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Deutschlands schwierigste Abschlusstests Die Prüfung meines Lebens

Heilpraktiker, Juristen und Jäger teilen ein Schicksal: Sie alle mussten Prüfungen mit hohen Durchfallquoten bestehen, um ihren Beruf ausüben zu können. Betroffene berichten von den härtesten Tests ihrer Karriere.

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Harte Abschlussprüfungen: Wo 70 Prozent durchfallen
Alle, die regelmäßig an ihrer Steuererklärung verzweifeln, dürfen ein bisschen mehr Milde mit sich walten lassen. Dass der Weg zum Verständnis hart und steinig ist, wird jeder Steuerberater gern bestätigen - und die vielen, die fast Steuerberater geworden wären, noch mehr.

Denn: Die Prüfung zum Steuerberater ist eine der härtesten Berufsprüfungen des Landes. Mehr als die Hälfte der Prüflinge, 51,4 Prozent, fielen im Jahrgang 2010/2011 bundesweit durch. Eine heftige Quote? Kommt drauf an. Heilpraktiker zum Beispiel können da nur Globuli-gedopt abwinken: Laut dem Fachverband Deutscher Heilpraktiker bestehen lediglich 30 Prozent der Kandidaten sowohl die schriftliche als auch die mündliche Prüfung.

Welche weiteren Berufe mit einem Hürdenlauf beginnen und wie es mit der Zulassung trotzdem klappen kann, berichten ehemalige Prüflinge.

Hans-Jörg Endres, 33, Heilpraktiker aus Boxberg/Baden:

Hans-Jörg Endres machte neben seinem Job als Physiotherapeut die Heilpraktikerprüfung Zur Großansicht
Privat

Hans-Jörg Endres machte neben seinem Job als Physiotherapeut die Heilpraktikerprüfung

"Vor wenigen Wochen, im Dezember 2012, habe ich die Prüfung zum Heilpraktiker bestanden. Darüber bin ich sehr erleichtert, denn ich stand vorher ganz schön unter Druck. Viele meiner Kollegen und Bekannten haben es nämlich nicht beim ersten Anlauf geschafft, ich habe gehört, dass teilweise bis zu 80 Prozent durchfallen. Dass die Prüfung so hart ist, liegt auch an den hohen Anforderungen in dem Beruf: Wir müssen uns mit Notfallmedizin, Krankheitsbildern und -verläufen sowie Differenzialdiagnose auskennen. Ich glaube, das wird oft unterschätzt.

Gleichzeitig gibt es in Deutschland keine geregelte Ausbildung für Heilpraktiker. Man meldet sich einfach zur Prüfung an, wie und wann man den Stoff paukt, bleibt einem selbst überlassen. Einige besuchen drei Jahre lang eine Schule, das wollte ich aber nicht. Stattdessen habe ich ein dreiviertel Jahr lang für mich gelernt, neben meiner festen Stelle in einer Reha-Klinik: Wenn ich abends nach Hause gekommen bin, habe ich kurz mit meinem kleinen Sohn gespielt, ihn zusammen mit meiner Frau ins Bett gebracht und dann von acht bis elf Uhr abends am Schreibtisch gesessen. Vor allem die letzten drei Monate vor der Prüfung waren hart: Keine Ablenkung, kein Fernsehen, kein Ausgehen mehr.

Ich hatte den Vorteil, dass ich zuvor bereits Ausbildungen zum Physiotherapeuten und Osteopathen abgelegt hatte. Die Vorkenntnisse haben mir geholfen. Dennoch war die Heilpraktikerprüfung die härteste bislang. Nur wer den schriftlichen Test besteht, wird zur mündlichen Prüfung zugelassen. Und auch dort wird einem nichts geschenkt - keine Hilfestellung, gar nichts. Trotzdem: Wäre ich durchgefallen, ich hätte es immer weiter versucht."

Katharina Bergfort-Upmeyer, 31, Wirtschaftsprüferin aus Hamburg:

Katharina Bergfort-Upmeyer: "Eine neue Freiheit" Zur Großansicht

Katharina Bergfort-Upmeyer: "Eine neue Freiheit"

"Nach dem BWL-Studium habe ich bei Ernst & Young als Wirtschaftsprüfungsassistentin angefangen. Ich konnte mir von Anfang an gut vorstellen, die Berufsexamen abzulegen, und sammelte die Jahre an praktischer Berufserfahrung, die man als Voraussetzung für die Prüfungen zum Steuerberater und Wirtschaftsprüfer braucht. Allerdings sind beide Prüfungen sehr hart: Es ist unglaublich viel Stoff, der dann punktuell sehr detailliert abgefragt wird. Ungefähr die Hälfte der Kandidaten fällt im ersten Versuch durch.

