Von Kristin Haug
Mit 36 Jahren schiebt sich Alexander Braun in ein neues Leben. Seine Muskeln drücken durchs weiße Hemd, die dunkelblaue Weste spannt über der Brust - er sieht ein bisschen zu groß und zu kräftig aus für seinen neuen Beruf: Flugbegleiter.
Noch vor wenigen Wochen war Braun selbständiger Unternehmer und brachte Menschen als Fitnesstrainer zu Höchstleistungen. Nun bringt er Gästen Pumpernickel mit Gurkensalat, Heilbutt im Limonenfond oder Maultaschen mit Zwiebelschmelze. Die Passagiere, das sind an diesem Tag seine Klassenkameraden aus dem Lufthansa-Kurs 1627, 15 Frauen und ein Mann.
Sie tragen Uniformen, das ist Pflicht in den letzten Tagen der Ausbildung. Noch eine Woche, dann werden die Flugbegleiter auf ihre ersten Flüge nach Amerika, Russland oder China geschickt. Die angehenden Stewardessen kombinieren Röcke oder Hosen mit weißen oder dunkelblauen Blusen und gelben oder blauen Tüchern. Sie tragen Highheels, deren Absätze nicht niedriger als fünf und nicht höher als sieben Zentimeter sein dürfen. Röcke dürfen nicht kürzer als etwa zwei Finger breit über dem Knie sein.
An diesem Tag steht die erste Serviceübung in der Business-Class auf dem Programm: warme Tücher reichen, Getränke und Speisen servieren, freundlich sein, lächeln. Alexander Braun rollt einen schmalen silbernen Trolley durch eine Boeing 747. Darauf wackeln Wasser, Wein und Whiskey. Noch arbeitet er allerdings nicht über den Wolken, sondern in einer unbeweglichen Attrappe - ein Schulungsraum mit Business-Class-Sitzen, nachempfundenen Flugzeugfenstern auf der einen und einer Glaswand auf der anderen Seite plus Bordküche.
"Körperlich total anstrengend"
Alle Flugbegleiter kennen Schmähungen wie "Saftschubse", "Trolley-Dolly" oder "Luftkellner". Braun schwärmt davon, dass der Beruf so abwechslungsreich sei, man ständig neue Menschen kennenlerne und Verantwortung trage. "Also, der Job ist nicht einfach nur Saft schubsen", sagt er. "Wir sind hauptsächlich für die Sicherheit verantwortlich und wissen, was wir tun müssen, wenn es brennt oder das Flugzeug notwassern muss."
Für seinen neuen Beruf nimmt der frühere Unternehmer viel in Kauf. 380 Euro erhält er im Monat als Aufwandsentschädigung für die Ausbildung: "Das ist hart für die meisten." Angehende Flugbegleiter müssen sich neue Koffer und Schuhe kaufen; für die komplette Garderobe zahlen sie einen Eigenanteil von rund 300 Euro.
Etwa drei Monate dauert die Ausbildung. Sie besteht aus einem Online-Vorkurs, Training am Boden und drei internationalen Einweisungsflügen; ab März steigt mit dem überarbeiteten Lufthansa-Programm der Praxisanteil. Die Ausbildung ist vollgepackt mit Serviceübungen in der Economy- und Business-Class, Weinkunde, professionellem Auftreten, Erste Hilfe, Notfallmedizin, Stresstests, Deeskalationstraining und Seenotübungen.
Die Azubis lernen, Feuer zu löschen, Fluggäste über Rettungsrutschen sicher aus dem Flugzeug zu bringen und aufgebrachte Gäste zu beruhigen. "Das ist körperlich total anstrengend", sagt Olivia Koll, 19. Die Abiturientin will die Welt sehen, sie brauche Abwechslung: "Ich glaube nicht, dass es mich irgendwann nerven wird, andere zu bedienen."
Zuschauen, wie die Brötchen anbrennen
Auf dem Sprung in die Ausbildung müssen Bewerber einen Internettest, ein Telefoninterview und ein Assessment-Center überstehen. Wer zwischen 18 und 55 Jahren alt ist, kontaktfreudig, teamfähig und verantwortungsbewusst, hat gute Chancen. Zu den weiteren Voraussetzungen zählen eine abgeschlossene Schulausbildung, Deutsch und Englisch fließend sprechen können, eine Mindestgröße von 1,60 Meter sowie angemessenes Körpergewicht. Außerdem sollen die Interessenten bereit sein zu Schichtdiensten und einen Rechner für den Onlinekurs haben.
