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04. Februar 2013, 22:41 Uhr

Jungmanager-Wettbewerb

Alphatiere mit eingezogenen Ellbogen

Von Wilfried Eckl-Dorna

Beim Wettbewerb "CEO of the Future" sollen junge Leute eine Handvoll Topmanager von ihren Führungsqualitäten überzeugen - eigentlich ein Anlass für biestiges Hauen und Stechen. Doch in diesem Jahr wollten die Teilnehmer lieber miteinander Skifahren.

Philipp Eska ist kein ängstlicher Typ. Doch dieser Steilhang nötigt dem 24-jährigen Wirtschaftsstudenten Respekt ab. In voller Skimontur steht Eska vor der Einfahrt der Streif, dem Austragungsort des Hahnenkammrennens in Kitzbühel. Es schneit an diesem ersten Februarsonntag, leichter Nebel hängt über dem Hang, unter dem Neuschnee blitzen Eisplatten hervor - nicht unbedingt die idealen Bedingungen, um eine der anspruchsvollsten Pisten der Tiroler Alpen zu meistern. "Die ist ja gar nicht präpariert", sagt Eska verwundert. Doch nach kurzem Zögern stößt er sich ab, fährt in Kurzschwüngen in den Hang hinein - und wartet kurze Zeit später auf den Rest seiner Skigruppe.

Nur einen Tag trat Eska ganz anders auf: Im dunklen Anzug und mit blankpolierten Lederschuhen stellte er sich vor eine Runde hochkarätiger Manager, wie er sie in den nächsten Jahren wohl kaum wieder an einem Ort treffen wird. Exakt 20 Minuten hatten Eska und seine drei Teamkollegen Zeit, Wirtschaftsbosse wie ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger davon zu überzeugen, wie der Sportwagenhersteller Porsche die Möglichkeit zur Vernetzung von Autos für seine Marke nutzen kann

In ihren Fallstudien mussten die Nachwuchsmanager nicht nur zeigen, dass sie aus einem komplexen Thema die wichtigsten Aspekte herauslösen können. Sie mussten auch als Person überzeugen und dabei souverän bleiben, ohne überheblich zu wirken. Und sie sollten die anwesende Managerriege begeistern, ohne dabei ihr eigenes Team links liegen zu lassen. Nur wer diesen Spagat meisterte, konnte den Wettbewerb "CEO of the Future" für sich entscheiden - so wie Eska.

"Sie provozieren eine bestimmte Form des Fahrens"

Insgesamt 20 Teilnehmer hatten es in die Finalrunde des Manager-Castings geschafft, das die Unternehmensberatung McKinsey seit dem Jahr 2000 alle zwei Jahre in ihrem Kitzbüheler Trainingszentrum veranstaltet. Examensnahe Studenten können teilnehmen, Doktoranden und Berufseinsteiger mit bis zu vier Jahren Berufserfahrung. Medienpartner des Wettbewerbs sind manager magazin, SPIEGEL ONLINE und der Nachrichtensender n-tv.

Die Juroren machten es den künftigen Jungmanagern nicht einfach. Das Porsche-Team entwickelte etwa eine sehr konkrete Idee für den Sportwagenhersteller: Durch die elektronische Erfassung von Fahrdaten sollten sich Porsche-Fahrer künftig miteinander messen können. Diesen Vorschlag nutzte die Jury als Steilvorlage für kritische Nachfragen. "Sie provozieren mit ihrem Konzept eine ganz bestimmte Form des Fahrens", kritisierte ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. "Wie können sie mit den kürzeren Innovationszyklen umgehen?", fragte der ehemalige McKinsey-Europachef Herbert Henzler nach. "Wie kann sich Porsche damit eine strategische Rolle sichern?" fühlte Vodafone-Deutschland-Chef Jens Schulte-Bockum den Nachwuchsmanagern auf den Zahn.

