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Juristen ohne Examen Wie ein Friseur mit Haarspray-Allergie

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Corbis

In die Prüfungen gehen junge Juristen mit Heulen und Zähneklappern: Im ersten Staatsexamen scheitern 30 Prozent, im zweiten zehn Prozent. Anwalt oder Richter können sie dann nicht mehr werden. Aber auch Diplom-Juristen sind gefragt - "Legal Tribune ONLINE" zeigt, welche Berufschancen sie haben.

Der Friseur mit Haarspray-Allergie, der Bauarbeiter mit Bandscheibenvorfall, der Jurist ohne zweites Staatsexamen - sie alle haben im Arbeitsamt-Jargon eines gemeinsam: ein "Vermittlungshemmnis". Keiner von ihnen kann mehr in seinem ursprünglich erlernten Beruf arbeiten, bedeutet das, aus dem Behördendeutsch übersetzt. Für Juristen ist das frustrierend nach einem vier- bis fünfjährigen Studium, mit einem bestandenen ersten Staatsexamen und zwei Jahren Referendarszeit.

Entsprechend groß war bei Maximilian Strunk (Name geändert) die Sorge am Abend vor dem dritten Durchlauf des zweiten Staatsexamens - der letzten Chance. "Weil mir die Klausurpraxis fehlte, hatte ich beim ersten Mal zu wenige Prüfungen bestanden. Im zweiten Versuch fehlten dann die materiell-rechtlichen Kenntnisse", erzählt er.

Dabei war es für den 31-Jährigen bis dahin so gut gelaufen: Im Studium war er nach acht Semestern scheinfrei, das erste Examen bestand er sofort, auch das Referendariat machte ihm Spaß. "Eigentlich bin ich mit einem guten Gefühl in die Prüfungen gegangen."

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Volldemütigend: Juristen im Würgegriff der Noten
Das schwand rasch, als die Ergebnisse der Prüfungen zurückkamen. Nach dem zweiten Versuch hielt er daher vorsichtshalber schon einmal Ausschau nach einem Beruf für Juristen mit dem ersten Staatsexamen, für so genannte Diplom-Juristen. "Ich hatte mich schließlich darauf eingestellt, dass es im dritten Anlauf vielleicht auch nichts werden würde", sagt Maximilian Strunk.

Gute Chancen im gehobenen öffentlichen Dienst

Im öffentlichen Dienst, beim Jobcenter der Agentur für Arbeit und im Kulturmanagement bewarb er sich. Und bekam keine Antwort, weder positiv noch negativ. Nach der Prüfungsphase beantragte er erst einmal Arbeitslosengeld I.

Dabei hatte Strunk sich auf klassische Berufe für Juristen ohne zweites Examen beworben. "Diese Jobs sind typischerweise häufig an der Schnittstelle zu anderen Fachgebieten angesiedelt", sagt Florian Holz. Er betreut als Arbeitsvermittler im Team für akademische Berufe der Agentur für Arbeit in Köln derzeit gut 340 Juristen. Davon haben rund zwei Prozent das zweite Examen auch im dritten Versuch nicht bestanden.

Ihnen empfiehlt er beispielsweise die Bewerbung im gehobenen öffentlichen Dienst, etwa bei einem Jobcenter. Dort sind ihre sozialrechtlichen Kenntnisse und die praktischen Erfahrungen aus dem Referendariat gefragt. "Bewerben sich etwa BWL-Absolventen und Diplom-Juristen auf eine solche Stelle, haben die Juristen meist Vorteile", so Holz. Auch in der freien Wirtschaft hätten sie gute Chancen, bei Versicherungen zum Beispiel oder als Sachbearbeiter in der Rechtsabteilung.

Manchmal muss doch noch ein Studium sein

Dennoch: Die Aufstiegsmöglichkeiten in diesen Berufsfeldern sind häufig begrenzt. Eine fachliche Weiterbildung, gepaart mit entsprechender Berufserfahrung, kann das ändern. "Sind die Juristen bereit, den weiteren Zeitverlust in Kauf zu nehmen, stehen ihnen durchaus Aufstiegschancen offen", sagt Holz.

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Jura? Ohne mich: Verkrachte Juristen und andere Studienabbrecher
Viele Fachhochschulen und Universitäten bieten ein- bis zweijährige Masterstudiengänge zu einzelnen Rechtsgebieten an. Oft ist es auch möglich, den Master berufsbegleitend zu absolvieren, etwa an einer Fernuniversität. Wer es sich finanziell erlauben kann, kann den Master sogar im Ausland absolvieren und so zum Beispiel das amerikanische Recht kennenlernen. Mit einem LL.M. in der Tasche haben Diplom-Juristen auf dem Fachgebiet, auf das sie sich spezialisiert haben, in aller Regel noch ein Alleinstellungsmerkmal.

Manchen der von ihm betreuten Juristen empfiehlt Florian Holz auch erst einmal, auf die gesammelte Berufserfahrung in den Wahlstationen zurückzugreifen. Ein erneutes Praktikum könne helfen: "Dabei können sie ihr Netzwerk wieder aktivieren, aktualisieren und ausbauen, sowie ergänzende praktische Erfahrung sammeln." Wer etwa beim Arbeitgeber der Wahlstation oder bei einem bekannten Anwalt tätig wird, kann gezielt auf dem Rechtsgebiet Expertenkenntnisse sammeln, auf dem er später gern arbeiten würde.

Im Notfall bleibt noch: Umorientieren

Fruchten all diese Versuche nicht, orientieren sich einige Diplom-Juristen noch einmal ganz um. Als Beispiele nennt Florian Holz Weiterqualifizierungen in Wirtschaftswissenschaften oder praktische Erfahrungen im Bereich der PR. Für Maximilian Strunk bot das Steuerrecht, eines seiner liebsten Rechtsgebiete aus dem Studium, eine Perspektive: "Wäre es mit dem Examen nichts geworden, hätte ich mich nach einer zweijährigen Praxiszeit wohl zum Steuerberater umschulen lassen."

Dieser zusätzliche Lernaufwand bleibt ihm nun erspart. Vor kurzem erhielt Strunk die Ergebnisse des dritten Examensversuchs: Er hat bestanden. Von der Agentur für Arbeit vermittelt, besuchte er ein Existenzgründerseminar und wird nun als Sozius in die Kanzlei eines Bekannten eintreten. Die zweiwöchige Probearbeitszeit bot eine willkommene Abwechslung, denn: "Irgendwann hat man nicht mehr die Kraft, sich für das Lernen zu begeistern."

Wichtig, so sagt der Arbeitsvermittler, sei trotzdem, nach der ersten Frustration über das verpatzte Examen neue Motivation zu finden. "Eigeninitiative ist in dieser Situation von großer Bedeutung", so Florian Holz. Sich etwa bei Bekannten und ehemaligen Arbeitgebern nach freien Stellen zu erkundigen, Jobbörsen im Internet zu konsultieren.

Und nicht den Mut zu verlieren, schließlich sind die Diplom-Juristen in guter Gesellschaft: Auch der "Eiserne Kanzler" Otto von Bismarck schwänzte das zweite Examen, ebenso Karl-Theodor zu Guttenberg, ein entfernter Verwandter durch die Heirat mit Bismarcks Ururenkelin Stephanie, geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen. Mit der politischen Karriere klappte es bei den beiden trotzdem - mehr oder weniger. Aber das ist ein anderes Kapitel.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anna K. Bernzen (Jahrgang 1990) arbeitet als freie Journalistin in Mannheim und London. Ihr Beitrag erschien zuerst auf "Legal Tribune ONLINE".

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