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Bewerbungen Schlechte Grammatik - kein Job!

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Harvard Business Manager

Wer die Regeln seiner Muttersprache nicht beherrscht, ist für jede Aufgabe zu schludrig - selbst wenn er gar nicht schreiben muss. Davon ist der US-Unternehmer Kyle Wiens überzeugt. Im Gastbeitrag erklärt der bekennende Pedant, warum er Bewerber per Grammatiktest aussiebt.

Wenn Sie glauben, dass ein Apostroph einer der zwölf Jünger Jesu war, werden Sie nie im Leben für mich arbeiten. Wenn Sie meinen, dass ein Semikolon ein Doppelpunkt mit einer Identitätskrise ist, werde ich Sie unter keinen Umständen einstellen. Wenn Sie Kommata über den Satz verteilen mit der Präzision einer Schrotflinte, schaffen Sie es vielleicht ins Foyer, bevor wir Sie höflich aus dem Gebäude begleiten.

Manche Leute könnten meine Einstellung zu Sprache und Grammatik als extrem bezeichnen. Ich bevorzuge die Formulierung der Schriftstellerin und Journalistin Lynne Truss: Ich bin ein Grammatik-Pedant. Und ich habe - wie Truss, die Autorin des Buches "Eats, Shoots & Leaves" - eine Null-Toleranz-Einstellung zu Grammatik-Fehlern, die Leute dumm aussehen lassen.

Truss und ich stimmen allerdings nicht darin überein, was diese Null-Toleranz-Einstellung bedeutet. Sie meint: Leute, die Schindluder mit der Grammatik treiben, "verdienen es, vom Blitz getroffen und vermöbelt zu werden, um schließlich in einem anonymen Grab zu landen". Ich dagegen meine: Sie verdienen es, den Job nicht zu kriegen - auch dann, wenn sie ansonsten für die Stelle qualifiziert sind.

Sprache als Projektion einer Persönlichkeit

Deshalb absolviert jeder Bewerber, der bei meinen Unternehmen iFixit oder Dozuki in den USA arbeiten will, einen obligatorischen Grammatik-Test. Von mildernden Umständen einmal abgesehen (Legasthenie, Nicht-Muttersprachler und so weiter): Wenn Jobsuchende im Englischen nicht unterscheiden können zwischen "to" und "too", landen ihre Bewerbungen im Papierkorb.

Natürlich spielt Schreiben und Sprache für unsere Unternehmen eine überragende Rolle. iFixit.com ist die weltgrößte Online-Sammlung für Reparatur-Anleitungen, und Dozuki unterstützt Unternehmen dabei, technische Dokumentationen wie zum Beispiel papierlose Arbeitsbeschreibungen und Schritt-für-Schritt-Anleitungen für Nutzer zu entwickeln. Deshalb ist es für uns sinnvoll, diesen Präventivschlag gegen grässliche Grammatikfehler zu führen.

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Aber: Grammatik ist für alle Unternehmen wichtig. Natürlich verändert sich Sprache andauernd. Doch diese Tatsache ändert nichts an der großen Bedeutung von Grammatik. Gute Grammatik ist Glaubwürdigkeit, und das gilt insbesondere im Internet. In Blogs, auf Facebook, in E-Mails oder auf Unternehmenswebseiten haben Sie nichts außer Ihren Worten. Ihre Sprache ist eine Projektion von Ihnen. Wenn Ihre Texte voller Fehler sind, werden Menschen ihre Schlüsse daraus ziehen.

Gute Grammatik ergibt also auch im Geschäftsleben Sinn - und nicht nur dann, wenn es um die Einstellung von Schreibern geht. Schreiben gehört nicht zur offiziellen Tätigkeitsbeschreibung der meisten Büroarbeiter. Dennoch muss sich bei uns jeder dem Grammatiktest unterziehen, auch unser Vertrieb, unser Betriebspersonal und unsere Programmierer.

