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Erschwerte Jobsuche mit Doktortitel Erst denken, dann promovieren

Eine Promotion zahlt sich meistens aus - häufig aber erst nach vielen Jahren Zur Großansicht
Corbis

Eine Promotion zahlt sich meistens aus - häufig aber erst nach vielen Jahren

Eine Doktorarbeit schillert, kann aber auch ernsthafte Probleme bereiten - das erlebt derzeit nicht nur Annette Schavan. Fünf Jahre Arbeit, 60.000 Euro und unzählige Nerven kostet eine Promotion durchschnittlich. Ver.di-Bildungsexperte Matthias Neis erklärt, für wen sich das überhaupt lohnt.

KarriereSPIEGEL: Herr Neis, ob Plagiate oder Flüchtigkeitsfehler - vielen Prominenten fliegt ihre Doktorarbeit im Nachhinein um die Ohren. Gleichzeitig gibt es immer mehr Doktoranden, mehr als 200.000 sind es derzeit in Deutschland. Promovieren einige zu leichtfertig?

Neis: Tatsächlich gibt es in Deutschland viel mehr Promotionen als in anderen Ländern. In einigen Fächern legen bis zu 70 Prozent der Absolventen eine Dissertation ab. Und nicht alle sind sich darüber im Klaren, wohin sie damit wollen. Aber wenn man nur promoviert, um den Schritt auf den Arbeitsmarkt zu vermeiden und noch ein bisschen auf bekanntem Uni-Terrain zu bleiben, ist das die schlechteste Motivation für eine Doktorarbeit.

KarriereSPIEGEL: Erleichtert ein Dr. nicht die Jobsuche?

Neis: Das kommt darauf an. In Physik, Biologie, Chemie oder Medizin promovieren sehr viele und denen hilft das auch, selbst wenn sie nicht in die Wissenschaft streben. Absolventen dieser Fächer haben mit einem Doktortitel meist noch mehr Möglichkeiten als sonst. In anderen Fächern, vor allem in Geistes- und Sozialwissenschaften, kommt die Ernüchterung oft erst bei negativen Bewerbungserfahrungen. Kaum einer rechnet damit, dass der Einstieg in den Arbeitsmarkt mit einer Promotion sogar schwieriger werden kann.

KarriereSPIEGEL: Schwieriger?

Neis: Ja, das kann passieren. Ich höre nicht selten von Fällen, in denen Bewerber ihren Doktortitel verschweigen, weil sie merken, dass er eher hinderlich ist - sie gelten beispielsweise für Jobs im Marketing als zu intellektuell, theoretisch und überqualifiziert. Das Problem ist, dass es für Germanisten, Linguisten & Co. kein klares Berufsziel gibt, man kann fast überall landen. Viele hoffen auf eine Perspektive an der Uni, kommen aber irgendwann nicht weiter, weil es dort einfach zu wenig Stellen gibt. Der inhaltliche Aspekt einer Promotion zählt also nur selten als Einstellungskriterium. Und obwohl eine abgeschlossene Dissertation beweist, dass man selbstständig arbeiten und ein großes Projekt auch organisatorisch allein stemmen kann, schauen Personaler meistens eher auf Praxiserfahrung.

KarriereSPIEGEL: Lohnt sich eine Promotion in so einem Fall überhaupt?

Neis: Finanziell betrachtet lohnt sich eine Promotion im Durchschnitt schon, allerdings erst mittel- oder sogar langfristig. Aktuelle Zahlen zeigen, dass Akademiker mit Promotion zwanzig Prozent mehr im Monat verdienen als Akademiker ohne Titel. Der Verdienstsprung hängt aber auch stark von der Fachrichtung ab. Zum Beispiel in den Rechtswissenschaften, da verdient man mit einem Doktortitel locker ein Viertel mehr. Das sind dann schon mal um die 900 Euro netto im Monat obendrauf. In der Psychologie hingegen verdient man durchschnittlich nur knapp zehn Prozent mehr mit einer Promotion. Dann muss man natürlich noch die entstandenen Kosten dagegenrechnen.

KarriereSPIEGEL: Was kostet ein Doktortitel?

  • DPA
    In Auswahlverfahren müssen Bewerber sich häufig Intelligenz-Tests stellen - mit Zahlenreihen, Sprachaufgaben, vertrackten Bilderrätseln. Zählen Sie zu den Schlaumeiern? Dann beweisen Sie's: im IQ-Test. mehr...
Neis: Das kann ich nur grob schätzen. Eine Promotion in Deutschland dauert im Durchschnitt fünf Jahre. In dieser Zeit liegt das monatliche Nettoeinkommen ungefähr bei 1100 Euro, also knapp bei der Hälfte von dem, was ein Akademiker sonst verdient. Wenn man von 1000 Euro Verdienstminderung im Monat ausgeht, sind das nach Abschluss der Dissertation 60.000 Euro Verlust. Hinzu kommt, dass Familiengründung, Hauskauf oder ähnliches in dieser Zeit natürlich schwieriger sind.

