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Fluglotsen-Ausbildung Bombendrohung auf dem Stundenplan

Fluglotsen: Kontrolle mit Kugelschreiber und Headset Fotos
Verena Töpper

Die Eignungsprüfung zum Fluglotsen ist ein absoluter Härtetest, 95 Prozent der Bewerber scheitern schon in der ersten Runde. Josephine Partzsch hat bestanden, jetzt winkt ihr ein stressiger Job mit sattem Salär. Vorher allerdings muss sie noch eine echte Herausforderung bewältigen.

Josephine Partzsch, 25, hat sich auf den Terroranschlag vorbereitet. Als der Pilot in den Kopfhörer schreit, dass er eine Bombe an Bord hat, räumt sie sofort den Himmel frei. Dieses Flugzeug muss nach Osten ausweichen, das andere nach Süden. Halt, nicht so hoch, da fliegt doch schon der Jumbo.

Partzsch ist angehende Fluglotsin. Eineinhalb Jahre lang wohnt sie auf dem Campus der Deutschen Flugsicherung in Langen, 17 Kilometer vom Frankfurter Flughafen entfernt. Sie lernt, wie hoch sich Gewitterwolken türmen und wie steil ein Airbus 340 starten kann, sie paukt Dutzende Funkfrequenzen und Hunderte Abkürzungen. An diesem Tag übt sie, wie man Piloten davon abhält, in Wirbelstürme zu fliegen und mit anderen Flugzeugen zu kollidieren. Der plötzliche Bombenalarm ist Teil des Unterrichts.

"Lufthansa 732 Tango, proceed direct Mambu", sagt sie ins Mikro. Die drei, "three", spricht sie aus wie "tree". Im Kontrollzentrum gibt es kein "th". Ein Lotse könnte es falsch aussprechen, ein Pilot missverstehen. Und Zeit für Nachfragen gibt es nicht.



Auf dem schwarzen Bildschirm dreht der kleine gelbe Punkt, der Flieger DLH732T, ab Richtung Würzburg. Da, ganz weit oben in der Luft, liegt Mambu. Einer von Tausenden Punkten im Himmel über Deutschland, die zur Orientierung fünf Buchstaben bekommen haben. Der Weg für den Jumbo mit der Bombe an Bord ist jetzt frei. Sollte die Maschine explodieren, würde sie keine andere zum Absturz bringen. Josephine hat die Aufgabe bestanden.

Arbeitsplatz ohne Fenster

Fluglotsen haben die Wahl zwischen zwei Arbeitsplätzen - Tower oder Kontrollzentrale. Der eine ist umgeben von großen Panoramafenstern, zur Ausrüstung gehören Lichtkanone und Fernglas. Der andere ist in einem Raum ohne Fenster, man kann nicht sagen, ob es draußen hell oder dunkel, kalt oder heiß ist. Zwischen der blinkenden Kennung auf dem Monitor und dem dazu passenden Flugzeug liegen oft Hunderte Kilometer.

Josephine Partzsch hat sich für den Arbeitsplatz ohne Fenster entschieden. Wenn sie mit der Ausbildung fertig ist, wird sie von der Kontrollzentrale in Karlsruhe aus den Oberen Luftraum über München überwachen: "Die Arbeit als Centerlotse ist kreativer." Sie könne die Höhe, Route und Geschwindigkeit der Flugzeuge beeinflussen, ein Lotse im Tower dagegen nur die Start- und Landebahnen freigeben. "Die Tower-Lotsen sehen das bestimmt anders, aber ich würde nicht tauschen wollen", sagt sie und lacht.

Die Deutsche Flugsicherung beschäftigt rund 2000 Fluglotsen. Es ist ein schwieriger Job mit viel Verantwortung, der schnelle Reaktionen und höchste Konzentration erfordert, denn Fehler können tödlich enden. Es ist aber auch ein höchst lukrativer Beruf mit ungewöhnlich guten Arbeitsbedingungen - ein Durchschnittsgehalt von rund 100.000 Euro jährlich macht die Deutschen zu Spitzenverdienern weltweit. Trotzdem drohten die Fluglotsen in den letzten Monaten mehrfach an, per Streik noch bessere Bedingungen zu erzwingen.

Jeder Lotse, egal ob im Kontrollraum oder im Tower, ist zusammen mit einem Kollegen für ein kleines Stück Himmel zuständig, einen sogenannten Sektor. Die Sektoren hängen aneinander wie Puzzlestücke. Es gibt zwei Puzzle - das eine reicht bis in eine Höhe von 24.500 Fuß (7500 Meter), das andere liegt darüber.

7100 Euro Gehalt pro Monat - plus Zuschläge

Ein Fluglotse muss für jedes Puzzlestück, das er überwachen will, eine Prüfung bestehen. "Wer für einen Sektor im Süden verantwortlich ist, kann nicht für einen Kollegen einspringen, der den Norden überwacht", sagt Partzsch. Die Sektoren seien unterschiedlich schwer zu kontrollieren, je nachdem, wie viele Flugzeuge sie pro Stunde durchqueren und ob diese starten, landen oder nur geradeaussteuern.

Mit der Verantwortung steigt bei Fluglotsen auch das Gehalt. Zum Start gibt es 803 Euro im Monat. Wenn Partzsch im zweiten Lehrjahr nicht mehr im Simulator, sondern im Kontrollraum sitzt, erhöht sich ihr Gehalt als Auszubildende auf 2900 Euro. Nach drei Lehrjahren wird sie schon 5100 Euro pro Monat verdienen, später können es bis zu 7100 Euro werden, plus Zuschläge für die Arbeit in der Nacht und an Feiertagen.

