Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

ThemaAuszubildendeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


 

Verheizte Lehrlinge "Bist du Kazubi oder Packesel?"

Oft gilt: Voll mitarbeiten - bei Azubi-Gehalt Zur Großansicht
DPA

Oft gilt: Voll mitarbeiten - bei Azubi-Gehalt

In Deutschland fehlt es an Ausbildungsreife - mehr bei Firmen als bei jungen Menschen, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Er sieht gute Gründe, warum jeder vierte Lehrling hinwirft: Mitunter werden Azubis als Billigarbeiter angeheuert und ausgenutzt.

Wer befürchtet, Azubis könnten in Deutschland nichts lernen, übersieht eine wichtige Lektion: Sie lernen Ausbeutung für Fortgeschrittene, wenn auch nur in der passiven Rolle. Einige Firmen verkünden stolz: "Wir behandeln unsere Azubis als vollwertige Teammitglieder!" Aber "vollwertig" heißt nur, dass Azubis mit voller Kraft arbeiten müssen. Ein volles Gehalt gehört nicht dazu. In der Regel müssen sich Azubis mit 600 bis 800 Euro bescheiden. Bei 160 Stunden im Monat kommen sie auf einen Stundenlohn von etwas über 4 Euro.

Es gibt zwei Sorten von ausgenutzten Azubis: Die einen werden vom ersten Tag an als vollwertige Arbeitskraft eingespannt, zum Beispiel im Einzelhandel, im Hotelgewerbe oder in Redaktionen. Die anderen sind den ganzen Tag mit Dingen beschäftigt, die wenig mit ihrer Ausbildung zu tun haben.

Dabei darf die Tätigkeit des typischen Azubi durchaus als abwechslungsreich gelten: Post frankieren, Kopien machen, Blumen kaufen, Bote spielen, Autos waschen, Telefonate durchstellen, Karteikarten sortieren, Akten schreddern, Tische decken, Kaffee kochen und manchmal sogar Toilette putzen - all das gehört dazu.

Der Azubi war der Admin - die Noten wurden immer schlechter

Ein Auszubildender aus dem Frankfurter Raum hat Folgendes erlebt: Er fing bei einem Mittelständler an, um den Beruf des Industriekaufmanns zu lernen. Schon bei der Ausschreibung hatte er sich gewundert, dass "fortgeschrittene Computerkenntnisse und Interneterfahrung" gefragt waren. "Wir sind ein kleiner Betrieb", sagte der Chef am ersten Tag. "Hier muss jeder alles machen. Und von Ihnen wünsche ich mir, dass Sie sich nebenbei ein wenig um die Computerangelegenheiten kümmern."

Das klang nicht schlecht, denn er war Computerfreak. Doch der scheinbare Segen entpuppte sich als Fluch: "Ich war kaum im Büro, da rief schon der erste Kollege: 'Jan, ich habe mir einen Virus eingefangen, kommst du mal rüber!' Und der nächste rief: 'Und wenn du fertig bist, richtest du mir dann den Drucker ein?'"

Fotostrecke

10  Bilder
Azubi-Löhne: Tops und Flops bei der Bezahlung
Die Firma hatte 150 Angestellte, aber keinen eigenen Informatiker. Diese Rolle übernahm der Azubi (wie schon sein Vorgänger). Das kostete nicht 55 Euro die Stunde, wie beim Computerservice, das war fast kostenlos.

Und so fing die Ausbildung erst gar nicht an, obwohl der Azubi jeden Tag zur Arbeit kam: "Niemand erklärte mir eine Bilanz. Niemand zeigte mir Buchhaltung. Niemand erläuterte mir, wie man ein Angebot schreibt." Täglich gab es Probleme, weil die Computer mitsamt Software uralt waren. Manche Dokumente, die von Kunden geschickt wurden, ließen sich mit der veralteten Software nicht einmal mehr öffnen.

"Sie sind halt ein Praktiker!"

Daher schien es wie eine gute Nachricht, als der Geschäftsführer verkündete: "Wir bekommen neue Computer!" Aber wer war dafür zuständig, die Daten von den alten auf die neuen Computer zu spielen? Wer musste die Drucker anschließen, die Mitarbeiter in die neuen Geräte einweisen? Und wer war wochenlang mit der Einführung beschäftigt und wurde angeschnauzt, wenn etwas nicht klappte? Genau, der Azubi.

