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Junge Architekten Entwerfen um jeden Preis

Junge Architekten: Entwerfen um jeden Preis Fotos
Roland Unterbusch

Sind die Bedingungen noch so hart und die Einkommen noch so karg - Architekt ist für viele junge Akademiker ein Traumberuf. Im Alltag müssen sie um die Existenz kämpfen. Dabei könnten gerade kleine Architektenbüros besser laufen, wenn sie sich stärker vernetzen und spezialisieren würden.

Kontakt zur Architektur hatte Fritz Neumeyer schon als Kind - sein Vater ist ein bekannter Architekturkritiker. Auf Reisen wandelte der kleine Fritz an den Händen seiner Eltern durch mittelalterliche toskanische Altstadt-Gassen oder erklomm die Athener Akropolis. "Architektur war allgegenwärtig", sagt der Berliner. Dass es eine Branche mit harten Bedingungen ist, dass Baumeister oft lange arbeiten und schlecht bezahlt werden - Fritz Neumeyer, heute 34, konnte das nicht entgehen. Dennoch folgte er dem Vorbild seines Vaters und erlernte den Beruf.

Rund 300.000 Architekten gibt es in Deutschland, so viele wie in keinem anderen europäischen Land. Sie kämpfen um Aufträge, doch der demografische Wandel und die Folgen der Finanzkrise sorgen dafür, dass öffentliche Bauträger, Unternehmen und auch Häuslebauer ihre Bauvorhaben verschieben oder kippen. Daran zu knabbern haben allen voran die zahlreichen kleinen Büros mit ein bis vier Mitarbeitern. Sie machen über 80 Prozent der deutschen Architektenbüros aus.

Nach Angaben der Bundesarchitektenkammer erwirtschafteten 2009 knapp 40 Prozent der selbständigen Architekten jeweils einen Jahresüberschuss von bis zu 30.000 Euro. Jeder siebte mussten sich sogar mit unter 15.000 Euro begnügen; davon ab gehen noch die Sozialversicherungskosten. Auch die Gehälter von fest angestellten Architekten sind meist alles andere als fürstlich.

Junge Architekten nehmen das meist in Kauf, sie haben keine andere Wahl. "Praktische Erfahrungen und Referenzen in einem guten Büro zu sammeln, das ist quasi unumgänglich", sagt Fritz Neumeyer. Er studierte an der TU Berlin und der ETH Zürich, arbeitete dann drei Jahre lang im Büro des renommierten deutschen Architekten Hans Kollhoff. Bisweilen schuftete Neumeyer täglich zwölf Stunden, oft auch nachts und an Wochenenden.

Neben der Königsdisziplin Entwerfen viele unkreative Aufgaben

Immerhin zeichnete er Entwürfe für Backsteinfassaden, Loggien, Türen oder Holzlobbys. In anderen Büros hingegen landen junge Architekten "nicht selten in der monotonen Ausführungsplanung oder zeichnen jahrelang nichts anderes als WCs oder Badewannen", so Neumeyer. Er träumte davon, sich selbständig zu machen, um seine eigenen Vorstellungen von Architektur umsetzen zu können - und dann sei es wichtig, den Absprung zu schaffen. Neumeyer gründete mit dem ehemaligen Arbeitskollegen Sebastian Treese im März 2008 das Büro Neumeyer Treese in Berlin-Kreuzberg.

Ihre 150 Quadratmeter große Atelieretage teilen sie sich kostensparend mit zwei Grafikdesignern. Neumeyer und Treese sitzen sich an weißen, einmal zwei Meter großen Architekten-Schreibtischen gegenüber; an den Magnetwänden zeigen Bauzeichnungen die aktuellen Projekte. Weil große Neubauprojekte eher das Privileg der großen Büros sind, haben die beiden Berliner Architekten sich auf den Bereich Bauen im Bestand spezialisiert.

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Zuletzt sanierten sie ein altes Haus mit Seegrundstück in der Mark Brandenburg und bauten es komplett um. Damit allein würden sie nicht über die Runden kommen und fertigen daher auch sogenannte Visualisierungen an. Damit lassen sich Fassaden und Räumlichkeiten virtuell sehr realitätsnah darstellen.

Dass Architekten um ihre berufliche Existenz ringen müssen, ist die Regel und keine Ausnahme. Das Berufsbild ist facettenreich, beschränkt sich längst nicht aufs Entwerfen spektakulärer Häuser. Entwerfen ist die Königsdisziplin, zugleich müsse ein Architekt auch "Ingenieur und ein guter Manager sein", sagt Klaus Meier-Hartmann, Präsident der Architektenkammer Berlin. Viele Aufgaben sind eher bürokratisch als kreativ - etwa das Einholen sämtlicher baurechtlicher Genehmigungen, aber auch die Bauleitung oder das Ausschreiben der Handwerksgewerke für ein Bauvorhaben. "Jede dieser Aufgaben kostendeckend zu gestalten, erfordert ein sehr effizientes Planen, was längst nicht immer gelingt", so Meier-Hartmann.

Neumeyer schwärmt von den alten Baumeistern

Zu schaffen machen Architekten obendrein die vielen, preiswert geplanten Bauprojekte von der Stange. Da bleibt nicht viel übrig, wenn ihr Honorar zehn Prozent der Baukosten beträgt. Meier-Hartmann rät jungen Architekten, sich in Netzwerken zusammenzuschließen: "Jeder hat andere Stärken, und in einem gemeinsamen Büro lassen sich die Kosten etwa für das Sekretariat teilen."

Wer allein sämtliche Architekturfelder abzudecken versucht, kann sich leicht verzetteln und Schiffbruch erleiden. Besser sei es, sich "stärker auf bestimmte Tätigkeiten wie Entwerfen, Bauleitung oder Einholen von baurechtlichen Genehmigungen zu konzentrieren und andere Aufgaben an darauf spezialisierte Kollegen abzugeben", rät auch Thomas Welter, Geschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten. Oder man sieht sich in verwandten Branchen um: So ortet Welter für Architekten gute Chancen etwa als Bauamtsleiter bei Behörden, in beratenden Funktionen oder in der Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen. Und wenn es unbedingt der klassische Architektenberuf sein soll? Dann empfiehlt Welter die Spezialisierung, zum Beispiel auf den "Bau von Bahnhöfen, Flugplätzen oder Industriegebäuden".

Fritz Neumeyer möchte sich ein Stück Idealismus bewahren. Er schwärmt von den alten Baumeistern, die vom Entwurf über die Innen- bis zur Gartengestaltung alle Facetten des Berufes beherrschten. Heute bleibe die Baukultur viel zu oft auf der Strecke. "Wenn, wie in amerikanischen Büros längst üblich, jeder Arbeitschritt von einem anderen Architekten betreut wird, fehlt dem Ergebnis meist die Seele", so Neumeyer.

Er kann sich trotz aller Probleme nichts anderes vorstellen, als Gebäude zu bauen. "Ich habe Bekannte, die sind Unternehmensberater oder Juristen und bekommen ein Vielfaches vom dem, was ich verdiene", sagt Neumeyer. Aber alle klagten und seien unzufrieden. Er hingegen liebt seinen Beruf - für ihn eine Berufung.

  • Andreas W. Voigt (Jahrgang 1972) ist freier Journalist in Berlin.

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