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Ein Kredit, schnell übers Internet, die Bonität prüft ein Computer: Finanz-Start-ups sind der neue Hype im Netz. Doch hinter smarten Fassaden verstecken sich Wucherzinsen und unkontrollierte Risiken.

So so, hier residiert also die Zukunft des Bankings. Sogar FDP-Chef Christian Lindner, 36, ist angereist, um die neue Zentrale des Start-ups Kreditech zu bestaunen. 4000 Quadratmeter in bester Hamburger Citylage, seit der Gründung 2012 wuchs die Zahl der Mitarbeiter bereits auf über 220.

Lindner ist beeindruckt. Man duzt sich - er war ja selbst mal Gründer. Und das Geschäftsmodell? Kreditech vergibt vor allem Kleinkredite und Kreditkarten in Ländern wie Russland, Polen oder Peru. Das Besondere: Die Kreditwürdigkeit, den sogenannten Score, berechnen Algorithmen, die dafür Daten von Facebook, Ebay oder die Eingabegeschwindigkeit beim Ausfüllen des Antragsformulars kombinieren. Das Urteil fällt vollautomatisch, Mitarbeiter sind dabei überflüssig.

Geld verdient Kreditech ganz profan über die Zinsen. Bis zu 35 Prozent verlangt das Start-up - pro Monat. Lindner ist irritiert, klingt ganz schön teuer. Er probiert es mit einem Witz: "Und wie hoch ist die Suizidrate unter Ihren Kunden?"

Alle lachen, aber Kreditech meint es ernst. Man gebe Menschen Geld, die von Banken abgewiesen würden, sagt ein Mitarbeiter. Das sei doch eine gute Sache. "Außer uns gibt es in diesen Ländern nur die Mafia." Haha. Der FDP-Chef blickt konsterniert in die Runde und grinst. Als ihm die jungen Männer noch erzählen, dass sie keine Banklizenz ("zu kompliziert") besitzen, scheint er endgültig vom Glauben abzufallen.

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Va banque: Fünf Finanzjobs der Zukunft
Kreditech gewinnt derzeit reihenweise Gründerpreise und wird mit Geld überschüttet. Ein US-Investor räumte dem Start-up erst im Januar eine Kreditlinie über 200 Millionen Dollar ein, in diesem Frühjahr, heißt es, folgt die dritte Finanzierungsrunde, die 100 bis 150 Millionen Dollar frisches Kapital in die Kassen spülen soll.

Fintechs greifen Banken an - der Markt feiert die Angreifer

Der Erfolg der Hamburger steht für einen der derzeit heißesten Trends der digitalen Umwälzung: Immer mehr Start-ups greifen nun auch die Banken an. "Fintech" (Financial Technology) wird die Sparte genannt, die nicht weniger verspricht, als die gesamte Finanzindustrie zu revolutionieren.

Der Markt feiert die Angreifer. 6,8 Milliarden Dollar flossen letztes Jahr in die aufstrebende Branche, dreimal so viel wie noch 2013. Kein anderes Segment gewinnt unter Wagniskapitalgebern derzeit schneller an Popularität. Auch die Banken sind aufgewacht.

Die Fintech-Szene ist so stark gewachsen, dass sie kaum noch zu fassen ist. Experten unterteilen das Segment bereits in ein Dutzend Subkategorien. Bezahlsysteme (Square, Payleven) gehören ebenso dazu wie automatisierte Anlageberatung (Betterment, Wealthfront) oder Kreditplattformen à la Kreditech.

Im Geldverleih locken besonders üppige Profite, der Hype ist hier am größten. So strich das Start-up Lending Club an der New Yorker Börse Anfang Dezember 1,4 Milliarden Dollar ein, die Bewertung des Newcomers stieg zeitweise gar auf über 10 Milliarden Dollar. Kurz darauf folgten zwei weitere Börsengänge: On Deck (New York), das Geld an Mittelständler verleiht, und Ferratum (Frankfurt), das wie Kreditech kurzfristige Kleinkredite an Privatkunden vergibt.

