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Buhlen um Berufsstarter Wettangeln im Teich der Talente

Begehrte Berufsanfänger: Fang das Talent! Fotos
Corbis

Bei schicken Events zeigen sich Unternehmen von ihrer besten Seite und umgarnen junge Akademiker. Punkten wollen sie mit dem Wettbewerbsfaktor, großem Aufwand, stilvollem Ambiente. Bewerber können so den Spieß einmal umdrehen - und unter potentiellen Arbeitgebern aussieben.

Es ist ihr zweiter Tag in Warschau, außer ihrem Hotel haben Franziska Bohne und Gerd Schrörs bisher kaum etwas von Polens Hauptstadt gesehen. So adrett wie die beiden gekleidet sind, könnten sie glatt als Henkel-Manager durchgehen. Die sitzen zu fünft im Konferenzraum und lauschen dem Vortrag der Düsseldorfer Studenten. Sie alle haben sich für das internationale Finale der "Henkel Innovation Challenge" zusammen gefunden - 40 Studenten aus 20 Ländern messen sich mit Geschäftsmodellen zu fiktiven Zukunftsprodukten.

Im nationalen Wettbewerb des Chemiekonzerns konnten sich die Düsseldorfer mit ihrer Idee eines Sprays aus organischen Leuchtdioden (OLEDs) durchsetzen. Mit dem Mittel zum Sprühen von Lichtflächen versuchten sie, Ende April in Warschau auch international zu punkten.

"Warum wachsen bei euch im zweiten Jahr die Kosten so stark?", fragt ein indischer Henkel-Manager nach der Präsentation mit Businessplan. "Weil die Produktion derart ansteigt, jedes Jahr wird es mehr, mehr und mehr", antwortet BWL-Studentin Franziska Bohne, 22. Ihr Wirtschaftschemie-Kommilitone Gerd Schrörs, 23, ergänzt: "Die Verpackungskosten nehmen im zweiten Jahr stark zu, da wir das Produkt später auch an Endverbraucher verkaufen wollen." Zunächst, so die Vermarktungsidee, solle die Neuheit nur Industriekunden wie Autoherstellern angeboten werden. Eine rumänische Jurorin fragt, warum dann früh schon Medienausgaben anstehen. "Das ist für die Events", sagt Franziska Bohne, "wir wollen das Produkt schon im ersten Jahr groß rausbringen."

"Sie mögen den Wettbewerb und die Herausforderung"

Mit Events wollen sich ebenso Unternehmen als Arbeitgeber groß rausbringen. Wie Henkel veranstaltet auch L'Oréal einen Studentenwettbewerb, den "Brandstorm" zum Marketing von Kosmetikprodukten - die besten nationalen Teams lädt der Beautykonzern zum Finale nach Paris ein. Derweil sucht die Unternehmensberatung Ernst&Young den "Young Tax Professional of the Year". Nach dem deutschen Finale im Juni messen sich angehende Steuerberater international in Boston.

Die Beratungskonkurrenz von McKinsey veranstaltet demnächst wieder zusammen mit manager magazin und anderen Unternehmen den Jungmanager-Wettstreit "CEO of the Future". Zunächst aber diskutieren im Juli Studenten beim "Technology Lab" mit Unternehmensmitarbeitern in Prag, wie die Wirtschaft aktuelle Technologietrends für sich nutzen kann.

Unternehmen möchten so die Besten unter den Besten kennen lernen und aussieben. "Ein Wettbewerb bietet uns viel mehr Möglichkeiten als nur ein Dinner mit den Studenten", sagt Franca Cristofoletto, als Employer Branding Manager bei Henkel zuständig für die Arbeitgeber-Kommunikation. "Wir sehen sie an mehreren Tagen in verschiedenen Situationen, können mit ihnen zusammenarbeiten." Die Teilnehmer beschreibt sie so: "Sie sind kreativ und zeigen das auch. Sie sind gute Teamplayer, sie mögen den Wettbewerb, sie mögen die Herausforderung."

Zu diesem Typus gehört Michael Fellner, 21, aus Österreich. Wenn er nicht gerade fürs Wirtschaftsstudium lernt, werkelt er an seiner Karriere. Der Wiener arbeitet unter anderem für die studentische Unternehmensberatung Icons und betreibt mit Freunden My-career.at. Die Idee zum Internetportal für Karriere-Events kam ihm, weil er es "lästig fand, mir immer alles zusammen suchen zu müssen".

