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Junge Bäuerin Mein Hof, meine Hektar, meine Babys

Junge Bäuerin: "Warum tue ich mir das an?" Fotos
Marie-Charlotte Maas

Sie gibt ihren Tieren Namen und muss sie später trotzdem schlachten - schließlich lebt Viviane Hüsgen vom Fleischverkauf. Die 20-Jährige gehört zu Deutschlands jüngsten Bäuerinnen. Während Gleichaltrige sich für die Disco aufbrezeln, schminkt sie sich für die Kuhweide.

Viviane Hüsgen hat ein ungewöhnliches Baby: Lumberjack ist ziemlich groß, schwer und behaart. Viviane hat ihn selbst gekauft. "Ihn mag ich am liebsten. Wir verstehen uns einfach gut", sagt sie. Lumberjack ist ein Rind und Viviane Bäuerin. Mit 20 Jahren gehört sie zu Deutschlands jüngsten Landwirtschaftsmeistern.

Rot gefärbte, kurze Haare, blaue Augen, lackierte Fingernägel, etwas Make-Up, an den Füßen Chucks - Viviane sieht nicht aus, wie man sich eine Bäuerin vorstellt. Und doch lebt sie mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einer umgebauten Scheune, auf 140 Hektar Land. Zusammen mit 80 Highland Cattle-Rindern, elf Pferden und rund einem Dutzend Hunden, Mini-Schweinen und Alpakas. Ein Traumbauernhof im brandenburgischen Groß Ziescht. Ein idyllisches 120-Personen-Dorf, nur eine Stunde von Berlin entfernt.

Viviane arbeitet hart für diesen Traum, sie führt den Bauernhof fast allein: Ihr Vater ist beruflich viel unterwegs, ihre Mutter arbeitet eigentlich als Hebamme und kümmert sich nebenher vor allem um die Buchhaltung des Hofes.

"Glücklicherweise haben wir keine Milchkühe", sagt Viviane, "so muss ich nicht allzu früh aufstehen." Das ist Ansichtssache, immerhin beginnt ihr Arbeitstag um 7 Uhr - an sieben Tagen in der Woche. Ihr gefällt das. Der Beruf sei spannend, findet sie, der Arbeitsalltag abwechslungsreich. "Im Sommer mache ich früh morgens Heu und baue Zäune. Im Winter füttere ich als erstes die Tiere."

Viviane hat Lieblingstiere, die lässt sie nur ungern schlachten

Auf ihrem Hof haben Tiere keine Nummern, sondern Namen. Trotzdem muss Viviane sie schlachten - das gehört zu ihrem Job. Es war hart für sie und ihre Familie, den ersten Zuchtbullen aus Altersgründen zu töten. "Da haben wir alle geheult", sagt die Jungbäuerin. "Andererseits leben wir von dem Verkauf des Fleisches." Viviane macht eine Pause. "Aber ich muss zugeben, dass ich auch Favoritentiere habe. Manche gebe ich lieber zum Schlachten als andere."

Viviane, die Bäuerin, hat die ersten fünf Jahre im hippen Berlin gewohnt, und ist dann mit ihren Eltern auf den Hof gezogen. Als sie 15 war, machte die Familie Urlaub auf einem Bauernhof in Österreich. "Nicht, dass wir nicht unseren eigenen Bauernhof hätten", sagt Viviane lachend, "aber das ist eben unser großes Interesse."

Schon damals begeisterte sie das Landleben, das wusste auch der Gastgeber. Er erzählte ihr von einer nahegelegenen Landwirtschaftsschule mit angeschlossenem Internat. Zum Tag der offenen Tür fuhr sie mit ihren Eltern hin und schaute sich um. Auf dem Rückweg wusste Viviane: Da will ich hin. Und lernen, eigenständig einen Hof zu führen.

Kurz darauf verabschiedete sie sich von ihrer alten Schule, ihren Freunden und zog ins Internat nach Österreich. Viviane fiel es schwer, sich von der Familie zu trennen. "Die ersten drei Wochen waren nicht schön. Ich hatte ziemlich Heimweh", sagt sie. Zurück nach Hause zu gehen, kam für sie dennoch nie in Frage.

Auf dem Stundenplan: Mathe, Melken, Schlachten

In ihrem Jahrgang war sie eines von drei Mädchen - unter 160 Jungs. Viviane störte das nicht: "Mädels sind mir manchmal sowieso zu zickig." Sie hatten gemeinsam Mathe und Deutsch, Tierzucht und Pflanzenbau, BWL und Rechnungswesen. Sie lernten, ein Tier zu schlachten und Käse und Wurst zu machen. Einmal die Woche gingen sie zum Melken in den Stall.

2007, als 17-Jährige, erhielt Viviane neben dem Realschulabschluss noch ein zweites Zeugnis als staatlich geprüfte "Landwirtschaftliche Facharbeiterin". Sie ging zurück auf den heimischen Hof, packte nach einem Jahr wieder ihre Koffer und zog nach Bayern. In Landshut wollte sie an einer Schule für ökologischen Landbau den Meister machen, um ihre Ausbildung vollständig abzuschließen und später auch selbst Lehrlinge ausbilden zu können.

Dort war sie mit Abstand die Jüngste, kam aber damit gut zurecht. "Es gab bis heute noch niemanden, der mich nicht ernst genommen oder auf mich herabgeschaut hat", sagt sie, "im Gegenteil: Ich bekomme viele Tipps von älteren Landwirten."

