ThemaJobdoppelRSS

Alle Kolumnen


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Jobdoppel Die Hebamme und die Sterbebegleiterin

2. Teil: Ramona Bruhn: "Ich weiß, dass der Mensch, den ich begleite, sterben wird"

Ramona Bruhn, 31, ist Koordinatorin im Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard in Hamburg Zur Großansicht

Ramona Bruhn, 31, ist Koordinatorin im Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard in Hamburg

"Ursprünglich wollte ich Logopädin werden, aber da ich nach dem Abitur an keiner staatlichen Schule angenommen wurde, habe ich mich erst einmal für eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester entschieden.

Während meines dritten Ausbildungsjahres habe ich dann auf der Onkologie einen 17-Jährigen kennengelernt, der unheilbar krank war. Er wollte mit niemandem mehr reden, nur mit mir und einer Kollegin hat er noch gesprochen. Dann war mein Einsatz auf der Station beendet, ich sollte auf eine andere wechseln. Ich kann doch jetzt nicht weg, habe ich gedacht.

In freien Zeiten und nach Dienstschluss bin ich dann weiter zu ihm. Und als er zum Sterben aus der Klinik entlassen wurde, habe ich ihn zu Hause besucht. Ich war auch bei seiner Beerdigung. Das war wichtig für mich, um einen Abschluss zu finden.

Die Menschen geben mir so viel zurück

Seit der Begegnung mit diesem 17-Jährigen ist Abschied zu einem zentralen Thema für mich geworden, und so habe ich schließlich vor knapp zehn Jahren auch meinen Einstieg in die Hospizarbeit gefunden. Ich weiß nicht, wie viele sterbende Menschen und wie viele Familien ich bisher in dieser Zeit begleitet habe, aber ich denke, es werden mehr als tausend sein.

Ich versuche zu erfassen, was für sie oder ihn Lebensqualität bedeutet, um den Menschen dann das zu geben, was sie in diesem Moment brauchen. Das kann Zeit zum Zuhören sein, schlicht da zu sein, aber auch die Organisation eines Konzertbesuches oder die Begleitung zu einem Borussia-Dortmund-Spiel. Die Freude und Dankbarkeit zu sehen, das macht mich glücklich. Es ist ein wunderbarer Beruf - in den ich hineingewachsen bin und in dem ich von den Menschen, die ich begleitet habe, bisher viel lernen durfte.

Nach meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester habe ich eine ehrenamtliche Schulung zur Hospizmitarbeiterin gemacht und mich dann auf eine Teilzeitstelle in einem stationären Hospiz beworben, damit habe ich mein Studium finanziert: Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung. Ich hatte damals immer noch den Wunsch, Sprachtherapeutin zu werden. Das hat sich erst mit der Arbeit im Hospiz verändert.

Mehr als sieben Jahre habe ich dort gearbeitet, und ich empfinde es als sehr großes Geschenk, dass so viele Menschen mich haben Anteil nehmen lassen an ihrem Leben, an ihrer jeweils eigenen, ganz einzigartigen Lebensgeschichte. Die Menschen geben einem so viel zurück. Zwei demenzkranke Damen haben mir zum Beispiel Walzertanzen beigebracht!

"Ein Mann hat ein Brötchen nach mit geworfen"

Natürlich gibt es auch schwierige Momente. Manche sind wütend auf ihr Schicksal, werden aggressiv. Einmal hat ein Mann ein Brötchen nach mir geworfen. Ich bin dann erst einmal gegangen und habe ihm etwas Zeit gelassen. Auch mit solchen Momenten musste ich umzugehen lernen. Es gibt Grenzen, die für jeden persönlich sehr unterschiedlich sein können. Aber nur weil jemand bald sterben wird, hat er nicht die Freiheit, alles mit mir zu machen.

Als klar war, dass ich in der Hospizarbeit bleiben möchte, habe ich nach meinem Diplom noch eine Weiterbildung zur Fachkraft Palliative Care und einen Master in Palliative Care in Wien angeschlossen. Seit Anfang 2010 bin ich nun beim Malteser Hospiz-Zentrum Bruder Gerhard in Hamburg. Ich koordiniere hier mit zwei Kolleginnen 120 ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, bilde Neue aus, leite Fortbildungen und Gesprächskreise und kümmere mich um den Aufbau eines ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes.

Wenn sich Angehörige von Sterbenden an uns wenden, besuche ich sie vor Ort, höre mir ihre Geschichte an, analysiere, was die Familie braucht. Manchen hilft jemand, der einfach nur zuhört oder ein paar Stunden auf das kranke Kind aufpasst. Andere brauchen zum Beispiel Unterstützung bei der Pflege. Dann leite ich die Betroffenen an die entsprechenden Stellen weiter oder organisiere einen direkten Kontakt. Der sterbende Mensch und die betroffenen Familien selbst wissen, was für sie richtig ist und was sie brauchen.

Ich habe viel Mitgefühl mit den Menschen, aber ich weine nicht. Ich weiß, dass der Mensch, den ich begleite, sterben wird. Dennoch sind es nicht meine Angehörigen oder Freunde. Wichtig ist für mich, dass ich etwas dazu beitragen kann, die Lebensqualität am Lebensende zu erhalten und zu fördern."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Jobdoppel
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Immer im Dienst: Doppelschicht und Doppellast
Verwandte Themen

Fotostrecke
Deutschlands höchster Arbeitsplatz: 2952 Meter über dem Meer
Fotostrecke
Deutschlands tiefster Arbeitsplatz: 1630 Meter unter dem Meer

Fotostrecke
Hebammen: Wenn der Job zu teuer wird


Social Networks