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Karriere im Mittelstand Per Express in die Chefetage

3. Teil: Der Charme und die Tücken der Provinz - "wir liegen hier an der Kreuzung der A 4 mit der A9"

Doch auch bei Juwi sind die Chefs ganz oben einstweilen noch Männer. Neben den beiden Gründern, die Mitte der neunziger Jahre gleich nach dem Studium starteten, sitzt Jochen Magerfleisch im Vorstand. Er verantwortet Personal, Recht, interne Services und Organisationsentwicklung, "Menschen und Prozesse", wie er seine Aufgaben zusammenfasst. Die werden zunehmend komplex: Arbeiteten im Jahr 2000 gerade 30 Menschen bei Juwi, war die Zahl 2010 schon auf 1100 gestiegen. Ende 2011 werden es 1600 sein. In diesem Jahr wird voraussichtlich die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro übersprungen, das Geschäft wächst mit hoch zweistelligen Raten und hat durch den Atomausstieg noch mehr Fahrt gewonnen.

Nachwuchssorgen kennt Juwi nicht: In diesem Jahr rechnet das Unternehmen mit 24.000 Bewerbungen, nicht nur wegen der freundlichen Kindertagesstätte auf dem Betriebsgelände oder wegen des Beachvolleyball-Feldes, des Rasenplatzes für Fußball oder der Biokantine. Noch verlockender scheint vielen die Perspektive, an vorderster Ökofront zu arbeiten.

"Wenn man wie ich gegen Atom- und Kohlekraftwerke ist, denkt man auch darüber nach, wofür man plädiert", beschreibt Magerfleisch, früher Unternehmensberater und Vorstand eines Immobilienunternehmens, was ihn vor drei Jahren zu Juwi geführt hat. Entsprechend achtet er heute bei Bewerbern darauf, ob sie die Unternehmensziele ("Raus aus dem gegenwärtigen Energieregime") teilen. Zweite Einstellungsbedingung bei Juwi: "Unsere Manager müssen eine Hands-on-Mentalität haben, wir stecken alle auch im Tagesgeschäft." Erst danach kommen die fachlichen Kriterien wie Ausbildung und Erfahrung.

Von der Großstadt in die Randlage von Zeulenroda

Das rasante Wachstum stellt besondere Probleme. "Vor zwei Jahren waren wir noch ein kleiner Mittelständler, hier herrschte ein Spirit wie in der sprichwörtlichen Gründergarage, heute brauchen wir wegen der rasant gewachsenen Größe und Komplexität mehr Ausdifferenzierung, es geht nicht mehr alles auf Zuruf", sagt Magerfleisch, "es ist unsere größte Herausforderung, professioneller zu managen, ohne bürokratisch zu werden."

Mit dem Management per Zuruf hat auch Götz-Peter Bierlich seine Bekanntschaft gemacht. Der Jurist hatte nach Erfahrungen beim Treuhandnachfolger BvS in einer Berliner Wirtschaftskanzlei gearbeitet, als ihn ein Angebot von Bauerfeind erreichte. Im Jahr 2000 fing der heute 43-Jährige bei einem der weltweit führenden Hersteller von Bandagen, medizinischen Kompressionsstrümpfen und orthopädischen Einlagen als Controller an. "Ich musste sofort die kaufmännische Leitung eines Bauprojekts übernehmen, dazu als Assistent der Geschäftsleitung aushelfen, eine Betriebsprüfung betreuen sowie die Bankkontakte pflegen", erinnert sich Bierlich an seinen rasanten Start.

Für den bunten Strauß an Aufgaben wechselte der Großstädter gern ins beschauliche Zeulenroda in Thüringen. Randlage, wieso? "Wir liegen hier an der Kreuzung der A 4 mit der A 9", sagt Bierlich nur halb im Scherz, "aber es ist schon klar: Wer nicht ohne seinen Edel-Italiener an der Ecke auskommen kann, hat hier Probleme." Er rühmt die Vorzüge der Provinz, gerade für Familien: "Hier gibt's kurze Wege zur Schule, genügend Kindergartenplätze, tolle Natur."