In den Kursen stehen die angehenden Stewardessen und Stewards unter ständiger Beobachtung. Mit Multiple-Choice-Tests und praktischen Übungen wird das Wissen und Können am Ende der Ausbildung geprüft.
Über einen Monitor in der Boeing-Attrappe sehen die Kursteilnehmer, was sich in der Bordküche abspielt. Dort verbrennen gerade Brötchen, weil die Öfen falsch eingestellt waren. Oliver Becker, 33, beruhigt die Teilnehmer. Auch er hat schon Fehler gemacht, sich an Bord einmal mit Sekt begossen und einem Gast einen Eiskühler in den Schoß fallen lassen.
Seit anderthalb Jahren arbeitet Becker als Dozent im Lufthansa-Trainingscenter in Frankfurt. Er erklärt, wie man Mixgetränke zubereitet, Essen richtig anbietet, Statuskunden behandelt und welche Weine es gibt. "Ich habe früh gemerkt, dass Fliegen sehr schön ist, aber weil ich als Kind auch mal Lehrer werden wollte, habe ich mich auf die Stelle beworben", sagt Becker. Als Trainer kommt jeder in Frage, der mindestens zwei Jahre als Flugbegleiter gearbeitet hat.
200 Leiharbeiter für den Himmel über Berlin
Rund 17.000 Angestellte aus 80 Ländern arbeiten für die Lufthansa als Servicepersonal in der Luft. Das Einstiegsgehalt liegt bei 1530 Euro, hinzu kommen eine Schichtzulage, Urlaubsgeld und "Abwesenheitsgeld". Für Aufsehen sorgte die Fluggesellschaft, als sie vor wenigen Wochen ankündigte, fortan Leiharbeiter an Bord einiger Maschinen einzusetzen. Rund 200 Stewardessen und Stewards sollen über einen Personaldienstleister für den Standort Berlin rekrutiert werden.
Nur so könne man nach der Eröffnung des neuen Großflughafens mit den vielen Billiganbietern konkurrieren, sagte ein Lufthansa-Sprecher. Die Ausbildung laufe "eins zu eins nach Lufthansa-Vorgaben", auch das Einstiegsgehalt sei "exakt das gleiche". Allerdings sollen die Leiharbeiter länger arbeiten als ihre Kollegen von der Lufthansa und auf die im Lufthansa-Tarif vorgesehenen automatischen Gehaltserhöhungen verzichten.
Nach Ansicht der Gewerkschaften ist dieser Vorstoß nicht rechtens, weil eine Klausel im Tarifvertrag die Airline verpflichte, auf neuen Strecken in Deutschland nur Stammpersonal einzusetzen. Verdi und die Flugbegleiterorganisation UFO lassen den Einsatz von Leiharbeitern an Bord derzeit juristisch überprüfen.
Mit der Uniform im Supermarkt nach vorn
Alina Tänzer, 21, wird später dreimal so viel verdienen wie ihre Mitschüler. Sie steckt mitten in ihrer Pilotenausbildung, am Lehrgang für Flugbegleiter nimmt sie nur teil, um eine einjährige Wartezeit innerhalb ihres Trainings zu überbrücken. "Der Wechsel vom Cockpit in die Kabine ist eine totale Umstellung, weil man es gewöhnt ist, Führungspersönlichkeit zu sein und sich durchzusetzen", sagt sie.
Für die spätere Zusammenarbeit sei es sehr sinnvoll, in der Kabine zu fliegen. Hier müsse sie sich in eine große Gruppe eingliedern, kein Problem, alle seien sehr nett und freundlich zu ihr. Ihr Flugbegleiterkurs hat gerade erst begonnen, die Teilnehmer sind seit einer Woche im Trainingscenter und lernen, wie sie Sitzgurte öffnen und schließen, die Notausgänge anzeigen, Warnwesten anlegen und Atemmasken aufsetzen. "Man muss sich drauf einlassen", sagt Tänzer.
Alexander Braun wird schon in einer Woche in 10.000 Metern Höhe das erste Mal richtige Fluggäste bedienen. In der Uniform fühle er sich wie ein komplett anderer Mensch. "Die Außenwelt betrachtet mich jetzt als Respektperson", sagt er. "Die Leute sind viel netter, die lassen mich jetzt sogar manchmal an der Supermarktkasse vor."
Sein erster Flug geht nach Caracas. So weit, sagt er, sei er noch nie gekommen.
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