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Bewerbungs-Tiefschläge Das Beste aus den Anschreiben 2011

Bei der Bewerbung angezählt: Fünf, sechs, sieben.... wieder aufstehen! Zur Großansicht
Corbis

Bei der Bewerbung angezählt: Fünf, sechs, sieben.... wieder aufstehen!

Im Anschreiben wollen viele Job-Kandidaten es besonders gut machen, Kreativität beweisen. Das klappt nicht immer. Bewerbungshelfer Gerhard Winkler hat übers Jahr schräge Formulierungen gesammelt. Angezählt und ausgeknockt - wie Bewerber sich selbst in die Seile schickten.

In diesem Jahr des kleinen Jobwunders traf es einige Langzeitaufsteiger besonders hart: "Karriere? Kannst du knicken!", hieß es in der Wirtschaftswelt für Air-Berlin-Kapitän Joachim Hunold und RWE-Chef Jürgen Großmann, in der Politik für Großplagiator Karl-Theodor zu Guttenberg und Vielflieger Guido Westerwelle.

Nur einer hatte das besondere Glück, Helmut Schmidt den Ascher zu halten und dafür mit einer Jobempfehlung belohnt zu werden: "Er ist der geeignete Mann", bekam Peer Steinbrück vom Altkanzler attestiert. Viele erfolglose Kandidaten reagierten dagegen ähnlich fassungslos wie Philipp Kohlschreiber: "Ich will, ich will, ich will, aber es will nicht, wie ich es will", so der Tennisprofi nach einem Erstrunden-K.o.

2011 hat sich auch so mancher Bewerber verkalkuliert - wenn ein allzu forsches Anschreiben-Plagiat zur raschen Herabstufung der Bewerber-Bonität führte. Die moralischen unter den Bewerbern übernehmen ja schon deshalb keine Fremdtexte aus dem großen Online-Angebot der Witzvorlagen, um sich nicht ständig fremdzuschämen.

Erste Hilfe Karriere
Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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Doch selbst für Eigentexter war dieses Jahr ein besonders gutes Jahr, um vorerst zu scheitern. Dabei hatte man doch mit einem sehr persönlichen Schreibstil punkten wollen, wie in diesem Beispiel:

"Eure ausgeschriebene Stelle und mein Wunsch nach einer neuen Herausforderung in einem innovativen und fordernden Produktionsumfeld, wo ich meine mannigfaltigen Erfahrungen einbringen kann, passt wie die Faust aufs Auge."

Autsch. Ein anderer Bewerber hatte es faustdick hinter den Ohren. Herz war Trumpf in diesem Schreiben:

"Sie wollen wissen, ob ich mich neu verlieben möchte? In einen Job? Das nun über 35 Jahre bestehende Beschäftigungsverhältnis meines Vaters bei Ihrer … AG hat auch bei mir persönlich eine besonders anhaltende Verbundenheit und Begeisterung für das Unternehmen erzielt."

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"Es war schlichtweg Liebe", möchte man da mit CDU-Politiker Christian von Boetticher flöten, der über eine Lolita-Affäre stolperte. Begeisterte Treue ist in diesen uninspirierten Zeiten ja ein Wert an sich. Und was ist falsch daran, dass einen die Liebe zum Job direkt zur Jugendliebe des Vaters führt? Überhaupt zeigte sich 2011 eine Tendenz, die eigene strategische Berufsentwicklung biographisch zu verankern:

"Meine Wurzeln im Gewerkschaftsrecht sind tief. Mein Großvater war Personalchef und mein Vater ist seit meinem zehnten Lebensjahr Betriebsratsvorsitzender."

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Eros und Mac OS waren in diesem turbulenten Jahr zwei bestimmende Kräfte:

"Ich suche eine Tätigkeit, in welcher ich meine Leidenschaft zur IT ausleben kann."

Dabei war es eine seltene Kombination aus stetigem Ernst und ungebremster Motorik, die gerade diesen gereiften Bewerber ausgezeichnet hat:

"Warum brauchen Sie mich? I believe in speed, auch nach 17 Jahren in internationalen Großkonzernen."

Auf der Autobahn und auf der Karriereleiter fährt man hierzulande dicht auf. Need for Speed bzw. ein Kribbeln im Hosenboden motivierte so manchen Jobwechselwähler:

"In meiner festen und gut bezahlten Anstellung habe ich bisher viel geleistet. Dennoch oder gerade deshalb suche ich nach neuen interessanten Herausforderungen."

