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Junger Star-Autor Benedict Wells "Ich galt als Versager"

Benedict Wells: Vom erfolglosen Bohemien zum Star-Autor Fotos
Johanna Feil

Beruf mit Risiko: Wer Schriftsteller werden möchte, muss sich auf Absagen einstellen. Benedict Wells, heute ein gefeierter Jungautor, hat jahrelang erfolglos geschrieben - bis zu dem Anruf seines Lebens.

Nach vier Jahren voller Absagen war Benedict Wells an seinem Tiefpunkt angekommen. Vier Jahre lang hatte er versucht, Schriftsteller zu sein, war direkt nach dem Abitur von München nach Berlin gezogen. Tagsüber jobbte er, nachts schrieb er. Seine Freunde wurden langsam mit dem Studium fertig. Er hatte in vier Jahren nichts erreicht. "Ich galt als Versager. Die tollste Erzählung nützt einem nichts, wenn man keinen Verlag hat", sagt Wells. "Man fühlt sich in seinem Innersten wie ein Hochstapler, der es offiziell nicht geschafft hat."

Wells schickte Exposés und Romanauszüge an alle möglichen Verlage. Doch das einzige, was kam, waren Absagen. "Oft waren sie formell, nur manchmal hatte sich jemand die Mühe gemacht, mir das Gefühl zu geben, ich könnte trotzdem etwas." Bloß bei einem Verlag bewarb er sich nie: bei Diogenes, Heimat vieler Autoren, die Wells bewundert. Eine Absage wäre wohl zu hart gewesen. Wells war kurz davor, mit seinem Berliner Leben abzuschließen. "Der gesellschaftliche Druck, der auf mir lastete, endlich ein 'normales' Leben zu führen, war kaum noch auszuhalten. Ich war entschlossen, Deutschland zu verlassen, ins Ausland zu ziehen, dort notfalls zu kellnern und so lange zu schreiben, bis es klappte", sagt Wells.

Es war Sommer 2007, seinen Nebenjob hatte er schon gekündigt, am nächsten Wochenende wollte er alles hinter sich lassen und nach Edinburgh abhauen. Er wartete nur noch auf eine Nachricht von Thomas Hölzl, einem Agenten, den er ein paar Monate zuvor auf einer Party kennengelernt hatte und der versprochen hatte, sich Wells zweiten unveröffentlichten Roman "Becks letzter Sommer" anzuschauen. "Ich hatte in diese Geschichte alles hineingesteckt, was ich hatte, die ganze Verzweiflung, Angst und Hoffnung, ich hatte im wahrsten Sinne des Wortes um mein Leben geschrieben", sagt Wells.

"Ich möchte Ihr Buch machen"

Dann klingelt das Handy. Hölzl gefällt der Roman, er will sich um einen Verlag kümmern. Doch Diogenes, das sei ziemlich aussichtslos. In einem SPIEGEL-Interview mit dem 2011 verstorbenen Diogenes-Gründer und Verleger Daniel Keel liest Wells, dass der Verlag nur alle drei Jahre einen neuen Autoren nimmt. Nur jedes 9000. Manuskript - so viele treffen in der Zeit ein - wird akzeptiert. Nach einer Woche meldet sich der Agent wieder: "Etwas Unglaubliches ist gerade passiert", sagt er. "Daniel Keel ruft Dich gleich an." Wells erstarrt, endlose Minuten vergehen, dann klingelt es. Schweizer Vorwahl. Eine leise Stimme fragt: "Hallo, sind Sie Benedict Wells?" Ein zittriges "Ja." Pause. Keel sagt: "Ich möchte Ihr Buch machen." Der Roman wird ein Erfolg. "DIE ZEIT" nennt ihn, "das interessanteste Debüt des Jahres".

Es ist eine märchenhafte Fügung, wie gemacht für einen Hollywood-Film. Und selten noch dazu: Während es im Angelsächsischen zahlreiche Kurse und Studiengänge für Kreatives Schreiben gibt, hält sich hierzulande hartnäckig der Glaube, man könne eben schreiben oder nicht. Dass Schreiben auch Handwerk ist, wollen viele nicht einsehen. So gibt es in Deutschland auch gerade mal drei Studiengänge für künftige Schriftsteller: "Literarisches Schreiben" in Leipzig, "Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus" in Hildesheim sowie "Szenisches Schreiben" an der Berliner Universität der Künste. "Wir nehmen jedes Jahr 20 bis 25 Studenten im Bachelor auf", sagt Hans-Ulrich Treichel vom Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Die Zahl der Bewerbungen schwanke zwischen 400 und 600. Alle anderen sind also mehr oder weniger sich selbst überlassen und müssen sich Mentoren und Netzwerke woanders suchen. Vor allem aber brauchen sie Mut und Ausdauer.

