• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Existenzgründer in der Falle "Am Ende hatte ich keine Kraft mehr"

Daneben gegründet: Drei, die in die Falle liefen Fotos
Jonas Nonnenmann

Eine eigene Firma ist stets ein Wagnis. Manche Gründer benutzen zu selten den Taschenrechner, andere schlittern schuldlos in ungeahnte Turbulenzen. Warum muss ein Kindercafé aufgeben, während ein Multimedia-Labor und ein Ballettstudio aus Krisen sogar neue Kraft schöpfen?

Die teure Kaffeemaschine ist weg, die Deckenlampen sind schon verkauft. "Es hätte funktionieren können", sagt Heike Szelinski, 47. Die Firmengründerin mit den großen grünen Augen sitzt auf einem Stuhl zwischen offenen Umzugskartons. Es sind die Trümmer ihres Geschäfts.

Dabei waren doch anfangs alle von ihrem Konzept überzeugt, sagt sie, von der Idee, in Reutlingen ein Café mit Kinderbetreuung anzubieten, damit die Kleinen versorgt sind, während die Großen in den umliegenden Geschäften einkaufen. Eine Win-Win-Situation für die Eltern, die Händler, für Szelinski selbst. Die nötige Erfahrung mit Kindern brachte sie ohnehin mit, weil sie mit ihrer Firma "Spaß und Co." bereits seit zehn Jahren an Wochenenden Kinder betreut. "Das war noch gut kalkulierbar."

Mit der Eröffnung des "Kathrinchens" änderte sich das. Wie viele Gründer lernte sie, dass die Realität nicht immer der eigenen Logik folgt. Sie sagt jetzt Sätze, die mit "vielleicht" anfangen und mit "hätte sollen" aufhören.

Das Kindercafé hieß wie eine Schlägerkneipe

Vielleicht hätte sie eine richtige Marktanalyse machen sollen, um dann zu merken, dass die Reutlinger Mütter ihre Kinder bei den Omas lassen und ihren Kaffee lieber zu Hause trinken. Vielleicht wäre ein anderer Name besser angekommen, weil viele das "Kathrinchen" bis heute mit einer ehemaligen Kneipe verbinden, vor der sich hin und wieder Betrunkene prügelten. Vielleicht hätte sie beides beachtet, und es hätte trotzdem nichts geändert: weil jede Gründung ein Wagnis bleibt.

Isabella Klesse kennt das Gefühl, kurz vor dem Scheitern zu stehen - obwohl sie im Grunde alles richtig machte, als sie 2009 eine Bremer Tanzschule übernahm. Den Businessplan schrieb sie wie Szelinski selbst und ließ anschließend die Zahlen von einem Profi checken. Erfahrung als Selbständige hatte sie auch schon, und dass es einen Markt gab, sah sie am Erfolg der Vorbesitzer.

Fotostrecke

4  Bilder
Existenzgründer: "Es ist einfach das eigene Baby"
"Dummerweise habe ich den Kaufvertrag unterschrieben, bevor die Finanzierung stand", sagt sie, "meine Unternehmensberaterin fiel fast vom Stuhl, als ich ihr das erzählt habe." Die folgenden Wochen seien brutal gewesen: Drei Banken lehnten den Kreditantrag ab, erst die vierte sagte zu.

Trotzdem wäre der Vertrag am Ende fast geplatzt, weil auch Bank Nummer vier den Kaufpreis zunächst zu hoch fand. "Meine Vorgänger haben es mit den Zahlen nicht immer so genau genommen", so Klesse. "Für die Versicherungen und die Gema-Gebühren musste ich deshalb mehr zahlen als geplant."

Messe? Welche Messe?