Die Rechnung bekam er in der Berufsschule präsentiert: "Die Lehrer setzten voraus, dass wir Grundkenntnisse aus den Firmen mitbringen. Aber ich hatte null Ahnung. Und so fiel dann auch mein Zwischenzeugnis aus." Der Chef reagierte gelassen, als er die vielen Vierer und die vereinzelten Fünfer sah: "Sie sind halt ein Praktiker! Hier in der Firma erlebe ich Sie als wertvoll."

Doch die Eltern des Jungen machten nun Druck: Er dürfe nicht länger mitspielen. Also sagte er zu seinem Chef: "Ich werde durch die Prüfung fallen, wenn ich hier nicht endlich etwas lernen kann. Ich möchte mich nicht mehr um die Computer kümmern." "Aber unter anderem dafür habe ich Sie doch eingestellt!", sagte sein Chef. "Das stand doch in der Stellenausschreibung!" "Aber ich will hier einen Beruf lernen. Ich bin Auszubildender." - "Vor allem sind Sie frech!"

Die schlimmsten Chef-Sprüche (7)

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil

Von diesem Tag an sah ihn der Chef als Unperson. Und die Kollegen waren sauer, weil er sie mit ihren Computerproblemen angeblich "hängen ließ". Niemand hatte Zeit für seine Fragen. Die Noten in der Berufsschule blieben schlecht. Nach sechs Wochen war der junge Mann zermürbt: Er schmiss die Ausbildung hin.

So geht das oft: Jeder vierte Lehrling in Deutschland brach 2011 seine Ausbildung ab, wie eine Auswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung ergab; zu Beginn der achtziger Jahre hatte nur jeder Siebte hingeschmissen. In einigen Berufen steigt mittlerweile die Mehrheit der Azubis aus, etwa bei den Kellnern und den Umzugshelfern (je 51 Prozent). Bei den Köchen und Wachleuten ist es knapp die Hälfte (49,5 Prozent).

Wenn Azubis 40 Prozent der Arbeit erledigen

Das liegt vor allem an der Ausbildungsschwäche der Firmen. Aus gutem Grund kommen die meisten Azubis in Berufen abhanden, in denen sie sofort wie Packesel beladen und an die Grenzen ihrer Belastbarkeit getrieben werden, wie beispielsweise als Umzugshelfer.

Eine Auszubildende im Einzelhandel erzählt, ihre Lehre in der Filiale eines großen Discounters bestehe darin, Waren ein- und auszuräumen. Der Laden hat zu wenig Personal. Nicht einmal Pause kann sie machen, das Essen muss nebenbei laufen, sonst tickt ihre Chefin aus. Als wieder mal Unterricht in der Berufsschule anstand, meinte die Filialleiterin: "Ich brauch dich hier. Kannst du die Schule nicht absagen?"

"Absagen" hieß: Sie sollte eine Krankheit vorschwindeln - und dennoch arbeiten. Damit versäumte sie nicht nur den Unterricht, sondern arbeitete ohne Versicherungsschutz, weil sie offiziell gar nicht da war. Ihre Chefin kümmerte das nicht. Der Ex-Aldi-Manager Andreas Straub berichtet, dass in einzelnen Filialen bis zu 40 Prozent der Arbeitsstunden von Azubis übernommen werden. Da wird der Lehrling zum Sparschwein der Firma.

Oder zum Dienstboten. Die Auszubildende einer Behörde in Hamburg wurde an ihrem ersten Arbeitstag als "Kazubi" begrüßt. Auf ihre Frage, was das heiße, kommandierte sie der Chef zur Kaffeemaschine. Dort durfte sie während ihrer Ausbildung jeden Tag antreten. "Kazubi" meinte: "Kaffee-Zubringerin".

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus Martin Wehrles Buch "Bin ich hier der Depp? - Wie Sie dem Arbeitswahn nicht länger zur Verfügung stehen".

