erfahrung mit berufsberatern liegt zwar einige jahrzehnte zurück, war aber das unbefriedigendste, was man sich vorstellen kann: ich saß kurz vor meinem abitur bei einem kollegen von frau glaubitz, der nicht nach meiner eignung, sondern nach den verfügbaren stellen auf dem ausbildungsmarkt selektierte und zu dem schluss gekommen war, dass bäcker für mich der idealberuf sei. journalismus ist es dann schließlich geworden. dieses berufsberaterinnen-blabla hier scheint allerdings aus dem umstand heraus entstanden zu sein, dass frau glaubitz einem ihrer kollegen in die hände gefallen war, als es um ihre berufswahl ging. und er hatte mehr - fragwürdigen - erfolg als meiner damals.
3. Völlig richtig, Frau Glaubitz
spydergyrl 05.10.2012
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINE"Ich möchte was mit Menschen machen": Mit Gutmenschentum findet man keinen Job, der passt. Wer auch nur eine der folgenden Floskeln unterschreiben kann, hat ein Problem - mit der eigenen Naivität. Berufsberaterin Uta Glaubitz hilft beim Realitätscheck auf die Sprünge. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/berufswahl-fuenf-saetze-die-die-welt-nicht-braucht-a-858665.html
...aber Sie bekommen in der Beratung die jungen Leute zu sehen, die die Schulen liefern. Und wenn ich mir die Lehrpläne und Unterrichtsinhalte meiner Kinder anschaue, dann wundert mich Ihr Artikel kein bisschen. Umweltaktivismus, Ernährungsberatung, Helfen aller Art (und wenn grad mal keiner Hilfe braucht, dann suchen wir uns jemanden, notfalls auch ein paar tausend Kilometer weit weg), wir haben uns alle lieb und wenn nicht dann bilden wir einen Stuhlkreis und sprechen uns aus... Ingenieurin für Nukleartechnik aber - baaaah, wie können Sie nur, Atomkraftwerke sind doch böööööse.
4.
nvsblhnds 05.10.2012
Da hat der Autor ja glatt die Standard-Floskel Nummer 1 "Ich will was mit Medien machen" vergessen.
5. Expertin ?
wehnen 05.10.2012
Der Vitamingehalt, die Schadstoffbelastung, die ethische Tierhaltung - alles Auslegungssache Die sogenannte Expertin hat sich leider mit ihrem ersten Satz komplett selbst disqualifiziert. Über Vitamine läßt sich ja noch diskutieren, aber Schadstoffe und Tierschutz. Nein! Frau Glaubitz sollte mal eine Realitätscheck in der Landwirtschaft machen ...
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  • Foto: D. Stratenschulte
    Uta Glaubitz ist Berufsberaterin und unterstützt andere dabei herauszufinden, welcher Beruf zu ihnen passt. Ihre Kunden im Vorher-nachher-Vergleich präsentiert sie auf ihrer Internetseite:
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