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18. Januar 2013, 13:24 Uhr

Junge Modelabel-Gründer

Wir sind trotzdem noch Freunde

Von Fabienne Hurst

Die eigene Modemarke - der Traum aller Designstudenten. Doch die Branche ist hart umkämpft, die Halbwertszeit junger Labels extrem kurz. Sieben junge Hamburger sind das Risiko eingegangen: Während die einen ihr Debüt feiern, packen die anderen schon wieder ihre Kisten.

Am Anfang war die Idee, am Ende der Ausverkauf. Auf der Internetseite des Hamburger Labels "Fairliebt" heißt es: Alles muss raus. Nach sechs Jahren hören Wiebke Hövelmeyer und Mathias Ahrberg auf, ihre T-Shirts aus Bio-Baumwolle zu vermarkten. Die beiden sitzen bei Filterkaffee mit Sojamilch an Hövelmeyers Schreibtisch im angesagten Hamburger Karolinenviertel. "Wir sind immer noch Freunde", sagen sie und grinsen.

Vor sechs Jahren begannen die Modejournalismus-Absolventin und der BWL-Student, T-Shirts zu entwerfen. Sie ließen sie in Kenia produzieren und vertrieben sie per Online-Shop. Ein Produkt ohne Nachteile sollte es sein: umwelt- und sozialverträglich in der Herstellung, gut geschnitten und nicht zu teuer. Das Konzept passte in die Zeit: Bio boomte. Konventionelle Konzerne interessierten sich für die "grüne" Mode; spezielle Studiengänge wurden aufgebaut, "Fairliebt"-Produkte in den Seminaren gelobt. Jetzt warten die Restposten in Pappkartons auf Schnäppchenjäger.

"Wir wussten nicht, was auf uns zukommt", sagt Mathias Ahrberg heute. Mit der größeren Nachfrage wurde aus dem Hobby schnell eine Vollzeitbeschäftigung. "Ich dachte, ich verschicke morgens ein paar T-Shirts und den Rest des Tages habe ich frei", sagt der Wirtschaftsstudent. "Von wegen!" Die Stückzahlen wurden immer größer, Stände auf Textilmessen und Spezialaufträge häuften sich. Nebenbei arbeitete Hövelmeyer als Behindertenassistentin, Ahrberg studierte.

Um das Budget möglichst gering zu halten, wurden Freunde eingespannt - als Grafiker, Informatiker, Fotografen und Models. Doch Freundschaftsdienste halten die beiden für eine heikle Sache: "Zum einen sind Dienstleistungen ohne echte Bezahlung unethisch", sagt Ahrberg. "Zum anderen darf man wichtige Dinge nicht an Leute delegieren, die zwar den Willen, aber nicht die Zeit haben, sich ausreichend darum zu kümmern."

Bald kam noch ein Problem hinzu: die Alltagsroutine. "Das T-Shirt-Geschäft wurde uns zu langweilig", erinnert sich Ahrberg. Deshalb entwarfen sie eine Kollektion mit Kleidern, Röcken und Tops. Ein Fehler, finden die beiden heute: "Die Klamotten waren viel teurer und auch stilistisch anders als unsere Shirts." Die "Fairliebt"-Gründer hatten sich verkalkuliert.

Nach dem Flop konzentrierten sich die beiden wieder auf T-Shirts. Es dauerte über ein Jahr, bis sie wieder so motiviert waren wie zuvor. "Wundenlecken" nennt Hövelmeyer den Prozess, 2010 war die Talsohle durchschritten. Zwei Jahre später standen sie vor der Entscheidung: Fremdfinanzierte Expansion - oder mit gutem Gefühl den Laden dicht machen. Für einen neuen Kredit waren beide nicht bereit, also wurde "Fairliebt" mit einer Abschiedsparty beendet. Jetzt wollen sie sich auf andere Dinge konzentrieren: Hövelmeyer führt ihren eigenen Laden im Karolinenviertel, verkauft Biomode anderer Labels, Ahrberg beendet sein BWL-Studium.

Flausen und Jodeldiplom

Viele junge Designer träumen den Traum vom eigenen Label - für etablierte Kollegen sind das eher Flausen. Sie betrachten die Selbständigkeit junger Designabsolventen häufig skeptisch. Ein an den privaten Hochschulen vergebenes "Jodeldiplom" sei längst keine Eintrittskarte in das harte Modegeschäft, sagt ein Designer, der seinen Namen hier nicht lesen will. Diese Auffassung bestreitet Susanne Müller-Elsner, Dozentin an der AMD. Das Studium bereite vielmehr auf die kreative Arbeit als Modeschöpfer vor, meist in einem Angestelltenverhältnis. "Pro Jahrgang machen sich nur ein bis zwei Absolventen der Akademie selbständig", sagt Müller-Elsner.

Die Hamburger Designerin Anna Fuchs, seit zwölf Jahren erfolgreich im Geschäft, hält es für riskant, in diesen Tagen ein neues Label zu gründen. Die Leute kauften weniger, Wirtschaftskrisen erschütterten den Textilmarkt, Globalisierung und Internet veränderten die Branche. "Um überleben zu können, muss man einen langen Atem haben", sagt Fuchs. "Den wenigsten gelingt das: Viele Labels haben eine Halbwertszeit von weniger als drei Jahren.

