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29. Mai 2012, 15:17 Uhr

Junge Arbeitnehmer

Befristet und schlecht bezahlt

Wie stehen die Chancen junger Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht: Sie bekommen nicht mehr so häufig Zeitverträge wie noch vor einem Jahr. Die schlechte: Ansonsten ist es für sie in vielen Bereichen schwieriger geworden.

Befristete Arbeitsverträge sind unter jungen Arbeitnehmern besonders stark verbreitet. So hatten im vergangenen Jahr 41 Prozent der Beschäftigten im Alter zwischen 15 und 25 Jahren ihre Arbeitsstelle nur auf Zeit. Bei der Zählung werden Auszubildende nicht berücksichtigt.

Hinter dieser Zahl stecken zwei Entwicklungen. Zum einen: Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil damit gesunken; damals hatten noch 57 Prozent der jungen Arbeitnehmer einen Zeitvertrag. Zum anderen: Im Lauf des vergangenen Jahrzehnts ist das Quantum deutlich gestiegen, und zwar um 25 Prozent. Im Jahr 2000 war nur jeder Dritte in dieser Altersgruppe befristet beschäftigt.

Das geht aus Zahlen des Bundesarbeitsministeriums hervor, über die zuerst die "Süddeutsche Zeitung" berichtet hatte. Die Bundestagsfraktion der Linken hatte sich in einer parlamentarischen Anfrage nach den Perspektiven junger Beschäftigter auf dem Arbeitsmarkt erkundigt, das Ministerium danach diese Zahlen zusammengestellt. Einerseits zeichnet sich dabei eine Verbesserung der Lage in den vergangenen ein bis zwei Jahren ab, andererseits eine Verschlechterung in der langen Perspektive. Der langfristige Abwärtstrend setzte demnach nicht erst mit der Wirtschaftskrise 2008 ein, sondern schon davor.

Forderung nach Kehrtwende

In der Anfrage ging es nicht nur um befristete Verträge. Junge Arbeitnehmer müssen auch viel häufiger zu Niedriglöhnen arbeiten. Fast die Hälfte von ihnen schlug sich 2010 mit einem Bruttogehalt von weniger als 1802 Euro (Westdeutschland) oder 1578 Euro (Ostdeutschland) durch. Für alle sozialversicherungspflichtig Beschäftigten lag der Anteil nur bei 21 Prozent.

Jutta Krellmann von der Linksfraktion fordert angesichts dieser Zahlen eine Kehrtwende in der Arbeitsmarktpolitik: "Wer sich von einem schlecht bezahlten Job zum anderen hangeln muss, der kann seine Zukunft nicht planen, geschweige denn eine Familie gründen. Notwendig ist daher vor allem ein gesetzlicher Mindestlohn, das Verbot von Leiharbeit und das Verbot von Befristungen ohne Sachgrund."

Bei der Leiharbeit schneiden junge Arbeitnehmer allerdings nicht schlechter ab als andere. Zwar hat sich ihre Zahl im vorigen Jahrzehnt beinahe verdoppelt. Aber der Anteil der Leiharbeit an der Gesamtbeschäftigung wuchs derweil von 1,1 Prozent im Jahr 2000 auf 2,7 Prozent 2010.

Anteil junger Niedriglöhner gering

Ralf Brauksiepe, der für die Antwort des Ministeriums verantwortlich ist, warnt davor, die Daten zu hoch zu bewerten, wenn es um die Frage nach den Perspektiven junger Menschen geht. So sage die Quote der Niedriglöhner dieser Altersgruppe wenig aus, weil sie noch eine hohe Einkommensmobilität verzeichnen. Will sagen: Viele, die später anständig verdienen, steigen mit niedrigen Gehältern ein. "Auch ist der Anteil der unter 25-Jährigen an der Gesamtheit der Niedriglohnbezieher gering", so Brauksiepe.

Sorgen macht auch er sich um die Berufseinsteiger ohne Abschluss, weil sie überdurchschnittlich häufig Niedriglöhne beziehen. Ihren Anteil wolle man in den kommenden drei Jahren halbieren. Ansonsten verweist die Regierung darauf, dass Deutschland die niedrigste Arbeitslosenquote in der Altersgruppe zwischen 15 und 25 in der ganzen EU habe.

Jenseits solcher Vergleiche dürfte für viele Jugendliche interessant sein, was sie nach der Berufsausbildung erwartet. Von denen, die ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, wurde ein knappes Drittel mit einem Zeitvertrag vom Ausbildungsbetrieb übernommen, ein gutes Drittel sogar in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. 36 Prozent dagegen blieben nicht im Betrieb. Wer von ihnen selbst ging und wer gehen musste, das ist den Statistiken nicht zu entnehmen.

mamk

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