ThemaBerlin Fashion WeekRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Fashion Week Karriereträume am Schnittmusterbogen

Sie wissen mit Nadel und Faden umzugehen, sie kennen die Trends von morgen. Doch die wenigsten jungen Modemacher werden im Fashion-Zirkus ernst genommen. Drei Talente berichten von ihrem Weg in die Glamour-Industrie: eine Dauerpraktikantin, ein Wunderknabe und eine Hoffnungsträgerin.

Vollzeit. Überstunden. 600 Euro. Für Diplom-Modedesignerin Marlene Bellmann*, 28, ein Grund zur Freude. Sie absolviert gerade ihr siebtes Praktikum in einem Modeunternehmen. Dass sie überhaupt Geld bekommt, ist eine Premiere.

Bellmann träumt von einem eigenen Klamottenladen. Dafür sammelt sie Referenzen bei namhaften Modehäusern. Mit ihrer aktuellen Praktikantenstelle in München ist sie zufrieden. "Ich lerne hier viel mehr als damals in England oder Frankreich", sagt sie. Dort hätte sie ihren Traum beinahe an den Nagel gehängt.

Nach ihrem Mode- und Design-Studium in Berlin machte sich die Jungdesignerin auf nach Paris und London, wo die Modewelt zu Hause ist. Wo Marken wie Dior, Chanel oder Tom Ford sitzen. Bellmann wollte keine Zeit verlieren. Sie wollte mit der Königsklasse anfangen. Aber: "Dort zu arbeiten war manchmal schlimm."

Fotostrecke

11  Bilder
Bilder einer Parallelwelt: Traumberuf Modedesigner?
Sie will unerkannt bleiben, wenn sie erzählt, wie Praktikanten dort verheizt werden. "Die reguläre Arbeitszeit als Praktikant lag bei gut zwölf Stunden. In Stressphasen kamst du vor Mitternacht nicht nach Hause." Und Stress war immer.

Einpackhilfe in Paris und London, immerhin

In einigen Häusern wurde sie nicht gegrüßt. Der Chef-Designer, von dem sie lernen wollte, wusste nicht wer sie war - eine von rund 40 Praktikanten. "Die werden meist dann ins Unternehmen geholt, wenn eine große Modenschau ansteht." Gern hätte Bellmann ihr praktisches Wissen von der Uni eingebracht, sich an der Kollektionsarbeit beteiligt, Konzepte mit ausgearbeitet. Oder wenigstens zugeschaut, wenn andere das taten. Tatsächlich aber war sie, wie alle anderen auch, ein "Runner", sprich: Ankleiderin für Models und Einpackhilfe für die Kleider. Immerhin eine Einpackhilfe in Paris und London.

"Bei einem Praktikum mussten wir in einem kleinen Raum rund um die Uhr Stoffe zuschneiden. Das ist nicht anspruchsvoll. Du schneidest immer an der Linie entlang." Für solche Arbeiten gab es weder Anerkennung noch ein paar Cent für ein Mittagessen. "Die meisten halten dem Druck nicht stand oder können es sich nicht leisten", resümiert Bellmann. "Eine Freundin von mir ist nach zwei Stunden gegangen."

Vor der Tür stand genug Frischfleisch: junge Designabsolventen, die hofften, nach vielen Monaten vielleicht doch übernommen zu werden, oder den Namen des Hauses als Eintrittskarte nutzen zu können - für das nächste Praktikum.

"Ich habe alles versucht"

Marlene Bellmann klammert sich an ihren Traum. "Mir wird immer wieder bestätigt, dass ich hochqualifiziert bin. Und ich habe das Gefühl, es zahlt sich langsam aus. Ich werde zu Vorstellungsgespräche eingeladen, und die Chefs staunen darüber, wo ich schon überall war." Sie gesteht, dass sie damit das System "irgendwie akzeptiert" hat. "Man ist auch selber schuld und nimmt den harschen Umgangston schnell als Normalität an."

Heute achtet die Berlinerin darauf, stärker in die Arbeitsprozesse eingebunden zu werden. Sie geht mehr in die Offensive und fordert ein, dass sie dem Chefdesigner mal über die Schulter gucken darf. "Wenn es am Ende doch nicht sein soll, kann ich wenigstens sagen: Ich habe alles versucht."

* Name von der Redaktion geändert.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ausbeuten bis es nicht mehr geht!
bono12 18.01.2012
Drei Talente berichten von ihrem Weg in die Glamour-Industrie: Eine Dauerpraktikantin, ein Wunderknabe und eine Hoffnungsträgerin. Fashion Week: Karriereträume am Schnittmusterbogen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,809714,00.html)[/QUOTE] Welch eine grandiose Ironie! Ein Wunderknabe wäre kein Wunderknabe geworden, wenn er nicht die Schläue besäße, Menschen wie Marlene (Dauerpraktikantin) zu eigener Gunst knadenlos auszunutzen und auszubeuten. Hat überhaupt jemand bei solchen Wunderknaben nach gefragt, wie die hochgelobten Muster und Schnitte für ihre Kollektionen entstehen?! Durch Praktikanten bzw. Dauerpraktikanten, die sich tagtäglich in irgendeinem dunklen Berliner Hinterhof als kostenlose Arbeitssklaven ihnen (den Wunderknaben) zur Verfügung stehen. Viele dieser "Arbeitssklaven" beziehen sogar Harz IV, damit sie es sich leisten können, für andere umsonst zu arbeiten. Dies kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. 2 Festangestellten, die fast zu Dumpinglöhnen arbeiten und dazu 20 kostenlose (hochqualifizierte) Praktikanten, die unter sittenwidrigen Bedingungen ihre Dienste anbieten: Das ist leider die absurde Wirklichkeit, wodurch die sogenannten Wunderknaben geschaffen werden.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Berlin Fashion Week
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Modenschau backstage: 14-Zentimeter-Absätze und ein voluminöser Dutt

Verwandte Themen



Social Networks