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01. Februar 2013, 13:50 Uhr

Manager von Morgen

"Meine Sympathien liegen auf der Unternehmerseite"

Noch als Student wurde Florian Hürlimann 2010 zum "CEO of the Future" gekürt, danach wurde er Vorstandsassistent bei Schaeffler. Im Interview erzählt er, wie ihn diese Arbeit verändert, wieso er Anglizismen vermeidet und warum er am liebsten Bergsteigerliteratur liest.

KarriereSPIEGEL: Herr Hürlimann, Sie waren 2010 unter den drei Siegern bei dem Nachwuchswettbewerb für Manager, "CEO of the Future". Was ist der stärkste Eindruck von damals?

Hürlimann: Der Gedanke an die Jury im Finale: Da saßen Schwergewichte der deutschen Industrie wie beispielsweise die Vorstandsvorsitzenden von Audi und Bayer. Vor einer solchen Runde vorzutragen war eine einmalige Erfahrung. Aber auch die Zusammenarbeit im Team habe ich in guter Erinnerung. Es war keine Einzelleistung - wir haben als Team gewonnen.

KarriereSPIEGEL: Sie promovierten damals noch als Maschinenbauingenieur in Zürich. Wieso dann ausgerechnet ein Wettbewerb für Managernachwuchs?

Hürlimann: Zufall. Ich habe mich unter anderem für einen Berufsweg als Berater interessiert, so wurde ich auf den Wettbewerb aufmerksam.

KarriereSPIEGEL: Warum wollten Sie nicht in der Forschung bleiben?

Hürlimann: Das war natürlich der vorgezeichnete Weg. Luft- und Raumfahrttechnik fand ich immer hochinteressant. Als ich heute Morgen im Flieger saß, und die Sonne über den Wolken aufging, hat es mich wieder gepackt. Ich hatte mich damals auch als Flugversuchsingenieur bei der Schweizer Luftwaffe beworben. Aber die Wirtschaft hat ihren eigenen Reiz. Als sich nach dem Wettbewerb die Möglichkeit eröffnete, als Assistent des Vorstandsvorsitzenden bei Schaeffler anzufangen, konnte ich nicht nein sagen.

KarriereSPIEGEL: Wieso?

Hürlimann: Maschinenbaukonzerne in dieser Größe und Ausprägung gibt es in der Schweiz nicht mehr. Und Deutschland hat in dieser Hinsicht eine lange Tradition: Der Maschinenbau hat das Land in den vergangenen 200 Jahren stark geprägt. Ich weiß, dass viele Ingenieure diese Faszination mit mir teilen. Die Entscheidung für die Assistentenstelle fiel mir leicht. Die Korrekturexemplare meiner Doktorarbeit habe ich vormittags in Zürich abgegeben, dann bin ich gleich weitergefahren nach Herzogenaurach.

KarriereSPIEGEL: Sie kamen mit 30 als Ingenieur von der Uni direkt ins Assistentenzimmer: War das ein Kulturschock?

Hürlimann: Als Schock würde ich es nicht bezeichnen, aber es ist eine Umstellung. Während der Promotion geht man als Spezialist in die Tiefe, jetzt in die Breite. Man hat keine Zeit mehr, alles im Detail zu verstehen. Man lernt, damit umzugehen.

KarriereSPIEGEL: Was genau sind denn Ihre Aufgaben?

Hürlimann: In erster Linie kümmert sich ein Vorstandsassistent um die Vorbereitung von Entscheidungsgrundlagen: Man muss das Thema kurz und knapp zusammenfassen, die Vor- und Nachteile aufzählen. Der CEO muss über alles im Bilde sein. Egal ob für Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen, eine politische Diskussion oder ein Treffen mit einem anderen Wirtschaftsvertreter. Wir schreiben auch Reden, aber das macht zum Glück vor allem meine talentierte Co-Assistentin. Und Grundlage von fast allem ist, dass man Zahlen beschaffen muss, und zwar schnell.

KarriereSPIEGEL: Aber Sie sind ja kein BWLer.

Hürlimann: Stimmt. Ich bin kein Experte für Betriebswirtschaft, aber die Grundlagen habe ich glücklicherweise an der Uni gelernt. Es braucht eben beides: Bei uns beschäftigt der Vorstandsvorsitzende ein Assistenten-Duo. Idealerweise einen Assistenten mit Wirtschaftshintergrund und einen Ingenieur. Die Produktionstechnologie ist eben eine der... Moment, ich möchte kein englisches Wort benutzen...

KarriereSPIEGEL: Wieso? Entspräche das zu sehr dem Klischee von Managersprech?

Hürlimann: Ach, es gibt doch für alles auch ein deutsches Wort. Also: Produktionstechnik ist eine der Kernkompetenzen meines Arbeitgebers. Wenn wir Assistenten ein Thema vorbereiten, müssen wir aus den Zahlen die Geschichten herauslesen können - und gleichzeitig verstehen, welche Technik hinter den Produkten steckt.

