ThemaJuraRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Jura-Absolventen Sklaven der Noten

Volldemütigend: Juristen im Würgegriff der Noten Fotos
Corbis

Juristen sind von Haus aus dünkelhaft: In anderen Fächern spült eine weiche Welle Studenten zu Kuschelzensuren, die Rechtswissenschaften sind beinhart. Nur ein Prädikatsexamen berechtigt zu den schönsten Berufshoffnungen. Wer es nicht schafft, erntet scheele Blicke - oft lebenslänglich.

Mit einem "Befriedigend" in beiden Staatsexamina war Philip Nieder (Name geändert) schlecht gerüstet für den Arbeitsmarkt und kassierte etliche Absagen. Ihm half schließlich gutes Timing: Ein Oberlandesgerichtsbezirk hatte so großen Personalbedarf, dass auch Kandidaten mit mäßigen Noten die Chance erhielten, sich im Assessmentcenter zu beweisen. Nieder konnte die Fragen aus der Praxis souverän beantworten und sitzt nun in der Kammer eines Landgerichts - ein Traumjob für Absolventen der Rechtswissenschaften. "Es war Zufall", sagt Nieder heute.

Denn er hatte es nicht, das Prädikatsexamen, Fixpunkt aller Studenten und Referendare, Freibrief für ein erfülltes und lukratives Berufsleben. "Internationale Anwaltskanzleien suchen bei ihrer Personalauswahl grundsätzlich nach Absolventen mit Prädikat", erläutert Christoph Hommerich, Geschäftsführer des Instituts für Anwaltsmanagement.

Prädikat, das ist mindestens "vollbefriedigend", kurz: "vb". Wer diese Juristenspezialität schafft, darf sich auf die Schuler klopfen. Was nach einer Drei in der Schule klingt und unter Juristen als Zwei gilt, erreichten im staatlich geprüften Teil der juristischen Examina des Jahres 2008 laut Ausbildungsstatistik lediglich knapp 20 Prozent der Kandidaten - dabei beginnt das "vb" schon bei nur neun von maximal 18 Punkten.

Fotostrecke

7  Bilder
Hungertuch-Alarm: Was Junganwälte verdienen
Die Notengebung bei den Staatsexamina der Juristen ist traditionell knüppelhart. Und will sich nicht einfügen in den Notenkosmos der anderen akademischen Disziplinen: Mit Schmeichelzensuren werfen die Hochschulen nur so um sich. So räumten 52 Prozent aller Psychologie-Absolventen die Note "sehr gut" ab, sogar 94 schafften mindestens ein "gut" - alle Spitze, jedenfalls auf dem Papier. Die weiche Welle spült auch Studenten vieler anderer Fächer mit Top-Noten durch die Prüfungen. Ob Physik oder Geschichte, ob Maschinenbau oder Germanistik: Zwischen 80 und 90 Prozent der Absolventen sind "gut" oder "sehr gut".

Volldemütigend: "Studenten werden kleingehalten"

Die Juristen reißen, mehr noch als die Mediziner, deutlich nach unten aus. Nur bei der Promotion urteilen die Professoren der Rechtswissenschaften ebenso milde wie die Kollegen: Zwei Drittel der Jura-Doktoranden bekommen "summa cum laude" oder "magna cum laude". In den Staatsexamina dagegen waltet eine Strenge, die zum Selbstverständnis des Faches gehört. Davon zeugen auch die hohen Durchfallerquoten nach vielen Semestern Studium und Referendariat.

Andere akademische Disziplinen mögen zu lasch urteilen, die Juristerei aber beweist eine absurde Härte. Studenten würden durch das Notensystem kleingehalten, das sei geradezu ein Motivationsblocker, kritisierten kürzlich die beiden Hamburger Rechtswissenschaftler Paul Hauser und Felix Wendenburg in einem Fachaufsatz der "Zeitschrift für Rechtspolitik". Zur Demütigung trage auch der Jargon des Systems bei: "Vollbefriedigend", das sei "ein Wort, das in keinen anderen Lebenszusammenhang passt und noch nicht einmal im Duden steht", schreiben die Forscher. Schönere Adjektive gibt es auch für Juristen, aber nur selten: "Gute" Leistungen erbrachten im Jahr 2008 zwei bis drei Prozent der Kandidaten im staatlichen Prüfungsteil, "sehr gute" gibt es nur im niedrigen Promillebereich.

In vielen anderen Berufssparten ist die Abschlussnote für Personaler eher eine interessante Zusatzinformation, nicht unbedingt zentral für die Entscheidung über Zu- oder Absage. Ganz anders bei Juristen - wer Richter oder Staatsanwalt werden oder bei einer Top-Kanzlei reüssieren will, braucht das begehrte Prädikat. Mindestens bedeuten schlechte Noten scheele Blicke, unter Juristen geradezu lebenslang.

