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Arbeitslos nach dem Studium Jung, fähig sucht...

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Corbis

Das große Suchen nach dem Abschluss: Traumjob, wo bist du nur?

Ethnologin, sehr guter Abschluss - und dann arbeitslos: Wer nach der Uni keinen Job findet, ist schnell frustriert. Die Arbeitsagentur verspricht Hilfe. Ein Beratungsgespräch.

Junge Idealisten, Traumtänzer, akademische Exoten, sie alle kommen zu Annedore Bröker. Bei ihr suchen sie Rat, Sicherheit, eine Perspektive. Manche sachlich, manche verzweifelt, die meisten frustriert.

Bröker, 59, arbeitet seit 33 Jahren bei der Arbeitsagentur Hamburg und berät Hochschulabsolventen. Ihr Büro ist abgedunkelt, ihr Namensschild auf dem Tisch mit der Schreibmaschine getippt. Brökers Frisur ist perfekt, sie trägt eine Perlenkette, dazu Chucks. Hier, in diesem Kabuff, hört sie unzählige Geschichten über Schicksalsschläge, Hoffnungen und Wünsche.

Jedes Jahr machen rund 400.000 Absolventen ihren Abschluss an einer Fachhochschule oder Universität, Tendenz steigend. Ingenieuren oder Informatikern gelingt der Sprung vom Uni- ins Berufsleben oft leicht. Für andere ist er schwieriger, beispielsweise für Biologen oder Geisteswissenschaftler wie Marie*.

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Bewerbungspannen: 15 kuriose Missgeschicke
Sie ist zum ersten Mal hier und heute Brökers erste Kundin. Marie ist 30 Jahre alt, hat Ethnologie und Indologie studiert, Abschluss sehr gut. Nach dem Studium hat sie eine Auszeit genommen, um einen Roman zu schreiben. Dessen Ende ist aber, wie sie sagt, noch nicht in Sicht. Nebenbei jobbt sie in einem Restaurant. Heute sitzt sie hier und sagt, sie wolle gerne Journalistin werden. Marie spricht lange, erzählt, schweift ab, Bröker unterbricht sie kaum - nur ein einziges Mal, sie fragt: "Warum?"

Wie Marie bekommen viele Absolventen Absagen und suchen und warten weiter. Experten sprechen von "Sucharbeitslosigkeit". In der Zeit, rät Bröker, darf man auf keinen Fall den Anschluss verlieren. "Jobben Sie, nehmen Sie ein fachlich passendes Ehrenamt auf oder machen Sie zur größten Not noch ein weiteres Praktikum."

"Ich bin davon überzeugt, dass ich schreiben kann"

Auf Brökers Frage "Warum Journalistin?" schaut Marie beiseite, hält sich die Hand vor den Mund, zuppelt am Pullover. "Weil ich davon überzeugt bin, dass ich schreiben kann", sagt sie schließlich. Ihre Herzensangelegenheit sei aber das literarische und nicht das journalistische Schreiben. Sie wisse nicht, ob sie Letzteres könne, und hat deshalb überlegt, noch ein Fernstudium zu machen.

Heute hat sie Bewerbungsunterlagen dabei - für ein Volontariat in der Öffentlichkeitsarbeit. Ihr sei klar, dass das etwas anderes als Journalismus sei. Dann friemelt sie aus ihrer grünen Mappe noch mehr Unterlagen, bis schließlich über den ganzen Tisch verstreut Blätter liegen. Dazwischen sitzt Marie, blickt auf ihre Bewerbung und sagt: "Ich weiß nicht, ob mich das nicht eher von dem wegbringt, was ich wirklich will."

Die Phase der Sucharbeitslosigkeit ist für Akademiker meist kurz. Die genaue Dauer ist abhängig von der Anzahl der Absolventen und der konjunkturellen Lage der jeweiligen Branche. Die meisten treten spätestens zwölf Monate nach Abschluss in eine reguläre Beschäftigung ein.

"Angeschlagene Phase"

Der Weg dahin, über Praktika oder Aushilfsarbeiten, ist aber häufig zermürbend. "Oft nagt das am Selbstbewusstsein", sagt Bröker. Hinzu kommt: Die Unternehmen wünschen sich häufig Bewerber mit mindestens drei Jahren Berufserfahrung. Nichts, was ein Hochschulabsolvent in der Regel liefern kann. Das frustriere viele.

Von Maries Bewerbung für die PR-Stelle ist Bröker nicht besonders überzeugt. "Vielleicht ist es nicht das Richtige, mit einem Kompromiss zu beginnen", sagt sie. Zunächst solle Marie sich ruhig als Journalistin bewerben und ihren Marktwert testen. "Dann sehen Sie, wo Sie auf der Skala stehen und ob Sie den Biss und die Erfahrung haben", sagt Bröker.

