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Arbeitsmarkt Journalismus Wie macht man Karriere in Krisestan?

Filmszene aus "Die Unbestechlichen": Journalist war mal ein Traumberuf Zur Großansicht
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Filmszene aus "Die Unbestechlichen": Journalist war mal ein Traumberuf

Einst war "irgendwas mit Medien" der beliebteste Jobwunsch. Heute streichen Verlage Stellen oder wollen gleich ganz ohne Redakteure auskommen. Lohnt es sich da noch, Journalist zu werden?

Arbeitslosigkeit unter Journalisten? Mit 5,3 Prozent unterdurchschnittlich gering. Die Beschäftigungsentwicklung ist "generell positiv". Glaubt man der Bundesagentur für Arbeit, ist der einstige Traumberuf Journalist noch immer ein lohnendes Ziel für Berufseinsteiger.

Tatsächlich? Verfolgt man die Branchennachrichten, drängt sich ein völlig anderes Bild auf. Da werden Redaktionen massiv zusammengestrichen oder gleich komplett entlassen, selbst etablierte Marken verschwinden vom Markt oder - besonders bizarr - verzichten für ihre redaktionellen Produkte auf Redaktionen. Tausende Arbeitsplätze wurden so in den letzten Jahren vernichtet. Denen steht allerdings eine ebenfalls substanzielle Zahl neuer Tätigkeiten gegenüber, vor allem im nach wie vor wachsenden Digitalsektor.

"Aber das hält sich nicht die Waage", sagt Eva Werner vom Deutschen Journalistenverband DJV, einer der zwei Journalisten-Gewerkschaften im Lande. Werner glaubt, dass es mit den Festanstellungen bergab geht. "Wir gehen davon aus, dass seit 2012 unter dem Strich mindestens 1000 redaktionelle Stellen verloren gingen."

Ganz sicher kann man das gar nicht sagen. Die Bundesagentur für Arbeit zählt rund 217.000 Medienbeschäftigte, darunter 96.400 Redakteure, Journalisten und Öffentlichkeitsarbeiter in Festanstellung. Der DJV schätzt die Zahl der Journalisten dagegen nur auf "etwa 73.000", "einschließlich Fotojournalisten und denen in Pressestellen."

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Genug vom "Irgendwas mit Medien"-Job: Kaffee kochen statt Filme drehen
Rechne man die heraus, lande man wohl bei nur knapp unter 50.000 Menschen, die mit Journalismus im eigentlichen Sinn ihren Lebensunterhalt verdienen. 5194 davon waren im Oktober 2014 arbeitslos gemeldet, und 9737 arbeitssuchend. An solchen Zahlen ist dann nichts mehr "gering" oder "positiv".

Was also ist dieser journalistische Arbeitsmarkt: Zukunftsektor oder Auslaufmodell? Muss man seinen Weg nur gut wählen, wie manche Ausbildungsgänge suggerieren, um in Boomtown zu landen? Oder stranden sogar die Volontäre renommierter Medien und Absolventen großer Journalistenschulen in Krisestan?

Viele melden sich gar nicht arbeitslos

Ganz so einfach ist es wohl nicht. Zu den Besonderheiten des journalistischen Arbeitsmarktes gehört, dass er sowohl von Jobs in Festanstellung, als auch von Selbstständigkeit in freier Tätigkeit geprägt ist. Nicht nur das macht das Zählen schwer. Viele Freie arbeiten auch unterhalb einer Schwelle, mit der sich das tägliche Leben finanzieren ließe: Oft haben sie deshalb weitere, nicht journalistische Jobs.

Im statistischen Schnitt, hat der DJV per Befragung erhoben, verdienen freie Journalisten weniger als die Hälfte von dem, was tariflich bezahlte Festangestellte bekommen. Das erklärt, warum fast doppelt so viele Journalisten nach Arbeit suchen, wie arbeitslos gemeldet sind - da suchen oft prekär bezahlte oder aus dem festen Job gefallene Freie nach tariflichen Festanstellungen.

Gerade die Freien melden sich zudem oft erst gar nicht arbeitslos. Zum einen ist es für einen stellensuchenden Journalisten nicht gut, "unsichtbar" zu werden: Veröffentlichungen sind gemeinhin die beste Chance, eine Stelle zu finden. "Zudem haben viele die Erfahrung gemacht, dass die Arbeitsagentur die interessanten Stellen auch gar nicht zu vermitteln hat", sagt Eva Werner. Denn Medienunternehmen inserieren entweder direkt, oder sie rekrutieren im Kreis der ihnen bekannten Journalisten. So sind Praktika und Phasen als Freier meist der bessere Weg in Beruf und Anstellung.