Lendico, Zencap, Spotcap - die Samwer-Brüder im Geldverleih

Doch das Geld der Investoren fließt oft in dubiose Geschäfte. Manch selbst ernannter Bankenstürmer verlangt Wucherzinsen oder hat es auf sensible Kundendaten abgesehen. Viele locken mit Produkten, die regulierte Finanzinstitute so nie verkaufen dürften.

Johannisstraße, Berlin-Mitte. Bei Rocket Internet, der Gründerfirma der Samwer-Brüder, residieren gleich drei Start-ups, die über das Internet Kredite vergeben: Lendico, Zencap, Spotcap.

Die Gründer kokettieren mit ihrer Angriffslust. So blicken Lendico-Mitarbeiter auf ein Porträt des Bankräubers Butch Cassidy, an der Wand gegenüber machen sich die Gründer über die Verschwendungssucht der Deutschen Bank lustig, die für eine Firmenfeier einst Janet Jackson engagierte. Die Botschaft: Wir sind effizienter, schneller, sogar gerechter - und deshalb die Zukunft.

Lendico-Chef Dominik Steinkühler, 33, möchte die Banken am liebsten überflüssig machen. Seine Firma, die bislang keine substanziellen Zahlen veröffentlicht, vermittelt Kredite zwischen Privatpersonen (Peer-to-Peer-Lending); anders als Kreditech verleiht das Start-up also kein eigenes Kapital. Profit saugt Steinkühler aus den Gebühren, die seine Plattform für Bonitätsprüfung und Abwicklung berechnet (insgesamt bis zu 4,5 Prozent der Kreditsumme). Das Risiko bleibt an den Investoren hängen.

Das Prinzip erinnert an die verbrieft weitergereichten Häuserkredite, die einst die Finanzkrise auslösten - zumal Kunden ihr Geld auf Darlehen aus mehreren Ländern verteilen können.

Teure Motorräder und Luxusflüge

Das funktioniert eher schlecht als recht: Lendico-Darlehen aus Spanien, Polen und Südafrika sind seit März für Privatanleger tabu. Allein in Spanien musste das Start-up 98 Prozent der Kreditanfragen wegen schlechter Qualität ablehnen. Solch schwierige Märkte, heißt es, blieben nun "institutionellen Anlegern" vorbehalten. Unklar bleibt dabei, warum Banken und Fonds diese Subprime-Kredite kaufen sollten.

Lendicos Vorbild ist der US-Börsenstar Lending Club, der längst vor allem algorithmengesteuerten Hedgefonds als Investitionsvehikel dient. Das Geschäftsmodell, das CEO und Gründer Renaud Laplanche (45) zum Multimillionär machte, stößt indes bereits an Grenzen: Als der Franzose Ende Februar erstmals Zahlen und damit einen operativen Verlust von fast 32 Millionen Dollar veröffentlichen musste, sackte die Aktie um 20 Prozent ab.

Noch härter hat es zuletzt Wonga erwischt, eine britische Firma, die Kurzzeitkredite zu hohen Zinsen über das Internet vergibt. 330.000 Kredite im Wert von 220 Millionen Pfund musste Wonga im Oktober abschreiben. Die Behörden werfen dem Unternehmen vor, überschuldeten Menschen absichtlich weitere Darlehen anzudrehen. Die britische Finanzaufsicht FCA hat inzwischen reagiert und den Zinssatz auf maximal 0,8 Prozent pro Tag (!) begrenzt.

0,8 Prozent Zinsen - pro Tag

Kreditech, das bei Kleinkrediten ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgt, hat es da leichter. Die Hamburger konzentrieren sich neben einigen europäischen Märkten vor allem auf Schwellenländer wie Mexiko oder Brasilien, in denen es vielen Privatkunden in der Tat schwerer fällt, an Kredite zu kommen. Das macht es moralisch einfacher, und es droht kaum Regulierung.

Dennoch polarisiert Kreditech-CEO Sebastian Diemer, 28, in der Fintech-Szene - auch weil er oft großspurig auftritt. Diemer lobt sich schon mal selbst auf Twitter oder gibt auf seiner öffentlichen Facebook-Seite mit teuren Autos, Motorrädern oder Luxusflügen an (nach Veröffentlichung dieses Artikels im manager magazin 4/2015 war die Seite nur noch für Freunde einsehbar). Ein Geschäftsmodell, das auf armen Schuldnern in Südamerika basiert, mag zu diesem Habitus nicht recht passen.