Es gibt auch Stolpersteine, die kaum vorhersehbar sind. "Wir sind 2008 voll in die Wirtschaftskrise gerauscht", erzählt der Medienkünstler Benjamin Mayer, 31. Ein Jahr vorher hatte Mayer mit zwei Kollegen das "lab binaer" gegründet. Die Firma entwirft Medienexponate und ist in den Bereichen Messe, Museum, Kunst und Forschung tätig. Ein Beispiel für die Gestaltung multimedialer Messeauftritte: Zum Jubiläum der Augsburger Puppenkiste entwickelte sie eine mehrere Meter hohe Kiste, in der Besucher die Geschichte des Marionettentheaters hören und sehen konnten.

Es sind Projekte wie dieses, an denen in Krisenzeiten zuerst gespart wird. "Teilweise wurden ganze Messen abgesagt, weil sich zu wenige Firmen anmeldeten", erinnert sich Mayer. "Für uns war das eine harte Zeit. Wir wussten manchmal nicht, wie wir die nächsten Monate finanziell überstehen sollten." In der Not verwendeten sie ihre Energie darauf, neue Auftraggeber zu suchen. Klingelten bei Firmen und erzählten von ihrer Arbeit. Das sei zäh gewesen, habe sich aber langfristig gelohnt. "Manche haben sich ein Jahr später dann doch noch gemeldet." Inzwischen floriere das Geschäft.

Die Bremer Ballettschule Polkadot ist ebenfalls erfolgreich: Nach kaum mehr als zwei Jahren hat sich Isabella Klesse so gut etabliert, dass sie kaum mehr Kapazitäten für weitere Kurse hat. Vor kurzem gewann sie den Bremer Gründerpreis.

2,50 Euro für die Zuckerdose

Manchmal glaubt auch Heike Szelinski, dass sie mit ihrem Kindercafé einfach länger hätte durchhalten müssen. "Am Ende hatte ich aber einfach keine Kraft mehr." Selbst eine Powerfrau wie sie kommt mit 14-Stunden-Schichten und zwei eigenen Kindern ans Ende ihrer Kräfte. 15 Monate lang währte ihr Versuch. Wenn kaum Kunden kommen, ist das eine verdammt lange Zeit.

Jetzt bleibt ihr nur der geordnete Rückzug. Um den Kredit für die Renovierung des Lokals zu bedienen, verkauft sie das Inventar wie auf einem Flohmarkt: Die Zuckerdose kostet 2,50 Euro, steht auf einem Schild; das moderne Wandbild ist auch noch zu haben. Alles sieht aus wie neu.

Was von der Firma übrig bleibt: viel Frust, aber auch viele Erfahrungen. Ein neuer Job als Sekretärin und immerhin die Erfüllung einer kleineren Version ihres Traums - im "Kids Camp" in Metzingen betreut sie jetzt am Wochenende Kinder, deren Eltern in den Firmen-Outlets auf Schnäppchenjagd gehen.

Und wer weiß, vielleicht greift sie irgendwann noch einmal richtig an. "Ich habe noch viele Ideen", kündigt Heike Szelinski schon an und klingt dabei wie eine Boxerin, die nach der Niederlage schon wieder an den nächsten Kampf denkt.

Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) arbeitet als freier Journalist in Reutlingen. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Geschäftsideen
abominog 17.09.2011
Völlig egal, wie genial man heutzutage ist: Ohne finanzielle Protektion vom Allerfeinsten kannst du deine Scheissgeschäftsidee in die Private Equity- oder in die Real Estate-Tonne schmeissen, bevor du überhaupt bis 3 zählen kannst. Eine zu erwartende Rendite von lächerlichen 10 Prozent? LOL! Das kannst du schon knicken, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert! Wenn du wirklich erfolgreich sein willst, dann nimmst du dir gefälligst ein Beispiel an den Supermegahypererfolgreichen hier im Land. Dazu etwas totale Ausbeutung und totale Überwachung deiner Mitarbeiter und schon kannst du so richtig loslegen. Tja, so einfach ist das. Scheiss einfach auf Moral und Ethik, Scheiss auf Vernunft und Verstand, Scheiss auf Gesetze und Regeln, Scheiss ganz einfach auf alles, was wertvoll und menschlich ist. Dann wirst du sagenhaft erfolgreich sein, ist es etwa nicht so? Soll ich jetzt etwa Namen nennen, um meine etwas verwegene Behauptung nachhaltig zu untermauern? Ist ja gar nicht notwendig, ihr wisst schon wen und was ich damit meine. Ach übrigens, die nächste Generation der skrupellosesten Menschen auf dieser Welt wird gerade jetzt in diesem Augenblick fröhlich rangezüchtet. Wie heisst es doch so schön "The show must go on"...
2. ...
meisterschlau 17.09.2011
win-win situationen gibt es nicht. win-win ist beratergeschwätz, um normale angestellte dezent abwimmeln zu können.
3. Ich staune nur das die Politiker
Berta 17.09.2011
noch nicht alle Selbständigkeit sind, die finden das doch so furchtbar geil und cool.
4. Oh
TotalRecall 17.09.2011
Keep it simple. Jede Dönderbude wirft bessere Renditen ab, als das, was 90% der Gründer an Hirngespinsten umsetzen wollen.
5. Falsch
BerndSchirra 17.09.2011
Zitat von abominogVöllig egal, wie genial man heutzutage ist: Ohne finanzielle Protektion vom Allerfeinsten kannst du deine Scheissgeschäftsidee in die Private Equity- oder in die Real Estate-Tonne schmeissen, bevor du überhaupt bis 3 zählen kannst. Eine zu erwartende Rendite von lächerlichen 10 Prozent? LOL! Das kannst du schon knicken, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert! Wenn du wirklich erfolgreich sein willst, dann nimmst du dir gefälligst ein Beispiel an den Supermegahypererfolgreichen hier im Land. Dazu etwas totale Ausbeutung und totale Überwachung deiner Mitarbeiter und schon kannst du so richtig loslegen. Tja, so einfach ist das. Scheiss einfach auf Moral und Ethik, Scheiss auf Vernunft und Verstand, Scheiss auf Gesetze und Regeln, Scheiss ganz einfach auf alles, was wertvoll und menschlich ist. Dann wirst du sagenhaft erfolgreich sein, ist es etwa nicht so? Soll ich jetzt etwa Namen nennen, um meine etwas verwegene Behauptung nachhaltig zu untermauern? Ist ja gar nicht notwendig, ihr wisst schon wen und was ich damit meine. Ach übrigens, die nächste Generation der skrupellosesten Menschen auf dieser Welt wird gerade jetzt in diesem Augenblick fröhlich rangezüchtet. Wie heisst es doch so schön "The show must go on"...
Unsinn,ich habe einschließlich meiner Tochter schon einigen Leuten in die Selbstständigkeit geholfen. Wenn man sich selbstständig macht muss man sich aber auch darauf vorbereiten. Ein Businessplan muß erstellt werden,eine Kosten Nutzen Rechnung muß gemacht werden und vieles mehr,dann klappt die Selbstständigkeit auch.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Unternehmensberater - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Erste Hilfe für Existenzgründer
Ein Gewinn für alle
DPA
Wenn eine Firmengründung gelingt, profitieren alle: der Gründer selbst, der Arbeitsmarkt (weil neue Stellen entstehen), der Staat (durch Steuereinnahmen). Darum werden Existenzgründer vielfältig unterstützt. So vielfältig, dass der Durchblick schwierig wird - eine Übersicht über die wichtigsten Förderer.
Gründungszuschuss
Als Firmengründer kann man die Arbeitsagentur schon mal gleich vergessen? Ganz falsch: Die Agentur für Arbeit bezuschusst Gründer, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machen. Direkt nach dem alten Job kann man den Gründungszuschuss nicht beziehen; es muss mindestens ein Tag Arbeitslosigkeit dazwischen liegen und der Gründer mindestens noch 90 Tage Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. In einem Businessplan muss er ausreichend Fachwissen für das neue Unternehmen nachweisen. Dass es tragfähig ist, sollen die Bestätigung eines Steuerberaters, einer Handelskammer oder einer anderen unabhängigen Stelle zeigen.