"Ich hatte eigentlich gar nicht vor, Fluglotsin zu werden", sagt Partzsch. Auf die Idee habe sie erst eine Dozentin der Uni Dresden gebracht, dort studierte sie Kommunikationswissenschaften. Fluglotse fiel als Beispiel für einen Männerberuf. Die Dozentin brachte einen Test mit, den die britische Flugsicherung entwickelt hatte, um das räumliche Vorstellungsvermögen zu testen. In Frage für den Job komme jeder, der mindestens 80 Prozent der Aufgaben lösen könne, hieß es. Und Josephine Partzsch löste alle.

"Entweder man hat das Fluglotsen-Gen oder nicht"

"Als ich dann gelesen habe, was man als Fluglotse verdienen kann, hab ich mich beworben", sagt sie. Jedes Jahr versuchen 5000 junge Leute, bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) einen der 150 Ausbildungsplätze zum Fluglotsen zu ergattern. Die Altersgrenze liegt bei 24 Jahren.

Zunächst sind nur Lebenslauf und Abiturzeugnis gefragt, dann müssen 100 Fragen beantwortet werden: Hast du immer deine Hausaufgaben gemacht? Wie gut kannst du mit Problemen umgehen? Wer hier flunkert, dürfte spätestens in der dritten Runde beim Gespräch mit dem Psychologen scheitern.

Insgesamt fünf Tage dauert der Bewerbungsmarathon in Hamburg. Und nur jeder 20. schafft den ersten Eignungstest: Flugzeuge navigieren, Symbole erinnern, Zahlen addieren. "Besonders fies war ein Test direkt nach dem Mittagessen", sagt Partzsch. "Wir saßen in einem dunklen Raum, vor uns leuchteten Lämpchen, über einen Kopfhörer bekam man Buchstaben vorgelesen und bei bestimmten Kombinationen musste man Knöpfe drücken. Der neben mir ist einfach eingeschlafen."

Die harten Prüfungen führen auch dazu, dass es trotz der vielen Bewerber an Nachwuchs fehlt. Die Hürden senken will die Deutsche Flugsicherung nicht. Wer bei einem der Tests versagt, muss nach Hause fahren, ein zweites Mal bewerben darf man sich nicht. "Entweder man hat das Fluglotsen-Gen oder nicht", sagt DFS-Sprecherin Ute Otterbein. Räumliches Vorstellungsvermögen könne man nicht lernen, es habe keinen Sinn, es noch einmal zu probieren.

Josephine Partzsch hat für die Ausbildung ihr Studium abgebrochen, drei Monate vor dem Bachelor. Als Fluglotsin bekommt sie einen unbefristeten Arbeitsvertrag, doch die Karriere kann schnell enden. Wer etwa an Diabetes erkrankt, gilt sofort als arbeitsunfähig. "Das Risiko, dass ein Lotse plötzlich vom Stuhl fällt und in der Luft die Flugzeuge kollidieren, ist einfach zu hoch", so Otterbein.

Im Alter von 55 Jahren ist für alle Fluglotsen Schluss, wenn sie wollen, auch schon mit 52 Jahren. Wer sich zu fit für die Rente fühlt, darf trotzdem noch weiterarbeiten - und mit den Azubis Terroranschläge üben.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. Decent Mambu?
polecat42 28.11.2011
Was soll das denn bedeuten? Es gibt "descend", das betrifft aber eine neue Flughöhe, aber doch keinen Fix...? "Direct Mambu" würde andererseits Sinn ergeben, zumindest AFAIK...
2. gut
pwbaumann 28.11.2011
Zitat von polecat42Was soll das denn bedeuten? Es gibt "descend", das betrifft aber eine neue Flughöhe, aber doch keinen Fix...? "Direct Mambu" würde andererseits Sinn ergeben, zumindest AFAIK...
entweder wurde dieser fehler bereits behoben, oder ich finde ihn nicht. insgesamt ein erstaunlich gut geschriebener artikel, für den spon in letzter zeit schon aussergewöhnlich! man hätte sich solch einen artikel vor oder während der tarifauseinandersetzung in diesem jahr gewünscht, dann wären die neiddiskussionen wohl etwas anders ausgefallen.
3. .
Hans58 28.11.2011
Zitat von polecat42Was soll das denn bedeuten? Es gibt "descend", das betrifft aber eine neue Flughöhe, aber doch keinen Fix...? "Direct Mambu" würde andererseits Sinn ergeben, zumindest AFAIK...
Im Artikel steht "Lufthansa 732 Tango, proceed direct Mambu" Von "descend" steht da nix. Und die ATC-Anweisung "direct" bedeutet im Regelfall, dass man Intersections einer Route nicht der Reihe nach abfliegen muss, sondern eine Abkürzung fliegen darf oder . MAMBU liegt bei Wiesenfeld (Lohr/Main)(R171-35.9 DME FUL, R331-19.4 NM WUR; Koord.: N 50 00 00 E 009 42 15). Er wird nur für besondere Fälle genutzt, gehört also nicht direkt zu einer Luftstraße.
4. ...
metbaer 28.11.2011
Mit Sicherheit ein toller und spannender Job. Hätte mich durchaus auch interessiert, hab aber leider doch schnell gemerkt, dass ich das Fluglotsen-Gen nicht besitze. :( Naja, gibt schlimmeres ;)
5. Korrektur
polecat42 29.11.2011
in der Tat stand, wie ich es geschrieben habe, in der urspünglichen Fassung "decent Mambu" (in genau dieser Schreibweise). Anscheinend wurde dies "heimlich" korrigiert; ich hätte es fair gefunden, zumindest am Ende des Artikels auf die Korrektur hinzuweisen.
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