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08. Mai 2012, 11:08 Uhr

IT-Fachkräfte

Mangelware Nerd

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Ja, wo stecken sie denn? Computerexperten sind in Deutschland eine seltene Spezies. Auch Finanzkrise und Rezession haben an diesem Fachkräftemangel nichts geändert. So kommt es, dass selbst Quereinsteiger auf dem IT-Jobmarkt gute Chancen haben. Ein Überblick.

Sieben Jahre in der Personalbranche waren für Niklas Clemens genug. Der hohe Leistungsdruck, die vergleichsweise schlechte Bezahlung, die Hire-and-Fire-Mentalität in der Branche: "Den Job wollte ich keine 30 Jahre mehr machen."

2010 schult der damals 37-Jährige um, er wird SAP-Berater. Bei einem Einsteiger-Lehrgang hatte er festgestellt, dass er sich gut in das Programm hineindenken konnte. Geschäftsprozesse zu analysieren und abzubilden - das Grundprinzip der Unternehmenssoftware SAP - gehörte für ihn als Personalberater ohnehin zur täglichen Arbeit. Auch der direkte Kundenkontakt, der Clemens sehr wichtig ist, war für den neuen Job unverzichtbar. Als SAP-Berater, sagt er, habe er seine Berufung gefunden. Außerdem stimme das Gehalt: Als Angestellter bei einer mittelständischen IT-Beratung verdient er jährlich einen fünfstelligen Betrag mehr als früher.

Obwohl Clemens, wie er selbst sagt, den "Makel des Umschülers" trägt, ist er mit seinem Profil auf dem Arbeitsmarkt derzeit heiß begehrt. SAP-Berater gehören laut einer Umfrage des Branchenverbands Bitkom bei Anwenderunternehmen zu den meistumworbenen IT-Spezialisten. Vor ihnen rangieren lediglich IT-Administratoren, die für den reibungslosen Betrieb von Hard- und Software sorgen.

Profiteure von Krisen

Daran wird sich so schnell nichts ändern. "Seit 2009, als die IT-Branche die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen hat, wächst die Zahl der gesuchten Fachkräfte wieder kontinuierlich", sagt Stephan Pfisterer, Arbeitsmarktexperte des Verbands Bitkom. "Viele Unternehmen haben große Probleme, IT-Spezialisten zu finden." Wie in jedem Jahr ermittelte der Verband, der die IT- und Telekommunikationsbranche (ITK) vertritt, im vergangenen Herbst die Zahl der fehlenden IT-Fachkräfte. Das Ergebnis: 38.000 Stellen sind derzeit unbesetzt, das sind 10.000 mehr als noch ein Jahr zuvor.

Die weltweite Krise traf den IT-Sektor vergleichsweise milde: "Natürlich mussten wir Entlassungen verkraften, aber trotz eines dramatisch schlechten Umfelds hatten wir auf dem Tiefpunkt 2009 immer noch 20.000 offene Stellen", sagt Pfisterer. "Das war auch für uns eine Überraschung." Der Bitkom-Experte erklärt die Krisenresistenz der Branche damit, dass besonders in schlechten Zeiten neue IT-Systeme von Unternehmen eingeführt werden, um Kosten zu sparen.

Arbeitslosenquote von zwei Prozent

Für die insgesamt positive Entwicklung sorgen aber vor allem Verschiebungen innerhalb der Branche: Während in der Telekommunikation zunehmend Arbeitsplätze gestrichen werden, entstehen im IT-Sektor immer mehr Jobs. In den vergangenen fünf Jahren verringerte sich die Zahl der Arbeitsplätze in der Telekommunikationsbranche um 46.000 auf 222.000 Jobs. Im Gegensatz dazu ist der IT-Bereich um 74.000 Arbeitsplätze auf 625.000 gewachsen, die Arbeitslosenquote liegt hier derzeit bei lediglich zwei Prozent.

Allein in den Bereichen Software und IT-Services sind mehr als 70 Prozent aller Jobs in der ITK-Branche angesiedelt, Tendenz steigend. "Wir sind inzwischen fast eine reine Servicebranche geworden", sagt Pfisterer. Ein Ende dieses Trends sei nicht in Sicht: "Die Themen Cloud Computing, IT-Sicherheit und Social Media werden weiterhin an Bedeutung gewinnen."

Sehr gute Jahresgehälter, Freelancer aus Überzeugung

Die steigende Nachfrage nach IT-Experten wirkt sich auch auf deren Verdienstmöglichkeiten aus. Einer Untersuchung der Personalberatung Kienbaum zufolge stiegen die Gehälter von Fach- und Führungskräften im vergangenen Jahr um 4,5 Prozent. Auch mit den Durchschnittsgehältern zeigt sich Pfisterer zufrieden: "Mit einem Bruttojahresgehalt von rund 60.000 Euro stehen ITK-Beschäftigte im Industrievergleich gut da." Selbst bei Energieversorgern oder im Fahrzeugbau, die gemeinhin als sehr gut bezahlte Branchen gelten, verdiene man weniger.

Doch ein vergleichsweise gutes Gehalt reicht vielen IT-Profis nicht aus. Immer mehr von ihnen tauschen die Sicherheit des Angestelltendaseins gegen die Ungebundenheit eines Freiberuflers ein. Pfisterer schätzt, dass es in Deutschland bis zu 80.000 Freelancer gibt. Ihre Zahl steige kontinuierlich, im Vergleich zu angestellten IT-Spezialisten jedoch nicht überproportional. "Die meisten Freelancer arbeiten freiberuflich, weil sie die Freiheiten schätzen, die sie als ihr eigener Chef haben - nicht, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt", so Pfisterer. Das habe unter anderem die Internetblase 2002/2003 bewiesen: "Damals ist die Zahl der Arbeitslosen in der IT-Branche stark gestiegen, nicht aber die Zahl der Freiberufler. Das zeigt, dass Freelancing kein Krisenphänomen ist".

Entwickler im Schnitt 44 Jahre alt

Dennoch würden viele Freelancer zunächst in einer Festanstellung arbeiten und sich erst selbständig machen, wenn sie genügend Berufserfahrung und Kontakte in der Branche gesammelt haben, sagt Susanne Schödl, Sprecherin des Portals Gulp, das Projekte für IT-Freiberufler vermittelt. Der Zeitpunkt dafür sei günstig: Gulp hatte 2011 nach eigenen Angaben mit knapp 160.000 so viele Projektanfragen von Unternehmen wie noch nie; der gezahlte Stundensatz liege mit 72 Euro ebenfalls auf Rekordniveau. Besonders gefragt seien Software-Entwickler. Deren Durchschnittsalter ist erstaunlich hoch: Einer Gulp-Auswertung zufolge sind sie 44 Jahre alt und verfügen über 20 Jahre Berufserfahrung.

Auch wenn das für SAP-Berater Clemens im Moment keine Option ist, schließt er nicht aus, sich irgendwann selbständig zu machen. Damit hätte er auf dem Freelancer-Markt gute Chancen: "Ein Fünftel unserer Projektanfragen richten sich an SAP-Spezialisten", so Schödl. Doch auch Arbeitgeber umwerben den 37-Jährigen: Über Karrierenetzwerke wie Xing oder LinkedIn bekomme er im Schnitt zwei Stellenangebote pro Woche. "Für mich hat sich der Quereinstieg in jeder Hinsicht gelohnt."

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