Arbeitgeber präsentieren ihre Schokoladenseite

Fellner ist quasi Wettbewerbsprofi. Teilgenommen hat er schon an der "Innovation Challenge", am L'Oréal "Brandstorm", an "Mobile Tycoon" des österreichischen Mobilfunkanbieters tele.ring und an der "YPD Challenge" von Unternehmen wie Audi, Siemens und Air Berlin. So knüpft er Kontakte: "Es ist leichter in ein Unternehmen einzusteigen, wenn man schon jemanden dort kennt."

Bei Events können Studenten sich auch ein Bild von potentiellen Arbeitgebern machen und aussortieren - so drehen sie den Spieß bei Bewerbungen um. Darum zeigen sich Unternehmen von ihrer Schokoladenseite. Henkel etwa ließ die Studenten im 5-Sterne-Hotel nächtigen, der letzte Wettbewerbstag lief im VIP-Bereich eines Fußballstadions, zum Abschluss gab es eine Revue und eine Party in einem Warschauer Club.

Der Düsseldorfer Personalberater Manfred Siebenlist erklärt diesen großen Aufwand mit dem Fachkräftemangel. Zudem seien Headhunter bei jungen Menschen nicht sinnvoll: "Wir suchen Führungskräfte anhand unserer Branchenkenntnis", sagt der Personalberater von Siebenlist, Grey & Partner. "Wir wissen, welche Manager sich einen guten Ruf erarbeitet haben, und sprechen sie direkt an." Bei Studenten ist das schwierig.

Außerdem nehmen viele Personalberater keine Aufträge an, um untere Führungspositionen zu besetzen. "Wenn ein Personalberater tätig wird, muss das für ihn auch wirtschaftlich sinnvoll sein", so Siebenlist. "Als Honorar erhalten wir ein Drittel des Jahresgehalts der Person, die wir für unsere Kunden suchen. Das verteilt sich auf mehrere Mitarbeiter im Hause, die einen Auftrag bearbeiten." Bei einem Einstiegsgehalt von um die 40.000 Euro bei frischen Uni-Absolventen lohne sich das für ihn nicht.

Der Preis: Einmal-um-die-Welt-Ticket

Aber es lohnt für Agenturen wie "Young Targets" aus Berlin, spezialisiert auf Recruiting-Events wie zum Beispiel ein "IT-Krimidinner": Bei einem Drei-Gänge-Menü sollen IT-Experten einen fiktiven Mord mit ihrem Fachwissens lösen. Für Mittelständler, die so viel Aufwand scheuen, gibt es günstigere Lösungen.

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So veranstaltet die Agentur rund um die IT-Hochburg Karlsruhe die "Catch the Job"-Tour: 100 zuvor ausgewählte Jobinteressenten werden an einem Tag mit einem Bus zu mehreren Arbeitgebern gefahren. "Eine neue Form der Jobmesse mit dem Vorteil, dass die Unternehmen zuvor wissen, wer kommt", erklärt Agenturchef Lutz Leichsenring. Außerdem schauen sich die Teilnehmer der Bustour jede Firma an - "so haben auch kleine Unternehmen eine Chance, deren Stand auf einer Jobmesse vielleicht eher links liegen gelassen wird".

Und was bringen solche Events? Immer mehr "Innovation Challenge"-Teilnehmer finden den Weg ins Unternehmen, sagt Henkel-Personalerin Franca Cristofoletto. Die Resultate zeigten sich aber erst mit den Jahren, denn "viele haben erst noch ihren Master gemacht oder zunächst bei anderen Unternehmen gearbeitet, bevor sie zu Henkel gekommen sind".

Den Warschauer Wettbewerb gewannen am Ende weder die Deutschen Franziska Bohne und Gerd Schrörs noch die Österreicher Michael Fellner und Florian Metzler. Das "All around the world"-Flugticket und den 1000-Euro-Reisegutschein schnappten sich Vincy Sun, 21, und Marco Cheung, 19. Geschätzte 300 Arbeitsstunden steckten die jungen Chinesen in ihre Idee eines Mittels, das die ausstrahlende Wärme von Elektrogeräten in Strom umwandelt. So perfekt einstudiert wie ihre Präsentation war auch die Dankesrede - Cheung schloss mit dem Henkel-Slogan: "Excellence is our passion."

  • Marcel Berndt (Jahrgang 1988) hat gerade die Kölner Journalistenschule abgeschlossen und studiert VWL an der Uni Köln. Er schreibt unter anderem für den KarriereSPIEGEL, die "Welt" und die "Wirtschaftswoche".

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