Allgemein ist die Arbeitslosenquote unter Akademikern sehr gering, sie liegt zwischen zwei und drei Prozent. Auf dem Weg zur ersten regulären Beschäftigung durchforsten die Hochschulabsolventen Internetforen, melden sich auf einschlägigen Karriereseiten an, bauen sich Netzwerke auf. Viele suchen auf eigene Faust oder laufen wie Marie bei der Arbeitsagentur auf, um sich Ratschläge und Tipps zu holen.

Zum Schluss geht Bröker mit Marie ihr Anschreiben und den Lebenslauf durch. Marie sagt, sie sei gerade "in einer angeschlagenen Phase". Sie habe Stellenanzeigen von großen, renommierten Zeitungen gelesen. Die hat sie aber schon längst abgeschrieben. "Sagen Sie nicht: 'Die nehmen mich sowieso nicht'. Überlegen Sie sich lieber Gründe, warum sie Sie nehmen sollten", versucht Bröker sie aufzubauen.

An der Tür klopft es, draußen wartet der nächste Kunde. Marie wird weiter nach ihrem Traumjob suchen - und wiederkommen.

* Name geändert

  • Pauline Schinkels (Jahrgang 1990) studiert in Köln Sozialwissenschaften und absolviert parallel an der Kölner Journalistenschule eine Ausbildung zur Journalistin für Wirtschaft und Politik.

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insgesamt 99 Beiträge
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1. Nichts für ungut ....
ch@rybdis 24.10.2014
... aber mir kräuseln sich sämtliche Haare, wenn ich die Rahmenbedingungen der porträtierten Damen lese: sehr exotische Studiengänge und das Ganze dann in der Rekordzeit von geschätzen 20 Semestern - und danach erst einmal eine "Auszeit". Ich frage mich, warum so hochmotiviertes Personal überhaupt einen Platz an der Uni besetzt hat?? (Bevor der Shitstorm losgeht: ich hatte mein universitäres Studium erfolgreich nach 3,5 Jahren beendet ....)
2. Wenn ich das lese,
andere Hobbys 24.10.2014
frage ich mich nicht, warum das Mädel noch keinen Job hat. Ich studiere irgendetwas (um einen Abschluss zu haben) um dann Journalistin zu werden ??? Und eigentlich auch nicht Journalistin, sondern Romanschreiberin ?? Sie hat mit 18 oder 19 ihr Abitur gemacht und nun 12 Jahre studiert ?? Und dann noch etwas was ihr eigentlich keinen Spass macht ??
3. Gott bewahre...
der_da28 24.10.2014
Als diplomierter Bwler war ich ebenfalls 2 Monate nach dem Studium arbeitslos gemeldet. Meine Erfahrung mit den Mitarbeitern des Jobcenters war eher negativ. Fakt ist, dass oft Küchenpsychologie bemüht wird a la "Sind sie das wirklich auf dem Bewerbungsbild und sehen Sie sich auch so ?". Die heutigen Unternehmen suchen aber nach gezielten skill sets und den Mitarbeitern fehlt einfach - berechtigterweise - auch das Wissen um die Arbeitsmarktanforderungen.
4.
rumpelstilzchen1980 24.10.2014
Standardblubb. Die Arbeitsagentur ist da auch keine Hilfe, sondern untersagt dann noch Praktika, weil man Arbeitssuchende gemeldet ist. Das trifft auch sehr viele, quer durch alle Fachbereiche. Ich hab selbst rund drei Jahre gesucht. Zwischenzeitlich fachfremd 8 Monate Vollzeit in der Gastronomie gearbeitet. Als Dipl Ing mit 1,7. genauso geht es anderen.
5.
oidahund 24.10.2014
Es ist ja schön, wenn Menschen berufliche Träume haben und sich selbstverwirklichen wollen. Aber es hat schon seinen Grund, warum es Arbbeitsmarkt heißt - auch für Berufe gilt das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Das ist auch egal, ob es sich um eine frei Marktwirtschaft handelt oder eine staatsgelenkte Wirtschaftsform, wobei in letzterer wird wahrscheinlich so ausgebildet, dass es dem geplanten Wirtschaftsleben entspricht. Dies ist aber schon eine Einschränkung in der Wahl der Ausbildung, die man anstrebt. Wenn es mehr Ethnologen gibt, als Stellen, dann werden immer einigeBewerber auf der Strecke bleiben - sowie manche Arbbeitgeber auf der Strecke bleiben bei der Suche nach Ingenieuren oder Informatikern. That's life.
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