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Ingenieurmangel Mit Karacho in den Schweinezyklus

Ingenieurgehälter: Top 5 und Flop 5 nach Branchen Fotos
DPA

Hilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände, Arbeitgeber, der Wirtschaftsminister dramatisieren den Technikermangel. Nach dem Daueralarm füllen sich nun die Unis mit Ingenieurstudenten - doch für viele ist das eine Falle.

Wenn Achim Gocht vom "Ingenieurmangel" hört, muss er lachen, doch es klingt bitter. Der Datenverarbeitungstechniker hat seine Ingenieurausbildung in der DDR gemacht und sich nach der Wende zum Controller und Multimediafachmann weiterbilden lassen. Eine hoch qualifizierte Fachkraft also.

Dennoch ist Gocht arbeitslos. Wie viele Bewerbungen er geschrieben hat? Schwer zu überblicken. Allein 83 schickte er in den Großraum München. Woran es hapert, ist ebenso schwer auszumachen - Absagen müssen ja nicht begründet werden. Gocht ist 57, das wird eine Rolle spielen. Und ist man nur lange genug arbeitslos, wirkt die Kombination aus langer Arbeitspause und guter Qualifikation verdächtig. Aus dieser Falle kommt man kaum noch raus. Für Gocht ist die Sache gelaufen: "Ich habe aufgegeben."

Wie Achim Gocht sind 20.400 Ingenieure arbeitslos gemeldet, einerseits. Andererseits klagen deutsche Unternehmen seit Jahren, es gebe zu wenige qualifizierte Fachkräfte. Wie passt das nur zusammen?

Ingenieure sollen Deutschlands Exportmaschinerie am Laufen halten. Den Mangel an Technikern beklagen Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände seit Jahren so ausdauernd, dass er Allgemeingut geworden ist: Ohne Ingenieure kein Wachstum.

"Karohemd und Samenstau"

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Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) verkündete kürzlich einen historischen Höchststand der Ingenieurslücke im Juni 2011. "Mindestens 76.400 Stellen können derzeit in Deutschland nicht besetzt werden", so Vereinsdirektor Willi Fuchs.

Wirklich ein Schlüsselproblem der Wirtschaft?

Auch Rainer Brüderle (FDP), bis vor kurzem Wirtschaftsminister, trommelt für den Berufsstand und warnt: Der Mangel an Fachkräften werde zum "Schlüsselproblem". Die Botschaft kommt allmählich an: Die Studentenzahlen in den Ingenieurwissenschaften stiegen laut Statistischem Bundesamt im letzten Jahrzehnt um fast 100.000 auf rund 384.000.

Und doch gibt es Zweifel. Die Bundesregierung antwortete nur ausweichend auf eine parlamentarische Anfrage der Linken, ob sie das "Schlüsselproblem" konkret beziffern könne: Es könnten "nur begrenzt Aussagen dahingehend getroffen werden, welche Fachkräftebedarfe nach Branchen, Regionen und Qualifikationen zu einem bestimmten Zeitpunkt unternehmensgrößenspezifisch in Deutschland vorliegen". Oder kurz: Irgendwo kneift's immer - wir wissen's doch auch nicht genauer.

Wiederholt ist in der Antwort nur von "Lücken" zwischen Arbeitskräftenachfrage und -angebot die Rede, nicht von einem allgemeinen Fachkräftemangel. Das ist nicht dasselbe. Wer einen hochspezialisierten Ingenieur sucht, etwa einen Raumfahrttechniker, stößt leicht auf eine Lücke - in diesem Bereich gibt es nur wenige Absolventen. Für die große Masse der Maschinenbauer gilt das nicht.

Mehr Absolventen als freie Stellen

Bereits im November erregte eine Studie aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Aufsehen. Der Fachkräftemangel sei in der Dimension, wie er von der Wirtschaft dargestellt werde, ein Trugbild.

Der Autor, DIW-Referent Karl Brenke, gestand zwar zu, dass es in einzelnen Regionen und bestimmten Branchen zu Engpässen komme. Doch gerade im Maschinenbau - beliebtes Studienfach und zugleich Klassiker der deutschen Exportwirtschaft - gebe es keinen Grund zur Sorge. Pro Jahr würden in der Wirtschaft nur 9000 Stellen für Maschinenbauer frei, während die Universitäten 22.000 Absolventen ausspuckten.