Zusammen mit ihrer Mutter sitzt Viviane am großen Esstisch im Wohnzimmer, an der Wand hängt in einem Bilderrahmen Vivianes Abschlusszertifikat. Die beiden Frauen diskutieren die Haltung der Deutschen zu Lebensmitteln. "Hauptsache günstig ist die Devise. Diese Geiz-ist-geil-Mentalität ist schlimm", sagt ihre Mutter, Viviane nickt. Manchmal überlegt sie, wie es wäre, nach Österreich auszuwandern - weil man dort mehr Wert lege auf die Herkunft der Produkte. Letztlich, sagt Viviane, sei die Haltung das entscheidende: "Man muss die Tiere mit Respekt behandeln." Darum hat Familie Hüsgen sich auf biologische Tierzucht spezialisiert.

Manchmal schminkt Viviane sich, bevor sie zu den Rindern geht

Es ist später Vormittag, Viviane will die Highland-Cattle-Rindern besuchen und sehen, ob alles in Ordnung ist. Auf dem Weg zur Koppel erzählt sie, dass ihr jüngerer Bruder ebenfalls Landwirt werden will und die gleiche Schule in Österreich besucht. Wenn er fertig ist, werden die beiden den elterlichen Hof zu zweit führen, darauf freut sie sich. "Sonst hätte ich einen Lehrling einstellen müssen, das wäre seltsam gewesen", sagt sie. "Schließlich bin ich nur zwei Jahre älter als die meisten Auszubildenden im ersten Jahr."

Viviane arbeitet acht bis zehn Stunden am Tag, abends ist sie müde, viel Zeit für Freunde bleibt da nicht. Trotzdem hat sie sich kürzlich entschlossen, einen HipHop-Tanzkurs zu besuchen, als Ausgleich zur Arbeit. "An diese Art von körperlicher Anstrengung muss ich mich allerdings erst gewöhnen. Der Muskelkater hatte es in sich."

Ab und zu, wenn sie mal frei hat, fährt sie zum Shoppen in ihre alte Heimat Berlin. "Aber ich bin jedes Mal froh, wenn ich wieder im Zug nach Hause sitze." Das ehemalige Stadtkind liebt heute das Landleben. Und sie brezelt sich auch regelmäßig auf - für ihre Lieblinge auf der Kuhweide. Die Fingernägel lackiert sie fast immer. "Manchmal schminke ich mich auch, bevor ich auf die Koppel gehe."

Ist Bäuerin nach wie vor ihr Traumjob? Sie zögert kurz: "Manchmal denke ich schon, warum tue ich mir das an? Vor allem, wenn ich sehe, dass die Rinder mal wieder die Zäune kaputt gemacht haben und ich sie wieder aufbauen muss. " Dann lacht sie: "Aber ganz ehrlich, dieser Gedanke hält bei mir maximal vier Stunden."

Es ist Mittag geworden, Viviane bekommt langsam Hunger. "Was gibt es zu essen?", will sie von ihrer Mutter wissen. Auch als Chefin über Hunderte Rinder, Alpakas und Schweine bleibt sie immer noch ein bisschen Kind.

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insgesamt 11 Beiträge
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    Seite 1    
1. Keine Nummern?
uchawi 02.09.2011
Die junge Bäuerin dürfte kaum behauptet haben, dass ihre Tiere keine Nummern haben. Das nämlich verlangt der deutsche Gesetzgeber zwingend, und auf den Fotos der Reportage ist es auch zu erkennen: Jedes Rind, jedes Schwein, jedes Schaf und jede Ziege muss eine (eigentlich zwei) Ohrmarke mit einer eindeutigen Lebensnummer haben, um die Rückverfolgbarkeit von tierischen Produkten zu gewährleisten. Mit diesen Nummern sind die Tiere (auch bei Frau Hüsgen) gekennzeichnet und amtlich erfasst, sie sind deren einzige offizielle Benennung. Die Rinder auf dem Baruther Hof haben also bestenfalls AUCH Namen.
2. Ich finds prima!
peter78 02.09.2011
Früher[tm] wollten alle Jungs KFZ-Schlosser und die Mädels Krankenschwester werden. Das waren durchaus realistische Träume, von denen viele sogar in Erfüllung gegangen sind. Heute wollen alle Jungs Fußballstar und die Mädels Supermodel werden; ohne dafür irgendwelche Voraussetzungen mitzubringen oder sonst etwas dafür zu tun. Da tut es wohl, wenn sich ab und an doch mal jemand findet, der sich realistische Ziele setzt, diese dann auch umsetzt und sogar Spaß dabei hat. Herzlichen Glückwunsch!
3. Namen und Nummern
trillipod 02.09.2011
Zitat von uchawiDie junge Bäuerin dürfte kaum behauptet haben, dass ihre Tiere keine Nummern haben.
Hat sie auch nicht, jedenfalls kann ich das nirgends im Artikel finden... Das tut dem Bericht keinen Abbruch. Wohl auf der Suche nach einem Härchen in der Bio-Suppe gewesen?
4. Hühnermist
peterbruells 02.09.2011
Zitat von uchawiDie junge Bäuerin dürfte kaum behauptet haben, dass ihre Tiere keine Nummern haben. … Mit diesen Nummern sind die Tiere (auch bei Frau Hüsgen) gekennzeichnet und amtlich erfasst, sie sind deren einzige offizielle Benennung.
Was meinen Sie, die egal ihr, den Kühen und den meisten Leuten das ist? Die verstehen die Aussage so, wie sie richtig zu interpretieren ist.
5. Danke für diesen Artikel
maximilianeberl 02.09.2011
Eine tolle Frau!! Sie ist fest verwurzelt und doch geistig frei. Ich wünsche ihr Glück für Ihr Leben. Ich sage das übrigens als Vegetarier .... ;-)
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