Das Bohemien-Leben beginnt mit einem Bruch

So lebte auch Wells vor seinem Durchbruch in einer unrenovierten Bude in Berlin, die Fotos von der Dusche in der Küche und dem abgerockten Treppenhaus präsentiert er heute auf Facebook unter der Überschrift: "Wo 'Spinner' und 'Becks letzter Sommer' geschrieben wurden..." Sein Leben als junger Bohemien in Berlin hatte er bereits mit einem Bruch eingeleitet: Benedict, Cousin des berühmten Schriftstellers Ferdinand von Schirach und Bruder der Jungautorin Ariadne von Schirach, trennte sich von seinem Nachnamen. Er ließ ihn ändern, im Pass, überall.

Seitdem heißt er Wells, der Name ist eine Hommage an eine Romanfigur seines Lieblingsschriftstellers John Irving. Erst nach seinem dritten Buch wurden die Hintergründe bekannt - gegen seinen Willen. Er wollte es allein schaffen. Und außerdem, so sagt er, hätten einige Leute ohnehin falsche Vorstellungen. So kam er nach einem Krankheitsfall in der Familie bereits mit sechs Jahren auf ein staatliches Internat, und seine Jugend sei alles andere als im finanziellen Überfluss verlaufen.

Wells' vierter Roman ist in Arbeit und wird, wie die Vorläufer, bei Diogenes erscheinen. Mittlerweile wohnt der nun 28-Jährige in einer WG in Barcelona und will Vieles nachholen. "Ich war viel allein, hatte kein Studentenleben und keine Reisen." Gerade sitzt er mit einem Regisseur zusammen und bespricht die Verfilmung eines seiner Bücher. Bald möchte er seine Zelte in Spanien abbrechen und reisen. Vielleicht fährt er auch mal nach Süditalien. Sein erster veröffentlichter Roman "Becks letzter Sommer" beginnt mit den Worten: "Als er bei Neapel vor einem Lokal parkte, hatte Beck acht Stunden Fahrt und sein ganzes Leben hinter sich." Benedict Wells hat sein literarisches Leben noch vor sich.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Jan Söfjer (Jahrgang 1980) hat Online-Journalismus in Darmstadt studiert und die Zeitenspiegel-Reportageschule absolviert. Heute arbeitet er von Trier aus als freier Journalist.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ooooha!
lomexx 15.03.2013
Der junge Spross derer von Schirachs hat also vier harte Jahre in einer Berliner Altbauwohnung durchlitten, bevor sich seine familiär bedingten Kontakte in die Verlagsszene endlich bezahlt machten. Solche Geschichten machen wirklich Mut...
2.
wanneeickel 15.03.2013
Muß gestehen: ich fand den Artikel auch schön schnurrig. Stelle mir dabei die Leserin vor, die, die Kaffeeetasse mit zwei Händen umklammert, ungeschminkt mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa sitzt und auf dem Apple Geschichten liest, die das Leben schrieb. Oder jemand anderes. Ach ja: bereits das Photo ist dermassen prätentiös daß man fast ahnen kann wie der Artiekl sein wird: albern. Und was soll ich sagen: man wird nicht enttäuscht.
3. Schönes Portrait
rb-berlin 15.03.2013
Ich habe "Becks letzter Sommer" sehr gerne gelesen und wollte schon immer mal was über den Autor erfahren. Deswegen danke für dieses schöne Portrait. Ärgerlich nur, dass sich hier gleich wieder solche Trolle wie "lomexx" wichtig machen, die sich noch nicht mal die Mühe machen, einen Text zu lesen, bevor sie ihren Müll hier absondern. Aus dem Text geht doch mehr als deutlich hervor, dass Benedict Wells eben nicht seinen familiären Hintergrund genutzt hat. Den Namen hat er doch abgelegt und von "familiär bedingten Kontakten in die Verlagsszene" ist in dem Artikel nichts zu lesen. Seinen Agenten hat er auf einer Party kennengelernt, die wohl nicht bei seinem Cousin stattgefunden hat.
4. Glückwunsch
krysanthem 15.03.2013
Ganz egal, wie die Umstände sind, die zu seinem ersten Buch geführt haben. Es tut gut zu lesen, dass es auch heute noch Menschen gibt, die es fertig bringen einer Passion zu folgen, auch wenn die Gesellschaft Widerstand leistet. Hut ab! Mehr junge talentierte Schriftsteller braucht das Land!
5.
EmilGentner62 15.03.2013
Zitat von lomexxDer junge Spross derer von Schirachs hat also vier harte Jahre in einer Berliner Altbauwohnung durchlitten, bevor sich seine familiär bedingten Kontakte in die Verlagsszene endlich bezahlt machten. Solche Geschichten machen wirklich Mut...
Als ob der renommierte Schweizer Diogenes Verlag um Daniel Keel, der einst Daniel Kehlmann und Solschenizyns "Archipel Gulag" ablehnte, sich von so etwas beeinflussen lässt.
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