Geplatzte Deals wegen schlechter Noten

Richter Nieder etwa fürchtet nach seinem Berufseinstieg, dass Streitparteien und deren Anwälte ihn nach seinen Noten beurteilen könnten. "Ein Prädikatsexamen ist auch bei einem späteren Stellenwechsel immer noch äußerst wichtig", bestätigt Marktforscher Hommerich. "Allerdings wird hier in aller Regel auch die erworbene Berufserfahrung mitbeurteilt, so dass sich der Stellenwert der Examensnote mit zunehmendem Abstand von Examen relativiert."

Das funktioniert offenbar nicht immer: "Ich habe schon Partner-Deals kaputtgehen sehen, weil die Note nicht stimmte", berichtet Till Schöppe, Headhunter bei Shilton Sharpe Quarry, einer auf Juristen spezialisierten internationalen Personalberatung. Wechsle ein Partner in eine neue Kanzlei, würden im Vorwege zahlreiche Gespräche geführt, Business-Pläne geschrieben, es winke höherer Verdienst. Doch als in jenem Fall die Note zur Sprache kam, platzte das Geschäft.

Vertrauen Sie mir, ich bin Anwalt
Schein und Wirklichkeit
Die Juristerei gilt noch immer als Disziplin mit einem gewissen Glamour-Faktor. Fernsehen und Kino sind daran nicht unschuldig. Der Berufsalltag ist meist weit trister, vor allem für Jungjuristen, die frisch aus Studium und Referendariat kommen: Sie balgen sich um die attraktiven Stellen und müssen sich ansonsten durchhangeln.
Die Absolventen: Rivalen der Rennbahn
Auch wenn die "Juristenschwemme" inzwischen etwas nachlässt, ist der Anwaltsmarkt immer noch ein Verdrängungsmarkt - es gibt nach wie vor mehr Anbieter als Abnehmer. Rund 233.000 Juristen waren nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2008 in Deutschland erwerbstätig, 23 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Seit 2001 ist die Zahl derer, die das zweite juristische Staatsexamen abschließen, zwar rückläufig. Doch noch immer drängen um die 8000 sogenannte Volljuristen jährlich auf den Arbeitsmarkt.
Ihre Chancen: Wolle mer se reinlasse?
Die wenigsten haben Chance auf eine Stelle im Staatsdienst, vier von fünf Volljuristen werden Rechtsanwalt. Bundesweit 20.000 Richtern und Staatsanwälten standen Ende 2008 fast 147.000 Rechtsanwälte gegenüber. Inzwischen sind schon mehr als 153.000 - dabei sinken die Zugangszahlen auch hier seit einigen Jahren.
Die Notenfixierung führt Schöppe auch auf das Traditionsbewusstsein der Juristen zurück. Im globalen Wettbewerb verlangen Kanzleien und Unternehmen zudem nach Mitarbeitern, deren Qualifikation sichtbar ist - auch, um die bisweilen schwindelerregenden Honorare zu rechtfertigen. Stundensätze können über 500 Euro liegen, schon Berufseinsteiger 100.000 Euro als Jahresgehalt in Top-Kanzleien erreichen.

Immerhin, Schöppe weiß auch von einzelnen Nischenjuristen zu berichten, die sich sogar mit zwei "ausreichend" eine gute Justitiarsposition erkämpft hätten. Konkreter will er allerdings nicht werden, um seine Kunden nicht zu entblößen.

Die Note auf der Grabschleife

"Man sagt, der Staat werde die Note noch auf die Grabschleife drucken", sagt lachend Heino Schöbel, Leiter des Bayerischen Justizprüfungsamtes, mit hörbarem Stolz: "Ich denke, dass juristische Staatsexamina besonders aussagekräftig sind, aussagekräftiger als die anderer Studiengänge." Eilig fügt er an, auch Schlüsselqualifikationen und Auslandsaufenthalte seien wichtig.

Dass damit die berufliche Zukunft sehr von Fortuna abhängt, lässt Schöbel nicht gelten - "der Glücksfaktor ist sehr, sehr gering". Zunächst schreibe man eine Vielzahl von Klausuren, die wiederum jeweils von zwei Korrektoren bewertet würden - und dann gebe es ja auch noch den Verbesserungsversuch.

Das "System Prädikat" hat auch Abweichler: Alexander Unverzagt, ein bekannter Medienanwalt aus Hamburg, hat vor über zehn Jahren einmal die Bedeutung der Note öffentlich relativiert - darüber munkeln Studenten noch heute. Auch er meint, dass ein Jurist mit elf Punkten durchaus eine strukturiertere Herangehensweise hat als einer mit vieren. Aber Unverzagt will unvoreingenommen bleiben: "Ich sage Referendaren nach einiger Zeit, wie ich sie wahrnehme. Danach frage ich, wie denn das Examen war."

Und dann hat der Anwalt noch eine ermutigende Botschaft für alle Verzweifelten: Er habe einmal einen Referendar mit nur einem "ausreichend" im ersten Staatsexamen gehabt; der sei stets sehr kreativ gewesen, aber eben zu kreativ fürs Juristische. Inzwischen sei er dennoch in einer guten Kanzlei gelandet. "Er hat mir gut gefallen, weil er ein Kämpfer war", sagt Unverzagt. "Ich habe lieber einen Kämpfer als jemanden mit 15 Punkten." Den Namen des Kämpfers nennt aber auch er nicht.

