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Junge Absolventen "Sind sie bereit, all die hässlichen Dinge zu tun?"

"Generation Y": Sehr skandinavische Werte Zur Großansicht
Corbis

"Generation Y": Sehr skandinavische Werte

Da kommt was auf die Firmen zu: Die neue Absolventen-Generation will gutes Geld verdienen, ohne ihr Leben der Arbeit zu opfern, sagt Anders Parment von der Stockholm Business School im Interview. Zudem haben die jungen Leute von ihren Eltern gelernt, dass sich Loyalität zum Unternehmen oft nicht lohnt.

KarriereSPIEGEL: Herr Parment, wie kamen Sie als Wirtschaftsexperte auf die Idee, ein Buch über eine Generation zu schreiben, die in der Unternehmenswelt eigentlich noch nicht viel geleistet hat, weil sie erst seit einigen Jahren in den Firmen präsent ist?

Anders Parment: 2006 war ich Studiengangsleiter für Betriebswirtschaft an der Universität, und als ich die jungen Leute sah, dachte ich sofort: Die sind anders! Sie traten sehr selbstbewusst auf, mischten sich in den Lehrbetrieb ein, waren sehr direkt in der Kommunikation und hatten ziemlich hohe Erwartungen - an sich selbst und an das Leben.

KarriereSPIEGEL : Gilt das für alle in dieser Altersgruppe, die Sie "Generation Y" nennen? Egal in welchem Land?

Parment: Für das Buch habe ich Ypsiloner aus zehn Ländern auf der ganzen Welt befragt, und die Gemeinsamkeiten überwiegen die Unterschiede bei Weitem. Übrigens nicht nur, was die Nationalität betrifft, sondern auch in bezug auf die Studienfachwahl. Dies ist die erste wirklich globale Generation. Sie ist aufgewachsen in einer globalisierten Markenwelt, mit Apple, Google, Coca-Cola. Sie kennen alle die gleiche Musik, sind mit den gleichen Fernsehserien wie "Sex and the City" sozialisiert worden, wollen meist lieber in der Großstadt leben als auf dem Land. Und sie teilen die gleichen Werte: Individualismus, Nachhaltigkeit, Toleranz, Leistungswille. Es ist ein metropolenhafter Lebensstil, bei dem man Fahrrad fährt statt Mercedes, im Café arbeitet und gleichzeitig über Facebook mit Freunden redet.

KarriereSPIEGEL : Klingt nach lockerem Abhängen bei Latte Macchiato. Hat die "Generation Y" überhaupt Lust zu arbeiten?

