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Erste Hilfe Karriere Ach, den Job lerne ich auch noch!

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Dr. Bewerber: Vielen Akademikern fällt es schwer, eine sinnvolle Bewerbung zu formulieren

"So unsinnige Bewerbungen, dass es zum Verzweifeln ist": Wer eine Stelle für Geisteswissenschaftler ausschreibt, muss mit Zeugnislawinen und vielen Themaverfehlungen rechnen, weiß Bewerbungshelfer Gerhard Winkler. Er berichtet aus der absurden Praxis und verrät, wie man's besser macht.

Wer an der Uni jobbt, der kennt die akademische Entgeltgruppendynamik: schlecht bezahlt, dafür aber befristet. Man kann kaum eine Stelle antreten, ohne gleich auf die nächste zu schielen. Zum Glück gibt es noch das Wissenschaftsmanagement. Betreiben kann man das zum Beispiel bei einem Exzellenzcluster an der Uni in A. Für diesen Geistesteilchenbeschleuniger hat die Geschäftsführerin Frau B. vor einiger Zeit eine Koordinationsstelle ausgeschrieben.

Die vielen, vielen Bewerber für diesen Job haben zum Beispiel Philosophie, Psychologie oder Linguistik studiert. Insgesamt schon ziemlich lange, aber nur, weil es am Lehrstuhl, wo sie angedockt waren, so viel zu tun gab. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie dort noch heute: als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Koordinator, Gastdozentin oder einfach als Mensagast.

Diese Uni-Job-Suchenden sind eine wandelnde Soft-Skill-Parade. Ihr Englisch ist, frankly speaking, perfect. Die universitären Strukturen kennen sie so gut wie ein Clubgänger die Topografie von Kreuzberg. Beim Stichwort Masterprogramm assoziieren sie nicht Golf oder Tennis, und strukturierte Graduiertenausbildung halten sie auch nicht für die Lehre vom Gratwandern nach Vorschrift. Was die Hochschule angeht, sind sie mit dem gesamten Betrieb, den Betriebssystemen und den Betreibern vertraut.

Bewerbungen zum Verzweifeln

Dennoch: Aus diesem Bewerberkreis erhält Frau B. nach eigenen Worten "so viele unsinnige Bewerbungen, dass es zum Verzweifeln ist. Darunter Konvolute mit 35 Seiten an Zeugnissen, und zwar alles vom ersten Schulpraktikum an."

Warum genau eine Bewerbung floppt, steht vielleicht in den Sternen, aber nie in der Absage. Die Unterlagen prallen von den Jobanbietern ab wie Flummis von der nackten Wand. Ob man vielleicht etwas falsch macht? Was genau? Man gibt so viel Stimulus und kriegt null Response. Als Geistesarbeiter fühlt man sich da schon ein bisschen verletzt.

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Wie viel Wahrheit verträgt ein Jobkandidat? Frau B. meint: die ganze. Sie sichtet die Unterlagen, schreibt zurück und bittet um Nachbesserung. Eine löbliche Ausnahme, denn sie gibt Orientierung. Trotzdem werden die meisten Bewerber mit der Antwort nicht glücklich sein. Eine erfährt etwa von ihr:

"Es geht bei uns um Wissenschaftsmanagement, nicht um Forschung. Ich sehe bei schneller Durchsicht Ihrer Bewerbung keine konkreten Argumente, die für Ihre Befähigung in den gefragten Bereichen sprechen würden. Sie gehen auch mit keinem Wort auf unsere Einrichtung ein. Hatten Sie sich bereits unsere Website aufgerufen und sich angesehen, was wir so machen? Mir erscheint es, als hätten Sie an mich eine standardisierte Bewerbung ausgesendet."