Rückschluss von Grammatikkenntnis auf Intelligenz

Auf den ersten Blick könnte meine Null-Toleranz-Einstellung ein wenig unfair wirken. Schließlich hat Grammatik nicht das Geringste zu tun mit der Arbeitsleistung, Kreativität oder Intelligenz, richtig?

Falsch! Wenn jemand mehr als 20 Jahre braucht, um einfachste grammatikalische Regeln zu verstehen, dann ist das keine Lernkurve, mit der ich leben kann. Auch im harten Wettbewerb um die besten Köpfe würde ich deshalb einen großartigen Programmierer nicht einstellen, der Probleme mit dem Schreiben hat.

Grammatik zeugt von mehr als der Fähigkeit einer Person, sich an den Schulstoff zu erinnern. Ich habe festgestellt: Menschen, denen weniger Fehler im Grammatiktest unterlaufen, machen auch weniger Fehler, wenn sie etwas ganz anderes tun als Schreiben - etwa Waren einräumen oder Bauteile mit Etiketten versehen.

Ähnlich ist es bei Programmierern: Leute, die gewissenhaft schreiben, tendieren dazu, mit viel größerer Sorgfalt zu programmieren. Computer-Code ist, wenn Sie so wollen, Prosa. Große Programmierer sind alles andere als Fließbandarbeiter. Sie sind, um es mit den Worten der Programmierlegende der Universität Stanford, Donald Knuth, zu sagen, "Essayisten, die mit den traditionellen ästhetischen und literarischen Formen arbeiten". Der entscheidende Punkt ist: Programmierung sollte von Menschen leicht verstanden werden - nicht nur von Computern.

Details als Geschäftsmodell

Wie bei gutem Schreiben und guter Grammatik liegt auch beim Programmieren der Teufel im Detail. Tatsächlich geht es bei unserem Geschäftsmodell ausschließlich um Details.

Ich stelle Leute ein, denen diese Details wichtig sind. Bewerber, die Schreiben für unwichtig halten, sind sehr wahrscheinlich auch der Auffassung, dass andere (sehr wichtige) Dinge unbedeutend sind. Ich bin mir sehr sicher: Selbst wenn andere Unternehmen keine Grammatiktests vorschreiben, achten sie doch ganz genau auf schlampige Fehler in Bewerbungsunterlagen. Schludrig ist der, der Schludriges tut.

Das ist der Grund, warum ich unseren Bewerbern einen Grammatik-Test vorlege. Grammatik ist mein Lackmus-Test. So gut wie alle Bewerber behaupten, detail-orientiert zu sein - ich bringe sie dazu, es zu beweisen.

Hat der Autor Recht? Auf der Webseite des "Harvard Business Manager" wird die Frage kontrovers diskutiert: Hartmut Hillebrand, Senior Vice President von SAP, warnt davor, auf diesem Weg zu viele Talente auszusieben. Armin Trost von der Hochschule Furtwangen befürchtet, dass Kyle Wiens Grammatik-Tick mehr über ihn selbst verrät als über seine Bewerber.

  • Kyle Wiens ist CEO von iFixit, einer Online-Reparatur-Webseite, und Gründer von Dozuki, einem Software-Unternehmen, das technische Dokumentationen für die Industrie erstellt. Sein Gastbeitrag, übersetzt aus dem Englischen, erschien zuerst auf der Webseite von "Harvard Business Manager".

