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Jobdoppel Die Hebamme und die Sterbebegleiterin

3. Teil: Katharina Schulz: "Bei der ersten Geburt war ich richtig zittrig"

Katharina Schulz, 27, ist Schülerin an Deutschlands größter Hebammenschule in Wuppertal Zur Großansicht

Katharina Schulz, 27, ist Schülerin an Deutschlands größter Hebammenschule in Wuppertal

"Hebamme ist mein Traumberuf. Ohne Praktikum hat man eigentlich keine Chance, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, deshalb habe ich nach dem Abitur bei einer freiberuflichen Hebamme ein zwölfmonatiges Praktikum gemacht.

In meinem Jahrgang gab es 1000 Bewerber auf 30 Stellen. Ich musste mich auch mehrmals bewerben. Weil es erst nicht geklappt hat, habe ich eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Das hat mir auch Spaß gemacht, aber ich will unbedingt als Hebamme arbeiten. Da ist immer der Bezug zu etwas Positivem, das gefällt mir.

Meine erste Geburt war sehr aufregend, ich war richtig zittrig. Von meiner Geburt zu reden, ist eigentlich nicht richtig, ich bin ja die Hebamme. Ich passe auf, dass bei der Geburt das Dammgewebe nicht reißt, der Fachbegriff dafür ist Dammschutz. Mit einer Hand stützt man das Gewebe, mit der anderen den Kopf des Kindes. Das dauert circa fünf Minuten, aber bei der ersten Geburt kam mir das vor wie eine Ewigkeit. Eine erfahrene Hebamme hat dabei ihre Hände auf meine gelegt. Wenn Kopf und Schultern des Babys erscheinen, muss jeder Griff sitzen.

In der Hebammenschule üben wir das an einem sogenannten 'Geburtshilflichen Phantom', dem Modell eines weiblichen Unterkörpers aus Holz und Stoff. So richtig lernen kann man das aber nur, wenn man dabei ist. Um zum Examen zugelassen zu werden, muss man 30 Dammschütze vorweisen, also 30 Frauen bei der Geburt betreuen.

Reich werden? Davon habe ich mich verabschiedet

Die Ausbildung zur Hebamme dauert drei Jahre. Ich bin jetzt im zweiten Lehrjahr, da heißt es: ran an die Frau. Einen Monat arbeite ich in der Klinik, einen Monat bin ich in der Schule. Da stehen dann Fächer wie Krankheitslehre, Gynäkologie und Kinderheilkunde auf dem Stundenplan.

Am Ende stehen drei praktische Prüfungen: die Schwangerenvorsorge, die Examensgeburt und das Wochenbettexamen. Da wird zum Beispiel das Stillen besprochen. Erst wenn man die drei praktischen und zwei theoretische Prüfungen bestanden hat, bekommt man die Berufserlaubnis.

Am liebsten würde ich mich später als Hebamme selbständig machen. Vielen sind die Streiks der freiberuflichen Hebammen noch in Erinnerung: Im vergangenen Jahr sind die Beiträge zur Berufshaftpflicht für Geburtshelferinnen um fast 60 Prozent gestiegen, auf 3700 Euro. Dabei verdient eine Hebamme kaum mehr als eine Krankenschwester. In diesem Beruf reich zu werden, davon habe ich mich schon verabschiedet.

Als Freiberufliche Hebamme betreut man Schwangere auf eine umfassende und individuelle Art. Im besten Fall lernt man die Frau in der Schwangerschaft kennen und begleitet sie bei der Geburt und bis zu acht Monate danach. Das so aufgebaute persönliche Verhältnis führt dazu, dass die Frauen einem ihre Sorgen oder Wünsche mitteilen und man gemeinsam nach guten Lösungen suchen kann. Die Hebamme ist häufig die erste Ansprechpartnerin in dieser Zeit und ihr wird mit viel Vertrauen begegnet.

Bodenkontakt beim Kaiserschnitt

Während der Geburt muss man die Frauen, ihre Partner und eventuell andere Begleitpersonen betreuen. Die Väter kann man gut anleiten, ihren Frauen etwas Gutes zu tun, zum Beispiel eine Kreuzbeinmassage. Dann fühlen sie sich auch nicht so hilflos. Manchmal muss man die Männer auch vor ihrer eigenen Sensationslust schützen. Ich habe schon erlebt, wie einer umgekippt ist.

Mir selbst ist das passiert, als ich das erste Mal bei einem Kaiserschnitt dabei war. Es war früh am Morgen, ich hatte nichts gegessen und nichts getrunken. Ich habe mich nicht gut gefühlt und der Hebamme gesagt, dass ich hinausgehen muss, aber das hat der Anästhesist mitbekommen und laut gerufen, ich solle mich sofort auf den Boden und die Beine hochlegen, und da lag ich dann. Das war schon blöd. Aber klar: Während eines Kaiserschnitts haben sie keine Zeit, sich um noch jemanden zu kümmern.

Man darf auch nicht vergessen, dass der Hebammenberuf in vielen Bereichen in die Privatsspähre der Frau eingreift. Die werdende Mutter befindet sich in einem besonderen Lebensabschnitt und wir kommen ihr in vielerlei Hinsicht sehr nahe. Angefangen bei ganz praktischen Dingen, wie zum Beispiel der vaginalen Untersuchung, bis hin zu den Wochenbettbesuchen nach der Geburt. Die Beziehung zwischen der Schwangeren, beziehungsweise der Mutter, und der Hebamme ist also sehr intim. Da muss man ein gesunden Verhältnis zwischen Nähe und professioneller Distanz aufbauen."

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