Auch 2011 wartete man vergeblich auf die große wissenschaftliche Studie, die abklärt, ab welcher Vergütungshöhe man als Karrierist eine öde Zumutung bereitwillig zur spannenden Herausforderung umdichtet. Die große Bewerber-Herausforderung bleibt aber Jahr für Jahr, dass man immer ehrlich und authentisch bleibt. Hier überzeugte vor allem das Geständnis:

"Ich habe noch nie in einem Betrieb wie dem Ihren gearbeitet und bringe eigentlich keinerlei (offensichtlicher) Erfahrungen mit."

"Und noch etwas: Ich habe Humor!"

Der Hinweis, dass man es nicht kann, macht den Einstieg im Anschreiben zum echten Augenfänger. Dass man nicht anders konnte, überzeugte aber fast noch mehr:

"'Das ist es!' habe ich gedacht, als ich Ihre Anzeige entdeckt hatte und auf Ihrer Internetseite war und musste mich direkt hinsetzen um diese Bewerbung zu schreiben."

Andere Länder haben Mitarbeiter. Wir bei uns haben Wertarbeiter:

"Auf Ehrlichkeit und Echtheit im Ausdruck und Verhalten lege ich großen Wert. Und noch etwas: Ich habe Humor!"

Führende Berater empfehlen ja, sich als Bewerber in den Personaler zu versetzen. Was war 2011 da zu sehen? "Sie sehen meine Bewerbung für die ausgeschriebene Stelle als Vertriebsassistentin vor sich." Jobanbieter schätzen es, wenn sich jemand sichtlich Gedanken gemacht hat, blicken es aber kaum, ob man eine Aufgabe auch genuin interessant findet. Deshalb sagt man dem Rekrutierer besser klipp und klar:

"Ich finde die Technik, aber noch mehr die erneuerbare Energie sehr spannend und interessant und deswegen wäre das mein Traumjob, weil es genau das wäre, was mich interessiert und was mir Spaß bringt."

Sicher, Spaß muss sein, auch in der Bewerbung:

"Im Laufe meiner Dissertation wurde ich immer wieder gefragt: 'Was willst du eigentlich damit machen?' ... Ohne zu zögern antwortete ich jedes Mal mit einem Lächeln: 'Mit Menschen möchte ich arbeiten. Am liebsten in einer großen Presseabteilung.'"

Das sitzt! Jetzt nur noch unterfüttern:

"Dass die Tätigkeit vielschichtig und lifestyleorientiert ist und sie beruflich vollkommen meinen Vorstellungen entspricht, ist ein zusätzlicher Motivationsschub."

Der gute Rat, in Anschreiben nichts zu begründen und sich für nichts zu rechtfertigen, ist auch 2011 häufig nicht beim Bewerber angekommen:

"Bei der Wahl meines Studienganges entschied ich mich bewusst für einen interdisziplinären Studiengang, um in verschiedene Richtungen denken zu können."

Der Bewerber ist gut. Also, schlimmstenfalls.

Weithin befolgt wurde die Anregung, dass man als Bewerber am besten auf seine konkreten Leistungen verweist: "Implantierung SAP R/3". Bei allem Krisengerede, um die Zukunft machten sich vor allem die akademischen Einsteiger wenig Sorgen:

"Spätestens im September werde ich mein Informatikstudium mit 'mit Auszeichnung', 'sehr gut' oder schlimmstenfalls 'gut' beendet haben."

Dies lag natürlich auch daran, dass Jobsuchende bei uns traditionellerweise hoch flexibel sind - wenn es sein muss, in allen Richtungen:

"Außerdem bin ich räumlich sehr flexibel, kann mich also optimal der Mobilität Ihres Hauses anpassen."

Passgenauigkeit war das, was man 2011 von Anschreiben erwarten konnte. Da war deutsche Maßarbeit angesagt:

"Ich freue mich, falls mein Kopf zu den Ihren passt und wir uns dessen in einem persönlichen Gespräch vergewissern könnten."

Ganz am Ende gab man sich dann gern konziliant:

"Bei der Gelegenheit können wir gerne gemeinsam meine Gehaltsvorstellung erörtern."

Werden Anschreiben zunehmend sinnfreier? In jedem Fall stemmen sich die Beraterkollegen dagegen. Ein hauptstädtisches Bewerbungsbüro komponierte 2011 für eine Klientin den Knüllereinstieg für die Mitarbeit im Versand:

"Sehr geehrte Frau Mustermann, 'den Dreiklang aus einer menschlichen Betreuung, großer fachlicher Kompetenz und der Nähe zur Praxis'…, mit diesem Ziel möchte ich mit dieser Bewerbung bei Ihnen näher kommen."