Hendrik Wieduwilt (Jahrgang 1980) ist freier Journalist in Berlin und Doktorand am Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht in Münster.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Junge Juristen":

Montag - Junge Juristen: Wettbewerb aus der Wohnzimmerkanzlei
Dienstag - TV trifft Realität: Wie echt ist Danni Lowinski?
Mittwoch - Fachjargon-Quiz: Versteh den Anwalt
Donnerstag - Jura-Absolventen: Sklaven der Noten
Freitag - Anwalts-Lexikon: Advokat von A bis Z
Samstag - Brief an junge Juristen: Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Scheine falsch studiert zu haben...
Geisterkarle 31.03.2011
... oder wie kann es sein, dass in meinem "Kuschelkurs" Informatik im 1. Semester ca. 70% durch Mathe durchgefallen sind und es nur eine einzige "gut" gab ("sehr gut" gar nicht vorhanden)? Die dollen Juristen sollen mal von ihrem hohen Ross runter kommen, dass sie so schwer ackern müssen etc. Das müssen viele andere auch! Oder zählt das nicht, wenn man nicht den ganzen Tag im Designeranzug rumläuft?
2. Der lähmende Überschuss an Juristen.
Maputo 31.03.2011
Sarrazin hätte in einem eigenen Kapitel mit erwähnen müssen, dass sich Deutschland massgeblich auch durch den Überschuss an Juristen abschafft. Dieselben haben sich schneller vermehrt als die Karnickel in Australien, schieben sich nach Art des PingPong zwischen Legislative und Exekutive die Bälle zu und das staunende Volk blickt noch fassungslos zu ihnen, die ihren Nimbus und Heiligenschein selbst produzieren, auf. In der deutschen Kastengesellschaft sind inzwischen die Jurissten die Brahmanen, während die Ingenieure zu Unberührbaren mutiert sind.
3. Die anderen sind die Doofen
thepollux 31.03.2011
---Zitat--- Ob Physik oder Geschichte, ob Maschinenbau oder Germanistik: Zwischen 80 und 90 Prozent der Absolventen sind "gut" oder "sehr gut". ---Zitatende--- Die Gleichsetzung von Physik, Germanistik und Jura sagt schon alles über den Artikel aus. Da fehlt nur noch eine Aussage wie "Wenn man sich die Abbruchquoten wegen nichtbestandener Klausuren in den MINT-Fächern ansieht, sieht man, dass nur minderbemittelte MINT studieren." Gibt es einen vielleicht einen Grund, dass es mehr Jura-Absolventen als Mathematiker oder Informatiker gibt? Könnte es vielleicht sein, dass schwache Studenten in den MINT-Fächern kein Dilpom/keinen Master bekommen, während sie in anderen Fachrichtungen einfach eine 4 bekommen? Ich kann nur für mein Informatik-Studium sprechen: Dort saßen nach 2 Semestern noch exakt 10% der Studenten. Die Hälfte ist dann nochmal während des restlichen Studiums weggebrochen - für Juristen (aus dem Quiz:"Aber Juristen scherzen gern selbst darüber, dass sie von Geburt an kein Mathe können, sonst hätten sie ja nicht Jura studiert."): ja, auch wenn nur noch 10% da sind, können noch 50% ihr Studium abbrechen ;-).
4. Kuschelzensuren..
+lilienthal 31.03.2011
.. gibt es so nicht, zumindest nicht im ingenieurwissenschaftlichen Bereich. Je nach Anspruch der Universität ist auch eine gute BWL-Note mit einigem Aufwand verbunden. Das Leid der Juristen als das höchste darzustellen trifft es nicht ganz, Pharmazeuten, Mediziner und Ingenieure bekommen beileibe auch nichts geschenkt.
5. Unsinn!
tlogor 31.03.2011
In den meisten Fächern an der Universität ist eine drei die ganz normale Note. Da Jura häufig wohl von wenig Begabten gewählt wird, braucht man wahrscheinlich Leute mit "Prädikatsexamen", damit man als Richter oder Staatsanwälte wenigstens Leute mit knapp durchschnittlicher Intelligenz hat. Man denke nur an unseren hochkompetenten Aussenminister. Lächerlich, die Aussage von wegen "Knüppelhart".
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsstart
RSS
alles zum Thema Jura
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Verwandte Themen

Erste Hilfe für Junganwälte
Höhenflug oder Bruchlandung: Wenn Jura-Absolventen sich selbständig machen, kämpfen sie mit viel Gegenwind. Wer hilft bei der Kanzleigründung, wer warnt vor Fallen im Anwaltsalltag? KarriereSPIEGEL gibt einen Überblick. mehr...
Fotostrecke
Winkel-Advokaten: Die Spezialisten


Social Networks