KarriereSPIEGEL: Herr Porth, Peugeot will 8000 Stellen abbauen, die Lage von Opel ist ein fortdauerndes Drama. Außerdem müssen alle Hersteller in elektrische Antriebe investieren, ohne zu wissen, welcher sich davon durchsetzt. Kann man jungen Menschen heute empfehlen, sich in der Autoindustrie einen Job zu suchen?
Porth: Davon bin ich fest überzeugt. Gerade die technischen Umbrüche hin zu alternativen Antrieben bieten faszinierende und vielversprechende Chancen. Wir brauchen Spezialisten, für die es früher im Autobau wenige Betätigungsfelder gab, wie etwa Software-Entwickler oder Batteriechemiker. Und mit diesen Neuentwicklungen sichern wir die Arbeitsplätze aller unserer Mitarbeiter, denn auf Dauer lassen sich nur immer umweltfreundlichere Autos verkaufen.
KarriereSPIEGEL: Die europäischen Fabriken sind aber schon jetzt nicht ausgelastet, weil es an Nachfrage fehlt.
Porth: Daimler ist auf Wachstumskurs. Alle unsere Mitarbeiter haben dieses Jahr eine üppige Prämie für das erfolgreiche Jahr 2011 bekommen. Für Autohersteller ist es wichtig, die in den vergangenen Monaten schwächeren Verkäufe in Teilen Europas anderswo in der Welt auszugleichen. Wir haben zum Beispiel in China oder in den USA kräftig zugelegt.
KarriereSPIEGEL: Wo die Verkäufe zulegen, bauen Sie auch Fabriken. Es ist deshalb nicht mehr automatisch so, dass ein Daimler, den Sie in Peking verkaufen, den Arbeitsplatz eines Stuttgarter Bandarbeiters sichert.
KarriereSPIEGEL: Auch Entwicklungsabteilungen werden im Ausland aufgebaut. Von diesen Bereichen hieß es bisher immer, sie seien nicht von Abwanderung bedroht.
Porth: Unsere Entwicklungsabteilung in Indien gibt es schon seit 1996, die in China ist 2006 hinzugekommen. Unseren Ingenieuren in Deutschland hat das nicht geschadet, im Gegenteil. Den Bedarf an Software-Experten beispielsweise hätten wir sonst schwer decken können. Hinzu kommt: Das "Weltauto", das sich unverändert rund um den Globus verkauft, ist auf Dauer kein Erfolgsmodell. Es reicht nicht mehr, für den chinesischen Markt ein paar Vertriebsleute vor Ort zu haben, die dieselben Produkte anbieten wie ihre deutschen Kollegen. Die Autos werden stärker auf den jeweiligen Markt zugeschnitten. Inzwischen werden Modellvarianten eigens für China entwickelt, etwa die Langversion der Mercedes E-Klasse.
KarriereSPIEGEL: Spüren Sie den Fachkräftemangel?
Porth: Wir als Autohersteller mit starken Marken, allen voran Mercedes-Benz, spüren derzeit keinen Fachkräftemangel und haben keine Probleme, technische Spezialisten anzuwerben. Aber auch wir müssen uns auf den Mangel vorbereiten. Die demografische Entwicklung wird dazu führen, dass Nachwuchskräfte seltener werden.
KarriereSPIEGEL: Wie bereiten Sie sich vor?
Porth: Wir investieren viel, um als Arbeitgeber immer attraktiver zu werden. Bei uns haben Sie alle Möglichkeiten, um Familie und Arbeit in Einklang zu bringen. Wir fördern die Karrieren unserer Mitarbeiter, fachlich und bei den 'Softskills'. Außerdem engagieren wir uns von Beginn an bei der Dualen Hochschule des Landes Baden-Württemberg. Dort hat jeder Student parallel zum Studium einen festen Arbeitgeber. So kommen wir früh mit talentierten Absolventen zusammen.
KarriereSPIEGEL: Das letzte Wort bei der Kaufentscheidung von Autos haben immer häufiger Frauen, bei 70 bis 80 Prozent der privaten Käufe geben sie den Ausschlag. Trotzdem sitzen in den Chefetagen der Autokonzerne vorwiegend Männer. Was läuft da schief?
Porth: Wir haben bei Daimler das Ziel, bis zum Jahr 2020 einen Frauenanteil von 20 Prozent zu haben, gerade in Führungspositionen. Derzeit liegen wir unternehmensweit bei 11 Prozent. Seit Februar 2011 sitzt zudem mit Christine Hohmann-Dennhardt eine Frau im Daimler-Vorstand.
KarriereSPIEGEL: Bis 2020 ist es noch ein Weilchen.
Porth: Schon, aber wir müssen mit Faktoren umgehen, auf die wir wenig Einfluss haben. 70 Prozent der Arbeitsplätze bei Daimler haben einen technischen oder ingenieurwissenschaftlichen Hintergrund, aber nur 5 bis 15 Prozent der Absolventen in den entsprechenden Studiengängen sind weiblich.
KarriereSPIEGEL: Ist das 20-Prozent-Ziel dann überhaupt zu schaffen?
Porth: Um es zu erreichen, muss die Frauenquote bei den Beförderungen rein rechnerisch jedes Jahr 35 Prozent betragen. Das ist eine ehrgeizige Vorgabe, aber durchaus machbar. Im vergangenen Jahr lagen wir sogar leicht darüber.
KarriereSPIEGEL: Was passiert, wenn ein Abteilungsleiter zu wenige Frauen befördert?
Porth: Er spürt es am eigenen Bonus, denn wir haben die Förderung von Frauen zum Teil der Zielvereinbarungen gemacht. Wenn er die Vorgabe verfehlt, muss er auf fünf Prozent der Summe verzichten.
KarriereSPIEGEL: Der Nachteil an solchen Regelungen ist die Gefahr, dass beförderte Kolleginnen leicht als "Quotenfrauen" gelten. Wie geht man damit um?
Porth: Da muss eine Führungskraft drüberstehen und solch ein Gerede ausblenden. Letztlich geht es nicht darum, allen zu gefallen, sondern die Rolle als Führungskraft auszufüllen und Verantwortung zu übernehmen. Übrigens werden unsere Führungskräfte jährlich bewertet. Im Durchschnitt liegen die Frauen leicht besser als die Männer.
KarriereSPIEGEL: Was halten Sie von einer gesetzlichen Quote?
Porth: Nichts, denn jedes Unternehmen hat andere Rahmenbedingungen. Eine Versicherung oder ein Modelabel hat es leichter, ausreichend qualifizierte Frauen zu finden. Die Forderung nach einer starren Quote ist eine Konstruktion, wie sie in der Politik häufiger vorkommt. Ein solcher Ansatz ist aus meiner Sicht unrealistisch.
KarriereSPIEGEL: Siemens macht ein Gegenangebot zum Betreuungsgeld, das Frauen bekommen sollen, wenn sie ihr Kind nicht in einer Kita betreuen lassen. Siemens bezuschusst die Kinderbetreuung mit 100 bis 500 Euro im Monat, als Anreiz für eine rasche Rückkehr nach der Babypause. Gibt es das bei Daimler bald auch?
Porth: Siemens setzt da prinzipiell ein richtiges Signal: Eltern sollen alle Möglichkeiten haben, wenn sie schnell an den Arbeitsplatz zurückwollen. Wir werden das aber nicht übernehmen, denn angesichts der Gehälter in unserer Industrie dürfte die Länge der Babypause nur in seltenen Fällen eine Frage des Geldes sein.
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