Von Eva Buchhorn
Wie stellt sich ein männlicher Hochschulabsolvent des Jahres 2013 eine gelungene Work-Life-Balance vor? Ganz einfach: flexible Arbeitszeiten und Extra-Vergütung für geleistete Überstunden. Weibliche Bewerber denken anders. Auch sie wollen flexibel arbeiten können, aber als zweite Priorität fordern sie eine familienfreundliche Unternehmenskultur. Vermutlich denken sie: Was nützt mir mehr Geld für Überstunden? Ich will doch möglichst gar keine machen, wenn die Kita schließt!
Die unterschiedlichen Antworten auf die Work-Life-Balance-Frage zeigen: Männliche und weibliche Hochschulabsolventen auf Jobsuche träumen in mancher Hinsicht verschiedene Träume. Das verdeutlicht das aktuelle Ranking der besten Arbeitgeber des Berliner Trendence-Instituts, das manager magazin exklusiv vorliegt. Rund 28.500 examensnahe Studierende der Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften wurden gefragt, bei welchen großen deutschen Unternehmen sie am liebsten einsteigen würden und welche Anforderungen sie darüber hinaus ans Arbeitsleben stellen.
Vor allem, wenn es um die Themen Branchen-Präferenz, Vergütung, Karriereziele und eben Work-Life-Balance geht, unterscheiden sich die Ziele der Geschlechter.
Bei den Branchenpräferenzen findet sich manches, was erwartbar ist - aber interessanterweise nicht auf den Spitzenplätzen. Denn hier räumen seit Jahren die Automobilhersteller ab. Und zumindest Audi und BMW schaffen es, Wirtschaftswissenschaftlerinnen genauso für sich zu begeistern wie deren männliche Kommilitonen.
Männlich-weiblich: Red Bull gegen Unilever
Abgesehen von den Top-Rängen weichen die Beliebtheitswerte zwischen den Geschlechtern teils stark voneinander ab. In der Gesamtauswertung nach Geschlechtern (Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure zusammengenommen) fasziniert Porsche vor allem Männer - 9,8 Prozent der Wirtschaftsabsolventen küren den Sportwagen-Hersteller zu ihrer Nummer eins, bei den Frauen sind es nur 5,1 Prozent. Umgekehrt sieht es bei L'Oreal aus: 4,6 Prozent der Frauen lieben den Kosmetikkonzern, versus 0,5 Prozent der Männer.
"Maskuline" Arbeitgebermarken sind außerdem Adidas (8,5 versus 5 Prozent), Deutsche Bank (5,4 versus 2,3 Prozent), Google (7,6 versus 4,7 Prozent), Red Bull (4,8 versus 2,2 Prozent) und Goldman Sachs (3 versus 0,5 Prozent).
Frauen favorisieren Kosmetik, Handel und Tourismus. Davon profitieren Beiersdorf (4,6 versus 1,1 Prozent), Deutsche Lufthansa (7,3 versus 3,8 Prozent), TUI (3,6 versus 0,6 Prozent), Unilever (4,8 versus 1,8 Prozent) oder dm-Drogeriemärkte (3,2 versus 0,8 Prozent).
Mit der weiblichen Bescheidenheit beim Gehalt korrespondiert ein insgesamt zurückhaltenderes Agieren am Arbeitsmarkt. Koch: "Frauen treten weniger selbstbewusst und optimistisch auf als ihre männlichen Kommilitonen." Das gilt sogar für die stark umworbenen Ingenieurinnen. Unabhängig von ihrem Studienfach schätzen Frauen ihre Chancen am Arbeitsmarkt pessimistischer ein und erwarten ein niedrigeres Gehalt. Koch: "Sie sind auch insgesamt unsicherer, bei den eigenen Gehaltsansprüchen und spüren mehr Druck, was die Anforderungen an sie als Bewerberinnen angeht."
Work-Life-Balance: Frauen denken auch an familienfreundliche Kultur
Was die beruflichen Ziele und Perspektiven angehen, unterscheiden sich die Geschlechter grundsätzlich nicht. Genau wie die Männer wollen auch die Frauen an attraktiven Aufgaben arbeiten und sich weiterentwickeln. Die Unterschiede beginnen bei der im Büro verbrachten Zeit. Frauen wollen insgesamt weniger Wochenstunden arbeiten als Männer: Wirtschaftswissenschaftlerinnen geben 42,9 Wochenstunden als Wunscharbeitszeit an, ihre männlichen Kollegen in spe wollen bis zu 46,8 Stunden einsetzen. (Ingenieure: 46,8 versus 41,2 Wochenstunden).
"Zugleich sind die Wunschlisten der Frauen voller", erläutert Koch. "Sie wollen beides - einen Arbeitgeber, der gute Karriereperspektiven und zugleich eine gute Work-Life-Balance bietet, der als Unternehmen am Markt erfolgreich ist und zugleich Chancengleichheit großschreibt. Abstriche machen sie am ehesten bei allem, was mit dem Außenauftritt zu tun hat: Verglichen mit den Männern achten sie bei der Wahl ihres Arbeitgebers seltener auf Status und Prestige, ihr Chef soll nicht repräsentieren, sondern vor allem motivieren können und sie sind weniger interessiert an Statussymbolen wie hochklassigen Dienstwagen oder Firmenhandys."
Work-Life-Balance an sich ist beiden Geschlechtern ein wichtiges Anliegen. Beide Geschlechter definieren sie auch ganz ähnlich: Ganz vorn liegen flexible Arbeitszeiten. Verhältnismäßig unwichtig sind dagegen ein Sabbatical oder nicht auf Dienstreisen gehen zu müssen. Krasse Unterschiede bestehen bei den Themen familienfreundliche Kultur und Kinderbetreuung am Arbeitsplatz. Koch: "Beides interessiert die Männer erheblich weniger als die Frauen."
Vermutlich aus einem ganz einfachen Grund: Die jungen Frauen sehen die Zuständigkeit für die Kinderbetreuung immer noch eher bei sich und suchen beizeiten praktische Lösungen.
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