Kreditech bleibt derzeit auf durchschnittlich 10 Prozent seiner Darlehen sitzen - trotz der ausgefeilten Algorithmen. Ein weiterer Schwachpunkt sind die teils sehr persönlichen Daten ("Mit wem bin ich bei Facebook befreundet?"), die das Start-up zur Berechnung des Scores anzapft. Angeblich kann die Software an den Mausbewegungen eines Antragstellers sogar erkennen, ob er Alkohol getrunken hat.

Derart tiefe Einblicke könnten noch zum Problem werden. Im Februar standen bereits die Prüfer der Hamburger Datenschutzbehörde vor der Tür, die bald ihre Ergebnisse vorlegen wollen. Ende März erschütterte dann ein Datendiebstahl das Vertrauen in die Sicherheit von Kreditechs IT-Systemen. Das LKA Hamburg ermittelt in der Sache gegen Unbekannt.

Dabei sind die Daten der Kern der Kreditech-Story: Diemer und seine Leute erzählen gern, dass sie in einem Technologieunternehmen arbeiten, das künftig vor allem seinen Datenschatz vergolden will. So wollen die Hamburger ihr Schwellenländerkundenwissen langfristig dazu nutzen, Banken und Versicherungen dort den Marktzugang zu erleichtern. Vergleiche mit Wonga lassen sie deshalb nicht gelten, die hohen Zinsen werden kleingeredet.

Wucher als heiße Innovation

Es gleicht einem Zaubertrick: Kreditech und Co. haben es geschafft, Wucherkredite mit einem Kleid aus Buzzwords ("Big Data", "Algo-Banking") salonfähig zu machen. Das Modell Kredithai erscheint so plötzlich als heiße Innovation, zumal die Start-ups dafür dank ihrer Algorithmen kaum noch Personal benötigen.

Klar, dass auch die Samwers sich das nicht entgehen lassen. An Kreditech sind sie über ihren Fonds Global Founders Capital beteiligt, CEO Diemer war einst bei Rocket Internet angestellt. Spotcap, seit September im Portfolio, wurde vom britische Wagnisfinanzierer Kreos Capital mit 5 Millionen Euro frischem Kapital versorgt; schon kurz nach dem Start im September sammelte die junge Firma 13 Millionen Euro ein.

Co-Gründer und Geschäftsführer Toby Triebel hat sich sprachlich bereits perfekt ins Milieu der Onlineverleiher eingepasst. "Es ist schön", sagt er, "wenn wir den Menschen mit unseren Krediten helfen können."

Schlägt das Imperium zurück? - Die Digitalpläne der Banken
Vorreiter
Wenn es um clevere Digitalstrategien von Banken geht, werden meist australische, koreanische und skandinavische Geldhäuser genannt, die sich kaum mit der Finanzkrise herumschlagen mussten. Auch US-Adressen wie die Bank of America, Citigroup oder J. P. Morgan entwickeln permanent ihr Digitalangebot weiter - oftmals aus eigener Kraft und ohne Hilfe aus dem Silicon Valley. Die zweitgrößte spanische Bank BBVA gilt als europäisches Role-Model für den Wandel zum Multikanalanbieter. 2014 übernahmen die Iberer für 117 Millionen Dollar die US-Digitalbank Simple, die einzig per Webseite und Smartphone-App ihre Kunden bedient. Der Ebay-Tochter Paypal luchste BBVA den Finnen Teppo Paavola ab und machte ihn zum Digitalchef. Inzwischen hat Paavola auch das Startup Madiva, das den Wust an Kundendaten sortiert und nutzbar macht, in den Konzern geholt. Am Bitcoin-Dienstleister Coinbase ist BBVA über seine Wagniskapitaltochter beteiligt.
Nachzügler
Den Venture-Capital-Pfad hat inzwischen auch Commerzbank-Chef Martin Blessing entdeckt. Der Main Incubator berät und finanziert seit März 2014 Start-ups in der Gründungsphase, Commerz Ventures investiert seit Herbst in bereits marktreife Firmen, um den Anteil später zu versilbern. 50 Millionen Euro dürfen die Geschäftsführer Patrick Meisberger und Stefan Tirtey binnen drei Jahren ausgeben. Meisberger war zuvor bei der Wagniskapitaltochter der Telekom, Tirtey beim Finanzinvestor Doughty Hanson. Erste Deals sollen bald spruchreif sein. Auch inhouse müht sich die Commerzbank, Anschluss zu halten. Ihr Future Lab leitet Ole Franke, ein Schwabe, der viele Jahre für Mobilfunker gearbeitet hat. In einem Gründerzeitbau abseits der Konzernzentrale entwickelt seine Zehn-Mann-Truppe derzeit Apps, um Kunden Wertpapierhandel via Smartphone zu erleichtern. Kickertisch und leere Bierkisten sorgen für Startup-Atmosphäre.
Newcomer
Bei der Deutschen Bank gibt es seit Kurzem mit Chief Operating Officer Henry Ritchotte erstmals einen Digital-Vorstand. Sein Pendant auf Privat- und Firmenkundenebene heißt Markus Pertlwieser und darf 200 Millionen Euro investieren. Erste Ergebnisse will die Truppe in Kürze präsentieren, zum Beispiel eine App, die PDF-formatierte Rechnungen automatisch in die Überweisungsmaske des Onlinebankings einspeist. Entwickelt wurde sie vom Start-up Gini - zu dessen Investoren ausgerechnet der Main Incubator der Commerzbank gehört.

