Von Peter Ilg
Wenn der Computer beim Schreiben einer E-Mail abstürzt, ist das ärgerlich, kostet aber höchstens mehr Zeit. Wenn die Software einer Infusionspumpe im Krankenhaus versagt, kann das Leben kosten. Christian Mauro, 32, weiß das. Der Informatiker entwickelt Software für Infusionspumpen beim Medizintechnikhersteller B. Braun in Melsungen.
Mauro hat an der TU München Informatik studiert. Schon während des Studiums interessierte er sich für Medizintechnik. In Vorlesungen hörte er von bildgebenden Untersuchungsverfahren wie etwa Computertomografie und von der elektronischen Gesundheitskarte. "Während des Studiums entwickelte sich die Medizintechnik für mich zum spannendsten Anwendungsgebiet der Informatik", sagt er. Also promovierte er in Medizininformatik, seit Oktober 2011 ist er bei B. Braun.
Mit ihm arbeiten dort etwa 150 Informatiker. Zwei Drittel von ihnen haben klassische IT-Aufgaben und sorgen für einen möglichst reibungslosen Betrieb der Elektronik. Die anderen 50 entwickeln die Produkte. "Wir brauchen immer mehr Informatiker in der Produktentwicklung, weil der Software-Anteil in den Geräten steigt", sagt Personalchef Jürgen Sauerwald.
Jedes dritte Stellenangebot von Bosch hat IT-Bezug
Gleichzeitig unterliegt die Software in medizinischen Geräten hohen Sicherheitsanforderungen. "Deshalb verwenden wir zwei Prozessoren, die sich gegenseitig kontrollieren", sagt Mauro. Sollte einer der beiden nicht richtig funktionieren, warnt ein Sicherheitssystem das Krankenhauspersonal.
Und nicht nur in der Medizintechnik werden immer mehr Informatiker gebraucht, auch bei der Herstellung von Autos, Waschmaschinen, im Maschinenbau oder in der Logistik nimmt der Bedarf an IT-Spezialisten zu. Bei Bosch hat inzwischen jedes dritte Stellenangebot einen Bezug zur Informatik. Damit hat sich die Industrie zu einem Arbeitsumfeld entwickelt, das für Informatiker ebenso bedeutend ist, wie die Unternehmen der IT-Branche selbst.
"Die meisten unserer Absolventen gehen in die Industrie", beobachtet auch Ulrich Klauck, Studiendekan im Fachbereich Informatik an der Hochschule Aalen. Probleme, irgendwo unterzukommen, hätten die Absolventen nicht: "Jeder findet leicht einen Job", sagt er. Tatsächlich können sich Informatiker zumeist ihren Arbeitsplatz aussuchen. So ging es auch Michael Freisinger: Der 25-Jährige hatte sich gegen Ende seines Informatikstudiums an der Hochschule Nürnberg bei sechs Unternehmen beworben und erhielt direkt mehrere Zusagen.
Nur die Hälfte schafft den Abschluss
Der IT-Verband Bitkom in Berlin hat im vergangenen Herbst Unternehmen dazu befragt. Diese meldeten 43.000 offene Stellen für IT-Fachkräfte. Und auch in der IT-Branche selbst sind 2012 rund 10.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Tausende weitere neue Jobs sollen in diesem Jahr dazukommen.
Kein Wunder, dass so viele Studenten wie noch nie derzeit in Informatik eingeschrieben sind, fast 51.000 waren es 2012 deutschlandweit. Dieser Rekord hat aber auch eine Schattenseite: Nur jeder zweite Studienanfänger schafft einen Abschluss. "Viele wissen nicht wirklich, was auf sie zukommt. Sie beginnen ihr Studium mit falschen Vorstellungen", sagt Ulrich Klauck. So mancher scheitere an der Mathematik und dem notwendigen Abstraktionsvermögen.
Und gute Berufsaussichten hat nur, wer bis zum Ende durchhält: "Wir werden in diesem Geschäftsjahr rund tausend Mitarbeiter einstellen, von denen die allermeisten Informatiker sein sollen", sagt Simone Wamsteker, Leiterin Recruiting in der Deutschland-Zentrale von Accenture in Kronberg im Taunus. Der international tätige IT-Dienstleister bemerkt trotz hoher Studentenzahlen noch immer einen Mangel an Informatikern in Deutschland: "Leider haben in den vergangenen Jahren die Absolventenzahlen der Informatik nicht im gleichen Maß zugenommen, wie sich die Nachfrage nach Fachkräften in der Wirtschaft entwickelt hat", sagt Wamsteker.
Arbeitsmarktexperten halten dem entgegen: Spezialisten sind immer Mangelware.
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