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Junge Ökonomen "Den Job bekommt der Karrierist, nicht der Querdenker"

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Corbis

Karrieristen: Wenn nur Geld und Aufstieg zählen, egal mit welcher Aufgabe

Drei Typen bevölkern die Wirtschaftswissenschaften: Karrieristen, Freizeit-Könige und eine Handvoll Idealisten. Fast alle Studenten suchen allein das Geld und den Erfolg, sagt Lutz von Rosenstiel. Im Interview spricht der Münchner Forscher über den Mangel an Moral bei den Managern von morgen.

KarriereSPIEGEL: Wenn man sich Studenten in den wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten ansieht, beschleicht einen das Gefühl, dass viele schon sehr früh die Allüren und das Auftreten von skrupellosen, selbstgefälligen Managern entwickeln. Sind das Vorurteile?

Lutz von Rosenstiel: Nein, der Eindruck ist ganz treffend. In mehreren Studien haben wir Studenten verschiedener Fachrichtungen während des Studiums und zu Beginn ihres Berufslebens befragt. Dabei ist im Wesentlichen herausgekommen, dass es in der Arbeitswelt drei Typen von Menschen gibt. Den ersten Typus bilden die Idealisten, die sich vor allem für naturwissenschaftliche oder soziale Studiengänge entscheiden. Der zweite Typ, den wir in diesen Untersuchungen identifiziert haben, ist einer, der viel Wert auf Freizeit legt. Der findet sich in allen Fächern wieder. Die Wirtschaftswissenschaften werden vor allem von dem dritten Typ, den wir Karrierist nennen, studiert. Bei den Karrieristen stehen vor allem zwei Dinge auf der Agenda: erfolgreich sein und Geld machen. Ihnen sind, anders als den Idealisten, die Inhalte ihres Jobs relativ egal. Sie identifizieren sich problemlos mit den Unternehmenszielen - egal ob diese ethisch-moralisch vertretbar sind oder nicht.

KarriereSPIEGEL : Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise stehen aber Manager stärker unter Beobachtung und auch unter Druck als zuvor. Wird da nicht selbst ein eingefleischter Karrierist ein bisschen nachdenklich, wenn sich große Teile der Bevölkerung zum Beispiel über maßlose Bonuszahlungen empören?

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Wirtschaftsausbildung: "Ökonomie ist Gehirnwäsche"
Rosenstiel: Nein, das hat kaum einen Effekt. Moralvorstellungen werden vor allem durch das persönliche Umfeld geprägt, das gerade bei Berufseinsteigern meist sehr homogen ist. Wer ambitioniert ins Berufsleben startet, verbringt in der Regel viel Zeit im Unternehmen und geht abends häufig noch mit Kollegen ein Bier trinken. Da juckt es den jungen Banker oder Manager wenig, wenn er in der Presse liest, dass die Berufsklasse, der er angehört, geldgierig und unmoralisch sei.

KarriereSPIEGEL : Bringen denn Erstsemester die Anlagen zum Karrieristen bereits mit, oder macht sie erst das Ökonomiestudium dazu?

Rosenstiel: Beide Effekte treten auf. Wie gesagt: Ein wirtschaftswissenschaftliches Studium ist vor allem für diesen Menschentypus interessant. Wir nennen das den Selektionseffekt. Hinzu kommt aber der so genannte Sozialisationseffekt: Wenn die Studierenden gelehrt bekommen, dass der Markt alles regelt, legitimiert das ihre Karriereambitionen und verstärkt ihre Verhaltensmuster. Man muss sich auch noch einmal vor Augen führen, wie die Volkswirte denken: Sie sagen, dass Wohlstand das Wohlbefinden stärkt. Das heißt im Umkehrschluss: Es ist legitim, wenn man alles tut, um Wachstum und Gewinn zu optimieren. Dabei ist aber schon die Annahme, dass Wohlstand glücklicher macht, falsch, das ist empirisch bewiesen.

KarriereSPIEGEL : Was zeichnet die Lehrinhalte eines ökonomischen Studiums aus?

Rosenstiel: Hier muss man zwischen der Volks- und der Betriebswirtschaftslehre unterscheiden. In der VWL wird vor allem das Denken in Modellen gelehrt. Leider ist da der Bezug zur Wirklichkeit immer mehr geschwunden. Es wird kaum noch mehr geprüft, ob sich diese Modelle überhaupt an der Realität messen lassen - von wenigen Ausnahmen abgesehen. Das BWL-Studium ist vor allem berufsqualifizierend. Es bereitet auf eine Karriere im Großunternehmen vor. Und die BWLer tendieren immer mehr dazu, die Modelle der Volkswirte zu übernehmen. In beiden Fächern fehlt das Studium der sozialen und humanen Komponenten. Daran hat sich auch seit der Finanzkrise nichts geändert. Wie auch - es ist ja kein Lehrpersonal da, das diese Inhalte vermitteln könnte.