Philipp Alvares de Souza Soares und Tim Bartz sind Redakteure beim manager magazin. Dort erschien dieser Artikel zuerst.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Gut dass der Lindner dort war!
WwdW 01.07.2015
ja ja die FDP. Das ist mal Spassig. So ganz im Stile der FDP. 35% Zinsen im Monat - grandios!
2. Kreditech impressum
John Ishy Doe 01.07.2015
erstmal schön abmahmen wegen mangelndem Impressum.
3. Tjo
Leser161 01.07.2015
**** ***** ****** ***** ***** **** ***** ******** ***. In Veröffentlichbar: Ich denke man sollte das Geschäftsmodell nochmal überprüfen und gegen die Verantwortlichen entsprechende Konsequenzen ziehen. Man sollte dabei auch bedenken das das leichte Schädigen von grossen Anzahlen von Leuten schlimmer sein könnte als das fatale Schädigen einer Person.
4. die Samwer-Brüder
elmard 01.07.2015
Lendico, Zencap, Spotcap - die Samwer-Brüder im Geldverleih Warum werden diese Leute nicht angeklagt? Nach § 291 - Wucher - (1) Wer die Zwangslage, die Unerfahrenheit, den Mangel an Urteilsvermögen oder die erhebliche Willensschwäche eines anderen dadurch ausbeutet, daß er sich oder einem Dritten 1. für die Vermietung von Räumen zum Wohnen oder damit verbundene Nebenleistungen, 2. für die Gewährung eines Kredits, 3. für eine sonstige Leistung oder 4. für die Vermittlung einer der vorbezeichneten Leistungen Vermögensvorteile versprechen oder gewähren läßt, die in einem auffälligen Mißverhältnis zu der Leistung oder deren Vermittlung stehen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Wirken mehrere Personen als Leistende, Vermittler oder in anderer Weise mit und ergibt sich dadurch ein auffälliges Mißverhältnis zwischen sämtlichen Vermögensvorteilen und sämtlichen Gegenleistungen, so gilt Satz 1 für jeden, der die Zwangslage oder sonstige Schwäche des anderen für sich oder einen Dritten zur Erzielung eines übermäßigen Vermögensvorteils ausnutzt. (2) In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren. Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter 1. durch die Tat den anderen in wirtschaftliche Not bringt, 2. die Tat gewerbsmäßig begeht, 3. sich durch Wechsel wucherische Vermögensvorteile versprechen läßt.
5. Kein Titel
wll 01.07.2015
Braucht man für gewerbliche Kreditvergabe nicht zwingend eine Banklizenz? Oder gilt das im Falle von Kreditech nicht, weil die offenbar nur im Ausland tätig sind?
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