In diesem Jahr des kleinen Jobwunders traf es einige Langzeitaufsteiger besonders hart: "Karriere? Kannst du knicken!", hieß es in der Wirtschaftswelt für Air-Berlin-Kapitän Joachim Hunold und RWE-Chef Jürgen Großmann, in der Politik für Großplagiator Karl-Theodor zu Guttenberg und Vielflieger Guido Westerwelle.
Nur einer hatte das besondere Glück, Helmut Schmidt den Ascher zu halten und dafür mit einer Jobempfehlung belohnt zu werden: "Er ist der geeignete Mann", bekam Peer Steinbrück vom Altkanzler attestiert. Viele erfolglose Kandidaten reagierten dagegen ähnlich fassungslos wie Philipp Kohlschreiber: "Ich will, ich will, ich will, aber es will nicht, wie ich es will", so der Tennisprofi nach einem Erstrunden-K.o.
2011 hat sich auch so mancher Bewerber verkalkuliert - wenn ein allzu forsches Anschreiben-Plagiat zur raschen Herabstufung der Bewerber-Bonität führte. Die moralischen unter den Bewerbern übernehmen ja schon deshalb keine Fremdtexte aus dem großen Online-Angebot der Witzvorlagen, um sich nicht ständig fremdzuschämen.
"Eure ausgeschriebene Stelle und mein Wunsch nach einer neuen Herausforderung in einem innovativen und fordernden Produktionsumfeld, wo ich meine mannigfaltigen Erfahrungen einbringen kann, passt wie die Faust aufs Auge."
Autsch. Ein anderer Bewerber hatte es faustdick hinter den Ohren. Herz war Trumpf in diesem Schreiben:
"Sie wollen wissen, ob ich mich neu verlieben möchte? In einen Job? Das nun über 35 Jahre bestehende Beschäftigungsverhältnis meines Vaters bei Ihrer AG hat auch bei mir persönlich eine besonders anhaltende Verbundenheit und Begeisterung für das Unternehmen erzielt."
Frauen an den Nerd
"Es war schlichtweg Liebe", möchte man da mit CDU-Politiker Christian von Boetticher flöten, der über eine Lolita-Affäre stolperte. Begeisterte Treue ist in diesen uninspirierten Zeiten ja ein Wert an sich. Und was ist falsch daran, dass einen die Liebe zum Job direkt zur Jugendliebe des Vaters führt? Überhaupt zeigte sich 2011 eine Tendenz, die eigene strategische Berufsentwicklung biographisch zu verankern:
"Meine Wurzeln im Gewerkschaftsrecht sind tief. Mein Großvater war Personalchef und mein Vater ist seit meinem zehnten Lebensjahr Betriebsratsvorsitzender."
"Ich suche eine Tätigkeit, in welcher ich meine Leidenschaft zur IT ausleben kann."
Dabei war es eine seltene Kombination aus stetigem Ernst und ungebremster Motorik, die gerade diesen gereiften Bewerber ausgezeichnet hat:
"Warum brauchen Sie mich? I believe in speed, auch nach 17 Jahren in internationalen Großkonzernen."
Auf der Autobahn und auf der Karriereleiter fährt man hierzulande dicht auf. Need for Speed bzw. ein Kribbeln im Hosenboden motivierte so manchen Jobwechselwähler:
"In meiner festen und gut bezahlten Anstellung habe ich bisher viel geleistet. Dennoch oder gerade deshalb suche ich nach neuen interessanten Herausforderungen."
Auch 2011 wartete man vergeblich auf die große wissenschaftliche Studie, die abklärt, ab welcher Vergütungshöhe man als Karrierist eine öde Zumutung bereitwillig zur spannenden Herausforderung umdichtet. Die große Bewerber-Herausforderung bleibt aber Jahr für Jahr, dass man immer ehrlich und authentisch bleibt. Hier überzeugte vor allem das Geständnis:
"Ich habe noch nie in einem Betrieb wie dem Ihren gearbeitet und bringe eigentlich keinerlei (offensichtlicher) Erfahrungen mit."
