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Bewerbungsrituale Jetzt reden Sie gefälligst über Ihre Schwächen!

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Corbis

Wartender Bewerber: "Ich will zu ihnen, weil mich sonst keiner nimmt"

Wem im Job nie die Sicherung durchbrennt, dem ist kaum zu helfen. Deshalb sind Bewerbungsgespräche oft großes Theater. Das liegt vor allem an so hinterhältigen Fragen wie: "Was sind Ihre größten Schwächen?"

Zum Autor
  • Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Ich will mich aber aufregen!". Autor Matthias Nöllke (Jahrgang 1962) ist Vortragsredner, Journalist und schreibt Sachbücher, zum Beispiel zur Frage, was sich Manager von der Natur abgucken können ("Von Bienen und Leitwölfen").
Bevor man eine Stelle antreten darf, muss man im Vorstellungsgespräch einen guten Eindruck hinterlassen. Warum auch nicht? Später ist ja noch genug Zeit, einander hassen zu lernen. Darum will dich dein Arbeitgeber persönlich kennenlernen. Denn er meint, dass er dann die Stelle mit einem geeigneten Kandidaten oder der geeigneten Kandidatin besetzen kann.

Vielleicht stellt sich ja heraus, dass du geldgierig, rücksichtslos und machtgeil bist. Alles Eigenschaften, die du in bestimmten Branchen dringend brauchst. Sonst wirst du von den Haifischen gefressen, die ein wenig an ihrer Karriere arbeiten. Oder du bist lahmarschig, einfallslos und schlecht gelaunt. Schlüsselqualifikationen, die andernorts gefragt sind. Nämlich überall dort, wo andere lahmarschige, einfallslose, schlecht gelaunte Leute darüber entscheiden, wen sie einstellen. Und das kommt öfter vor, als du meinst.

Allerdings tun diese lahmarschigen, einfallslosen, schlecht gelaunten Leute immer so, als würden sie die quirligen, kreativen Charmebolzen suchen. Also musst du so tun, als wärst du ein quirliger, kreativer Charmebolzen, der in Wirklichkeit ein lahmarschiger, einfallsloser, schlecht gelaunter Typ ist. Dann hast du den Job. Bei den geldgiergetriebenen Branchen brauchst du dich hingegen nicht zu verstellen. Wenn die dich einstellen, dann wissen die schon, was du für einer bist. Aber das überhaupt nur am Rande.

Der Klassiker, auf den es nur falsche Antworten gibt

Was diese Vorstellungsgespräche nämlich überall so quälend macht, das sind die ausgefuchsten Fragen, die fast immer gestellt werden. Egal, wie gut die Sache für dich läuft, irgendwann ist sie fällig, die böse Testfrage, die hinterhältige Fangfrage, die "Es gibt nur falsche Antworten"-Frage. Der Klassiker lautet: "Und was sind Ihre größten Schwächen?"

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Tja, dann mal raus mit deinen Problemen: Deine Versagensängste, dein Kontrollzwang, deine nächtlichen Fressattacken, dein Jähzorn, deine Überempfindlichkeit, deine Bequemlichkeit, deine Harmoniesucht, deine Lust, andere zu belügen, dein Minderwertigkeitskomplex, dein leichter Verfolgungswahn, deine Unordentlichkeit, deine Dickköpfigkeit, deine depressiven Phasen, deine grausamen Machtfantasien, endlich ist mal eine günstige Gelegenheit, das alles auf den Tisch zu legen. Und zu hoffen, dass deine Ehrlichkeit hier mal belohnt wird. Mit einer gut dotierten Stelle, die man zu gerne mit jemandem besetzen würde, der wenigstens mal zugibt, dass er einen gewaltigen Hau weghat.

Ach nein, so ist es gar nicht gemeint? Man will dich nur verunsichern und wartet auf die üblichen Sieger-Antworten wie: "Meine größte Schwäche sind italienische Nudelgerichte." Oder: "Ich bin völlig unbegabt für Wasserski." Oder: "Mein Japanisch ist leider nur mittelmäßig", wenn du für den Job gerade mal etwas Schulenglisch brauchst.

Immer schön vorsichtig mit der Wahrheit

Andere hinterhältige Frage: "Warum haben Sie sich ausgerechnet bei uns beworben?" Vorsicht, jetzt bloß nicht die Wahrheit sagen:

  • "Weil mich alle anderen Unternehmen abgelehnt haben."
  • "Weil ich nach meiner Scheidung viel Geld verdienen muss."
  • "Weil ich für die guten Unternehmen einfach zu schlecht bin."
  • "Weil meine Mutter Ihre Anzeige ausgeschnitten hat und meinte: 'Entweder du bewirbst dich da - oder du ziehst aus.'"

Oh, oh, leider will das niemand hören. Stattdessen musst du runterbeten, was du auf der Website des Unternehmens an Werbetexten aufgeschnappt hast. Und dann musst du erklären, warum alles, was du in deinem bisherigen Leben getan hast, nur eine Vorbereitung auf die ausgeschriebene Stelle war.