KarriereSPIEGEL: Hat sich Ihre Sprache geändert? Sagen Sie noch "Probleme" oder schon "Herausforderungen"?

Hürlimann: Das machen doch alle, wenn es gut klingen muss. Ich versuche es zu vermeiden. Ich mag keine leeren Worthülsen. Man muss schnell auf den Punkt kommen, wenn man mit dem Chef spricht. Das Blendwerk lässt man irgendwann weg.

KarriereSPIEGEL: Gibt es Ratgeberliteratur, die Ihnen geholfen hat?

Hürlimann: Zugegeben, ich lese am liebsten Bergsteigerliteratur.

KarriereSPIEGEL: Die Memoiren von Reinhold Messner oder was?

Hürlimann: So in der Art. Diese aufregenden Erlebnisberichte sind auch eine Art Kompensation: Mein Berufsalltag ist ja eher unspektakulär.

KarriereSPIEGEL: Dass Bergsteiger und Manager einiges gemeinsam haben, sieht man ja an der berühmten Similauner-Gruppe um Messner, der seit 20 Jahren mit Top-Leuten der deutschen Wirtschaft in die Berge geht. Motto: Seilschaften gibt es hier wie da.

Hürlimann: Ehrlich gesagt finde ich solche Metaphern überzogen. Aber man kann dennoch etwas lernen, etwa von dem legendären Buch "Meine Berge" von Walter Bonatti. Er hat mit einfachsten Hilfsmitteln angefangen, hat als Bergsteiger in jungen Jahren alles erreicht. Das relativiert die eigenen Leistungen und die von anderen. Er sagte irgendwann: Ich gehe nur noch allein in die Berge. Er wollte sich nur noch auf sich selbst verlassen, er kannte seine eigenen Grenzen genau.

KarriereSPIEGEL: Zurück zu Ihrem Arbeitsalltag. Nehmen Sie an den Vorstandssitzungen teil?

Hürlimann: Das bringt die Tätigkeit mit sich. Protokoll zu führen gehört zu den klassischen Assistenz-Tätigkeiten. Einen solchen unmittelbaren Einblick in die Entscheidungsfindungen in einem Großkonzern hat nur ein kleiner Kreis, das ist ein Privileg. Dieser Blick hinter die Bühne verändert die Wahrnehmung.

KarriereSPIEGEL: Inwiefern?

Hürlimann: Etwa wenn ich die "Tagesschau" sehe oder Quartalsberichte lese. Nehmen Sie die Diskussion um die Elektromobilität: Die Politik hat das ambitionierte Ziel beschlossen, dass bis 2020 eine Million E-Fahrzeuge auf der Straße sein sollen - anscheinend ohne sich gänzlich bewusst zu sein, was das für die Wirtschaft bedeutet. Dass Automobilhersteller und Zulieferer Milliarden von Euro in Technologien investieren, von denen keiner weiß, welche sich durchsetzen werden. Zugegeben, meine Sympathien liegen eher auf der Unternehmerseite.

KarriereSPIEGEL: Wo sitzen Sie denn bei diesen Sitzungen?

Hürlimann: Eher in der Peripherie, weil wir Assistenten ja die ganze Technik bedienen müssen, etwa den Beamer für die Präsentationen. Der CEO sitzt in der Mitte, er muss den Überblick haben.

KarriereSPIEGEL: Möchten Sie auch mal in der Mitte sitzen?

Hürlimann: Einige meiner Vorgänger haben eine steile Karriere gemacht. Aber die Position als Vorstandsassistent ist keine Erfolgsgarantie - am Ende des Tages zählt nur die Leistung.

KarriereSPIEGEL: Wollen Sie das auch?

Hürlimann: Man sieht, was ein CEO alles leistet, wie hoch der Einsatz an der Spitze ist. Und der ist enorm. Nicht nur weil die Arbeitstage lang sind - ein CEO investiert sein Leben in seine Karriere.

KarriereSPIEGEL: Heißt: Ein Privatleben gibt es nicht.

Hürlimann: Die Tage sind von morgens bis abends durchgetaktet. Das gehört dazu, wenn jemand eine solche Position innehat. Und wenn sich mitten in der Nacht etwas Bedeutendes ereignet, muss ein Vorstand reagieren. Das jetzt als Assistent mitzubekommen ist sehr wertvoll. Es hilft zu entscheiden, ob es einem das wert ist. Ich kann alle verstehen, die sagen, sie wollen das nicht.

KarriereSPIEGEL: Wie lange ist man Assistent?

Hürlimann: Bei Vorständen in der Regel zwei Jahre, bei Vorstandsvorsitzenden eher drei oder länger.

KarriereSPIEGEL: Bei Ihnen sind es ja jetzt drei Jahre.

Hürlimann: Der Wechsel in die nächste Position steht an. Bei einem internationalen Konzern wie Schaeffler bieten sich zahlreiche Möglichkeiten. Es bleibt spannend.

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