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Design-Paradies Ost Ah und Oh für die Kuschelmuschel

Designers Open in Leipzig: Von "Rennholz" bis "Wildbrett" Fotos
Organoid Technologies OG, M. Jehart

Sie gestalten höhlenartige Sofas, faltbare Stühle oder Fahrräder mit Akkuschrauber-Antrieb. Viele Jungunternehmer in der Kreativwirtschaft pfeifen auf Metropolen wie Berlin und Hamburg. Dafür wächst in Leipzig, Dresden oder Weimar eine Gründergeneration mit neuem Selbstbewusstsein heran.

Ein echter Hingucker, dieser Tiroler in Sachsen. Martin Jehart fühlt sich hier wie zu Hause. Und das liegt nicht nur an seiner "Kuschelmuschel", die er für das Messepublikum in Leipzig aufgebaut hat: einer Mischung aus Couch und Höhle.

Während die Besucher reihenweise probeliegen, erklärt der Erfinder sein Konzept: Mit seinem selbst entwickelten Material kann er Lampenschirme, Sitzmöbel und ganze Küchentheken bauen. "Das ist frei formbares Holz", sagt Martin Jehart, "feinste Tiroler Handarbeit." Bei der Leipziger Messe Designers´ Open hofft der Unternehmer für sein ökologisches Material Interessenten zu finden, die mit ihm zusammenarbeiten wollen. Denn die Produkte gibt es noch nicht in Serie.

Martin Jehart ist zuversichtlich: "Das Feedback ist bisher richtig gut. Diese Dichte an Informationen und Hirnschmalz habe ich noch nie irgendwo erlebt." Dass sein Konzept in Ostdeutschland so gut ankommt, überrascht ihn nur wenig: "In Tirol gibt es keine richtige Designer-, oder Architektenszene. Aber viele haben schon von der Designers' Open gehört und vom jungen und aufgeweckten Publikum in Leipzig."

Mischung aus Berlin und Hamburg

Die Designers´ Open sorgt nicht nur in Tirol für Furore. Inzwischen bietet die Industrie- und Handelskammer Bayern organisierte Reisen zur Messe nach Sachsen an, und auch die internationale Resonanz wächst. Von den 160 Ausstellern kommen dieses Jahr zehn aus dem Ausland: Norwegen, Polen, Tschechien und Holland. Jan Hartmann, der als Mitgründer vor sieben Jahren die Messe für Kreative aufzog, wollte nie woanders hin, schon gar nicht in die ganz großen Metropolen: "Was ich an Leipzig mag, ist die Mischung aus dem dirty style wie in Berlin und dem clean chic wie in Hamburg."

Damals, als er mit seinem Kollegen Andreas Neubert in seinem Designbüro saß, wollte er wissen, welche kreativen Köpfe sich in der Stadt tummeln. 25 Aussteller konnte er sofort für sein Projekt begeistern, das im zweiten Jahr schon 4000 Besucher anzog. Dieses Jahr kamen über 10.000 Gäste. Stolz sagt Hartmann: "Egal ob Bistroverkäufer oder Wirtschaftsunternehmer, irgendwie haben sich von Beginn an alle möglichen Leute für Design interessiert."

Magnet für den kreativen Nachwuchs

Diese Erfahrung macht auch Stefan Restemeier, 34, immer wieder. Für ihn sind die Designers´ Open ein Pflichttermin. In Leipzig habe er schon wichtige Kontakte geknüpft. "Das Publikum ist von jung bis alt sehr aufgeschlossen und interessiert", sagt der Designer und wendet sich gleich wieder den Besuchern zu, die sich um seinen "Leuchtstoff" drängeln: stilvolle Lampen, die flach wie LCD-Fernseher an die Wand montiert und mit LED-Leuchten betrieben werden. "So eine Lampe verbraucht etwa sechs Watt", erklärt Restemeier den Besuchern, "bei sechs Stunden Betriebszeit täglich hält die 40 Jahre." Ahs und Ohs als Reaktion.

