Elisabeth Schöppner ist Berufsoptimistin und fest überzeugt: "Es tut sich was." Immer mehr junge Leute interessierten sich für Berufe, die traditionell dem anderen Geschlecht zugerechnet werden, sagt sie. Ihre Worte klingen ein wenig nach Selbstvergewisserung. Denn Schöppner ist Projektleiterin im Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit. Diese Stelle kennt kaum jemand, dafür aber das, was das Zentrum bundesweit koordiniert: den Girls'Day und den Boys'Day.
Am Donnerstag werden im ganzen Land wieder Schülerinnen und Schüler ab der 5. Klasse in Unternehmen, Behörden und Hochschulen ausschwärmen und sich anschauen, was man so macht in all den Berufen und Studiengängen, die sonst eine Domäne des anderen Geschlechts sind.
Seit 2001 organisiert das Bielefelder Kompetenzzentrum den Girls'Day, seit 2011 auch das Pendant für Jungen. Die Arbeit wird gefördert von der Bundesregierung und der EU. Und, hat sich in diesen zwölf Jahren schon etwas getan? "Wir haben für das Thema Berufswahl sensibilisiert", so Schöppner. "Der Aktionstag bringt Familien dazu, über den künftigen Beruf des Kindes zu diskutieren. Und Männer-Unternehmen müssen sich überlegen, was sie machen, wenn plötzlich eine 16-Jährige in der Werkstatt steht."
"Beide Tage könnte man sich sparen"
Genau das sieht die Heidelberger Geschlechterforscherin Monika Sieverding als Problem: "Wenn sich ein Mädchen vorstellt, dass es später mal die einzige Frau unter lauter Männern in der Werkstatt sein wird oder der Junge der einzige Mann in der Kita, dann kann das nach hinten losgehen." Außerdem seien "Frauenberufe" in der Regel schlecht bezahlt und hätten häufig ein relativ schlechtes Image: "Warum sollten Jungen solche Berufe wählen? Den Boys'Day könnte man sich eigentlich sparen. Genauso wie den Girls'Day."
Naturwissenschaften abwählen gilt nicht
Forscherin Sieverding kritisiert die deutsche Gleichstellungspolitik als insgesamt sehr widersprüchlich: Einerseits würden "Alibiveranstaltungen" wie Boys' und Girls'Day finanziert, andererseits gebe es "jede Menge falsche Anreize für Frauen, den erlernten Beruf später nicht auszuüben". Ehegattensplitting, Mini-Jobs, dreijähriger Erziehungsurlaub oder Betreuungsgeld - "das sollte man alles abschaffen", sagt Sieverding. Und überhaupt: Dass Mädchen in der Schule naturwissenschaftliche Fächer abwählen dürfen, müsse auch gestoppt werden.
Girls'Day-Organisatorin Schöppner sieht das anders: "Jungen interessieren sich öfter für die Technik an sich. Mädchen fragen häufiger: Was bewirke ich damit?" Belegen lasse sich das am Beispiel Informatik. Dort liege der Anteil der Frauen bei knapp 17 Prozent, im Teilgebiet Medizin-Informatik sei ihr Anteil mit rund 36 Prozent mehr als doppelt so hoch.
Allerdings muss auch Schöppner einräumen, dass es nur langsam Fortschritte gibt: "In den Köpfen der Kinder sitzen die Rollenbilder ziemlich fest." Bei den Kfz-Mechatronikern stieg der Frauenanteil zwar in den letzten zehn Jahren von 1,6 auf 2,8 Prozent. Das heißt aber auch: Gut 97 Prozent der Mechatronik-Azubis sind männlich. Und die Hitliste der Ausbildungsberufe zeigt unverändert die strikte Geschlechtertrennung - hier der Automechaniker, dort die Verkäuferin.
Matthias Benirschke/dpa/vet
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