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Brief an junge Juristen Chatten Sie gerne?

Junge Juristen: Auswendiglernen ist nicht die einzige Fähigkeit, auf die es ankommt Zur Großansicht
Corbis

Junge Juristen: Auswendiglernen ist nicht die einzige Fähigkeit, auf die es ankommt

Das Jurastudium macht nicht zwangsläufig lebensuntüchtig. Was in Ausbildung und Beruf wirklich zählt, was gute Juristen auszeichnet, das erklärt Wolfgang Hoffmann-Riem - Ratschläge vom früheren Bundesverfassungsrichter an alle Richter, Staats- und Rechtsanwälte von morgen.

Wenn Sie an einer tiefen Baugrube vorbeigehen, eine solche mit Gerüsten, Kränen und Betonmischern, bleiben Sie dann stehen? Wenn ja, denken Sie darüber nach, ob wohl die Sicherheitsregeln eingehalten werden, ob dort im Wesentlichen Schwarzarbeiter arbeiten oder ob die Vorgaben der Bauordnung beachtet werden? (Typ A 1) Oder interessiert Sie mehr, was für ein Gebäude hier wohl entsteht, wie ein hoher Kran aufgerichtet wird und stabil bleibt und wie die vermutlich fremdsprachigen Arbeiter sich untereinander so verständigen, dass möglichst keine Unfälle passieren? (Typ B 1)

Können Sie sich gut Zahlen und Namen merken und lernen Sie gerne etwas auswendig; sind Sie gut in Mathematik? (Typ A 2) Lesen Sie ausdauernd Romane, würden Sie gern Kurzgeschichten schreiben und stundenlang vor einem abstrakten Gemälde sitzen und es enträtseln? Chatten Sie gerne? (Typ B 2)

Sie haben es sicherlich schon gemerkt: Meine Sympathie liegt bei den B-Typen. Das liegt natürlich daran, dass ich das Zeug für den Typ A nicht habe. Ich kann mir kaum Personen- und Straßennamen merken. Mathematik habe ich in der Schule nicht besonders gemocht. Und die Einhaltung von Regeln? Sie ist im Leben nicht unwichtig, aber sie reicht nicht, um Sinnvolles zu bewirken - wie am "Dienst nach Vorschrift" studiert werden kann. Ihren Sinn finden Regeln darin, dass sie Probleme des gesellschaftlichen Miteinander angemessen bewältigen helfen. Dies setzt voraus, dass man ihren Sinn versteht und ihre Anwendung daran ausrichtet.

Das Medium des Juristen ist die Sprache

Trotz meiner Vorliebe für die Qualitäten des Typs B gelte ich als leidlich guter Jurist. Ich glaube, meinen Erfolg habe ich zum Teil meinen Defiziten, etwa beim Auswendiglernen, zu verdanken: Ich musste nämlich Fähigkeiten zu ihrer Kompensation entwickeln. Da half mir meine Neugier, etwa mein Interesse zu erfahren, wie Dinge funktionieren, woraus Konflikte entstehen und was in einer Gesellschaft als sinnvolle Konfliktlösung gilt, welche Prämissen hinter einer Regelung stehen und wie sie sich auf das konkrete Problem auswirken. Solche Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen, macht, glaube ich, einen guten Juristen aus.

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Nicht alle, aber viele der von Juristen zu bearbeitenden Probleme sind komplex. Meist fehlt es an linearen Kausalitätszuschreibungen, und erst recht gibt es nur selten eine eindeutige, auf die Wahl zwischen Ja und Nein reduzierbare Lösung. "Irgendwie" haben alle an einem Problem mit unterschiedlichen Interessen Beteiligten Recht: Die beste Lösung wäre ein "sowohl als auch", und vielfach lässt sie sich auch finden.

Auch dort, wo die Rechtsordnung den Bürgern, im Streitfall dann den Richtern, eine Ja-/Nein-Entscheidung abnötigt, müssen möglichst weitere oder gar alle Faktoren und Akteure einkalkuliert werden, bevor sich die Waagschale zu Ja oder Nein senken darf. Dies fordert häufig ein ganzheitliches Denken, das - da die analytische Rekonstruktion aller Einzelzusammenhänge häufig praktisch nicht leistbar ist - auch auf Intuition zurückgreifen darf; Juristen hilft dabei ein gutes Judiz.

Eine weitere Fähigkeit ist wichtig: Neugier. Wer stets auf Neues gespannt ist und sich dann fragt: was, wieso, warum?, der kann sich durch neues Neue nicht erschüttern lassen. Er ist ja in dessen Verarbeitung geschult. Das Medium des Juristen ist die Sprache. Juristerei ist zu einem wesentlichen Teil Argumentationskunst, verstanden nicht als formale Rhetorik, sondern als die Fähigkeit, Substanzielles zu erkennen und in Sprache zu kleiden.

Rechtliche Kontraste schulen die Fantasie

Nun werden Sie gemerkt haben, dass ich fast nur Fähigkeiten erwähnt habe, die man in der Universität oder gar beim Repetitor nicht wirklich lernt und die auch in der Referendarausbildung zu kurz kommen. Ich bezweifle nicht, dass die Juristenausbildung viele sinnvolle Fähigkeiten vermittelt und dass ein Staatsexamen auch manches praktisch Sinnvolle abfordert. Sonst hätte ich nicht als Hochschullehrer und Prüfer arbeiten können. Ich wollte Ihnen aber vorrangig über die Fähigkeiten etwas erzählen, die zusätzlich nützlich sind.