Es gibt noch viele weitere Fangfragen, bei denen du nur verlieren kannst: "Wollen Sie Familie?" / "Ihr Lebenslauf ist ja wirklich beeindruckend. Fühlen Sie sich nicht überqualifiziert?" / "Sie haben ja Frau Krüger, Ihre direkte Konkurrentin, kennengelernt. Erklären Sie uns, warum wir Frau Krüger einstellen sollen. Und nicht Sie." Egal, was du antwortest, sie können dir einen Strick daraus drehen.

Am erniedrigendsten aber ist: Es muss auch noch ehrlich klingen, wenn du den Leuten, die dich einstellen sollen, die Hucke voll lügst. Die wissen das natürlich genau und glauben dir kein Wort. Aber am Ende nehmen sie sowieso wieder den, der zufällig auch aus Hannover kommt.

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insgesamt 102 Beiträge
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1. Wäre lustig
becem 18.08.2014
...wenn es nicht stimmen würde. Habe ich genau so schon fünf, sechs mal in Gesprächen erlebt. Und in 30 Jahren sitzen noch immer solche Entscheider vor uns, die unsere Lebensläufe nicht kennen.
2.
rsl1411 18.08.2014
Äh... ja. Jogger mit Stirnlampen regen ihn also auf. Dann sag ich mal, mich regen sinn- und inhaltslose Bücher auf, die aus mir unerfindlichen Gründen bei Spiegel Online beworben werden. Und Fotostrecken, die mit dem Artikel irgendwie überhaupt nichts zu tun haben. ;)
3. Herrlich
peter.braun1@gmx.ch 18.08.2014
Zitat von sysopCorbisWem im Job nie die Sicherung durchbrennt, dem ist kaum zu helfen. Deshalb sind Bewerbungsgespräche oft großes Theater. Das liegt vor allem an so hinterhältigen Fragen wie: "Was sind Ihre größten Schwächen?" http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/bewerbung-fuer-beruf-vorstellungsgespraeche-und-fiese-fragen-a-984398.html
Danke für diesen wunderbaren Artikel... :-)
4. Das Beste
perplexer 18.08.2014
Zitat von sysopCorbisWem im Job nie die Sicherung durchbrennt, dem ist kaum zu helfen. Deshalb sind Bewerbungsgespräche oft großes Theater. Das liegt vor allem an so hinterhältigen Fragen wie: "Was sind Ihre größten Schwächen?" http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/bewerbung-fuer-beruf-vorstellungsgespraeche-und-fiese-fragen-a-984398.html
Das ist das Beste, was ich je zu diesem Thema gelesen habe.
5. Vorstellungsgespräche als Industrienorm
AlexMoritz 18.08.2014
Leider hat die 'Industrialisierung' der Vorstellungsgespräche dazu geführt, dass es standardisierte Abläufe gibt, die nur als Lügengebilde zu bezeichnen sind. Man wird angelogen ('Na klar, wir arbeiten stets von 9-18 Uhr, 1 Std. Mittagspause, Überstunden gibt es nie'), die Gegenseite behauptet, fließend in Englisch zu sein, wenn mal gerade Schulenglisch vorhanden ist oder dass man im letzten Job ein Großprojekt in leitender Position betreut hat, wenn man nur ein kleiner Fisch war. Und dann kommen noch die Standardfragen, die in HR-Kursen an den Unis dieser Welt gelehrt werden, offenbar mit der Hoffnung, damit wirklich qualifizierte Arbeitnehmer finden zu können. Natürlich werden an MBA-Schmieden entsprechende Kurse abgehalten, wie man auf solche Fragen antworten soll - ein Kreislauf wurde etabliert. Das Problem daran - es scheint irgendwie zu funktionieren und doch hat es gravierende Nachteile. Derartige Methoden sind nicht nur in Deutschland inzwischen Standard, auch im angelsächsischen Raum ist dem natürlich so. Und das liegt daran, dass Großkonzerne eine Mischung aus qualitativer und quantitativer Analyse benötigen, um bei der großen Zahl offener Stellen und Bewerber einen passenden Mitarbeiter zu finden - da muss leider das Werkzeug der Standardisierung genutzt werden, denn dadurch kann sich die HR-Abteilung absichern, den Kandidaten gewählt zu haben, der nach (mehr oder weniger) objektiven Kriterien den besten Durchschnitt erreicht hat. Das führt in meinen Augen zwar dazu, dass bei einer ND-Kurve (Normalverteilung) der Bewerber das untere Viertel - die wirklich nicht passenden Bewerber - erfolgreich entfernt werden. Doch dabei schneidet man gleichzeitig auch das obere Viertel ab, die wirklich interessanten, ungewöhnlichen Bewerber, die eben nicht die Standardantworten geben und daher aus dem Raster fallen, der Firma aber durchaus einen neuen Spin geben könnten. Übrig bleibt der 'Durchschnittsbrei' aus denen, die sich dem Konstrukt unterwerfen und dadurch bei einem Bewerbungsgespräch gute Chancen haben. Auf die Dauer sorgt das aber dafür, dass die Firmen sich selbst nicht erneuern, da sie immer wieder den selben 'Einheitsbrei', die optimal auf den Kriterienkatalog passen, anheuern.
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