KarriereSPIEGEL: Viele promovieren aus Leidenschaft. Wie kann man die Zeit genießen und trotzdem attraktiv für Arbeitgeber bleiben?

Neis: Ohne eine gewisse Begeisterung für das Thema kann man jedenfalls niemandem empfehlen, eine Dissertation zu schreiben. Und wer sich darüber im Klaren ist, dass sich der Titel materiell vielleicht erst in vielen Jahren auszahlt, kann das gern tun. Wer danach aber schnell einen Job will, sollte schon mehr als einen Gedanken an die Aspekte seiner Promotion verschwenden, die für einen Praxisbereich anschlussfähig sind. Passt in einer sprachwissenschaftlichen Dissertation vielleicht etwas zu Fragestellungen, mit denen sich Wörterbuchverlage beschäftigen? Dann sollte das in der Arbeit auftauchen und nicht nur in einer Fußnote. Und jeder, wirklich jeder, sollte einen Plan B haben.

KarriereSPIEGEL: Wie kann ich einen Plan B haben, wenn ich nur allein am Schreibtisch vor meinen Hunderten von Seiten sitze?

Neis: Wir leben in einem Land, in dem Zertifikate und Zeugnisse viel zählen. Deshalb sollte man versuchen, sich die Qualifizierungsschritte, die man auf dem Weg zu einer Dissertation sozusagen nebenbei erwirbt, zertifizieren zu lassen. Das können Lehrfähigkeiten sein, Methoden- oder auch Fremdsprachenkenntnisse. Das ist vor allem wichtig für die große Gruppe, die ihre Promotion abbricht. Denn die stehen sonst mit Mitte Dreißig auf dem Arbeitsmarkt und sind wirklich völlig orientierungslos.

  • Das Interview führte Lena Greiner (Jahrgang 1981), Redakteurin bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
silberruecken8 11.02.2013
mein gott wie peinlich für einen selbsternannte n "bildungsexperten"
2. Mit Mitte Dreißig völlig orientierungslos ...?
coyote38 11.02.2013
Ich hatte zweieinhalb Monate nach meinem 24 Geburtstag mein Diplom und war zwei Jahre später mit der Promotion fertig ...^^ Wer mit "Mitte Dreißig noch völlig orientierungslos ist", dessen GERINGSTES Problem dürfte die Frage nach "Doktorarbeit oder nicht Doktorarbeit" sein ... Hier sind die adäquaten Stichworte wohl eher "totale Lebensunfähigkeit" und "chronische Faulheit".
3. tss, tss, tss ...
harry_klein 11.02.2013
Diese rein ökonomische Betrachtungsweise ist typisch für unsere kranke Gesellschaft. Ich hab meine Doktorarbeit geschrieben, weil mich das Thema interessiert hat, und weil man wohl nur einmal im Leben die Chance hat, so was zu machen. Geld war mir scheißegal, der "Titel" dito. Aber sowas können sich heutige "Bildungsexperten" ja nicht mehr vorstellen.
4. auweia
genugistgenug 11.02.2013
Zitat von sysopEine Doktorarbeit schillert, kann aber auch ernsthafte Probleme bereiten - das erlebt derzeit nicht nur Annette Schavan. Fünf Jahre Arbeit, 60.000 Euro und unzählige Nerven kostet eine Promotion durchschnittlich. Ver.di-Bildungsexperte Matthias Neis erklärt, für wen sich das überhaupt lohnt. Doktortitel: Wann lohnt sich eine Promotion - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/doktortitel-wann-lohnt-sich-eine-promotion-a-881844.html)
wow, was für ein wichtiges Interview oder eher small talk oder gleich chat? Da rechtfertigt sich offensichtlich einer der sich vor einer DoktorARBEIT drückte und bei verdi unterschlüpfte. Wieso eigentlich Bildungsexperte? Wer kenne sache, was Organizing sein? Organisation - doch dafür gibt es auch Definitionen?
5. Eine neue Wirtschaft erfindet sich
Zertifizierungswahn 11.02.2013
jeden einzelnen schritt in einer dr.arbeit zertifizieren lassen? so schafft man arbeitsplätze, indem eine neue industrie erfunden wird. dann zahlt man für die zertifizierung (nach KTQ, Onkozert, DIN????) 4stellige beträge und bekommt eine urkunde. noch mehr kontrolle. ich habe noch im studium gelernt, dass man etwas freiheit braucht. aber neue erkenntnisse kommen sicher auch, wenn die pfade schon so ausgelatscht sind...
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Zur Person
  • Matthias Neis (Jahrgang 1974), Soziologe, arbeitet als Gewerkschaftssekretär für den Fachbereich Bildung, Wissenschaft und Forschung in der ver.di-Bundesverwaltung in Berlin. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt im Bereich wissenschaflticher Beschäftigungsverhältnisse an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
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