"Generation Y" - Was ist das?
Gewinner der Demografie
Eine neue Generation erobert die Unternehmenswelt – die "Millenials" oder auch "Generation Y". Sie sind topausgebildet, auslandserfahren, flexibel, hochmotiviert - und dank demografischem Wandel eine knappe Ressource.
Happy Generation
Der Bamberger Wirtschaftsinformatikers Tim Weitzel hat rund 10.000 Karriereinteressierte befragt. Millenials verstehen sich demnach als "Happy Generation", die mit großem Selbstbewusstsein in die Zukunft blickt. Zwei Drittel der Ypsiloner in Weitzels Umfrage sind davon überzeugt, dass sich der Arbeitsmarkt für sie persönlich positiv entwickeln wird und dass sie einen ihren Ansprüchen entsprechenden Job finden werden. Jeder Dritte rechnet mit dem Traumjob.
Einmal mit allem, bitte!
Die Jungen wollen sich in ihrer Arbeitswelt wohl fühlen und persönlich wachsen. Für sie seien ein gutes Arbeitsklima, gute Weiterbildungsmöglichkeiten und ein intensiver Wissensaustausch überragend wichtig, sagen mehr als 95 Prozent der Befragten. Und damit ist die Wunschliste noch nicht zu Ende: Schon an dritter Stelle rangiert die vielbeschworene Work-Life-Balance. Mehr als jeder Zweite Ypsiloner wünscht sich außerdem einen Arbeitgeber, der "international aufgestellt" ist. Auch das Image des Unternehmens beschäftigt die Jungen. Ob Unternehmen "ein bekanntes Produkt" herstellen, sozial engagiert sind oder von "meinen Freunden und Familie" gut gefunden werden, interessiert noch fast jeden Zweiten.
Alles paletti im ersten Job
Millenials hegen große Träume – sie sind aber nach dem Jobeinstieg auch relativ leicht zufriedenzustellen. Das ergibt sich aus einem Vergleich mit den Antworten älterer Teilnehmer (geboren 1979 und früher, genannt "Generation X"), die ebenfalls vom Bamberger Forschungsteam um Tim Weitzel befragt wurden. Knapp 77 Prozent der jungen Befragten erklärten, sie schätzten ihre Kollegen. In der Altersgruppe der Vierziger denken nur noch 71 Prozent positiv über ihre Büronachbarn. Noch deutlicher ist der Vorsprung für die Vorgesetzten. 58,5 Prozent der Jungen mögen ihre Chefs, von den Älteren tut das nur noch jeder Zweite.
Ypsiloner gehen ins Netz
Internetstellenbörsen, in denen Firmen Jobangebote hinterlegen, sind für Millenials das absolut erste Mittel der Wahl. Die Jungen informieren sich zusätzlich stark über Unternehmenswebseiten (47 Prozent nutzen sie). Der klassischen Zeitungsanzeige kommt allmählich eine andere Funktion zu, meint Tim Weitzel: "Print dient der Imagewerbung. Vertiefte Informationen zu konkreten Jobs gehören aber auf die Unternehmens-Webseiten."
Postillion im Ruhestand
Die gute alte Post hat ausgedient, wenn es um das Verschicken der Bewerbungsunterlagen geht. Nur noch 15 Prozent der Absolventen setzen auf den Postweg, darunter nach Beobachtung von Tim Weitzel "vor allem Vertreter klassischer Disziplinen wie Medizin oder Rechtswissenschaft". Eine im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes anonymisierte Bewerbung würden immerhin fast zwölf Prozent der Befragten vorziehen.
Parment: Selbstverständlich - sie ist in gewisser Hinsicht sogar leistungsbereiter und ehrgeiziger als die Generationen vor ihr. Natürlich ist ihnen klassische Büroarbeit suspekt, weil sie nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden. Aber was alle Ypsiloner antreibt, ist der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen. Und das heißt: in jedem Lebensbereich das Beste herauszuholen, die eigene Leistung und den eigenen Erfolg zu perfektionieren. Nur dass sie nicht nach der Stechuhr getaktet sind, sondern nach Projekten.

KarriereSPIEGEL : In jedem Lebensbereich? Das dürfte anstrengend werden.

Parment: In der Tat. Doch die "Generation Y" denkt mehr nicht in den Kategorien von Entweder - Oder. Sie wollen Karriere machen und trotzdem viel Zeit mit der Familie verbringen. Sie wollen ihr Leben nicht der Arbeit opfern, aber trotzdem gutes Geld verdienen, um sich schöne Dinge und spannende Reisen leisten zu können. Das Emotionale spielt für sie eine sehr große Rolle.

KarriereSPIEGEL : Die demographische Entwicklung macht die Ypsiloner gleichzeitig zu einer äußerst begehrten Gruppe. Was erwarten sie von einem Arbeitgeber, damit er für sie attraktiv ist?

Parment: In erster Linie Klarheit und Verlässlichkeit. Sie wollen Bescheid wissen über Aufstiegsmöglichkeiten und Karriereplanung. Ein Beispiel: Wenn ein exzellenter Jura-Absolvent mit 25 bei einer renommierten Großkanzlei einsteigt, weiß er nicht, ob er tatsächlich in einigen Jahren Partner wird oder nicht. Die "Generation Y" ist immer weniger bereit, solche Mechanismen zu akzeptieren. Sie fordert klares Feedback und transparente Perspektiven.

Vor diesem Hintergrund ist übrigens auch die oft beklagte mangelnde Loyalität dieser Generation zu betrachten - also der Vorwurf, sie wechsele schnell den Job, wenn er nicht mehr spannend genug ist. Das ist bis zu einem gewissen Maß sicher richtig - dahinter aber steht die Erkenntnis, die viele Ypsiloner am Beispiel ihrer Eltern erlangt haben: Dass sich Loyalität nicht lohnt. Die Unternehmen kriegen mit dieser Generation die Quittung für ihre oft wenig vorausschauende Personalpolitik der vergangenen Jahrzehnte.