Nicht ein Markt, sondern viele

Generell gilt: Im journalistischen Beruf wird tendenziell immer weniger Geld verdient. In kaum einem Berufsfeld sind aber auch Ausnahmen von der Regel so häufig wie im Journalismus. "Zeitung" kann in Deutschland bedeuten, für einen Artikel vergleichbarer Länge 40 Euro oder 1000 Euro zu bekommen - es kommt darauf an, wer da für wen und worüber schreibt.

Oder wo man hinwill: Der Onlinebereich zum Beispiel wächst rapide. Von 2005 bis 2012 stieg laut DJV die Zahl der dort beschäftigten Journalisten von 1500 auf 4000 bundesweit - besonders bemerkenswert, da die Zahlen in allen anderen Bereichen stagnieren oder sinken.

Auch für Einsteiger wachsen die Chancen, zumindest auf dem Papier. Die Zahl der Auszubildenen, im Journalismus Volontäre genannt, steigt von Jahr zu Jahr: 2012 waren es circa 3000. Vielleicht weil man mehr gut ausgebildete Journalisten braucht, wahrscheinlicher aber wegen der steigenden Nachfrage nach billigen Kräften - denn Volontäre sind preiswert, obwohl heute meist von ihnen verlangt wird, schon zu Ausbildungsbeginn so gut wie voll einsatzfähig zu sein.

Wo hat man noch Einstiegschancen?

Die beste Chance auf eine Karriere im Journalismus hat man, wenn man gut ist: Das klingt platt, ist aber so. Gute Arbeitsproben zählen im Zweifel mehr als ein Einser-Abschluss im Medienwissenschaftsstudium. Wer einen guten Mix aus handwerklichem Können und sprachlichem Talent mitbringt, hat nach wie vor gute Chancen.

Oder wer sich nicht auf die Metropolen und großen Namen festlegt, sondern den Lokaljournalismus als seine Berufung sieht. Hatten vor Kurzem noch selbst Dorfblätter die freie Auswahl aus begierigen Bewerbern, freut man sich zunehmend wieder über qualifizierte Interessenten. Hier hat das jahrelange Klagen über schlechte Berufsaussichten offenbar schon gewirkt.

Ansonsten steigt derzeit die Nachfrage nach besonderen Qualifikationen. Datenjournalismus, der Informatik- und Layoutfähigkeiten einschließt, liegt genauso im Trend wie multimediale Qualifikationen. Gefragt sind bei Newcomern vor allem eierlegende Wollmilchsäue - gute Autoren und Rechercheure, die auch von web- und mobilspezifischen Anwendungen sowie Audio- und Video-Schnitttechnik Ahnung haben.

Zum Autor
  • KarriereSPIEGEL-Autor Frank Patalong arbeitet seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Die Verlagskrise in Kurven
peku32 02.01.2015
Die Verluste seit etwa 2001 sind enorm, manche Gazetten haben 80% der Auflage verloren, auch renommierte nicht nur Boulevard. Viele haben schon zugemacht, andere werden folgen. Und es ist kein Ende in Sicht, die Verluste gehen weiter. Hier http://www.movie-player.de/demos/auflagen/ kann man grafisch die Verluste sehen und vergleichen. Wer da noch Journalist werden will, sollte sich das gut überlegen. Und das Netz fängt doch nicht annähernd die Verluste auf. Erstens zahlt dort kein Leser und die Anzeigenpreise reichen auch kaum zum Leben.
2. wir brauchen Journalismus
Trind1956 02.01.2015
häufig werden die zahlreichen Gelegenheiten für Journalismus nicht erkannt und durch einfache Publizisten von kopierten Beiträgen ersetzt. Ich vermute Journalismus ist kein Produkt und entzieht sich der Vermarktung. Auch der SPON hat da kein überzeugendes Konzept.
3. Tatsächlich noch so viele Journalisten...
MichaelZetti 02.01.2015
unter den ganzen Lohnschreibern? Hätte ich ich nicht gedacht. Während die bereinigten Arbeitlosen- und Arbeitssuchendenzahlen mit zusammen rund 30 % dem Bild entsprechen, das die "Quallitäts"-Presse von sich gibt. Halt einfach nur Billig.
4. Es ist wie immer ...
gumbofroehn 02.01.2015
... wenn ein Berufsfeld viele Interessenten anzieht und die formalen Eintrittshürden gleichzeitig gering sind (z.B. Sport, Musik, Schauspielerei) wird es immer einige wenige mit wirklichem Erfolg geben und dahinter Unzählige, die mehr schlecht als recht ihr Dasein fristen. Journalismus zählt auch zu diesen Feldern. Ich würde das meinen Kindern niemals empfehlen.
5. Würdeloser Akt
itolduso 02.01.2015
Ich bin selbst ausgebildeter Redakteur und froh, finanziell von meiner Arbeit nicht mehr leben zu müssen. Als freier Journalist seine Artikel anbieten zu müssen, das kann schon manchmal ein würdeloser Akt sein. Auch bei einigen Redakteuren von SPON habe ich da schon eine starke Überheblichkeit erlebt.
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