"Hier fragt keiner nach Zuständigkeiten"

Bierlich hat bei Bauerfeind eine rasante Karriere gemacht: 2003 übernahm er das Rechnungswesen, avancierte 2005 zum Bereichsleiter Finanzen und nahm vertretungsweise die Verantwortung im Vorstandsressort für Personal, Finanzen, Controlling, IT und Qualitätsmanagement wahr. "Eine umfassende Herausforderung" nennt Bierlich seinen Job, "aber so geht's im ganzen Unternehmen: Alle müssen die Bereitschaft zum übergreifenden Arbeiten mitbringen - da fragt keiner nach Zuständigkeiten."

Bauerfeind-Personalchefin Claudia Lehmann-Uthe ergänzt das Anforderungsprofil: "Wir suchen offene Personen, die auch mit dem Vorstand furchtlos reden, die Veränderung nicht nur ertragen, sondern selbst voranbringen - solche Menschen fühlen sich im Großkonzern vielleicht weniger wohl."

Um die Richtigen nach Zeulenroda zu locken, betreibt sie aktives Personalmarketing. Praktika für Schüler und Studenten sind selbstverständlich ("Ein Ex-Praktikant ist heute Bereichsleiter"), es gibt Kooperationen mit der Fachhochschule Jena und der Fachhochschule Münster. Die Gehälter verspricht Claudia Lehmann-Uthe, sind wettbewerbsfähig: "Wir zahlen Marktpreise." Und auch bei der Weiterbildung meint sie, dass Bauerfeind mit Großkonzernen mithalten kann: "Wir sind ein innovatives Unternehmen und können unseren Vorsprung nur halten, wenn wir in unsere Leute investieren."

Ein Trumpf sind jedenfalls die Karrierechancen. "Wer bereit ist, Verantwortung zu tragen, macht im Familienunternehmen fast automatisch Karriere", sagt Götz-Peter Bierlich, "denn Leistung wird vom Eigentümer wahrgenommen." Die Orientierung auf Aufstieg und Erfolg hält er für selbstverständlich: "Karriere machen zu wollen ist doch nicht verwerflich."

Michael Gatermann ist Chefredakteur des Medienbüros Extern. Sein Artikel erschien zuvor im Karriere-Supplement des manager magazins.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
jan2118 05.01.2012
Zitat von sysopDas Gros der jungen Akademiker zieht es zu Großunternehmen. Muss es denn unbedingt ein Konzern sein? Wer rasant Karriere machen will, ist oft im Mittelstand besser aufgehoben. Dort wird schnell entschieden. Und rasant befördert. Ab durch die Mitte - auch die Provinz hat ihren Charme. Karriere im Mittelstand: Per Express in die Chefetage - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,806773,00.html)
Auch ich bin von einigen Jahren in die Großindustrie gegangen. War eine gute Erfahrung. Aber irgendwann hab ich es nicht mehr ausgehalten und bin in den großen Mittelstand gewechselt. Aufgabengebiet ist größer, Job ist vielseitiger und Chancen auf einen aufstieg sind tatsächlich größer! Ich bereue es auf keinen Fall, auch wenn die Sozialleistungen in der Großindustrie besser sind!
2. Per Express stimmt nicht ganz.
marypastor 07.01.2012
Zitat von sysopDas Gros der jungen Akademiker zieht es zu Großunternehmen. Muss es denn unbedingt ein Konzern sein? Wer rasant Karriere machen will, ist oft im Mittelstand besser aufgehoben. Dort wird schnell entschieden. Und rasant befördert. Ab durch die Mitte - auch die Provinz hat ihren Charme. Karriere im Mittelstand: Per Express in die Chefetage - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/0,1518,806773,00.html)
Wer gut ist, kommt sowohl im Mittelstand als auch im Konzern schnell weiter. Konzern koennte evtl. noch besser sein. denn im Mittelstand haben wir meistens Famlienunternehmen, und da werden oft sehr seltsame Eintschedungen bezueglich der Unterbringung von Familienmitgliedern in Top-Jobs getroffen.
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