Frau B. sucht jemanden, der organisiert, abstimmt, ausarbeitet, einrichtet und umsetzt. Jemanden, der managt und nicht forscht. Darum antwortet sie einem anderen Kandidaten:

"Ich hoffe, Ihnen ist bewusst, dass es sich nicht um eine Wissenschaftlerstelle handelt und Ihre eigene wissenschaftliche Forschung daher nicht zu den Auswahlkriterien gehört. Es handelt sich um eine Stelle im Wissenschaftsmanagement, mit einer ganzen Reihe von sehr praktischen Herausforderungen. Zum Anforderungsprofil habe ich in Ihrem Brief nicht sehr viel gefunden."

Am Ende eines langen Tags der Bewerbervorauswahl drängt sich Frau B. diese Steigerungslinie auf: "Weltfremd, arbeitsweltfremd, Uni-Bewerber". Der nächste Kommentar fällt deshalb leicht genervt aus:

"Sie haben Ihrer äußerst spärlichen Bewerbung kein aussagekräftiges Bewerbungsschreiben, sondern nur einen Begleitbrief beigefügt. Ich sehe bei Durchsicht Ihres halbseitigen Lebenslaufs keinerlei konkrete Hinweise oder Argumente. Mit dieser Bewerbung haben Sie keine Chance, zum Gespräch eingeladen zu werden. Als Arbeitgeberin, die eine hochdotierte und verantwortungsvolle 5-Jahres-Stelle in einem Exzellenzprojekt innerhalb der universitären Ausbildung ausgeschrieben hat, finde ich Ihre Haltung unverständlich."

Die zentrale These der einzelnen Anschreiben konnte Frau B. zum Beispiel so zusammenfassen: Man gebe mir ein Lehramt! - Egal was, Hauptsache kreativ! - Gremienarbeit? Ich bin dabei! - Wo ich überall schon war! - Ich habe Web-Seiten redaktionell betreut! - Ich habe gelernt, gelernt und gelernt. Den Job lerne ich auch noch!

Das Wichtigste in Kürze

Das sind nicht die besten Botschaften, wenn es darum geht, Studien- und Prüfungsordnungen auszuarbeiten, Studienangebote zu koordinieren, einen Studiengang abzugleichen und die passenden Veranstaltungen zu entwickeln. Es ist durchaus ein Zeichen der eigenen Exzellenz, sich im Anschreiben auf eine Aufgabenstellung einzulassen und seine Bewerbung darauf auszurichten. Ob für die Uni oder für Unilever: Wie man so was macht, ist bereits genügend erforscht. Die wichtigsten Erkenntnisse:

1. Bewerben heißt, eine besondere Jobeignung nachzuweisen.

2. Hierzulande wird dies sprachlich und in aller gebotenen Kürze vermittelt.

3. Personalbeschaffung ist für den, der das macht, ein Job.

4. Damit man dem Jobanbieter nicht unnötig Arbeit macht, arbeitet man ihm zu.

5. Darum liefert man nicht mehr als das, was zum Verständnis der Jobeignung notwendig ist.

6. All das, was hauptsächlich für einen spricht, legt man vollständig, gewichtet und übersichtlich geordnet vor.

7. Je konkreter und faktischer die Ansage, desto probater die Wirkung.

8. Ich-bin-Aussagen sind kaum verwertbar. Man notiert das Gemachte und Erreichte.

9. Selbstbewertungen sind in der schriftlichen Bewerbung ohne Wert. Kein Rekrutierer lässt sich eine Bewertung vorsagen.

10. Bewerben heißt Vertrauen einwerben. Vertrauen schafft, was faktisch und belegbar ist.

Die gute Bewerbung ist ein Abstract. Man fasst einfach seine Jobeignung zusammen. Jobanbieter lesen zu viel, als dass sie großen, schönen, leeren Worten glauben. Bauen Sie vor allem als Geisteswissenschaftler nicht auf die Macht der hehren Rede. Vertrauen Sie der Wirkung von konkreten Substantiven und transitiven Verben.

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Zum Autor
Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.
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