"Und noch etwas: Ich habe Humor!"
Der Hinweis, dass man es nicht kann, macht den Einstieg im Anschreiben zum echten Augenfänger. Dass man nicht anders konnte, überzeugte aber fast noch mehr:
"'Das ist es!' habe ich gedacht, als ich Ihre Anzeige entdeckt hatte und auf Ihrer Internetseite war und musste mich direkt hinsetzen um diese Bewerbung zu schreiben."
Andere Länder haben Mitarbeiter. Wir bei uns haben Wertarbeiter:
"Auf Ehrlichkeit und Echtheit im Ausdruck und Verhalten lege ich großen Wert. Und noch etwas: Ich habe Humor!"
Führende Berater empfehlen ja, sich als Bewerber in den Personaler zu versetzen. Was war 2011 da zu sehen? "Sie sehen meine Bewerbung für die ausgeschriebene Stelle als Vertriebsassistentin vor sich." Jobanbieter schätzen es, wenn sich jemand sichtlich Gedanken gemacht hat, blicken es aber kaum, ob man eine Aufgabe auch genuin interessant findet. Deshalb sagt man dem Rekrutierer besser klipp und klar:
"Ich finde die Technik, aber noch mehr die erneuerbare Energie sehr spannend und interessant und deswegen wäre das mein Traumjob, weil es genau das wäre, was mich interessiert und was mir Spaß bringt."
"Im Laufe meiner Dissertation wurde ich immer wieder gefragt: 'Was willst du eigentlich damit machen?' ... Ohne zu zögern antwortete ich jedes Mal mit einem Lächeln: 'Mit Menschen möchte ich arbeiten. Am liebsten in einer großen Presseabteilung.'"
Das sitzt! Jetzt nur noch unterfüttern:
"Dass die Tätigkeit vielschichtig und lifestyleorientiert ist und sie beruflich vollkommen meinen Vorstellungen entspricht, ist ein zusätzlicher Motivationsschub."
Der gute Rat, in Anschreiben nichts zu begründen und sich für nichts zu rechtfertigen, ist auch 2011 häufig nicht beim Bewerber angekommen:
"Bei der Wahl meines Studienganges entschied ich mich bewusst für einen interdisziplinären Studiengang, um in verschiedene Richtungen denken zu können."
Der Bewerber ist gut. Also, schlimmstenfalls.
Weithin befolgt wurde die Anregung, dass man als Bewerber am besten auf seine konkreten Leistungen verweist: "Implantierung SAP R/3". Bei allem Krisengerede, um die Zukunft machten sich vor allem die akademischen Einsteiger wenig Sorgen:
"Spätestens im September werde ich mein Informatikstudium mit 'mit Auszeichnung', 'sehr gut' oder schlimmstenfalls 'gut' beendet haben."
Dies lag natürlich auch daran, dass Jobsuchende bei uns traditionellerweise hoch flexibel sind - wenn es sein muss, in allen Richtungen:
"Außerdem bin ich räumlich sehr flexibel, kann mich also optimal der Mobilität Ihres Hauses anpassen."
Passgenauigkeit war das, was man 2011 von Anschreiben erwarten konnte. Da war deutsche Maßarbeit angesagt:
"Ich freue mich, falls mein Kopf zu den Ihren passt und wir uns dessen in einem persönlichen Gespräch vergewissern könnten."
Ganz am Ende gab man sich dann gern konziliant:
"Bei der Gelegenheit können wir gerne gemeinsam meine Gehaltsvorstellung erörtern."
Werden Anschreiben zunehmend sinnfreier? In jedem Fall stemmen sich die Beraterkollegen dagegen. Ein hauptstädtisches Bewerbungsbüro komponierte 2011 für eine Klientin den Knüllereinstieg für die Mitarbeit im Versand:
"Sehr geehrte Frau Mustermann, 'den Dreiklang aus einer menschlichen Betreuung, großer fachlicher Kompetenz und der Nähe zur Praxis' , mit diesem Ziel möchte ich mit dieser Bewerbung bei Ihnen näher kommen."
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