Brenke befürchtet, man heize mit den Alarmmeldungen den "Schweinezyklus" an, die gefürchteten und regelmäßigen Übertreibungen bei Angebot und Nachfrage nach Absolventen. Auch die aktuellen VDI-Zahlen kritisiert er als wenig verlässlich: "Die Debatte um einen angeblichen Ingenieurmangel wird von schlechter Quelle gespeist."

Der Horrorwert von 76.400 fehlenden Ingenieuren stützt sich auf Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zur Fachkräfte-Altersstruktur in den Unternehmen, die zudem befragt werden, ob sie demnächst neue Leute einstellen wollen. In die Berechnung fließen die offenen Ingenieurstellen ein, die der Bundesagentur für Arbeit (BA) vorliegen. Am Ende wird die Zahl der arbeitslos gemeldeten Ingenieure abgezogen - doch zuvor kommt ein Schritt, der sich dramatisch auf die Ergebnisse auswirkt.

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1. Nichts neues
Tall Sucker, 06.09.2011
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
Der Bericht enthält nichts neues. Schon vor einem Jahr warnte die FTD, dass ein Studienanfänger der Ingenieurswissenschaft "ebensogut Sozialpädagogik" studieren könne.
2. Viele Ingenieure sind arbeitslos
JohnBlank, 06.09.2011
Das passt nicht zusammen. Es gibt tausende arbeitslose Ingenieure in Deutschland. Es kann keinen Mangel geben. Sicher, der eine oder andere ist älter, und alte Menschen sind nicht auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Warum auch immer?! Wer günstige Arbeitskräfte will, der wird von einem Mangel erzählen, Kräfte aus dem Ausland holen wollen, und so Preise drücken.
3. Der VDI lügt
Narn 06.09.2011
So einfach ist das. Fachkräftemangel, so ein Quatsch. Es gibt nur Gier. Eine Gier nach **billigen** Fachkräften. Gäbe es einen Mangel würden ja, wie im Artikel auch steht, die Gehälter steigen und nicht seit Jahren vor sich hindümpeln (und das betrifft ja nun nicht nur Ings). Schweinezyklusgefahr seh ich aber trotzdem nicht. Wenn in normalen Jahren 50% der Ing-Studenten aufgeben, dann werden es jetzt protzentual mehr werden, weil ncoh viel mehr Studienanfänger den Anforderungen nicht gewachsen sind und nur auf Ing studieren weil halt grad das Geschrei groß ist.
4. Sorry, aber
Resident.Rhodan, 06.09.2011
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
dafür gibt's das Ausland. Wer will auch freiwillig hier bleiben...
5. 20 000 Euro weniger wollten
derosa, 06.09.2011
Zitat von sysopHilfe, Deutschland braucht mehr Ingenieure! Berufsverbände und Arbeitgeber, auch der Wirtschaftsminister: Sie alle dramatisieren den Technikermangel. Der Daueralarm zeigt Wirkung. Die Unis füllen sich - mit Ingenieur-Studenten, die in eine Falle laufen und später nicht alle gebraucht werden. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,784325,00.html
sie bezahlen im Vergleich zu meinem vorherigen Arbeitgeber. Die Personaltante ist fast vom Stuhl gefallen und hat noch Luft geschnappt, als ich mein bisheriges Gehalt nannte. Laßt es, mit dem Ingenieurdasein, es ist hartes Brot, viel Verantwortung, wenig Gehalt. Werdet Banker, der Staat hält euch stets über Wasser und zahlt prächtig, weil Systemrelevant.
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Außerdem wurde angekündigt, ausländische Berufsabschlüsse schneller und unbürokratischer anzuerkennen als bisher - auch als Willkommenssignal. Gabriele Sons von Gesamtmetall plädierte dafür, die Gehaltsgrenze für die uneingeschränkte Anwerbung qualifizierter Ausländer zu senken: von derzeit 66.000 auf rund 40.000 Euro im Jahr. Den Vorschlag unterstützt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen und die FDP-Fraktion im Bundestag. Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) kritisiert den Status quo: Es könne nicht sein, "dass ein Zuwanderer mehr verdienen muss als ein Hochschulprofessor, um eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen".
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