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Erste Hilfe Karriere Die krummsten Bewerbungen 2012

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Stadtreinigung Hamburg

Hier einwerfen: Bewerbungen, in denen alles denkbar erscheint

Im ungeschützten Schriftverkehr kann allerhand schiefgehen. Manche Bewerbung, eigentlich eine nüchterne Entscheidungshilfe für Personaler, gerät zum glühenden Geständnis einer motivierten Seele. Gerhard Winkler hat unfreiwillige Bewerberkomik gesammelt und fordert: Schluss mit dem Stuss!

Bewerbungsanschreiben gehen immer wieder daneben - vor allem dann, wenn Bewerber nicht ganz ehrlich sind oder sich zu stark verbiegen. Das hilft ihnen kaum - und den Personalern noch viel weniger, denn der kennt Satzbausteine wie diese schon lange:

"lhr neuer Mitarbeiter muss neben den lT-Kenntnissen auch gut mit Menschen umgehen können."

"Gern möchte ich mich dem Schwerpunkt Sach- und Auftragsbearbeitung widmen, dabei meine kundenorientierte Arbeitsweise umsetzen und als eine Art Aushängeschild der X GmbH fungieren."

Und während der Bewerber noch hängt, staunen wir über die neue, gefühlte Rechtschreibung, die sich in Bewerberbotschaften durchgesetzt hat. Die alte hatte zwar keiner kapiert, aber jeder willig befolgt. Heute glänzt man stattdessen durch kombinierte Weit-, Über- und Voraussicht. Es fehlt eigentlich nur an der nachträglichen Durchsicht:

"Ich sehe mehr als andere, denke mit und voraus, organisiere und strukturieren ebenso gern wie gut und behalte auch in der Hektik den Überblick."

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Jahr für Jahr imponieren vor allem Kandidaten, die glauben, schlechte Karten zu haben. Sie decken sie einfach auf:

"Mir ist bewusst, dass mein Abschlusszeugnis nicht Ihren Anforderungen entspricht, trotz dessen besitze ich andere wichtige Eigenschaften, die mich für diese Ausbildung qualifizieren."

Ein weiteres, glaubhaftes Geständnis:

"lm Rahmen der Fusion von X und Y habe ich einen Aufhebungsvertrag untezeichnet. Mein Wunsch, danach international als Deutschlehrer zu arbeiten, ließ sich nicht verwirklichen."

Würde die Schule uns besser auf das Leben vorbereiten, könnten wir uns einige Erklärungen sparen:

"Französisch hatte ich vier Jahre in der Schule, beherrsche die Sprache aber nicht. Dafür spreche ich fließend Spanisch und Englisch gut. Ich wäre aber sofort bereit, wenn es der Arbeitsbereich erfordert, meine Französischkenntnisse aufzufrischen."

Doch wenigstens auf der Hochschule lernt man noch etwas Gescheites:

"Mit meiner Diplomarbeit über ... syndizierte ich meine wissenschaftlichen und praktischen Fähigkeiten und wandte diese in meinem Schwerpunktbereich erfolgreich an."

Der Mehrwert für den Arbeitgeber liegt dick auf der Hand:

"Hier fügte ich meinen wissenschaftlichen Kenntnissen ein innovatives und methodisches Wissen bei, mit welchem sich im Kontext Entrepreneurship komplexe Probleme lösen und Innovationen generieren lassen."

Insgesamt kann also unser Bildungswesen so schlecht gar nicht sein:

"Und sollte ich mal etwas nicht wissen: ich kann die richtigen Fragen stellen."

Selber texten ist dann hoch riskant, wenn man sich halbe Tage, ganze Nächte dem ungeschützten Schriftverkehr hingibt. Man dient sich aus ganzem Herzen seinen Zielbildern L'Oréal, Audi oder PwC an, folgt dem Flow des Bewerbergefühls und ist am Ende innerlich ganz außer sich. Das führt nach Stunden des stockenden Schreibens zu einer Gestimmtheit, in der plötzlich alles denkbar und alles Denkbare auf einmal auch sagbar erscheint:

"Sollte sich der Personalbedarf in Ihrer Abteilung plötzlich erhöhen, stehe ich Ihnen ab sofort zur Verfügung."

Bewerbung beantwortet bekanntlich die Frage nach der Eignung. Dazu haben Jobsuchende auch 2012 auf einen echten Schatz an Erfahrungen und Einsichten zurückgegriffen:

"Ein versierter Umgang mit sich häufig verändernden Rahmenbedingungen und den daraus resultierenden Adaptionen unter Berücksichtigung der Kosten dürfen Sie von mir erwarten (sic!)."

"Moderne Arbeitsmethoden zur Steigerung der Effizienz halte ich für unerlässlich."

"Ich bevorzuge den selbst geschafften und strukturierten Arbeitsablauf und lasse mich dennoch von Hektik und Feuerwehraufgaben nicht aus der Ruhe bringen. Mein Arbeitstag ist beendet, wenn die Aufgaben erledigt sind und ich ruhigen Gewissens in den Feierabend gehen kann."

"Durch den mehrmonatigen Auslandsaufenthalt besitze ich sehr gute Kenntnisse im Bereich Microsoft Office."

"Zudem besitze ich den notwendigen Ehrgeiz und Biss, was meiner Meinung nach für die genannte Position eine gute Voraussetzung ist."

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Als es nach der Arbeit noch Familie gab, war Job bloß Job. Heute bedeutet Job naturgemäß auch Beziehung. Oder gleich ihren Ersatz:

"Die Arbeit hat in meinem Leben, da ich unverheiratet und kinderlos bin, einen besonderen Stellenwert, so dass Arbeitsaufgaben für mich eine wichtige Rolle spielen."

Der familiäre Einsatz wird dafür zum Volontariat aufgewertet:

"Als Mutter konnte ich meine organisatorischen Fähigkeiten und Flexibilität weiterentwickeln."

Ein Bewerber hatte es eilig, noch vor dem avisierten Weltuntergang 21.12. in den Job zu kommen:

"Bereits ab dem 16.12.2012 könnte ich Ihnen zur Verfügung stehen und bitte um eine vorangehende Einladung zum persönlichen Gespräch."

So viel Stuss verdient einen eleganten Schluss. Hat jemand diesen Text bis zum Ende gelesen? Egal!

"Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit…"

Zum Autor
Gerhard Winkler arbeitet als Trainer und Bewerbungshelfer in Berlin. Er bloggt regelmäßig auf www.jova-nova.com.

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Diese Experten schreiben wöchentlich wechselnd im KarriereSPIEGEL über Bewerbungen, Karriere und die Wechselfälle des Berufslebens: Gerhard Winkler, Svenja Hofert, Martin Wehrle, Uta Glaubitz (von links oben nach rechts unten)

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