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insgesamt 144 Beiträge
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1. Überbewertung und im Zweifel keine Ahnung
jdm11000 14.09.2012
Man hat schon oft genug versucht Intelligenz an bestimmten Punkten messen zu können oder zu wollen. Was aber viele dabei vergessen ist die Tatsache, dass ein Test nur so gut ist, wie der Ersteller. Somit liegt also bei einem solchen Test immer ein immanenter Fehler vor. Zudem verkennt der Autor, dass es auch partielle Intelligenz gibt - wie will er dies mit einem Grammatiktest dies erkennen? Anders gesagt: dieser Mensch hat Vorurteile und daher ist seine Auffassung Humbug.
2. In der Tat
rs888 14.09.2012
es ist teilweise schon fast grauenhaft, wieviele Fehler in Emails und Texten gemachten werden. Da fehlen Kommas, werden welche zu viel gemacht, die Groß- und Kleinschreibung ignoriert und Rechtschreibefehler gemacht. So macht das lesen wirklich keinen Spass.
3. x
ralf_gabriel 14.09.2012
Zitat von sysopHarvard Business ManagerWer die Regeln seiner Muttersprache nicht beherrscht, ist für jede Aufgabe zu schludrig - selbst wenn er gar nicht schreiben muss. Davon ist der US-Unternehmer Kyle Wiens überzeugt. Im Gastbeitrag erklärt der bekennende Pedant, warum er Bewerber per Grammatiktest aussiebt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,855582,00.html
In gewissen Grenzen kann ich den Herrn verstehen, vor allem wenn es um ein Unternehmen geht, bei dem viel geschrieben werden muß. Grundsätzlich aber finde ich so einen Test als Einstellungskriterium fragwürdig. Was habe ich davon, wenn mein CNC Fräser sauber Texte schreiben kann, aber die Programme nicht beherrscht. Dann lieber andersherum. Und wenn er seinen Job vernünftig machen kann, sehe ich keinen Grund ihn deshalb auszusortieren. Wenn mir so viel an Grammatik und Rechtschreibung meiner Mitarbeiter liegt, kann ich ja auch Kurse finanzieren. Warum ich mich aber bei der Suche nach vernünftigen Mitarbeitern noch solchen Schwachsinnskriterien richten soll, ist mir ein Rätsel. Es ist ohnehin kein Überfluß an vernünftigen Leuten vorhanden. Da muß man nicht noch Luxusanforderungen stellen und dann rumjammern.
4. Korrekte Schreibweise impliziert Professionalität
cba-studentin 14.09.2012
Ich finde es ein wenig übertrieben zu behaupten, dass die Person für JEDE "Aufgabe zu schludrig ist", aber ansonsten stimme ich mit vielen Fakten überein. Ich persönlich arbeite in einem großen Unternehmen in dem ich auch viel international agieren muss - meistens via Mail. Hierbei achte ich bei meinen Mails sehr auf die Ausdrucksweise und insbesondere auf die Rechtschreibung, denn dies impliziert Professionalität. Man demonstriert dem Gegenüber, dass man sich Zeit für seine Antwort genommen hat und auch, dass man sich gekonnt und professionell ausdrücken kann. Hierzu zählt nunmal auch die Rechtschreibung und Grammatik. Wenn ich Mails mit vielen Rechtschreibfehlern bzw. mit seltsamen Satzkonstruktionen erhalte, finde ich dies äußerst unprofessionell. Dies sage ich trotz meines Migrationshintergrundes. Jedoch würde ich eine Person aufgrund dessen nicht ablehnen, wenn die Person ansonsten gut für den Job qualifiziert ist.
5. würdige Fragen
cassandros 14.09.2012
Zitat von ralf_gabrielIn gewissen Grenzen kann ich den Herrn verstehen, vor allem wenn es um ein Unternehmen geht, bei dem viel geschrieben werden muß. Grundsätzlich aber finde ich so einen Test als Einstellungskriterium fragwürdig. Was habe ich davon, wenn mein CNC Fräser sauber Texte schreiben kann, aber die Programme nicht beherrscht. Dann lieber andersherum. Und wenn er seinen Job vernünftig machen kann, sehe ich keinen Grund ihn deshalb auszusortieren. Wenn mir so viel an Grammatik und Rechtschreibung meiner Mitarbeiter liegt, kann ich ja auch Kurse finanzieren. Warum ich mich aber bei der Suche nach vernünftigen Mitarbeitern noch solchen Schwachsinnskriterien richten soll, ist mir ein Rätsel. Es ist ohnehin kein Überfluß an vernünftigen Leuten vorhanden. Da muß man nicht noch Luxusanforderungen stellen und dann rumjammern.