Von solchen Sorgen ist bei "Rooks&Rocks" nichts zu spüren. Viel Ware gäbe es bei dem frisch gegründeten Label im schicken Hamburger Viertel Winterhude ohnehin nicht loszuwerden. Hier entstehen die Outfits direkt am Leib der "Fans", wie Kunden hier genannt werden. "Natürlich fragen wir uns auch: Geht das gut? Kommen genug Kunden?", sagt Simon Schmidt, 26. Er hat das Label "Rooks&Rocks" zusammen mit vier Freunden im November aus der Taufe gehoben. Die Kunden wählen Schnitt, Knopfgrößen, Kragenweiten und Garnfarben selbst aus. Ein maßgefertigtes Hemd kostet 80 Euro, ein Anzug 400 bis 600 Euro.

"Wir stecken auch Männer mit Tattoos in Zweiteiler"

Bereits die Einrichtung des Ladens vermittelt, worum es bei dem jungen Label geht: Die fünf Freunde wollen "rooks" ansprechen - blutige Anfänger in Sachen Anzugtragen. Der Bio-Boom, der die "Fairliebt"-Gründer anfangs trug, spielt hier schon keine Rolle mehr. An einer Wand wachen Sean Connery, Elvis und Mohammed Ali über den Stil der Kunden, an einer anderen wurden Krawatten über E-Gitarren drapiert. "Wir stecken auch Männer mit Tattoos in Zweiteiler", sagt Mitgründer Viktor Lis. Auf den ersten Werbeplakaten posiert die Hamburger Elektropunkband Deichkind für die Marke.

Schmidt ist Fachwirt im Textilhandel. Ein Label für Männermode, cool, aber stilvoll und passgenau, das war vor zwei Jahren seine Idee. "Klassische Maßschneider gibt es zwar zuhauf", sagt Mitgründer Rico Albert, "aber einer mit eigenem Stil und ohne verstaubtes Spießerimage? Das war neu." An Wochenenden und nach Feierabend feilen die beiden an ihrer Idee. Jurastudent Viktor Lis kümmert sich um die rechtlichen Angelegenheiten, meldet das Label an, tüftelt mit beim Businessplan.

Lange Suche nach dem Hersteller

Aus dem Freundschaftsdienst wird eine Partnerschaft, Lis geht nach seinem Examen nicht ins Referendariat, sondern lässt sich von Fachmann Schmidt zeigen, wie man Männerschultern vermisst. "Anfangs sind meine Eltern nicht so begeistert, schließlich habe ich nicht dafür Jura studiert", sagt der 26-Jährige. Nebenher jobbt er in einer Bar, auch seine Kollegen arbeiten in anderen Berufen. Rico Albert ist gelernter Immobilienmakler, Sebastian Schierenberg ist Grafiker, Guillermo Thiemann Programmierer. Kann das gut gehen, wenn gleich fünf Köche im Brei rühren? "Natürlich gibt es manchmal Rumgezicke", sagt Albert. "Aber am Ende kommt nach langem diskutieren immer etwas Gutes heraus." Außerdem habe jeder seinen Kernbereich: Grafik, Webpräsenz, Image, Marketing, Werbung, Einkauf, Rechtsfragen.

Über ein Jahr lang suchen sie nach Produzenten, zunächst in Deutschland, doch die Herstellungspreise können sie sich nicht leisten. Trotzdem wollen die Freunde in Europa produzieren: Sie reisen nach Polen, Bulgarien und die Türkei auf der Suche nach Schneidereien. Die Idee, Anzüge nach den Maßen ihrer Kunden schneidern zu lassen, funktioniert nur mit Produzenten, die über viele Schnittmuster verfügen. Europäischen Schneidereien führen pro Muster nur eine Handvoll Untergrößen. Schließlich werden sie in Shanghai fündig: Eine auf Maßanfertigungen spezialisierte Schneiderei produziert zwar teurer als die Osteuropäer, hat aber über 1000 Untergrößen in ihrer Datenbank.

Minimales Risiko, maximaler Einsatz

Das Geld für die Renovierung des Ladens, die Einrichtung und das erste Fotoshooting sparen sie sich zusammen. "Ich bin stolz, dass wir das alles ohne Investor und Kredite geschafft haben", sagt Lis. "Wir haben zwar eine Zeit lang nur Nudeln mit Soße gegessen, aber das war es definitiv wert." Die Belohnung: Freiheit, keine Vorgesetzten, Kreativität, Eigenverantwortung.

Schon nach zwei Monaten schreibt der Laden schwarze Zahlen. "Weil wir keine Konfektionsware führen, müssen wir keine hohen Stückzahlen bestellen und finanziell nicht in Vorleistung gehen", sagt Simon Schmidt. Außer ein paar Musterstücken lagern im Laden nur Stoffbücher, Accessoires und wenige Präsentationsstücke. Minimales Risiko bei maximalem Einsatz - vielleicht hat ihr Traum so ja eine Zukunft.

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