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 194 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
jujo 22.10.2013
Zitat von sysopDPAIn Deutschland fehlt es an Ausbildungsreife - mehr bei Firmen als bei jungen Menschen, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Er sieht gute Gründe, warum jeder vierte Lehrling hinwirft: Mitunter werden Azubis als Billigarbeiter angeheuert und ausgenutzt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/billige-lehrlinge-wie-arbeitgeber-azubis-verheizen-a-928646.html
Die Ausnutzung der Lehrlinge als billige Arbeitskräfte war schon immer so, das geht zurück bis zur Ständewirtschaft des Mittelalters! Wenn es positiv läuft lernt der junge Mensch auch dabei, Es wird doch überprüft ob der Ausbildungsstand dem Lehrjahr entspricht! oder etwa nicht mehr?
2.
wschwarz 22.10.2013
Zitat von sysopDPAIn Deutschland fehlt es an Ausbildungsreife - mehr bei Firmen als bei jungen Menschen, sagt Karrierecoach Martin Wehrle. Er sieht gute Gründe, warum jeder vierte Lehrling hinwirft: Mitunter werden Azubis als Billigarbeiter angeheuert und ausgenutzt. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/billige-lehrlinge-wie-arbeitgeber-azubis-verheizen-a-928646.html
Die Deutschen sind eben Schnäppchenjäger! da wird alles verheizt, was Geld bringt.
3. jaja...
grimboldunfried 22.10.2013
dann fang doch mal an lieber Gesetzgeber und entzieh Ausbildern/Betrieben die nur Murks ausbilden, die Ausbildereignung, auch damit seriöse Ausbildungsbetriebe nicht über Dumpingpreise (die die anderen machen können, weil Sie Ihre AZUBIS ausbeuten), den guten Betrieben das Wasser abgraben.... Das Thema ist so alt wie das Handwerk... am Ende interessiert es doch niemanden...!
4.
Sleeper_in_Metropolis 22.10.2013
---Zitat--- In einigen Berufen steigt mittlerweile die Mehrheit der Azubis aus, etwa bei den Kellnern und den Umzugshelfern (je 51 Prozent). ---Zitatende--- Als Umzugshelfer muß man eine Ausbildung machen ? Wie lange braucht man denn offiziell, bis man Kartons und schwere Möbel die Treppen rauf- und runterschleppen gelernt hat ? Azubis ausnutzen ist ein Unding, aber bei manchen Jobs scheint die Unmöglichkeit schon damit zu beginnen, das man dazu auf dem Papier überhaupt eine Ausbildung braucht. Wozu braucht es denn eine mehrjährige Ausbildung zum Einzelhandelsverkäufer oder eben zum Umzugshelfer, währen in den gleichen Branchen 400EUR-Kräfte als Quereinsteiger in ein paar Stunden vollumfänglich angelernt sind ? Doch nur, damit das Azubiausbeutungssystem auch weiterhin wie geschmiert laufen kann.
5. Wozu noch Lehrlinge,als Billigloehner?
papayu 22.10.2013
Man waren das schoene Zeiten,als ich Lehrling war, 1956-59. Zu allererst Ablage von einem Jahr ablegen, Dauer war nicht vorgeschrieben, dann Bote zu den Konsulaten, den Reedereien und Schiffsmaklern, Nie wurde auf die Uhr geschaut. Da konnte ich mich schon mal an die Elbe oder Alster setzen und nicht nur die Seele baumeln lassen. Dann die Schuppenausbildung erst 55. Morgens den Stauervizen und Anderen die Schiffszettel verteilen Ging so bis Mittag, nachmittags rumgammeln. 15h Feierabend. Zur Berufsschule auch 2x die Woche, da gabs den ersten Aerger. Bis ich in der Firma war, war es meistene 16h vorbei. Das musste ich nachholen. Postmachen bis 18h. Und heute, wer wird denn ueberhaupt noch in welchen Berufen ausgebildet? Uebrigens war schon damals der Lehrling die billigste Kraft im Hause. 1. 45, 2.56. 3. 65 DM
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zum Autor
  • Martin Frommann
    Martin Wehrle (Jahrgang 1970) war Manager, bevor er Karriereberater und Gehaltscoach wurde. Er ist Autor der Bücher "Lexikon der Karriere-Irrtümer", "Ich arbeite in einem Irrenhaus" und "Bin ich hier der Depp?".
Fotostrecke
Azubis gesucht: Und wer soll jetzt den Tisch decken?

Verwandte Themen
Anzeige

Fotostrecke
Berufe-WM 2013 in Leipzig: Mit Handwerk zur Medaille


Social Networks