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insgesamt 12 Beiträge
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1. 2011...
jierdan 02.01.2012
war offenbar kein außergewöhnliches Jahr, wenn das schon die Tiefschläge waren. Habe schon wesentlich hanebücheneres gelesen.
2. Personalverantwortliche sind keine Götter
johnbatz 02.01.2012
Personalverantwortliche sind keine Götter, spielen sich aber manchmal so auf. Tiefschläge habe ich hier keine gelesen. Ich sehe nur das elitäre Gehabe von Leuten die Arbeitsplätze vergeben sollen und dabei vergessen, dass das ein Job ist, den im Prinzip jeder ohne besondere Ausbildung machen kann. Hier werden immer Leute auf einen Thron gehoben, weil sie eine vermeintliche Machtposition innehaben. Aber das Geld verdienen andere Leute in der Firma, das sollten sich manche Personaler durch den Kopf gehen lassen, wenn ihnen ihre Überheblichkeit mal wieder aus den Ohren quillt.
3.
mmueller60 02.01.2012
Zitat von sysopIm Anschreiben wollen viele Job-Kandidaten es besonders gut machen, Kreativität beweisen. Das klappt nicht immer. Bewerbungshelfer Gerhard Winkler hat übers Jahr schräge Formulierungen gesammelt. Angezählt und ausgeknockt - wie Bewerber sich selbst in die Seile schickten. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,806491,00.html
Ja, die Sammlung ist eher beliebig, die meisten Stilblüten sind eher alltäglich. Zudem fehlt der Kontext - manche Formulierungen wie "I believe in speed" passen eventuell sogar zu einer z.B. durchgehend jung und hip gestalteten Bewerbung in einer Werbeagentur. Und wenn ich mir das mangelnde Schreibstil-Bewußtsein einiger fachlich exzellenter und gutverdienender Kollegen ansehe, wäre es ein Fehler, eine Bewerbung nur wegen einer Stilblüte auszusortieren.
4. Kommen die Tiefschläge noch?
itsaboutphotography 02.01.2012
Ich schließe mich an: Wo sind sie denn, die Tiefschläge?? Wie könnte man es besser machen? Wieder belanglos und unpersönlich werden? Haben die vielen "Bewerben aber richtig"-Beiträge, die wir in den letzten Jahren von Print- und Online-Medien präsentiert bekamen, nicht genau diese Schreiberei propagiert? Wollen wir nicht lieber mal darüber sprechen / schreiben, wie im Zeitalter der Online-Bewerbungen mit den Arbeitssuchenden umgegangen wird? Ich bewerbe mich seit drei Monaten intensiv und muss vor Allem eins feststellen: 85% aller angeschriebenen Firmen reagieren überhaupt nicht! Nicht-Kommunizieren ist auch eine Form der Kommunikation... "Sie, lieber Bewerber, und Ihre Existenz sind uns völlig schnuppe!"
5.
Sleeper_in_Metropolis 02.01.2012
Zitat von mmueller60Ja, die Sammlung ist eher beliebig, die meisten Stilblüten sind eher alltäglich. Zudem fehlt der Kontext - manche Formulierungen wie "I believe in speed" passen eventuell sogar zu einer z.B. durchgehend jung und hip gestalteten Bewerbung in einer Werbeagentur. Und wenn ich mir das mangelnde Schreibstil-Bewußtsein einiger fachlich exzellenter und gutverdienender Kollegen ansehe, wäre es ein Fehler, eine Bewerbung nur wegen einer Stilblüte auszusortieren.
Sehe ich auch so. Vor allem kommen die meisten Stilblüten doch nur dadurch zustande, das gewisse Medien den Leuten eintrichtern, das jeder Lagerarbeiter und jede Putzfrau eine Bewerbung wie ein leitender Angestellter einer Werbeagentur produzieren müßte. Dann kommen eben unter dem Druck, möglichst die tollste, hippste, originelleste Bewerbung abzuliefern solche Stilblüten heraus. Vieleicht sollte man (zumindest außerhalb der Medienbranche) wieder dazu übergehen, mehr knappe und gehaltvolle Bewerbungen zu fordern. Vieleicht etwas hölzern formuliert, dafür aber klar in bezug auf Vorstellungen und Fähigkeiten ? Dann müßten sich Chefs, die noch auf inhaltliche Fähigkeiten anstatt darstellerischer Wert legen auch durch weniger belanglose Worthülsen wühlen. Und zu guter letzt darf man nicht vergessen, das die sogenannten Personaler ja auch nicht einheitlich darüber denken, was und wie sie so eine Bewerbung denn gerne hätten. Ich bin mir sicher, das man eine Bewerbung, die einer von den Karriereberaterfritzen als top angesehen hat bei anderen Menschen dieser Gattung vorlegen kann und dort das genaue Gegenteil als Urteil erntet. Wie man's macht, macht man es (sowieso) verkehrt.
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Zum Autor
Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.
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