Welche Einstellungskriterien sind denn nicht fragwürdig? Wer entscheidet, welche Kriterien nicht fragwürdig sind? Wie entscheidet man, daß die Einstellung, Einstellungskriterien seien fragwürdig, nicht fragwürdig ist? Man kann diese "Programm beherrschen", ohne lesen und schreiben zu können? Ich folgere, daß diejenigen, die solche Programm schreiben, auch auf Kenntnisse jedweder Grammatik verzichten können. Korrekt?
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"Haben Sie Kinder?"
Zulässig. Der Familienstand gehört wie Name, Anschrift und Geburtsdatum zu den grundlegenden Daten, die der Arbeitgeber braucht, um beispielsweise den Ansprüchen der Sozialversicherung gerecht zu werden oder um im Falle von betriebsbedingten Kündigungen eine Sozialauswahl zu treffen.
"Wollen Sie Kinder haben?"
Unzulässig. Genauso wie die Frage nach Schwangerschaft oder Heiratsplänen. Die Lizenz zum Lügen haben hierbei nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Schließlich gehen immer mehr Väter in Erziehungsurlaub, sodass ein ehrliches "Ja!" die Entscheidung des Arbeitgebers - gegen den Bewerber - beeinflussen könnte.
"Haben Sie Punkte in Flensburg?"
Kommt drauf an. Prinzipiell sind Fragen nach Gesetzesverstößen oder Vorstrafen nicht erlaubt. Es sei denn, es besteht ein Zusammenhang zu der angestrebten Tätigkeit. Ein Berufskraftfahrer, der beim nächsten Rotlichtvergehen den Führerschein verliert, wäre für ein Umzugsunternehmen eine Fehlbesetzung. Genauso müsste sich jemand, der am Schalter einer Bank sitzen soll, die Frage nach einem Vermögensdelikt gefallen lassen.
"Haben Sie Schulden?
Kommt drauf an. Die Vermögensverhältnisse des Bewerbers sind tabu - eigentlich. Uneigentlich kann der Arbeitgeber ein besonderes Interesse haben, mögliche Konflikte, die mit der Berufsausübung zu tun haben, auszuschließen. Sucht er beispielsweise einen Chefeinkäufer, will er natürlich niemanden einstellen, der aus einer finanziellen Notlage heraus Geldgeschenke von Lieferanten annimmt.
"Sind Sie Allergiker?"
Kommt drauf an. Der Arbeitgeber darf nicht nach Krankheiten oder allgemein nach dem Gesundheitszustand fragen. Doch es gibt Ausnahmen: Typische "Berufskrankheiten" wie Hautallergien bei Friseuren können eine Anstellung des Bewerbers von vornherein sinnlos machen - in diesem Fall ist die Frage erlaubt.
"Sind Sie schwerbehindert?"
Kommt drauf an. So pauschal gestellt, braucht man die Frage nicht wahrheitsgemäß zu beantworten. Wenn aber eine bestimmte Schwerbehinderung die Ausübung der angestrebten Tätigkeit unmöglich machen würde, darf der Arbeitgeber sich durchaus erkundigen, ob die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit erfüllt sind.
"Sind Sie katholisch?"
Kommt drauf an. Religions-, Partei- oder Gewerkschaftszugehörigkeit gehen den Arbeitgeber nichts an. Aber auch hier gilt: Ausnahmen bestätigen die Regel. Für ein katholisches Bistum, das die Stelle eines Pressesprechers ausgeschrieben hat, ist die Religionszugehörigkeit ein naheliegendes Auswahlkriterium.
"Haben Sie zu Hause das Sagen oder Ihre Frau?"
Unzulässig. Die Frage geht zu weit ins Privatleben. Ein Zusammenhang zur künftigen Tätigkeit lässt sich beim besten Willen nicht konstruieren. Überhaupt müssen Fragen zum Lebenspartner nicht beantwortet werden.
"Sind Sie homosexuell?"
Unzulässig. Fragen zur sexuellen Orientierung haben im Vorstellungsgespräch nichts zu suchen. Ebensowenig darf sich der Personaler danach erkundigen, wann Sie zum ersten Mal Geschlechtsverkehr oder wie viele Partner Sie bislang hatten.

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