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22. Mai 2012, 14:23 Uhr

Uni-Präsident über den Bachelor

"Hochschulen sind keine Lernfabriken"

Ein neues Studiensystem wälzt Deutschlands Hochschulen um. Verschulung, Anwesenheitspflicht, zu viele Prüfungen - im Interview erklärt der Hamburger Uni-Präsident Dieter Lenzen, warum das Bachelorstudium die akademische Freiheit zerstört und er eine Master-Garantie für alle fordert.

KarriereSPIEGEL: Seit 1999 läuft der Bologna-Prozess, an den deutschen Hochschulen entstehen Bachelor- und Masterstudiengänge, die europaweit vergleichbar sein sollen. An der Uni Hamburg wollen Sie jetzt vieles ändern. Waren alle Reformbestrebungen für die Katz?

Lenzen: Die Grundidee, einen europaweit einheitlichen Hochschulraum zu schaffen, ist sinnvoll. In Deutschland gab es aber eine Kaskade von unnötigen Bestimmungen, die so in der Ideenwelt der Bologna-Begründer nicht angelegt war. Das liegt an Zuspitzungen durch die Kultusministerkonferenz, aber auch an den Landesministerien mit ihren Bürokratien und an den Hochschulverwaltungen. Man wollte das Hochschulsystem endlich aufräumen. Es wurde in den neunziger Jahren so schlechtgeredet, für "im Kern verrottet" erklärt, dass sich keiner mehr zu widersprechen traute. Dieser sozialpsychologisch interessante Vorgang hat zu dem Resultat geführt, das wir im Moment haben.

KarriereSPIEGEL : Was genau sollten die Hochschulen zügig ändern?

Lenzen: Ich denke, wir werden uns von vielen unnötigen Dingen trennen müssen, ohne das ganze Bologna-System in Frage zu stellen. Nehmen Sie nur die ständige Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen - diese Kontroll-Lust gab es immer schon an den Hochschulen, die Reform war ein willkommener Anlass, das umzusetzen. Als Grundannahmen sollten wir künftig gelten lassen: Studierende sind grundsätzlich Erwachsene, Lehrende nicht faul und unfähig, Administrateure keineswegs böswillig und kleinkariert.

KarriereSPIEGEL : Die Hochschulen müssen sich also mehr in Gelassenheit üben?

Lenzen: Sie müssen sich vor allem davon verabschieden, ihre Funktion auf Kompetenz und Wissen zu reduzieren. Hochschulen sind doch keine Lernfabriken. Das, was man allgemein als Menschenbildung bezeichnet, sollte wieder Bestandteil des Hochschulauftrags werden - mit vielen Konsequenzen für die Gestaltung von Lehrplänen und das Angebot an Studiengängen, so wie bei den Liberal Arts Colleges in Amerika, die sich auf Allgemeinbildung spezialisiert haben. Im Idealfall schaffen wir eine ähnliche Modifikation: eine Verringerung der Prüfungsmenge.

KarriereSPIEGEL : Werden die Abschlüsse noch vergleichbar sein, wenn jetzt jedes Land die Reform reformiert und Studieninhalte entrümpelt?

Lenzen: Vergleichen kann man sie trotzdem. Ganz am Anfang des Prozesses ging es nur darum, Leistungspunkte zuzuordnen. Im Grunde hätte es genügt zu sagen: Da kommt ein Politikstudent aus Paris mit schon 70 ECTS-Punkten, dann macht er in Deutschland die nächsten 70 und die fehlenden 40 woanders. Am Anfang haben viele von uns geglaubt, das ist der Prozess. Dann kam mit der nächsten Welle die Reduzierung des Bachelorstudiums auf sechs Semester. Und heute fallen zum Beispiel in vielen BWL-Studiengängen 50 oder 60 Einzelprüfungen während des Bachelorstudiums an. Diese groteske Entwicklung zerstört die akademische Freiheit von Studierenden, zugleich mutieren Wissenschaftler zu Prüfungsbeamten. Statt zu einer Erleichterung führt das zu einer Vervielfältigung von Prüfungsangst und zu bewusstlosem Auswendiglernen für die Klausuren, die nicht selten unter Einnahme von Psychopharmaka geschrieben werden.

KarriereSPIEGEL : Hätten Sie lieber auf die Zweigliedrigkeit verzichtet, auf Bachelor und Master?

Lenzen: Das zweistufige Modell hat viele Vorteile. Früher hatten die Studenten nur eine Vordiplom-Prüfung, wenn sie nicht weiterstudiert haben. Jetzt haben jene, die aus dem System herausfallen, einen vernünftigen Abschluss. Dabei hilft auch die studienbegleitende Prüfungspraxis, selbst wenn sie übertrieben ist in der Menge. Denn viele kippten früher aus dem Studium, weil ihnen vor allem die Abschlussprüfungen zu schaffen machen.

KarriereSPIEGEL : Bachelor-Absolventen dürften gekränkt sein, wenn sie hören, dass ihr Abschluss nicht mehr wert ist als eine Zwischenprüfung - immerhin sollte es der erste berufsqualifizierende Abschluss werden.

Lenzen: Ja, aber er ist offenbar nicht als akademischer Abschluss gedacht. Der Kern des Problems steckt darin, dass das Berufsbildungssystem in vielen Ländern Teil des Bologna-Prozesses ist: Mit dem Bachelor starten Absolventen in einen Beruf, für den sie keine akademische Qualifikation brauchen. In Deutschland haben wir dafür das duale Berufsausbildungssystem, einmalig in der Welt. Diese duale Ausbildung hätte man mit in den Bologna-Prozess nehmen und sagen müssen: Das ist der Bachelor.

KarriereSPIEGEL : Dann hätte man konsequenterweise die Berufsausbildung behalten, den Master eingeführt und den Bachelor weggelassen?

Lenzen: Wenn man es neu anfassen könnte, würde man den Master zum Normalfall machen. Der Bachelor taugt als eine Art Vorprüfung, aufgewertet um die Möglichkeit, mit diesem Abschluss auszusteigen. Aber es ist rechtlich gar nicht haltbar, jemandem den Zugang zum Masterstudiengang zu verwehren. Im Augenblick liegt die Übergangsquote zwischen 50 und 70 Prozent. Ich gehe davon aus, dass auf die Dauer ein 100-Prozent-Übergang zum Masterstudium erforderlich sein wird. In Hamburg haben wir uns das fest vorgenommen. Dafür brauchen wir ein Gesetz, in dem steht, dass jeder Studienanfänger einen Doppelstudienplatz bekommt für einen Bachelor- und einen Masterstudiengang. Eine Garantie auf einen solchen Platz zu haben, ist enorm wichtig.

KarriereSPIEGEL : Wenn Sie einen 100-Prozent-Übergang fordern - erklären Sie damit auch den Versuch für gescheitert, Bachelor-Absolventen einen Direkteinstieg in den Beruf zu ermöglichen?

Lenzen: Manchen mag das gelingen, aber ich sehe in der Privatwirtschaft wie auch im Öffentlichen Dienst nach wie vor große Vorbehalte. Auffällig sind doch zwei Entwicklungen: Nicht einmal der Staat als Arbeitgeber betrachtet den Bachelor als wissenschaftlichen Abschluss - er akzeptiert die Absolventen nicht für den höheren Dienst. Und die Arbeitgeberverbände haben jahrzehntelang das zu hohe Lebensalter von Hochschulabsolventen beklagt. Jetzt wollen Bachelor-Absolventen schon mit Anfang 20 in den Beruf gehen - und Unternehmen verweisen auf deren zu geringes Lebensalter. Das ist erbärmlich.

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