KarriereSPIEGEL : Wie sollten Unternehmen darauf reagieren?

Parment: Ein großer Fehler ist es bislang gewesen, immer mehr Talente von außen hereinzuholen, statt diese von innen zu entwickeln und Berufsanfängern damit zu demonstrieren: Wir zählen auf Euch! Ebenso wichtig ist eine Arbeitsatmosphäre, die dem Wunsch der Ypsiloner nach Selbstbestimmung, Abwechslung und Flexibilität Rechnung trägt. Firmen, die das schaffen, bekommen nicht nur gute und effiziente Mitarbeiter - sondern zusätzlich begeisterte Markenbotschafter, die sich mit ihrem Arbeitgeber identifizieren und in ihrem meist beeindruckenden sozialen Netzwerk für ihn werben.

KarriereSPIEGEL : Wo sehen Sie die Defizite der "Generation Y"?

Parment: Die Emotionalität und damit einhergehend der Wunsch nach Wohlfühlen können zum Problem werden. Sicher, die Jungen wollen Karriere machen. Aber sind sie auch bereit, für das Budget Verantwortung zu übernehmen, möglicherweise Mitarbeiter zu entlassen, all die kleinen hässlichen Dinge zu tun, die ein Chef nun mal ab und zu tun muss? Viele haben Angst vor unpopulären Maßnahmen, was auch mit der "Ich mag das"-Kultur bei Facebook und anderswo zusammenhängt. Künftig könnte es also schwierig werden, gute Chefs zu finden.

KarriereSPIEGEL : Einige Personaler bemängeln auch ein niedrigeres Ausbildungsniveau.

Parment: Da wäre ich äußerst skeptisch. Fast seit Anbeginn der Menschheit ist die Klage der Älteren über das gesunkene Niveau der Nachfolgenden Tradition. Richtig ist, dass die Ypsiloner anders lernen - vernetzter, spontaner und auch sinnlicher. Dass sie deshalb weniger können sollen, halte ich für falsch. Ich glaube vielmehr, dass es Unternehmen, die sich über fehlende intellektuelle Exzellenz ihrer Neueinsteiger beklagen, einfach nicht gelungen ist, attraktiv genug zu sein für die Klügeren. Das ist wie in der Politik, wo auch immer gejammert wird, es fehle an Nachwuchs mit Format: Kein Wunder, denn die Parteien und die politische Arbeit ist so unattraktiv geworden, dass die Guten sich anderswo engagieren.

KarriereSPIEGEL : Ökologischer Lebensstil, mehr Work-Life-Balance, Zeit für Familie und ein entspanntes Verhältnis zum Job - die Werte der "Generation Y" klingen ziemlich skandinavisch. Sind vielleicht einige Länder wie etwa Schweden näher am Lebensgefühl der Ypsiloner dran als andere?

Parment: Das ist durchaus möglich. In Schweden haben wir in gewisser Weise einiges von dem, was dieser Generation wichtig ist, schon vorweggenommen, Stichwort Elternzeit oder Abkehr von der Präsenzkultur. Ähnliches trifft auf andere skandinavische Länder zu. Was die diesbezüglichen Wünsche der "Generation Y" Generation betrifft, sehe ich etwa Deutschland dagegen auf dem Stand von Schweden in den siebziger Jahren.

Das Interview führte Klaus Werle, Redakteur beim manager magazin.

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Zur Person
Anders Parment studierte Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der Universität Linköping. Er arbeitet als Dozent der Business School der Stockholm University und als selbständiger Unternehmensberater mit den Schwerpunkten Konsumentenverhalten und Employer Branding. 2009 erschien sein Buch "Die Generation Y - Mitarbeiter der Zukunft. Herausforderung und Erfolgsfaktor für das Personlamanagement" (Gabler-Verlag). Im August 2011 kommt kommt von Anders Parment auf den Markt: "Generation Y in Consumer and Labor Markets" (Routlegde).

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Top Ten der Arbeitgeber: Die Lieblinge der Wirtschaftswissenschaftler

Buchtipp

Anders Parment:
Die Generation Y - Mitarbeiter der Zukunft
Herausforderung und Erfolgsfaktor für das Personalmanagement.

Gabler, Betriebswirt.-Vlg; September 2009; gebunden; 182 Seiten; 42,95 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.


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