Bei dieser Statistik wird das Scheitern zu einer ganz reellen Option. Die Steuerberaterprüfung habe ich im ersten Anlauf geschafft, im Wirtschaftsprüferexamen war der erste Versuch nicht erfolgreich. Ich habe es dann im nächsten Jahr noch einmal versucht. Vor der Prüfung wurde ich vier Monate von meinem Arbeitgeber zur Prüfungsvorbereitung freigestellt, anders geht das bei der zum Teil sehr hohen Arbeitsbelastung kaum.

Sechs Tage die Woche habe ich von morgens bis abends gelernt, einen Klausurenlehrgang und einen Prüfungsvorbereitungskurs besucht. Urlaube waren in den beiden Sommern nicht drin. Die Angst durchzufallen, muss man so gut es gelingt wegschieben, sonst kann man nicht mit der nötigen Konzentration in die Prüfung gehen. Beim zweiten Anlauf habe ich es geschafft, da waren die Nerven stark- und ich hatte das nötige Glück. Im Januar wurde ich offiziell als Wirtschaftsprüferin bestellt - eine neue Freiheit, die ich hoffentlich beruflich und privat sehr gut nutzen werde."

Volker Wollny, 53, Jäger aus Baden-Württemberg:

Volker Wollny opferte viel Zeit, um seinem anspruchsvollen Hobby nachgehen zu können Zur Großansicht
Saskia Wollny

Volker Wollny opferte viel Zeit, um seinem anspruchsvollen Hobby nachgehen zu können

"Die Jägerprüfung gilt als einer der schwierigsten Tests, die man ablegen muss, um einem Hobby nachgehen zu können. Ich habe mich irgendwann kurzerhand dazu entschlossen, nachdem ich mich schon jahrelang für die Jagd interessiert hatte. Dann ging's los: Acht Monate lang an zwei Abenden pro Woche Vorbereitungskurs, an den Wochenenden Schießübungen oder Hochsitzbau. Und dazwischen natürlich lernen, lernen, lernen. Die meisten Jagdschein-Aspiranten sehen ihre Ehepartner in dieser Zeit kaum.

Viele nennen die Jägerprüfung "das grüne Abitur". Das sehe ich anders, man muss weder sehr intelligent sein, noch muss man Zusammenhänge groß verstehen. Es geht nur um eines: Sehr viel auswendig lernen. Ich hab gepaukt wie ein Idiot: "Wann ist die Schonzeit vom Rehbock?" "Welche Zahnformel hat der Fuchs?" Doch es geht nicht nur ums Wild. Die drei großen Themengebiete sind: Der Jäger und sein Revier, seine Waffe und sein Recht. Letzteres ist das Umfangreichste, man muss sich in sehr vielen Bereichen auskennen, vom Waffen- bis zum Lebensmittelrecht.

Ich habe in meinem Leben schon viele Prüfungen absolviert - doch noch nie war ich so aufgeregt wie vor der Schießprüfung. Mit einer begrenzten Menge an Schüssen musste man eine bestimmte Anzahl von Treffern erzielen: Schrot auf einen Kipphasen aus Blech und auf Tontauben, Kugeln auf einen Rehbock und einen laufenden Keiler - ebenfalls nur Papp-Attrappen. Ich hab gezittert und erst mal daneben geschossen. Dann vor Aufregung eine leere Patrone nachgeladen - wieder nichts. Es war furchtbar. Am Ende hab ich dann doch noch getroffen. Und war so froh wie selten."

Dagmar Kerler, 31, Bayerns Top-Nachwuchs-Juristin:

Dagmar Kerler schloss ihr Jura-Examen als beste ihres Jahrgangs ab Zur Großansicht
Tina Rieger-Gudehus/ Photogenika

Dagmar Kerler schloss ihr Jura-Examen als beste ihres Jahrgangs ab

"Schon in der Schule haben mich schwierige Aufgaben gereizt, deshalb wollte ich was Kniffliges studieren. Ich entschied mich für Jura. Der ganz große Brocken in diesem Studium sind die beiden Staatsexamen: Das erste bestand aus acht, das zweite sogar aus elf Klausuren - und jede dauert fünf Stunden.

Für das erste Examen habe ich anderthalb Jahre gelernt. Dabei habe ich vor allem versucht, den schier unendlichen Stoff zu systematisieren. Hilfreich fand ich dabei Mindmaps: In die Mitte habe ich das zentrale Thema geschrieben, an die Äste die Unterpunkte, richtige Kunstwerke sind da entstanden. So konnte ich mir gut merken, wie die Dinge zusammenhängen und Verknüpfungen zu anderen Rechtsgebieten herstellen. Und vor allem das Wissen gezielt abrufen in den Prüfungssituationen. Auch mit Probeklausuren habe ich viel gearbeitet. Schließlich muss man ja erst einmal ein Gefühl dafür bekommen, wie man sich diese fünf Stunden einteilt.