Sind all diese Hürden genommen, kann der Gründer zunächst neun Monate den Zuschuss in Höhe des zuletzt gezahlten Arbeitslosengeldes und 300 Euro zur sozialen Absicherung bekommen. Sofern das Geschäft nachweislich läuft, sind für weitere sechs Monate 300 Euro möglich. Wer den alten Job selbst kündigt, muss mit einer mehrwöchigen Sperrfrist rechnen.
Kredite der KfW
Die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) hat einige auf Gründer zugeschnittene Programme. Sehr verbreitet ist der KfW-Gründerkredit StartGeld, den auch Gründer ohne Eigenkapital in Anspruch nehmen können. Sie müssen den Kredit bei der Hausbank beantragen und bekommen ihn durch die KfW leichter, da sie 80 Prozent der Haftung übernimmt. Der Höchstbetrag liegt bei 100.000 Euro, der Kredit läuft bis zu zehn Jahre. Zur Entlastung für das junge Unternehmen gewährt die KfW bis zu zwei tilgungsfreie Jahre und einen Festzinssatz für die gesamte Laufzeit. Der Antrag muss bei der Hausbank gestellt werden, bevor investiert wird.
Coaching
Zusätzlich bietet die KfW Gründercoaching an: Existenzgründer können einen Coach beauftragen, der ihnen in verschiedenen Bereichen zur Seite steht, etwa in betriebswirtschaftlichen oder organisatorischen Fragen. Beauftragt werden dürfen nur anerkannte Berater der KfW-Beraterbörse. Das Institut erstattet 90 Prozent des Beraterhonorars, das aber höchstens 4000 Euro betragen darf.
Existenzgründerprogramme
Neben einigen Initiativen von Hochschulen und anderen Institutionen ist eines der bekanntesten Programme Exist, das Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie. Es richtet sich an Studenten, Absolventen und Wissenschaftler an Hochschulen. Besonders gefördert werden technologieorientierte Gründungen und "wissensbasierte Gründungen", die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufgebaut sein sollen. Gründer besuchen ein eintägiges Seminar zum Thema "Gründerpersönlichkeit", präsentieren nach fünf Monaten erste Ergebnisse der Überlegungen zum Businessplan und legen ihn nach zehn Monaten vor.

Das Stipendium beträgt monatlich 2500 Euro für promovierte Gründer, 2000 Euro für Absolventen und 800 Euro für Studenten. Bis zu 10.000 Euro kann es außerdem für Sachausgaben geben, darüber hinaus gibt es maximal 5000 Euro für Coaching. Die maximale Förderdauer beträgt ein Jahr. Bereits gegründete Unternehmen fördert Exist nicht. Den Antrag muss die Forschungseinrichtung stellen, die auch die Fördermittel verwaltet.

In Hamburg gibt es das an Exist angelehnte Hamburger Existenzgründungsprogramm HEP, das Absolventen aus Hamburger Hochschulen fördert. Hier wurde die finanzielle Förderung eingestellt, HEP bietet aber weiterhin angehenden Unternehmern ideelle Förderung und berät bei der Beantragung des Exist-Stipendiums.
Verwandte Themen

Fotostrecke
Unternehmensberatung für Kreative: Muss denn Kunst brotlos sein?
Geld vom Staat: Gründerzuschuss beantragen
Gründer können einen Zuschuss für neun Monate in Höhe des Arbeitslosengeldes plus monatlich 300 Euro erhalten. Die 300 Euro können für weitere sechs Monate gewährt werden, wenn eine fachkundige Stelle, etwa Handels- oder Handwerkskammern, aber auch Fachverbände und Kreditinstitute, die Gründungsidee als tragfähig einstufen. Quelle: dpa



Social Networks