Vertrauen Sie mir, ich bin Anwalt
Schein und Wirklichkeit
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Die Juristerei gilt noch immer als Disziplin mit einem gewissen Glamour-Faktor. Fernsehen und Kino sind daran nicht unschuldig. Der Berufsalltag ist meist weit trister, vor allem für Jungjuristen, die frisch aus Studium und Referendariat kommen: Sie balgen sich um die attraktiven Stellen und müssen sich ansonsten durchhangeln.
Die Absolventen: Rivalen der Rennbahn
Auch wenn die "Juristenschwemme" inzwischen etwas nachlässt, ist der Anwaltsmarkt immer noch ein Verdrängungsmarkt - es gibt nach wie vor mehr Anbieter als Abnehmer. Rund 233.000 Juristen waren nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2008 in Deutschland erwerbstätig, 23 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Seit 2001 ist die Zahl derer, die das zweite juristische Staatsexamen abschließen, zwar rückläufig. Doch noch immer drängen um die 8000 sogenannte Volljuristen jährlich auf den Arbeitsmarkt.
Ihre Chancen: Wolle mer se reinlasse?
Die wenigsten haben Chance auf eine Stelle im Staatsdienst, vier von fünf Volljuristen werden Rechtsanwalt. Bundesweit 20.000 Richtern und Staatsanwälten standen Ende 2008 fast 147.000 Rechtsanwälte gegenüber. Inzwischen sind schon mehr als 153.000 - dabei sinken die Zugangszahlen auch hier seit einigen Jahren.
Nach dem Studium habe ich im Ausland (USA) weiter studiert und mit Staunen gemerkt, dass ich mit Fragen nach dem Sinn einer Regelung und den Strukturen eines zu lösenden Konflikts im angelsächsischen Rechtsbereich bestens zurecht kam und dabei viele Aha-Erlebnisse hatte, etwa: Die deutsche Norm ist konstruktiv völlig anders, und dennoch ist das Ergebnis fast das Gleiche.

Vor allem haben Kontrastansätze in den Rechtsordnungen mein Gefühl für die Relativität einer (bei mir: der deutschen) rechtlichen Lösung und für den Alternativenreichtum bei der Bewältigung von Problemen entwickelt. Das schult die Fantasie, und Fantasie ist die Grundbedingung für Kreativität.

Mathematik interessiert mich immer noch nicht

Für mich war es eine stimmige Folgerung, als Hochschullehrer nicht an eine traditionelle Fakultät zu gehen, sondern zur reformierten Juristenausbildung, die Theorie und Praxis verbinden und durch Einbindung der Sozialwissenschaften das funktionale Denken fördern wollte. Dieses - nach meiner Einschätzung durchaus gelungene - Ausbildungsexperiment wurde aus politischen Gründen sowie wegen der Gegenwehr traditioneller Juristen wieder eingestellt.

Das hinderte mich nicht, die Ziele auch im konventionellen Ausbildungsrahmen weiter zu verfolgen und nach Verbündeten bei dem Bemühen zu suchen, die Rechtswissenschaft zu verändern: sie insbesondere zu einer problemlösungsorientierten Entscheidungswissenschaft umzubauen, die nicht nur auf den Rechtsakt als solchen starrt, sondern sich um dessen Voraussetzungen und vor allem die Wirkungen kümmert, die Rechtsanwendung auslösen kann. Die nunmehr als "Neue Verwaltungsrechtswissenschaft" benannte (natürlich auch befehdete) Ausrichtung der Rechtswissenschaft ist diesem Programm verpflichtet.

Rückblickend betrachtet war es auch stimmig in meiner Biografie, trotz meiner Selbstbewertung als "Wissenschaftler" viel Praxiserfahrung gewonnen zu haben, so mehrere Jahre als Rechtsanwalt, vielfach als Politikberater, auch als Justizsenator, zuletzt als Richter des Bundesverfassungsgerichts. Die letzten Stadien sind zugegebenermaßen nicht für alle zugänglich, aber es gibt andere spannende Tätigkeitsfelder, für die Mobilität, Neugier und Kreativität gefragt sind.

An Baustellen bleibe ich noch immer stehen, Auswendiglernen fällt mir mit zunehmendem Alter noch schwerer, und Mathematik interessiert mich immer noch nicht. Übrigens: Auch beim Chatten bin ich Anfänger. Aber das ist wohl ein Generationenproblem.

Wolfgang Hoffmann-Riem (Jahrgang 1940) ist emeritierter Professor für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Universität Hamburg. Von 1999 bis 2008 war er Richter des Bundesverfassungsgerichts und zuvor Hamburger Justizsenator. Sein Brief an junge Juristen erschien zuerst in der Zeitschrift "Juristische Schulung - JuS"; als Podcast spricht ihn der Autor auf der Webseite des Verlages C. H. Beck.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Junge Juristen":

Montag - Junge Juristen: Wettbewerb aus der Wohnzimmerkanzlei
Dienstag - TV trifft Realität: Wie echt ist Danni Lowinski?
Mittwoch - Fachjargon-Quiz: Versteh den Anwalt
Donnerstag - Jura-Absolventen: Sklaven der Noten
Freitag - Anwalts-Lexikon: Advokat von A bis Z
Samstag - Brief an junge Juristen: Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

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