Trotz der intensiven Vorbereitung war ich vor den Prüfungen ziemlich aufgeregt. Ich wusste, die Note würde über meine Zukunft entscheiden: Mein Traumberuf war immer schon Notarin und das können nur die Besten eines Jahrgangs werden. Bei uns in Bayern gab es sechs Stellen - und 998 Absolventen. Ich musste also richtig gut sein. Als ich dann nach einem "sehr gut" im ersten Examen im Zweiten mit 14,8 Punkten sogar Beste des Jahrgangs wurde, war ich glücklich. Jetzt bin ich Notarassessorin - und bald habe ich mein eigenes Notariat."

Aufgezeichnet von Helene Endres und Lena Greiner

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insgesamt 142 Beiträge
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1. Deutschlands Auswendig-Lern-System
wortfeil25 04.03.2013
Also, wer ein fotografisches Gedächtnis hat oder einfach gut auswendig lernen kann - der kann bei uns alles werden? Frauen sind dabei in der Regel den Männern überlegen - deshalb auch immer mehr "erfolgreiche" Frauen an Gymnasien und UNI's. Dann wohlauf mit dem Abendland!
2.
aquarelle 04.03.2013
Zitat von sysopViele nennen die Jägerprüfung "das grüne Abitur". Das sehe ich anders, man muss weder sehr intelligent sein, noch muss man Zusammenhänge groß verstehen. Es geht nur um eines: Sehr viel auswendig lernen.
Muss man doch fürs Abitur auch nicht wenn ich so sehe, was für Leute heute ihr Abitur mit einer eins vorm Komma bestehen...Die meisten lernen nur noch auswendig. Der Jagdschein hat mich auch schon immer interessiert. Ich würde dann aber die Teilprüfung mit Waffe mit dem Teil der Beizjagd ersetzen. Generell finde ich hohe Durchfallquoten hier gut, da eben nicht jeder Depp mit einer Waffe rumlaufen kann (zb. wie in den USA) und sich diese Kandidaten es dann zweimal überlegen, ob sie 8 Monate dafür büffeln wollen.
3. Jagdschein schwierig?
grunzbichler 04.03.2013
Da habe ich ganz erhebliche Zweifel. Abgesehen von der Schießprüfung sind die Aufgaben so, dass sie jeder mit genug Leidensfähigkeit im Auswendiglernen bestehen kann, wie auch im Artikel beschrieben. Nur leider muss der Absolvent dazu nichts verstanden haben. Die Natur und die komplizierten Zusammenhänge und Wechselwirkungen werden nicht abgefragt. Deswegen haben die meisten Jagdscheininhaber auch keinerlei fundiertes Wissen, sondern nur zusammenhanglos auswendiggelernte Brocken an Details in petto. Der erste Schritt in die richtige Richtung wäre, statt den Multiple Choice Fragen eigene Gedanken zu konkreten praxisnahen Aufgabenstellungen formulieren zu müssen. Dazu noch Kenntnisse in floristischen und faunistischen Grundlagen und Artenkenntnisse, die über jagdrechtrelevante Arten hinausgehen, wären dringend erforderlich.
4. Durchfallquoten im Studium
dukeofwellington 04.03.2013
Da kann jeder Uni-Absolvent nur müde lächeln : Die durchschnittliche Durchfallquote in allen Studiengängen Deutschlands beträgt ca. 50 % (d.h. von 100 Studienanfängern schaffen nur 50 den Abschluss, d.h. Master/Diplom etc.)
5.
Andr.e 04.03.2013
Zitat von wortfeil25Also, wer ein fotografisches Gedächtnis hat oder einfach gut auswendig lernen kann - der kann bei uns alles werden? Frauen sind dabei in der Regel den Männern überlegen - deshalb auch immer mehr "erfolgreiche" Frauen an Gymnasien und UNI's. Dann wohlauf mit dem Abendland!
Wie mir dieses Auswendig-Lern-Gebashe auf die Nerven geht. Die Basis jeden Austauschs ist nun mal der Fakt oder glauben Sie, die großen Entdeckungen basieren nur auf rein intuitiver Basis? Der Apfel, der vom Baum fiel, brauchte auch seine geistige Vorbereitung und das Wort Gravitation kam nicht aus der Kalten (und ja, ich hab 'auswendig' gelernt, dass die Geschichte eben das sein könnte - eine Geschichte...)
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