Zum Zeitvertreib war keiner der Topmanager nach Kitzbühel gereist. Für sie ging es darum, möglichen Nachwuchstalenten ihr Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber schmackhaft zu machen. Interesse an jenen 20 Teilnehmern, die es unter knapp 2000 Bewerbungen bis nach Kitzbühel schafften, war offensichtlich vorhanden. Bis zur Siegerehrung galt ein Waffenstillstand - doch danach hatten zahlreiche Teilnehmer Angebote für Praktika oder Festanstellungen in der Tasche.

Die hatten gut vier Wochen Zeit gehabt, sich auf ihren großen Auftritt vorzubereiten. Die Präsentationen fielen erstaunlich kurzweilig aus. Powerpoint-Folien kombinierten die Teams mit selbstgedrehten Videos, Animationen oder selbstgebastelten Produktbeispielen. Das sorgte für Lacher in der Jury. Zwei Teams zeigten sogar eigens programmierte iPad-Apps.

Was auffiel: Keiner der Teilnehmer wollte etwas Schlechtes über die rivalisierenden Teams sagen. "Es ist gut gelaufen", sagte ein Finalrunden-Kandidat nach seiner Präsentation erschöpft. "Gratuliere", kam sofort die Antwort eines anderen Teilnehmers - und das war nicht ironisch gemeint.

"Sie sind der einzige von uns, der einen Porsche fährt"

Auf dem Papier unterscheiden sich die Finalisten oft nur in Details. In fast jedem Lebenslauf der 20 Teilnehmer finden sich Ausbildungen an Top-Universitäten, Auslandspraktika und Stipendien. Zwei Teams allerdings waren mit besonders viel Spaß bei der Sache - und trauten sich, die Jurymitglieder auch mal aus der Reserve zu locken.

"Sie sind wahrscheinlich der einzige von uns, der tatsächlich einen Porsche fährt", bekam etwa Thomas Edig zu hören, Personalvorstand bei Porsche. Eine Präsentation über die Zukunft des Buches begann mit einem Abgesang auf die Verlagsbranche - worauf nicht nur Fernando Carro de Prada, Chef der Buchclubs von Bertelsmann, kerzengerade in seinem Stuhl saß. Für den BWL-Masterstudenten und Startup-Gründer Alexander Lange, 25, machte sich dieser Mut bezahlt: Er kam auf den zweiten Platz.

Er suche bei den Teilnehmern nach der Fähigkeit, andere zu motivieren, erklärte Vodafone-Deutschlandchef Schulte-Bockum später. Für andere Jurykollegen mussten die Kandidaten vor allem authentisch wirken. Beides Fähigkeiten, die man an Eliteunis nicht unbedingt in Kursen lernt. Und die die Jury auch bei den Drittplatzierten Isabel Basse, 27, und Katharina Helten, 29, erkannte.

Netzwerker auf Augenhöhe

Offen zur Schau gestellter Siegeswille ist unter Nachwuchsmanagern zumindest offiziell verpönt. Teamarbeit steht hingegen ganz hoch im Kurs. Als die Sieger gekürt wurden, wirkte der kräftige Applaus der Unterlegenen nicht bloß höflich, sondern ehrlich. Die Umarmungen danach waren herzlich. Warum auch nicht: Wer überhaupt nach Kitzbühel eingeladen wurde, konnte schon sehr zufrieden mit sich sein.

So begegneten sich die Finalisten auf Augenhöhe und begannen gleich zu netzwerken. Vor den Präsentationen in Kitzbühel hatten sie sich zwei Wochenenden lang bei Vorbereitungsworkshops kennengelernt. Sechs Teilnehmern reichte das, um im Anschluss an das Finale in Kitzbühel ein paar Tage gemeinsam Ski zu fahren.

Das heißt ja nicht, dass es an Siegeswillen fehlt. Gewinner Philipp Eska, der derzeit an der französischen Wirtschaftsuniversität HEC ein Masterstudium absolviert, hatte für den Tag nach dem Wettbewerb von Anfang an einen klaren Plan: Er wollte auf jeden Fall die schwierigste Abfahrt in Kitzbühel fahren. Seinen Sieg dagegen redete er klein: "Der Hauptgewinn war, all die Leute kennengelernt zu haben."

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