KarriereSPIEGEL : Angenommen, ein Idealist, ein Weltverbesserer verirrt sich doch einmal in so einen Studiengang - kann er da überhaupt glücklich werden?

Rosenstiel: Er wird es nicht leicht haben. Zum einen wird er wahrscheinlich wenig Freude empfinden an den realitätsfremden Modell-Rechnungen, die in dieser Wissenschaft gelehrt werden. Zum anderen wird er eine Außenseiterrolle einnehmen - und sehr viel Stärke brauchen, um das auszuhalten.

KarriereSPIEGEL : Jetzt wird aber an allen Ecken gefordert, dass die Unternehmen und vor allem die Banken gefälligst mehr moralisch integre und umsichtig handelnde Menschen in ihre Chefetagen befördern sollen - geht denn das überhaupt?

Rosenstiel: Das ist sehr problematisch. Viele Auswahlverfahren in Großunternehmen sind darauf ausgelegt, gezielt die Karrieristen herauszusuchen. In manchen Unternehmen hat sich das ein bisschen gewandelt. Aber leider nicht ausreichend. Denn es bringt nichts, wenn ein Mensch in der Personalabteilung den klugen Plan fasst, ein paar Querdenker einzustellen, sofern die Unternehmenskultur eine andere ist. Häufig bekommt der Querdenker dann doch nicht den Job, weil am Ende über die Einstellung ein Abteilungsleiter entscheidet, der selber Karrierist ist. Der nimmt dann eher einen Gleichgesinnten. Also auch einen Karrieristen.

KarriereSPIEGEL : Gibt es denn Ansätze, um diesen Teufelskreis - Karrieristen fördern Karrieristen, die wieder neue Karrieristen einstellen - zu verlassen?

Rosenstiel: Die gibt es bestimmt - sie erfordern aber ein komplettes Umdenken. Für die Unternehmen gilt immer noch das Sprichwort "Der Fisch stinkt vom Kopfe her". Will heißen: Wenn die Unternehmensleitung Gewinnmaximierung als einziges Ziel definiert, könnten im Unternehmen noch so viele ambitionierte und idealistische Menschen arbeiten - es würde sich nichts ändern. Gleichzeitig muss es überhaupt erst einmal anders denkende Absolventen geben, die Unternehmen einstellen könnten. Und um die zu kriegen, müsste man die Ausbildung reformieren. Denn mit den jetzigen Lehrinhalten können die Universitäten kaum Querdenker und Idealisten zu einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium bewegen.