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Unternehmensberatung für Kreative: Muss denn Kunst brotlos sein?
Seit diesem Jahr kann Stefan Restemeier von seiner Arbeit leben. Kürzlich hat er erst eine 1,6 Meter hohe Lampe für fast 4000 Euro verkauft. Was ihm noch fehlt, ist genügend Aufmerksamkeit jenseits vom Messebetrieb. Die könnte er vielleicht in einem der Berliner Szenebezirke bekommen. Doch obwohl der in Cottbus ansässige Designer die Hauptstadt quasi vor der Tür hat, präsentiert er sich lieber anderswo. "Berlin ist zu überlaufen. Da geht man doch unter", sagt er. "In Leipzig oder Dresden sehe ich mehr Potential. Klar ist es kleiner und ruhiger, aber dafür auch mehr auf den Punkt."

Ob Mode, Design oder Spieleentwicklung - Ostdeutschland ist ein echter Magnet geworden für den Nachwuchs der Kreativwirtschaft. Bastian Lange hat diese Entwicklung ganz genau beobachtet und als Wirtschaftsgeograf vergangenes Jahr den "Zustand der Leipziger Kreativwirtschaft" für das Leibniz-Institut für Länderkunde Leipzig analysiert. Demnach hat sich zwischen 2007 und 2009 die Zahl der dort ansässigen Designunternehmen mehr als vervierfacht.

"Wir machen etwas anderes"

"Mich beeindruckt das Selbstbewusstsein der Akteure hier", erklärt Lange. "Die wollen etwas Neues schaffen und nicht in einer Stadt wie Berlin oder Hamburg einen Hype mitnehmen, den es schon vorgefertigt gibt." Die starke Entwicklung der Stadt begründet der Forscher auch mit ihrer politischen Geschichte. "Nach der Wende hat sich Leipzig zu zwei zentralen Strategieentwicklungen entschlossen. Zum einen sollte sich das innerstädtische Bild verändern, zum anderen war der Wunsch da, die Stadt wieder zu einem Wirtschaftszentrum aufzubauen."

Mit wenigen Mitteln sei viel experimentiert worden, sagt er. "Es gab verfügbare und bezahlbare Räume und gute Ausbildungsmöglichkeiten. Die Lebensqualität in Leipzig ist heute sehr hoch." Was seiner Meinung nach noch fehlt, sind stabile Wertschöpfungsbeziehungen. Die seien in der Nachwendezeit zerbröselt. Bastian Lange sagt: "Natürlich gab es auch in der DDR viele Kreative. Aber die mussten sich in Kombinatsstrukturen integrieren. Das Sich-vermarkten-Können musste neu erlernt werden."

Auch Dresden, Magdeburg, Dessau und Halle zeigten interessante Entwicklungen, so Lange. Und nicht zu vergessen Weimar, die Heimatstadt von Alexander Bernhardt. Er ist Grafiker beim erst vor knapp zwei Jahren gegründeten Unternehmen Wildbrett, das sowohl in Weimar als auch in Leipzig produziert. Mit Frühstücksbrettchen, Müslischalen und Bechern, bedruckt mit Krabbeltierchen, hat die Firma eine einträgliche Nische gefunden. Gerade in Thüringen funktioniere das richtig gut, sagt Bernhardt: "Thüringen ist ein Porzellanland, in dem es viele Abnehmer gibt." Die meisten Manufakturen stellten konservative Service her, "wir machen etwas Jüngeres".

Wirtschaftsgeograf Lange nennt Kreative wie den Tiroler Jehart, den Cottbusser Restemeier und den Weimarer Bernhardt die "Repräsentanten einer neuen Ökonomie" - Menschen, die andere Anforderungen an Standort, Räume und Interaktion haben. Statt zu werden wie Künstler in Berlin, Köln oder München, wollen sie die Chance nutzen, mit noch wenig Konkurrenz und Druck eine Nische zu besetzen: "Städte wie Leipzig kann man als Künstler noch gestalten. Andere Städte sind schon fertig."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Sarah J. Tschernigow ist freie Journalistin in Berlin.

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