David Einsiedler
Das Interview führte Annick Eimer, freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 80 Beiträge
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1. Nur noch sozial eingestellte Studenten sollten Manager werden!
merapi22 06.04.2011
Zitat von sysopDrei Typen bevölkern die Wirtschaftswissenschaften: Karrieristen, Freizeit-Könige und eine Handvoll Idealisten. Fast alle Studenten suchen allein das Geld und den Erfolg, sagt Lutz von Rosenstiel. Im Interview spricht der Münchner Forscher über den Mangel an Moral bei den Managern von morgen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,749462,00.html
Unverhofft kommt oft! Nur wer sich sozial arrangiert, ein Querdenker ist und Ideen für eine bessere und gerechtere Zukunft hat sollte Kariere machen. Vielleicht setzt sich das durch wenn das BGE eingeführt wird, darum alle man 8. April zur BGE-Demo nach Berlin, Beginn 14 Uhr am Brandenburger Tor! http://www.youtube.com/watch?v=fBUuP2XfSQY
2. hohle Sprücheklopferei um Progressivität vorzutäuschen
Deepthought42.0815 06.04.2011
Querdenker zu sein oder zu fordern ist immer nur ein wohlfeiler inhaltsloser Spruch, sowohl von Bewerbern als auch Personalleuten - nahezu egal in welcher Branche, es gibt nur wenige Ausnahmen. Genommen bzw. bevorzugt wird der aalglatte kantenlose und systemkonforme Schmierölappen. Das ist so, aber man muß ja nicht in oder für solche Firmen arbeiten und kann die ganz wenigen suchen wo das nicht zutrifft.
3. ...
J4cky 06.04.2011
Zitat von merapi22Unverhofft kommt oft! Nur wer sich sozial arrangiert, ein Querdenker ist und Ideen für eine bessere und gerechtere Zukunft hat sollte Kariere machen. Vielleicht setzt sich das durch wenn das BGE eingeführt wird, darum alle man 8. April zur BGE-Demo nach Berlin, Beginn 14 Uhr am Brandenburger Tor! http://www.youtube.com/watch?v=fBUuP2XfSQY
Genau und der Staat sollte dafür sorgen, dass jeder Mittags sein Hähnchin mit Kartoffeln und Soße bekommt. Ihre und weitere Ideen von Foristen sind quasi auf der Stufe von Zensursula. Im Prinzip eine nette Idee, aber unter Restriktion der Realität eine Totgeburt.
4. Entspricht meiner Erfahrung
R1181 06.04.2011
Ich habe mehrfach an Assessments großer Unternehmen teilgenommen, war aber als Politologe eher Außenseiter. Es war für mich total frappierend, dass die meisten der anwesenden Kandidaten keinerlei Interesse an dem zur Vergabe anstehenden Job hatten. Viele stellten sich nur die Frage, welche Karriere durch einen Einstieg bei dieser Firma später begünstigt würde. Wenn ich denen sagte, ich fände es spannend, die angebotene berufliche Aufgabe anzugehen, erntete ich nur abfällige Blicke. Selbstredend bin ich nicht genommen worden. Später habe ich bei einem großen Industrieverband gearbeitet. Bei einer Werbe-Tagung für Studenten der Betriebswirtschaft wurde ein junger Manager als Starredner eingeladen, der innerhalb eines Jahres bei drei Firmen war und mit jedem Wechsel eine Stufe der Karriereleiter nach oben geklettert war. Die anwesenden Chefs fanden den super. Die Frage, ob auch nur einer der Arbeitgeber dieses Karrieristen irgendwas von seiner Beschäftigung gehabt hatte, stellte sich offenbar nicht. Die hätten den alle sofort eingestellt. Und priesen ihn als Vorbild für den Nachwuchs an. Was soll man da noch sagen?
5. Wer studiert den Scheiss
MarkH 06.04.2011
Zitat von sysopDrei Typen bevölkern die Wirtschaftswissenschaften: Karrieristen, Freizeit-Könige und eine Handvoll Idealisten. Fast alle Studenten suchen allein das Geld und den Erfolg, sagt Lutz von Rosenstiel. Im Interview spricht der Münchner Forscher über den Mangel an Moral bei den Managern von morgen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,749462,00.html
um hinterher ohne Kohle dazustehen ???
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Zur Person
LMU München
Lutz von Rosenstiel (Jahrgang 1938) ist emeritierter Professor der LMU München und Autor vieler Standardwerke der Organisations- und Wirtschaftspsychologie. Er beschäftigt sich mit Motivation und Mitarbeiterführung in Unternehmen und untersuchte in mehreren Langzeitstudien die Werdegänger von Absolventen verschiedener Fachrichtungen.
McKinsey sucht die Führungselite von morgen
Die Chance
Sie sind klug, ehrgeizig und leistungsbereit, doch oft sehen viele talentierte Berufseinsteiger ihr Können im Konzernalltag nicht ausreichend wahrgenommen. Da hilft der Vergleich mit anderen - und der Blick über Firmengrenzen. Seit dem Jahr 2000 bietet der Wettbewerb "CEO of the Future" die Chance dazu. Gemeinsam mit namhaften Unternehmen wie Bayer, Credit Suisse, Ergo, Henkel, Metro, Porsche und Vodafone suchen McKinsey, manager magazin und SPIEGEL ONLINE auch in diesem Jahr wieder die Manager der Zukunft.
Die Aufgabe
Im Fokus stehen Young Professionals mit bis zu vier Jahren Berufserfahrung, aber auch examensnahe Studierende sowie Doktoranden mit viel Praxiserfahrung. In der ersten Runde sind die Teilnehmer aufgefordert, in einem Essay ihre Fähigkeit zu kritischem Denken zu beweisen. Sie sollen ausführen, wie sich Erfolg im Jahr 2030 definieren wird und wo Topmanager Prioritäten setzen sollten. Einsendeschluss ist der 25. Mai. Die besten Bewerber werden zu Auswahlworkshops eingeladen, wo sie sich für die zweite Runde qualifizieren können. Dort wird in Wochenendseminaren für Führungsaufgaben und für das große Wettbewerbsfinale in Kitzbühel trainiert. Motivation, interkulturelles Management oder Networking stehen auf dem Stundenplan.
Die Sieger
Die 20 überzeugendsten Kandidaten erreichen die Endrunde - und dürfen am 5. November in Kitzbühel vor erfahrenen Konzernchefs zeigen, was sie draufhaben. Die drei Besten erhalten Karrierebudgets in Höhe von 7000, 5000 und 3000 Euro sowie ein persönliches Mentoring von einem der hochkarätigen Jurymitglieder. Frauen sind den Partnerunternehmen in diesem Jahr besonders wichtig.
Frauen
Fragen, die Nachwuchsmana­gerinnen umtreiben, finden sich in allen Phasen des Wettbewerbs. Zusätz­lich bietet die neu eingerichtete Auftaktveranstaltung "The Female CEO of the Future" Gelegenheit zur Diskussion mit etablierten Topmanagerinnen. Informationen zum gesamten Wettbewerb finden sich im Netz unter www.future-ceo.de , bei E-fellows oder auf der Facebook-Fanpage zum CEO of the Future.

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